Schwei­ne­mast mit Bio­gas­an­la­ge

Die Rege­lun­gen in § 1 Abs. 2 Nr. 1 und Nr. 2 der 4. BIm­SchV haben, wie aus dem Umkehr­schluss von § 1 Abs. 4 der 4. BIm­SchV folgt, nur für sol­che Anla­gen­tei­le oder Neben­ein­rich­tun­gen Bedeu­tung, die nicht schon von sich aus nach dem Bun­des-Immis­si­ons­schutz­ge­setz geneh­mi­gungs­be­dürf­tig sind. Für die übri­gen Anla­gen ent­hält § 1 Abs. 4 der 4. BIm­SchV einen klar­stel­len­den Hin­weis.

Schwei­ne­mast mit Bio­gas­an­la­ge

Eine Bio­gas­an­la­ge nach Nr. 8.6 b) Spal­te 2 des Anhangs zur 4. BIm­SchV und eine Tier­hal­tungs­an­la­ge nach Nr. 7.1 g) Spal­te 1 des Anhangs zur 4. BIm­SchV sind kei­ne gemein­sa­me Anla­ge im Sin­ne von § 1 Abs. 3 der 4. BIm­SchV. Die Fra­ge, ob eine dem Pri­vi­le­gie­rungs­tat­be­stand nach § 35 Abs. 1 Nr. 6 Bau­GB unter­fal­len­de Bio­gas­an­la­ge Teil oder Neben­ein­rich­tung einer immis­si­ons­schutz­recht­lich geneh­mi­gungs­be­dürf­ti­gen Tier­hal­tungs­an­la­ge ist, ist – auch wenn dies in der Regel der Fall sein wird – grund­sätz­lich anhand der jewei­li­gen Ein­zel­fall­um­stän­de zu beur­tei­len.

Für die anhand der Ein­zel­fall­um­stän­de vor­zu­neh­men­de Beur­tei­lung, ob eine Bio­gas­an­la­ge den Cha­rak­ter einer Neben­ein­rich­tung hat, kommt es u.a. dar­auf an, ob und inwie­weit die Bio­gas­an­la­ge dem Betrei­ber zur Ver­wer­tung sei­ner tie­ri­schen Neben­pro­duk­te dient, ob und inwie­weit der Betrei­ber die durch die Pro­duk­ti­on des Bio­ga­ses erzeug­te Ener­gie in sei­nem Betrieb nutzt, wel­che Grö­ße die jewei­li­gen Ein­rich­tun­gen haben, wel­ches Ver­hält­nis der Eigen­an­teil an der Gesamt­ein­satz­men­ge oder der eigen genutz­ten Ener­gie hat oder wie die Gär­rück­stän­de ver­wer­tet wer­den.

Bio­gas­an­la­ge und Schwei­ne­mast stel­len kei­ne gemein­sa­me Anla­ge im Sin­ne von § 1 Abs. 3 der 4. BIm­SchV dar. Nach § 1 Abs. 3 der 4. BIm­SchV lie­gen die im Anhang bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen auch vor, wenn meh­re­re Anla­gen der­sel­ben Art in einem engen räum­li­chen und betrieb­li­chen Zusam­men­hang ste­hen (gemein­sa­me Anla­ge) und zusam­men die maß­ge­ben­den Leis­tungs­gren­zen oder Anla­gen­grö­ßen errei­chen oder über­schrit­ten wer­den. Ein enger betrieb­li­cher Zusam­men­hang ist gege­ben, wenn die Anla­gen auf dem­sel­ben Betriebs­ge­län­de lie­gen, mit gemein­sa­men Betriebs­ein­rich­tun­gen ver­bun­den sind und einem ver­gleich­ba­ren tech­ni­schen Zweck die­nen. Bestim­mend dafür, ob Anla­gen der­sel­ben Art zuge­hö­ren, sind tech­no­lo­gi­sche Gesichts­punk­te unter beson­de­rer Berück­sich­ti­gung der Emis­si­ons­art. Anla­gen, die ver­schie­de­nen Num­mern des Anhangs zur 4. BIm­SchV zuge­ord­net wer­den, sind in der Regel kei­ne Anla­gen der­sel­ben Art 1. So lie­gen die Din­ge auch hier. Nach den nicht ange­grif­fe­nen Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts ist die Bio­gas­an­la­ge der Nr. 8.6 b) Spal­te 2 des Anhangs zur 4. BIm­SchV zuzu­ord­nen. Die (erwei­ter­te) Schwei­ne­mast unter­fällt dage­gen der Nr. 7.1 g) Spal­te 1 des Anhangs zur 4. BIm­SchV.

