Urkun­den­fäl­schung, Urkun­den­un­ter­drü­ckung – und die Kon­sum­ti­on

Nach den auf­ge­zeig­ten Maß­stä­ben tritt in der vor­lie­gen­den Fall­ge­stal­tung die Urkun­den­un­ter­drü­ckung in der kon­kre­ten Bege­hungs­wei­se des Beschä­di­gens einer Urkun­de gemäß § 274 Abs. 1 Nr. 1 Vari­an­te 2 StGB hin­ter der Urkun­den­fäl­schung in Form des Ver­fäl­schens einer ech­ten Urkun­de gemäß § 267 Abs. 1 Vari­an­te 2 StGB im Wege der Kon­sum­ti­on zurück.

Urkun­den­fäl­schung, Urkun­den­un­ter­drü­ckung – und die Kon­sum­ti­on

Dabei konn­te es der Bun­des­ge­richts­hof im hier ent­schie­de­nen Fall der Abän­de­rung nega­ti­ver MPU­Gut­ach­ten dahin­ste­hen las­sen, ob die betrof­fe­nen Gut­ach­ten mit Blick auf die in der Recht­spre­chung und von Tei­len des Schrift­tums ver­tre­te­ne Auf­fas­sung zum feh­len­den Beweis­füh­rungs­recht des Staa­tes im Bereich der Ord­nungs­ver­wal­tung auch den Fahr­erlaub­nis­be­hör­den oder aber nur den begut­ach­te­ten Per­so­nen „gehör­ten“ [1] sowie deren gege­be­nen­falls in der Ertei­lung des Auf­trags zur Mani­pu­la­ti­on der Urkun­den ent­hal­te­nen Ein­wil­li­gun­gen sit­ten­wid­rig waren und damit kei­ne recht­fer­ti­gen­de Wir­kung für den Ange­klag­ten sowie die geson­dert ver­folg­ten Mitt­tä­ter ent­fal­ten konn­ten [2]. Denn jeden­falls tritt ent­ge­gen der Auf­fas­sung des Land­ge­richts in der hier zu ent­schei­den­den Fall­ge­stal­tung, in der der Täter sowohl den Tat­be­stand der Urkun­den­fäl­schung in Form des Ver­fäl­schens einer ech­ten Urkun­de gemäß § 267 Abs. 1 Vari­an­te 2 StGB als auch den­je­ni­gen der Urkun­den­un­ter­drü­ckung in der kon­kre­ten Bege­hungs­wei­se des Beschä­di­gens einer Urkun­de gemäß § 274 Abs. 1 Nr. 1 Vari­an­te 2 StGB ver­wirk­licht, die Urkun­den­un­ter­drü­ckung hin­ter der Urkun­den­fäl­schung im Wege der Kon­sum­ti­on zurück [3]. Inso­weit gilt:

Wer­den durch die­sel­be Hand­lung meh­re­re Geset­ze ver­letzt, ist grund­sätz­lich von Tat­ein­heit gemäß § 52 StGB aus­zu­ge­hen [4]. Auf die­se Wei­se wird der Klar­stel­lungs­funk­ti­on Rech­nung getra­gen, indem die ver­letz­ten Nor­men im Schuld­spruch des Urteils zum Aus­druck kom­men [5]. Die Aus­nah­me von die­sem Grund­satz bil­den die Fall­grup­pen der Geset­zes­ein­heit. Die­se ver­bin­det der Gedan­ke, dass ein Ver­hal­ten zwar meh­re­re Straf­vor­schrif­ten erfüllt, jedoch zur Erfas­sung des Unrechts­ge­halts der Tat bereits die Anwen­dung eines Tat­be­stands aus­reicht [6].

