Kin­der­geld­an­spruch eines ent­sand­ten EU-Arbeit­neh­mers

Ein von sei­nem Arbeit­ge­ber aus einem ande­ren EU-Mit­glieds­land nach Deutsch­land ent­sand­ter Arbeit­nehm­ner hat für die Zeit­räu­me, in denen er nicht in Deutsch­land gear­bei­tet hat, kei­nen Anspruch auf Kin­der­geld nach § 62 Abs. 1 Nr. 1 EStG, es sei denn, er hat auch in die­sen Zeit­räu­men einen Wohn­sitz oder sei­nen gewöhn­li­chen Auf­ent­halt in Deutsch­land gehabt.

Kin­der­geld­an­spruch eines ent­sand­ten EU-Arbeit­neh­mers

Nach § 62 Abs. 1 EStG hat Anspruch auf Kin­der­geld nach dem EStG, wer

  1. im Inland einen Wohn­sitz oder sei­nen gewöhn­li­chen Auf­ent­halt hat oder
  2. ohne Wohn­sitz oder gewöhn­li­chen Auf­ent­halt im Inland
    1. nach § 1 Abs. 2 unbe­schränkt ein­kom­men­steu­er­pflich­tig ist oder
    2. nach § 1 Abs. 3 als unbe­schränkt ein­kom­men­steu­er­pflich­tig behan­delt wird."

Einen gewöhn­li­chen Auf­ent­halt hat jemand dort, wo er sich unter Umstän­den auf­hält, die erken­nen las­sen, dass er an die­sem Ort oder in die­sem Gebiet nicht nur vor­über­ge­hend ver­weilt (§ 9 Satz 1 AO). Als gewöhn­li­cher Auf­ent­halt ist stets und von Beginn an ein zeit­lich zusam­men­hän­gen­der Auf­ent­halt von mehr als sechs Mona­ten anzu­se­hen; kurz­fris­ti­ge Unter­bre­chun­gen blei­ben unbe­rück­sich­tigt (§ 9 Satz 2 AO). Bei einem ‑hier nicht vor­lie­gen­den- Auf­ent­halt zu pri­va­ten Zwe­cken trifft § 9 Satz 3 AO eine Son­der­re­ge­lung.

Zwar ste­hen nach der Recht­spre­chung des BFH z.B. übli­che Fami­li­en­heim­fahr­ten und urlaubs­be­ding­te Abwe­sen­heits­zei­ten einem zusam­men­hän­gen­den Auf­ent­halt i.S. des § 9 Satz 2 AO nicht ent­ge­gen 1.

Aller­dings stellt eine (fast) drei­mo­na­ti­ge Zeit­span­ne kei­ne "kurz­fris­ti­ge Unter­bre­chung" i.S. des § 9 Satz 2 Halb­satz 2 AO dar, wenn nicht nach den objek­ti­ven Umstän­den des Ein­zel­fal­les ersicht­lich ist, dass die wie­der­hol­ten beschäf­ti­gungs­be­ding­ten Auf­ent­hal­te des Arbeit­neh­mers in Deutsch­land im Zusam­men­hang stan­den. Mit­hin kommt eine Fort­dau­er des Anlas­ses für den Auf­ent­halt im Inland nicht in Betracht.

Der Kin­der­geld­an­spruch rich­tet sich im Übri­gen ‑dem Monats­prin­zip nach § 66 Abs. 2 EStG fol­gend- danach, ob die Vor­aus­set­zun­gen für die Gewäh­rung von Kin­der­geld im jewei­li­gen Monat vor­lie­gen. Beim Wech­sel von der beschränk­ten zur unbe­schränk­ten Steu­er­pflicht und umge­kehrt kann Kin­der­geld daher nur vom Beginn des Monats, in dem ein inlän­di­scher Wohn­sitz oder gewöhn­li­cher Auf­ent­halt begrün­det wird, bis zum Ablauf des Monats, in dem die­ser auf­ge­ge­ben wird, gewährt wer­den 2. Vor Begrün­dung und nach Auf­ga­be des inlän­di­schen Wohn­sit­zes oder gewöhn­li­chen Auf­ent­halts besteht daher nach § 62 Abs. 1 Nr. 1 EStG kein Anspruch auf Kin­der­geld 3.