Wie sich aus § 1 Abs. 4 der 4. BIm­SchV ergibt, ist für geneh­mi­gungs­be­dürf­ti­ge Anla­gen, die ent­we­der als Neben­ein­rich­tung oder als Tei­le in einem Unter­ord­nungs­ver­hält­nis zu einer geneh­mi­gungs­pflich­ti­gen Haupt­an­la­ge ste­hen, nur eine – Haupt- und Neben­an­la­ge umfas­sen­de – Geneh­mi­gung erfor­der­lich. Die Form des Geneh­mi­gungs­ver­fah­rens wird durch § 2 Abs. 1 der 4. BIm­SchV bestimmt. Die Vor­schrift stellt klar, dass Anla­gen in Spal­te 2 des Anhangs nicht dem ver­ein­fach­ten Ver­fah­ren unter­lie­gen, wenn sie Tei­le der in Spal­te 1 des Anhangs genann­ten Anla­gen sind 2. Ist auch nur eine der Anla­gen in Spal­te 1 des Anhangs auf­ge­führt, wird das Geneh­mi­gungs­ver­fah­ren ins­ge­samt mit Öffent­lich­keits­be­tei­li­gung durch­ge­führt 3. D.h., ein förm­li­ches Ver­fah­ren für eine Gesamt­an­la­ge ist auch dann durch­zu­füh­ren, wenn die Neben­ein­rich­tung dem förm­li­chen Ver­fah­ren und die Haupt­ein­rich­tung dem ver­ein­fach­ten Ver­fah­ren unter­liegt 4.

Zum Kern­be­stand einer geneh­mi­gungs­be­dürf­ti­gen Gesamt­an­la­ge gehö­ren alle Teil­an­la­gen, die bei den zur Errei­chung des jewei­li­gen Betriebs­zwecks (Her­stel­lung, Gewin­nung, Ver­ar­bei­tung, Bear­bei­tung) not­wen­di­gen Ver­fah­rens­schrit­ten ein­ge­setzt oder benutzt wer­den. Der Kern­be­stand setzt sich aus dem Anla­gen­kern und den sons­ti­gen wesent­li­chen Bestand­tei­len zusam­men. Zum Anla­gen­kern gehö­ren die Haupt­ein­rich­tun­gen, in denen der durch den Betriebs­zweck gekenn­zeich­ne­te eigent­li­che Betriebs­vor­gang statt­fin­det (z.B. Reak­ti­ons­be­häl­ter, Rohr­lei­tun­gen, Antriebs­mo­to­ren, Bren­ner, Geblä­se). Zu den sons­ti­gen wesent­li­chen Bestand­tei­len gehö­ren die übri­gen Betriebs­ein­hei­ten, die zur Errei­chung des Betriebs­zwecks erfor­der­lich sind, ins­be­son­de­re Hilfs­ein­rich­tun­gen wie Mess‑, Steu­er- und Regel­ein­rich­tun­gen sowie Sicher­heits­vor­keh­run­gen wie Sicher­heits­ven­ti­le und Abschalt­vor­keh­run­gen 5.

Dem­ge­gen­über haben Neben­ein­rich­tun­gen kei­ne Ver­fah­rens­schrit­te zum Gegen­stand, die zur Errei­chung des Betriebs­zwecks unmit­tel­bar erfor­der­lich sind, sie sind aber auf die­sen Zweck hin aus­ge­rich­tet. Im Ver­hält­nis zum Kern­be­stand haben sie eine "die­nen­de" Funk­ti­on. Auf die Not­wen­dig­keit der Neben­ein­rich­tung für das Funk­tio­nie­ren der Haupt­an­la­ge kommt es nicht an. Maß­ge­bend ist die tat­säch­li­che Ein­be­zie­hung in den auf die Haupt­an­la­ge bezo­ge­nen und von die­ser bestimm­ten Funk­ti­ons­zu­sam­men­hang. Ob eine (Teil-)Anlage als Neben­ein­rich­tung zu qua­li­fi­zie­ren ist, hängt von den Umstän­den des Ein­zel­falls ab. Maß­geb­lich ist, ob die Anla­ge im Ein­zel­fall für den Betrieb der Kern­an­la­ge bedeut­sam ist 6.

Auch die Fra­ge, ob eine dem Pri­vi­le­gie­rungs­tat­be­stand nach § 35 Abs. 1 Nr. 6 Bau­GB unter­fal­len­de Bio­gas­an­la­ge Teil oder Neben­ein­rich­tung einer Tier­hal­tungs­an­la­ge ist, ist grund­sätz­lich anhand der jewei­li­gen Ein­zel­fall­um­stän­de zu beur­tei­len. Etwas ande­res folgt nicht ohne Wei­te­res aus dem von § 35 Abs. 1 Nr. 6 Bau­GB gefor­der­ten räum­lich-funk­tio­na­len Zusam­men­hang zwi­schen land­wirt­schaft­li­chem Betrieb und Bio­gas­an­la­ge. Die­ser räum­lich-funk­tio­na­le Zusam­men­hang bedingt zwar nach der Recht­spre­chung des Senats nicht nur die Nähe des Vor­ha­bens zur Hof­stel­le, son­dern bezieht sich auch auf die Mög­lich­keit der Ver­wen­dung in der Anla­ge anfal­len­der Rest­stof­fe als Dün­ger auf den Betriebs­flä­chen und ins­be­son­de­re die gemein­sa­me Nut­zung bestehen­der bau­li­cher Anla­gen im Betrieb der Hof­stel­le und der Bio­gas­an­la­ge 7. Das Tat­be­stands­merk­mal "im Rah­men eines Betrie­bes" in § 35 Abs. 1 Nr. 6 Halbs. 1 Bau­GB ver­langt aber nur, dass die Bio­gas­an­la­ge im Anschluss an eine bereits bestehen­de pri­vi­le­gier­te Anla­ge im Außen­be­reich errich­tet und betrie­ben wer­den darf. Ihm kann dage­gen nicht ent­nom­men wer­den, dass die Bio­gas­an­la­ge gegen­über dem klas­si­schen land­wirt­schaft­li­chen Basis­be­trieb, an den ange­knüpft wird, von unter­ge­ord­ne­ter Bedeu­tung sein muss. Das in § 35 Abs. 1 Nr. 1 Bau­GB ent­hal­te­ne Merk­mal des "Die­nens" kann auf § 35 Abs. 1 Nr. 6 Bau­GB eben­so wenig über­tra­gen wer­den wie die (räum­li­che) Beschrän­kung der Anla­ge auf die Maße einer noch zuläs­si­gen "mit­ge­zo­ge­nen" Nut­zung 8. Umge­kehrt lässt sich aus dem Pri­vi­le­gie­rungs­tat­be­stand des § 35 Abs. 1 Nr. 6 Bau­GB erst recht nicht her­lei­ten, dass die Tier­hal­tungs­an­la­ge Teil oder Neben­ein­rich­tung der Bio­gas­an­la­ge ist.

