Kin­der­geld – und die Fort­wir­kung einer Arbeit­su­chend-Mel­dung

Nach § 62 Abs. 1, § 63 Abs. 1 Satz 2 i.V.m. § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 1 EStG wird ein Kind, das das 18. Lebens­jahr voll­endet hat, beim Kin­der­geld berück­sich­tigt, wenn es noch nicht das 21. Lebens­jahr voll­endet hat, nicht in einem Beschäf­ti­gungs­ver­hält­nis steht und bei einer Agen­tur für Arbeit im Inland als Arbeit­su­chen­der gemel­det ist.

Kin­der­geld – und die Fort­wir­kung einer Arbeit­su­chend-Mel­dung

Da kei­ne aus­drück­li­che steu­er­recht­li­che Rege­lung besteht, wann der durch eine Mel­dung als Arbeit­su­chen­der begrün­de­te Sta­tus wie­der ent­fällt, sind für das Kin­der­geld­recht inso­weit die Vor­schrif­ten des Sozi­al­rechts, hier ins­be­son­de­re § 38 SGB III, her­an­zu­zie­hen 1.

Nach § 38 Abs. 4 Satz 2 SGB III a.F. wirk­te eine ein­ma­li­ge Mel­dung des Arbeit­su­chen­den nur drei Mona­te fort und muss­te danach erneu­ert wer­den 2.

Mit Wir­kung ab 1.01.2009 wur­de § 38 SGB III durch das Gesetz zur Neu­aus­rich­tung der arbeits­markt­po­li­ti­schen Instru­men­te (Arbeits­markt­NAus­rG) vom 21.12 2008 3 geän­dert. § 38 SGB III n.F. lau­te­te im Streit­zeit­raum aus­zugs­wei­se wie folgt:

  1. Per­so­nen, deren Arbeits- oder Aus­bil­dungs­ver­hält­nis endet, sind ver­pflich­tet, sich spä­tes­tens drei Mona­te vor des­sen Been­di­gung per­sön­lich bei der Agen­tur für Arbeit arbeit­su­chend zu mel­den. Lie­gen zwi­schen der Kennt­nis des Been­di­gungs­zeit­punk­tes und der Been­di­gung des Arbeits- oder Aus­bil­dungs­ver­hält­nis­ses weni­ger als drei Mona­te, hat die Mel­dung inner­halb von drei Tagen nach Kennt­nis des Been­di­gungs­zeit­punk­tes zu erfol­gen. …
  2. Aus­bil­dung- und Arbeit­su­chen­de, die Dienst­leis­tun­gen der Bun­des­agen­tur in Anspruch neh­men, haben die für eine Ver­mitt­lung erfor­der­li­chen Aus­künf­te zu ertei­len, Unter­la­gen vor­zu­le­gen und den Abschluss eines Aus­bil­dungs- oder Arbeits­ver­hält­nis­ses unter Benen­nung des Arbeit­ge­bers und sei­nes Sit­zes unver­züg­lich mit­zu­tei­len.
  3. Die Arbeits­ver­mitt­lung ist durch­zu­füh­ren
    1. solan­ge der Arbeit­su­chen­de Leis­tun­gen zum Ersatz des Arbeits­ent­gelts bei Arbeits­lo­sig­keit bean­sprucht,
    2. solan­ge der Arbeit­su­chen­de in einer Arbeits­be­schaf­fungs­maß­nah­me geför­dert wird oder
    3. bei Mel­de­pflich­ti­gen nach Absatz 1 bis zum ange­ge­be­nen Been­di­gungs­zeit­punkt des Arbeits- oder Aus­bil­dungs­ver­hält­nis­ses. Im Übri­gen kann die Agen­tur für Arbeit die Ver­mitt­lung ein­stel­len, wenn der Arbeit­su­chen­de die ihm nach Absatz 2 oder der Ein­glie­de­rungs­ver­ein­ba­rung oder dem Ver­wal­tungs­akt nach § 37 Abs. 3 Satz 4 oblie­gen­den Pflich­ten nicht erfüllt, ohne dafür einen wich­ti­gen Grund zu haben. …
  4. Die Aus­bil­dungs­ver­mitt­lung ist durch­zu­füh­ren
    1. bis der Aus­bil­dungsu­chen­de in Aus­bil­dung, schu­li­sche Bil­dung oder Arbeit ein­mün­det oder sich die Ver­mitt­lung ander­wei­tig erle­digt oder
    2. solan­ge der Aus­bil­dungsu­chen­de dies ver­langt.

    Absatz 3 Satz 2 gilt ent­spre­chend.

Die­se am 1.01.2009 in Kraft getre­te­ne Vor­schrift (vgl. Art. 8 Abs. 1 Arbeits­markt­NAus­rG, BGBl I 2008, 2917) ist im Streit­fall, der den Streit­zeit­raum von Febru­ar 2009 bis Novem­ber 2010 umfasst, anzu­wen­den, obwohl die ursprüng­li­che Mel­dung der T bei der Arbeits­agen­tur am 30.10.2008 und damit vor dem 31.12 2008 erfolgt ist 4.