Von maß­geb­li­cher Bedeu­tung für die­se Wer­tung sind nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs die Rechts­gü­ter, gegen die sich der Angriff des Täters rich­tet, und die Tat­be­stän­de, die das Gesetz zu ihrem Schutz auf­stellt. Die Ver­let­zung des durch den einen Straf­tat­be­stand geschütz­ten Rechts­guts muss eine wenn auch nicht not­wen­di­ge, so doch regel­mä­ßi­ge Erschei­nungs­form der Ver­wirk­li­chung des ande­ren Tat­be­stands sein [7].

  • In die­sem Sin­ne liegt etwa Geset­zes­ein­heit in Form der (mate­ri­el­len) Sub­si­dia­ri­tät vor, wenn zwi­schen meh­re­ren ver­wirk­lich­ten Tat­be­stän­den, die das­sel­be Rechts­gut schüt­zen, ein „nor­ma­ti­ves Ein­schluss­o­der Stu­fen­ver­hält­nis“ besteht, das das als Auf­fang­tat­be­stand fun­gie­ren­de Gesetz hin­ter dem pri­mär anzu­wen­den zurück­tre­ten lässt [8]. Dabei resul­tiert das Ein­schluss­o­der Stu­fen­ver­hält­nis dar­aus, dass die Tat­be­stän­de ver­schie­de­ne Sta­di­en oder unter­schied­lich inten­si­ve Arten des Angriffs auf die­ses Rechts­gut erfas­sen, wie es etwa bei Gefähr­dungsund Ver­let­zungs­de­lik­ten oder Fahr­läs­sig­keitsund Vor­satz­ta­ten der Fall ist [9].
  • Dem­ge­gen­über setzt Geset­zes­ein­heit in Form der Kon­sum­ti­on ein logisch zwin­gen­des Rang­ver­hält­nis der ver­wirk­lich­ten Tat­be­stän­de nicht vor­aus; kenn­zeich­nend für die Kon­sum­ti­on ist viel­mehr ein kri­mi­no­lo­gi­scher Zusam­men­hang, der in dem „Prin­zip des wer­ten­den Ein­schlus­ses“ des auf­ge­zehr­ten durch das vor­herr­schen­de schwe­re­re Delikt Aus­druck fin­det [10]. Neben dem Ver­hält­nis zwi­schen mit­be­straf­ter Vorund Nach­tat betrifft dies auch die Fall­grup­pe der typi­schen Begleit­tat. Kon­sum­ti­on kommt inso­weit zum Tra­gen, wenn der Unrechtsund Schuld­ge­halt eines Delikts bereits durch die Bestra­fung wegen eines ande­ren Delikts aus­ge­gli­chen wird, sofern sich der Täter im Regel­tat­bild der typi­schen Begleit­tat hält und das Begleit­de­likt kei­nen eigen­stän­di­gen, über die Haupt­tat hin­aus­grei­fen­den Unrechts­ge­halt auf­weist [11]. Dabei wird für die Kon­sum­ti­on im Wege der typi­schen Begleit­tat anders als im Fal­le der mit­be­straf­ten Vorb­zw. Nach­tat und auch im Unter­schied zur Geset­zes­ein­heit wegen Sub­si­dia­ri­tät nicht ver­langt, dass die ver­wirk­lich­ten Delik­te die­sel­ben Rechts­gü­ter schüt­zen [12].

    Nach den auf­ge­zeig­ten Maß­stä­ben tritt in der vor­lie­gen­den Fall­ge­stal­tung die Urkun­den­un­ter­drü­ckung in der kon­kre­ten Bege­hungs­wei­se des Beschä­di­gens einer Urkun­de gemäß § 274 Abs. 1 Nr. 1 Vari­an­te 2 StGB hin­ter der Urkun­den­fäl­schung in Form des Ver­fäl­schens einer ech­ten Urkun­de gemäß § 267 Abs. 1 Vari­an­te 2 StGB im Wege der Kon­sum­ti­on zurück.