Es ver­steht sich von selbst, dass es für die anhand der Ein­zel­fall­um­stän­de vor­zu­neh­men­de Beur­tei­lung, ob eine Bio­gas­an­la­ge den Cha­rak­ter einer Neben­ein­rich­tung hat, u.a. dar­auf ankommt, ob und inwie­weit die Bio­gas­an­la­ge dem Betrei­ber zur Ver­wer­tung sei­ner tie­ri­schen Neben­pro­duk­te dient, ob und inwie­weit der Betrei­ber die durch die Pro­duk­ti­on des Bio­ga­ses erzeug­te Ener­gie in sei­nem Betrieb nutzt, wel­che Grö­ße die jewei­li­gen Ein­rich­tun­gen haben, wel­ches Ver­hält­nis der Eigen­an­teil an der Gesamt­ein­satz­men­ge oder der eigen genutz­ten Ener­gie hat oder wie die Gär­rück­stän­de ver­wer­tet wer­den. Allein ein betriebs­tech­ni­scher Zusam­men­hang reicht nicht aus 9.

Davon aus­ge­hend mag Eini­ges dafür spre­chen, dass eine nach § 35 Abs. 1 Nr. 6 Bau­GB pri­vi­le­gier­te Bio­gas­an­la­ge bei Anle­gung der vor­ge­nann­ten immis­si­ons­schutz­recht­li­chen Maß­stä­be in der Regel als Neben­ein­rich­tung des land­wirt­schaft­li­chen Betrie­bes, dem sie räum­lich-funk­tio­nal zuge­ord­net ist, qua­li­fi­ziert wer­den kann. Dies ändert aber nichts dar­an, dass die Fra­ge, ob die Bio­gas­an­la­ge dem land­wirt­schaft­li­chen Betrieb dient, zuver­läs­sig nur unter Wür­di­gung der jewei­li­gen Ein­zel­fall­um­stän­de beur­teilt wer­den kann.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschlüs­se vom 21. Dezem­ber 2010 – 7 B 4.10; und vom 29. Dezem­ber 2010 – 7 B 6.10

  1. vgl. Lud­wig, in: Feld­haus, Bun­des­im­mis­si­ons­schutz­recht, Bd. 2, Stand März 2010, § 1 4. BIm­SchV Rn. 16; Jarass, BIm­SchG, 8. Aufl. 2010, § 4 Rn. 20; Böhm, in: Koch/​Pache/​Scheuing, GK-BIm­SchG, Stand Okto­ber 2010, § 4 Rn. 62[]
  2. BR-Drs. 226/​85, S. 42, 43[]
  3. vgl. Lud­wig, .a.a.O. § 1 4. BIm­SchV Rn. 37; Bd. 1, Stand August 2010, § 4 BIm­SchG Rn. 26[]
  4. Lud­wig, a.a.O. § 2 4. BIm­SchV Rn. 11[]
  5. Feld­haus, a.a.O. § 4 Rn. 22, 23; BVerwG, Urteil vom 06.07.1984 – 7 C 71.82, BVerw­GE 69, 351 = Buch­holz 406.25 § 15 BIm­SchG Nr. 2[]
  6. Lud­wig, in: Feld­haus, a.a.O. § 1 4. BIm­SchV Rn. 34; BVerwG, Urteil vom 06.07.1984 a.a.O.[]
  7. BVerwG, Urteil vom 11.12.2008 – 7 C 6.08, BVerw­GE 132, 372 ff. = Buch­holz 406.11 § 35 Bau­GB Nr. 378[]
  8. BVerwG, Urteil vom 11.12.2008, a.a.O. Rn. 18, 19[]
  9. vgl. Peine/​Knopp/​Radcke, Das Recht der Errich­tung von Bio­gas­an­la­gen, 2009, S. 52, 53[]