Der Arbeit­neh­mer ist für die Mona­te, in denen er nicht im Inland beschäf­tigt war, ‑was hier aus­schließ­lich noch in Betracht kommt- eben­so wenig nach § 62 Abs. 1 Nr. 2 Buchst. b EStG kin­der­geld­be­rech­tigt, selbst wenn er für die Ver­an­la­gungs­zeit­räu­me 2004 bis 2006 nach § 1 Abs. 3 EStG auf­grund inlän­di­scher Ein­künf­te i.S. des § 49 EStG als unbe­schränkt ein­kom­men­steu­er­pflich­tig behan­delt wor­den wäre.

Auchist eine Kin­der­geld­be­rech­ti­gung in den Fäl­len des § 62 Abs. 1 Nr. 2 Buchst. b EStG nicht für das gesam­te Kalen­der­jahr gege­ben, auch wenn die Ein­kom­men­steu­er eine Jah­res­steu­er ist (§ 2 Abs. 7 Satz 1 EStG). Der BFH hat bereits in stän­di­ger Recht­spre­chung ent­schie­den, dass ‑wovon auch die Vor­in­stanz aus­ge­gan­gen ist- eine Kin­der­geld­be­rech­ti­gung nach § 62 Abs. 1 Nr. 2 Buchst. b EStG nur in den Mona­ten des betref­fen­den Kalen­der­jahrs besteht, in denen der Anspruchs­be­rech­tig­te inlän­di­sche Ein­künf­te i.S. des § 49 EStG erzielt, und die­se ein­schrän­ken­de Aus­le­gung der Anspruchs­norm auch im Ein­klang mit dem Uni­ons­recht steht 4.

Die sich aus den §§ 62 ff. EStG erge­ben­de Anspruchs­be­rech­ti­gung ent­fällt dage­gen nicht dadurch, dass ‑wie im Fal­le der Ent­sen­dung- eine Per­son gemäß Art. 13 ff. der VO Nr. 1408/​71 nicht den deut­schen Rechts­vor­schrif­ten, son­dern nur den Vor­schrif­ten eines ande­ren Mit­glied­staats der EU unter­liegt. Obwohl Deutsch­land in die­sem Fall im Hin­blick auf die Gewäh­rung der Fami­li­en­leis­tun­gen an sich der unzu­stän­di­ge Staat ist, wird ein sich aus § 62 Abs. 1 Nr. 1 oder Nr. 2 Buchst. b EStG erge­ben­der Kin­der­geld­an­spruch nicht aus­ge­schlos­sen. Denn die Art. 13 ff. der VO Nr. 1408/​71 ent­fal­ten kei­ne Sperr­wir­kung für die Anwen­dung des Rechts des nicht zustän­di­gen Mit­glied­staats, sodass sich die Anspruchs­be­rech­ti­gung auch bei Per­so­nen und bei Leis­tun­gen, die dem per­sön­li­chen und sach­li­chen Anwen­dungs­be­reich der VO Nr. 1408/​71 unter­lie­gen, allein nach den Bestim­mun­gen des deut­schen Rechts rich­tet 5.

Die gegen­tei­li­ge Auf­fas­sung, die auch der Bun­des­fi­nanz­hof in stän­di­ger Recht­spre­chung frü­her ver­tre­ten hat 6, wur­de im Hin­blick auf die Recht­spre­chung des EuGH 7 inzwi­schen auf­ge­ge­ben 8.