    Zwar spricht der Umstand, dass bei­de Delik­te unter­schied­li­che Rechts­gü­ter schüt­zen, aus Klar­stel­lungs­grün­den für die Annah­me von Tat­ein­heit. Wäh­rend § 267 StGB die Sicher­heit und Zuver­läs­sig­keit des Rechts­ver­kehrs mit Urkun­den [13] und mit­hin aus­schließ­lich All­ge­mein­in­ter­es­sen im Blick hat [14], zielt § 274 StGB auf den Schutz des indi­vi­du­el­len Rechts ab, mit einer Urkun­de Beweis zu füh­ren [15]. Dies steht der Annah­me von Geset­zes­ein­heit in Form der Kon­sum­ti­on bei einer typi­schen Begleit­tat jedoch nicht ent­ge­gen. Auch die vom Land­ge­richt ange­führ­te Erwä­gung, dass bei­de Tat­be­stän­de in sub­jek­ti­ver Hin­sicht unter­schied­li­che Absich­ten vor­aus­set­zen, führt zu kei­nem ande­ren Ergeb­nis, da dies für die kon­kur­renz­recht­li­che Bewer­tung kei­ne maß­ge­ben­de Rele­vanz ent­fal­tet. Ent­schei­dend ist viel­mehr, dass in der hie­si­gen Kon­stel­la­ti­on das Beschä­di­gen der Urkun­de eine typi­sche Begleit­form von deren Ver­fäl­schung dar­stellt. Es ist näm­lich kein Fall denk­bar, in dem eine Urkun­de ver­fälscht wird, ohne dass sie dadurch zugleich beschä­digt, d.h. in ihrem Beweis­ge­halt geän­dert wird. Indem min­des­tens ein Teil der Zei­chen der Urkun­de gelöscht oder in ihrem Infor­ma­ti­ons­ge­halt ver­än­dert wer­den, wird not­wen­di­ger­wei­se auch der ursprüng­li­che Beweis­wert beein­träch­tigt [16]. In die­sem Sin­ne hält sich die Beschä­di­gung der Urkun­de auch inner­halb des regel­mä­ßi­gen Ver­laufs der Ver­fäl­schung und weist gegen­über letz­te­rer in die­ser spe­zi­el­len Kon­stel­la­ti­on kei­nen eigen­stän­di­gen, über das Ver­fäl­schen hin­aus­ge­hen­den Unrechts­ge­halt auf.

    Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 21. August 2019 – 3 StR 7/​19