Für die Aus­le­gung des § 38 SGB III n.F. gel­ten nach der Recht­spre­chung des III. Bun­des­fi­nanz­hofs des BFH 5, die das Finanz­ge­richt bei sei­ner Ent­schei­dung noch nicht berück­sich­ti­gen konn­te und der sich der Bun­des­fi­nanz­hof anschließt, fol­gen­de Grund­sät­ze:

Der Weg­fall der Wir­kung einer Mel­dung als Arbeit­su­chen­der setzt wei­ter­hin nicht kon­sti­tu­tiv die wirk­sa­me Bekannt­ga­be einer Ein­stel­lungs­ver­fü­gung vor­aus. Fehlt es an einer wirk­sam bekannt­ge­ge­be­nen Ein­stel­lungs­ver­fü­gung, hängt der Fort­be­stand der Mel­dung als Arbeit­su­chen­der davon ab, ob das arbeit­su­chen­de Kind eine Pflicht­ver­let­zung began­gen hat, wel­che die Arbeits­agen­tur nach § 38 Abs. 3 Satz 2 SGB III n.F. zur Ein­stel­lung der Ver­mitt­lung berech­tigt 6.

Nach § 38 SGB III n.F. ist die Pflicht der Arbeits­agen­tur zur Ver­mitt­lung des Arbeit­su­chen­den nicht mehr auf drei Mona­te beschränkt; sie besteht grund­sätz­lich unbe­fris­tet fort. Aller­dings kann die Arbeits­agen­tur gegen­über einem Arbeit­su­chen­den, der ‑wie T- nicht unter § 38 Abs. 3 Satz 1 SGB III n.F. fällt (u.a. Nicht­leis­tungs­be­zie­her), die Ver­mitt­lung gemäß § 38 Abs. 3 Satz 2 SGB III n.F. ein­stel­len, wenn die­ser die ihm nach § 38 Abs. 2 SGB III n.F., der Ein­glie­de­rungs­ver­ein­ba­rung oder dem Ver­wal­tungs­akt nach § 37 Abs. 3 Satz 4 SGB III n.F. oblie­gen­den Pflich­ten nicht erfüllt, ohne dafür einen wich­ti­gen Grund zu haben. Für die­sen Fall sieht § 38 Abs. 3 Satz 3 SGB III n.F. als neue "Sank­ti­on" den Aus­schluss von der Ver­mitt­lung für zwölf Wochen vor (sog. Ver­mitt­lungs­sper­re); in sol­chen Fäl­len ist bei der Prü­fung, ob die Mel­dung als Arbeit­su­chen­der fort­wirkt, maß­geb­lich dar­auf abzu­stel­len, ob das arbeit­su­chen­de Kind eine ‑die Arbeits­agen­tur zur Ein­stel­lung der Ver­mitt­lung berech­ti­gen­de- Pflicht­ver­let­zung i.S. des § 38 Abs. 3 Satz 2 SGB III n.F. began­gen hat 7.

Steht fest, dass die Arbeits­agen­tur die Ver­mitt­lung zu Recht ein­ge­stellt hat, kann infol­ge der Abmel­dung ohne wei­te­res von dem Weg­fall der Mel­dung als Arbeit­su­chen­der aus­ge­gan­gen wer­den. Soll­ten jedoch Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten hier­über bestehen, haben die Fami­li­en­kas­sen und Finanz­ge­rich­te selbst zu prü­fen, ob eine nach § 38 Abs. 3 Satz 2 SGB III n.F. beacht­li­che Pflicht­ver­let­zung vor­liegt. Der Abmel­dung kommt ‑jeden­falls bei Feh­len einer wirk­sam bekannt­ge­ge­be­nen Ein­stel­lungs­ver­fü­gung- kei­ne Tat­be­stands­wir­kung zu. Der Bun­des­fi­nanz­hof ver­weist wegen wei­te­rer Ein­zel­hei­ten auf das BFH, Urteil in BFHE 245, 200, BFH/​NV 2014, 1428, Rz 22 f.

Beruft sich die Fami­li­en­kas­se auf das Vor­lie­gen einer beacht­li­chen Pflicht­ver­let­zung eines arbeit­su­chen­den Kin­des, trägt sie die Fest­stel­lungs­last dafür, dass eine ent­spre­chen­de Pflicht oble­gen hat. Umge­kehrt trägt der Kin­der­geld­be­rech­tig­te die Fest­stel­lungs­last dafür, dass das Kind die ihm oblie­gen­den Pflich­ten erfüllt oder nur auf­grund des Vor­lie­gens eines wich­ti­gen Grun­des ver­letzt hat 8.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 26. August 2014 – XI R 1/​13

  1. vgl. BFH, Urteil vom 19.06.2008 – III R 68/​05, BFHE 222, 349, BSt­Bl II 2009, 1008, unter II. 2.b[]
  2. vgl. BFH, Urtei­le in BFHE 222, 349, BSt­Bl II 2009, 1008, unter II. 2.b; vom 25.09.2008 – III R 91/​07, BFHE 223, 354, BSt­Bl II 2010, 47, unter II. 1.[]
  3. BGBl I 2008, 2917[]
  4. vgl. BFH, Urteil vom 10.04.2014 – III R 37/​12[]
  5. BFH, Urtei­le vom 10.04.2014 – III R 19/​12, BFHE 245, 200, BFH/​NV 2014, 1428; vom 10.04.2014 – III R 37/​12[]
  6. BFH, Urteil in BFHE 245, 200, BFH/​NV 2014, 1428, Rz 14[]
  7. vgl. BFH, Urteil in BFHE 245, 200, BFH/​NV 2014, 1428, Rz 15, 17[]
  8. BFH, Urteil in BFHE 245, 200, BFH/​NV 2014, 1428, Rz 24, m.w.N.[]