Soweit der Arbeit­neh­mer inso­weit nicht schon nach § 62 Abs. 1 Nr. 1 Alter­na­ti­ve 2 EStG anspruchs­be­rech­tigt ist, kommt für den betref­fen­den Zeit­raum, in denen die­ser im Inland beschäf­tigt war, nach § 62 Abs. 1 Nr. 2 Buchst. b EStG ein Anspruch auf Kin­der­geld in Betracht, wenn der Arbeit­neh­mer für die jewei­li­gen Ver­an­la­gungs­zeit­räu­me nach § 1 Abs. 3 EStG als unbe­schränkt ein­kom­men­steu­er­pflich­tig behan­delt wor­den ist und in den betref­fen­den Mona­ten inlän­di­sche Ein­künf­te i.S. des § 49 EStG erzielt hat 9.

Soweit hier­nach der Arbeit­neh­mer für die ver­blei­ben­den Mona­te kin­der­geld­be­rech­tigt wäre, blie­be abschlie­ßend zu prü­fen, ob in die­sen Mona­ten eine Kon­kur­renz­si­tua­ti­on mit (hier: pol­ni­schen) Fami­li­en­leis­tun­gen gege­ben war, und eine sich ggf. erge­ben­de Anspruchs­ku­mu­lie­rung nach den ein­schlä­gi­gen Vor­schrif­ten auf­zu­lö­sen 10.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 14. Mai 2014 – XI R 56/​10

  1. vgl. dazu BFH, Urteil vom 22.06.2011 – I R 26/​10, BFH/​NV 2011, 2001, Rz 14, m.w.N.[]
  2. vgl. BFH, Urtei­le vom 20.11.2008 – III R 53/​05, BFH/​NV 2009, 564; vom 24.10.2012 – V R 43/​11, BFHE 239, 327, BSt­Bl II 2013, 491[]
  3. vgl. BFH, Urteil in BFHE 239, 327, BSt­Bl II 2013, 491; in BFH/​NV 2014, 495[]
  4. vgl. dazu BFH, Urtei­le in BFHE 239, 327, BSt­Bl II 2013, 491; vom 18.04.2013 – VI R 70/​11, BFH/​NV 2013, 1554; vom 18.07.2013 – III R 59/​11, BFHE 242, 228, BFH/​NV 2013, 1992; in BFH/​NV 2014, 495[]
  5. vgl. dazu z.B. BFH, Urtei­le in BFHE 241, 511, BSt­Bl II 2013, 1040, Leit­satz; vom 18.07.2013 – III R 51/​09, BFHE 242, 222, BFH/​NV 2013, 1973, Rz 18; in BFH/​NV 2014, 33, Rz 29; in BFH/​NV 2014, 851, Rz 20, jeweils m.w.N.[]
  6. vgl. z.B. Urtei­le vom 13.08.2002 – VIII R 61/​00, BFHE 200, 205, BSt­Bl II 2002, 869, und – VIII R 97/​01, BFHE 200, 211, BSt­Bl II 2002, 869; vom 24.03.2006 – III R 41/​05, BFHE 212, 551, BSt­Bl II 2008, 369[]
  7. -Hud­zin­ski und Wawr­zy­ni­ak- in DSt­RE 2012, 999, ZESAR 2012, 475[]
  8. vgl. dazu BFH, Urtei­le in BFHE 241, 511, BSt­Bl II 2013, 1040; in BFHE 242, 222, BFH/​NV 2013, 1973; in BFH/​NV 2014, 33, Rz 30[]
  9. vgl. dazu z.B. BFH, Urtei­le vom 24.05.2012 – III R 14/​10, BFHE 237, 239, BSt­Bl II 2012, 897; in BFHE 239, 327, BSt­Bl II 2013, 491, Rz 33; in BFH/​NV 2014, 495[]
  10. vgl. dazu EuGH, Urteil ‑Hud­zin­ski und Wawr­zy­ni­ak – - in DSt­RE 2012, 999, ZESAR 2012, 475, Rz 73 ff.; BFH, Urtei­le in BFHE 242, 222, BFH/​NV 2013, 1973; in BFH/​NV 2014, 33, Rz 38 ff.; in BFH/​NV 2014, 851, Rz 18 f.[]