Nach­ge­scho­be­ner Vor­trag bei einem Wie­der­ein­set­zungs­an­trag

Vor­trag zur Be­grün­dung eines Wie­der­ein­set­zungs­an­trags darf auch noch nach Ab­lauf der Frist des § 60 Abs. 2 Satz 1 VwGO ein­ge­reicht wer­den, wenn er le­dig­lich das bis­he­ri­ge frist­ge­rech­te Vor­brin­gen er­gänzt, des­sen er­kenn­ba­re Lü­cken­haf­tig­keit dem Ge­richt gemäß § 86 Abs. 3 VwGO An­lass zur Nach­fra­ge hät­te geben müs­sen.

Nach­ge­scho­be­ner Vor­trag bei einem Wie­der­ein­set­zungs­an­trag

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts, die im Ein­klang mit der des Bun­des­ge­richts­hofs zu § 236 Abs. 2 Satz 1 ZPO steht, dür­fen nach Ablauf der Frist des § 60 Abs. 2 Satz 1 VwGO nur noch sol­che Tat­sa­chen zur Begrün­dung des Wie­der­ein­set­zungs­ge­suchs vor­ge­tra­gen wer­den, mit denen der bis­he­ri­ge Vor­trag ledig­lich ergänzt oder sub­stan­ti­iert wird; das Vor­brin­gen neu­en, die Wie­der­ein­set­zung erst­mals recht­fer­ti­gen­den Sach­ver­halts ist nicht zuläs­sig 1. Maß­geb­lich für die Abgren­zung zwi­schen bloß ergän­zen­dem Vor­trag und unzu­läs­si­gem Nach­schie­ben neu­er Wie­der­ein­set­zungs­grün­de ist nach der über­zeu­gen­den Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs, die sich das Bun­des­ve­wr­wal­tungs­ge­richt zu eigen macht, ob „ledig­lich erkenn­bar unkla­re oder ergän­zungs­be­dürf­ti­ge Anga­ben, deren Auf­klä­rung nach § 139 ZPO (auf den Ver­wal­tungs­pro­zess über­tra­gen: § 86 Abs. 3 VwGO) gebo­ten gewe­sen wäre, nach Frist­ab­lauf erläu­tert oder ver­voll­stän­digt wer­den“ 2. Es kommt also dar­auf an, ob ein erkenn­bar lücken­haf­ter Vor­trag gege­ben ist, der zu einer ord­nungs­ge­mä­ßen Ent­schei­dung über den Wie­der­ein­set­zungs­an­trag ein Nach­fra­gen not­wen­dig macht, oder eine in sich geschlos­se­ne, an sich nicht ergän­zungs­be­dürf­ti­ge Sach­dar­stel­lung 3.

Aus­ge­hend davon war im vor­lie­gend vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt ent­schie­de­nen Fall das Vor­brin­gen der Klä­ge­rin ergän­zungs­be­dürf­tig, mit ande­ren Wor­ten: Über den Wie­der­ein­set­zungs­an­trag hät­te nicht ohne wei­te­re Auf­for­de­rung zur Sub­stan­ti­ie­rung des Vor­brin­gens ent­schie­den wer­den dür­fen. Die Klä­ge­rin hat inner­halb der Frist des § 60 Abs. 2 Satz 1 VwGO als Wie­der­ein­set­zungs­grund im Ein­zel­nen dar­ge­legt, dass die Büro­an­ge­stell­te ihrer Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten trotz zutref­fen­der Frist­be­rech­nung, Fris­ten­kon­trol­le und Über­wa­chung die Frist aus nicht nach­voll­zieh­ba­ren Grün­den feh­ler­haft in den Fris­ten­ka­len­der und das Akten­vor­blatt ein­ge­tra­gen habe. Aus­ge­hend von der oben erwähn­ten Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs, wonach zur Ver­mei­dung von Feh­ler­quel­len ein enger zeit­li­cher Zusam­men­hang zwi­schen der Anwei­sung des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten zur Ein­tra­gung der Fris­ten und der Ein­tra­gung selbst gefor­dert wird, hät­te das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt – jeden­falls nach­dem die Beklag­te ein ent­spre­chen­des Vor­brin­gen bei der Klä­ge­rin ver­misst hat­te – bei die­ser nach­fra­gen müs­sen, wie der wei­te­re Büro­lauf nach Ertei­lung der Anwei­sung zur Ein­tra­gung der Fris­ten in zeit­li­cher Hin­sicht orga­ni­siert ist. Zumin­dest hät­te das nicht ohne Wei­te­res den Wie­der­ein­set­zungs­an­trag mit der Begrün­dung zurück­wei­sen dür­fen, es sei nicht sicher­ge­stellt gewe­sen, dass die Büro­an­ge­stell­te die Frist sofort nach Anwei­sung ein­tra­gen wür­de, weil die Klä­ge­rin dazu nicht vor­ge­tra­gen hat­te. Viel­mehr han­del­te es sich um einen typi­schen Sub­stan­ti­ie­rungs­man­gel, der noch außer­halb der Frist beho­ben wer­den kann.

Dies gilt auch für den nach­ge­scho­be­nen Hin­weis, dass es sich bei der Büro­an­ge­stell­ten um eine aus­ge­bil­de­te Rechts­an­walts- und Notar­fach­an­ge­stell­te han­de­le. Zur lang­jäh­ri­gen Erfah­rung und Zuver­läs­sig­keit der Ange­stell­ten war bereits zuvor frist­ge­recht vor­ge­tra­gen wor­den. Wenn das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt Zwei­fel an einer ent­spre­chen­den Berufs­aus­bil­dung der Ange­stell­ten gehabt hät­te, hät­te er danach fra­gen müs­sen; denn sol­che Anga­ben zur Zuver­läs­sig­keit von Büro­an­ge­stell­ten sind als blo­ße Ergän­zung zuläs­sig 4.

Was schließ­lich die nach­träg­li­che und von der Beklag­ten offen­bar über­se­he­ne Anga­be der Klä­ge­rin betrifft, Revi­si­ons­sa­chen gehör­ten in der Kanz­lei ihrer Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten zu den zahl­rei­che­ren Sachen, so muss­te sich die Not­wen­dig­keit die­ses Vor­tra­ges schon des­we­gen nicht auf­drän­gen, weil die Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te davon aus­ge­hen konn­te, dass dem Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, vor dem sie in den letz­ten Jah­ren häu­fi­ger in Ver­mö­gens­zu­ord­nungs­sa­chen auf­ge­tre­ten ist, dies bekannt ist. Abge­se­hen davon han­delt es sich auch hier­bei um ergän­zen­des Vor­brin­gen, das vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hät­te erfragt wer­den müs­sen.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 22. März 2012 – 3 C 21.11

  1. vgl. BVerwG, Beschluss vom 27.07.1982 – 7 B 84.81, Buch­holz a.a.O. Nr. 126; Beschluss vom 30.07.1997 – 10 C 1.96 – n.v.; Urteil vom 13.09.2001 – 3 C 31.00 – inso­weit nicht abge­druckt in BVerw­GE 115, 97[]
  2. BGH, Beschluss vom 19.04.2011 – XI ZB 4/​10NJW-RR 2011, 1284; Beschluss vom 04.03.2004 – IX ZB 71/​03, Fam­RZ 2004, 1552[]
  3. BGH, Beschluss vom 27.02.1997 – I ZB 50/​96, NJW 1997, 1708[]
  4. vgl. Roth, in: Stein­Jo­nas, ZPO, 22. Aufl., § 236 Rn. 8[]