  1. vgl. hier­zu BGH, Urteil vom 29.01.1980 1 StR 683/​79, BGHSt 29, 192, 194 f.; OLG Düs­sel­dorf, Beschluss vom 14.07.1989 5 Ss 251/​89 102/​89 I, JR 1991, 250, 251; LK/​Zieschang, StGB, 12. Aufl., § 274 Rn. 7 ff. mwN[]
  2. vgl. hier­zu BGH, Urteil vom 09.07.1954 1 StR 677/​53, BGHSt 6, 251, 254; Schönke/​Schröder/​Heine/​Schuster, StGB, 30. Aufl., § 274 Rn. 11; aA LK/​Rönnau, StGB, 12. Aufl., Vor §§ 32 ff. Rn. 189[]
  3. so auch Lackner/​Kühl, StGB, 29. Aufl., § 274 Rn. 8; Schönke/​Schröder/​SternbergLieben/​Bosch, StGB, 30. Aufl., Vor §§ 52 ff. Rn. 125; aA [Sub­si­dia­ri­tät] Schönke/​Schröder/​Heine/​Schuster, StGB, 30. Aufl., § 267 Rn. 71 und § 274 Rn. 22; SSWStGB/​Wittig, 4. Aufl., § 274 Rn. 24; wohl auch Münch­Komm-StGB/Erb, 3. Aufl., § 267 Rn. 221; aA [Tat­be­stands­lö­sung] Kien­ap­fel, Jura 1983, 185, 195 f.; Gep­pert, Jura 1988, 158, 159 ff.; Lin­de­mann, NStZ 1998, 23, 24 f.; jeden­falls von Geset­zes­ein­heit aus­ge­hend LK/​Zieschang, StGB, 12. Aufl., § 267 Rn. 294 und § 274 Rn. 66; Münch­Komm-StGB/Erb, 3. Aufl., § 267 Rn. 221 und § 274 Rn. 74; SKStGB/​Hoyer, 9. Aufl., § 274 Rn. 27; von HeintschelHeinegg/​Weidemann, StGB, 3. Aufl., § 274 Rn. 16; Matt/​Renzikowski/​Maier, StGB, § 274 Rn. 33; RG, Urtei­le vom 25.10.1889 Rep. 2556/​89, RGSt 20, 6, 9; vom 01.02.1901 Rep. 4695/​00, RGSt 34, 114, 118; vom 18.06.1931 – II 302/​31, RGSt 65, 316, 318[]
  4. BGH, Beschluss vom 27.11.2018 2 StR 481/​17, NJW 2019, 1086 Rn. 18[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 20.10.1992 GSSt 1/​92, BGHSt 39, 100, 109; Urteil vom 30.03.1995 4 StR 768/​94, BGHSt 41, 113, 116[]
  6. vgl. LK/​Rissingvan Saan, 12. Aufl., Vor § 52 Rn. 89[]
  7. vgl. BGH, Beschluss vom 20.10.1992 GSSt 1/​92, BGHSt 39, 100, 108; Urteil vom 16.04.2014 2 StR 608/​13, BGHR StGB § 225 Kon­kur­ren­zen 9 Rn. 17[]
  8. vgl. LK/​Rissingvan Saan, StGB, 12. Aufl., Vor § 52 Rn. 125; SSWStGB/​Eschelbach, 4. Aufl., § 52 Rn. 16; RG, Urteil vom 27.03.1906 Rep. 145/​06, RGSt 38, 383, 385[]
  9. vgl. LK/​Rissingvan Saan, StGB, 12. Aufl., Vor § 52 Rn. 129[]
  10. vgl. LK/​Rissingvan Saan, StGB, 12. Aufl., Vor § 52 Rn. 144; SSWStGB/​Eschelbach, 4. Aufl., § 52 Rn. 21[]
  11. vgl. BGH, Urtei­le vom 07.08.2001 1 StR 470/​00, NStZ 2001, 642, 643 f.; vom 09.12 1976 4 StR 582/​76, NJW 1977, 590; für den uner­laub­ten Erwerb von Betäu­bungs­mit­teln als regel­mä­ßi­ge Begleit­tat zu deren uner­laub­tem Besitz vgl. OLG Düs­sel­dorf, Beschluss vom 13.06.1997 2 Ss 180/​97 54/​97 II, OLGSt BtMG § 29a Nr. 2; Schönke/​Schröder/​SternbergLieben/​Bosch, StGB, 30. Aufl., Vor §§ 52 ff. Rn. 126[]
  12. vgl. LK/​Rissingvan Saan, StGB, 12. Aufl., Vor § 52 Rn. 145[]
  13. vgl. BGH, Urteil vom 11.12 1951 1 StR 567/​51, BGHSt 2, 50, 52; LK/​Zieschang, StGB, 12. Aufl., § 267 Rn. 1[]
  14. vgl. SSWStGB/​Wittig, 4. Aufl., § 267 Rn. 2; LK/​Zieschang, StGB, 12. Aufl., § 267 Rn. 2[]
  15. vgl. BGH, Urteil vom 29.01.1980 1 StR 683/​79, BGHSt 29, 192, 194; SSW­Wit­tig, StGB, 4. Aufl., § 274 Rn. 1[]
  16. vgl. NKStGB/​Pup­pe/​Schumann, 5. Aufl., § 274 Rn. 18[]