Anwalt­li­che Sorg­falts­pflich­ten bei der Post­aus­gangs­kon­trol­le

Wel­che Anfor­de­run­gen sind an die anwalt­li­che Sorg­falts­pflicht hin­sicht­lich der Post­aus­gangs­kon­trol­le bei frist­ge­bun­de­nen Schrift­sät­zen zu stel­len? Die­se Fra­ge hat­te der Bun­des­ge­richts­hof in einer aktu­el­len Ent­schei­dung erneut zu beant­wor­ten:

Anwalt­li­che Sorg­falts­pflich­ten bei der Post­aus­gangs­kon­trol­le

Eine Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand setzt vor­aus, dass die Par­tei ohne ihr Ver­schul­den ver­hin­dert war, die ver­säum­te Frist ein­zu­hal­ten (§ 233 ZPO). Dabei steht gemäß § 85 Abs. 2 ZPO das Ver­schul­den des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten dem Ver­schul­den der Par­tei gleich. Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs gehört es zu den Auf­ga­ben des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten, dafür zu sor­gen, dass ein frist­ge­bun­de­ner Schrift­satz recht­zei­tig her­ge­stellt wird und inner­halb der Frist bei dem zustän­di­gen Gericht ein­geht. Zu die­sem Zweck muss der Rechts­an­walt eine zuver­läs­si­ge Fris­ten­kon­trol­le orga­ni­sie­ren und ins­be­son­de­re einen Fris­ten­ka­len­der füh­ren. Die Fris­ten­kon­trol­le muss jedoch nur gewähr­leis­ten, dass der fris­t­wah­ren­de Schrift­satz recht­zei­tig her­ge­stellt und post­fer­tig gemacht wird. Ist dies gesche­hen und ist die wei­te­re Beför­de­rung der aus­ge­hen­den Post orga­ni­sa­to­risch zuver­läs­sig vor­be­rei­tet, so darf die fris­t­wah­ren­de Maß­nah­me im Kalen­der als erle­digt gekenn­zeich­net wer­den. Das ist im All­ge­mei­nen anzu­neh­men, wenn der fris­t­wah­ren­de Schrift­satz in ein Post­aus­gangs­fach des Rechts­an­walts ein­ge­legt wird und die abge­hen­de Post von dort unmit­tel­bar zum Brief­kas­ten oder zur maß­geb­li­chen gericht­li­chen Ein­lauf­stel­le gebracht wird, das Post­aus­gangs­fach also „letz­te Sta­ti­on” auf dem Weg zum Adres­sa­ten ist. Eine zusätz­li­che Über­wa­chung der abge­hen­den Post, etwa durch Füh­rung eines Post­aus­gangs­buchs, ist unter die­sen Umstän­den nicht erfor­der­lich [1].

Die Erle­di­gung frist­ge­bun­de­ner Sachen ist nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs am Abend eines jeden Arbeits­ta­ges anhand des Fris­ten­ka­len­ders zu über­prü­fen [2]. Eine blo­ße Prü­fung, ob der in der Anwalts­kanz­lei für die Gerichts­post bestimm­te Aus­gangs­korb leer ist, reicht für eine wirk­sa­me Aus­gangs­kon­trol­le nicht aus [3]. Einen Nach­weis dafür, dass das Schrift­stück tat­säch­lich in den Post­lauf gelangt ist, hat der Bun­des­ge­richts­hof eben­so wenig gefor­dert wie eine – meist nicht mög­li­che – Dar­le­gung, wann und wie genau ein Schrift­stück ver­lo­ren gegan­gen ist; viel­mehr genügt die Glaub­haft­ma­chung, dass der Ver­lust mit gro­ßer Wahr­schein­lich­keit nicht im Bereich, für den die Par­tei – auch über § 85 Abs. 2 ZPO – ver­ant­wort­lich ist, ein­ge­tre­ten ist [4].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 16. Febru­ar 2010 – VIII ZB 76/​09

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 25.06.1980 – VIII ZB 20/​08, VersR 1980, 973; BGH, Urteil vom 11.01.2001 – III ZR 148/​00, NJW 2001, 1577; BGH, Beschlüs­se vom 22.05.2003 – I ZB 32/​02, NJW-RR 2003, 1004; und vom 05.02.2003 – IV ZB 34/​02, NJW-RR 2003, 862[]
  2. BGH, Beschlüs­se vom 22.05.2003, aaO; vom 23.05.2006 – VI ZB 77/​05, NJW 2006, 2638; und vom 22.04.2009 – XII ZB 167/​08, NJW-RR 2009, 937[]
  3. BGH, Urteil vom 22.09.1992 – VI ZB 11/​92, VersR 1993, 207[]
  4. BGHZ 23, 291, 292 f.; BGH, Beschluss vom 05.02.2003, aaO[]