Anwalts­ver­schul­den wegen der nicht aus­ge­bil­de­ten Jus­tiz­an­ge­stell­ten?

Wie­der ein­mal ein Fall aus der Rubrik "Haf­tet der Rechts­an­walt für Feh­ler der Jus­tiz?":

Anwalts­ver­schul­den wegen der nicht aus­ge­bil­de­ten Jus­tiz­an­ge­stell­ten?

Das der Kla­ge im Wesent­li­chen statt­ge­ben­de Urteil des Land­ge­richts wird dem Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Beklag­ten zuge­stellt wor­den. Eine Woche spä­ter wird ihm das Urteil mit fol­gen­dem Anschrei­ben des Urkund­s­be­am­ten der Geschäfts­stel­le erneut zuge­stellt: "In der Anla­ge erhal­ten Sie noch­mals das Urteil vom 05.01.2012, da feh­ler­haf­te Aus­fer­ti­gun­gen in den Post­ver­sand gege­ben wur­den. Auf der Rück­sei­te wur­de ein ver­fah­rens­frem­des Urteil abge­lich­tet. Sie wer­den gebe­ten, die bereits über­sand­ten Urtei­le zu ver­nich­ten und das Ein­gangs­da­tum der über­ar­bei­te­ten Fas­sung auf dem Emp­fangs­be­kennt­nis zu notie­ren."

Der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te der Beklag­ten berech­net aus­ge­hend von der zwei­ten Zustel­lung die Beru­fungs­frist neu, legt die Beru­fung ent­spre­chend der so notier­ten Frist ein und begrün­det sie inner­halb der vom Vor­sit­zen­den des Beru­fungs­ge­richts ver­län­ger­ten Frist.

Sodann erkennt das Beru­fungs­ge­richt, das Ober­lan­des­ge­richt Mün­chen dass die ers­te Zustel­lung doch wirk­sam und die Beru­fung damit ver­spä­tet ein­ge­legt war. Es weist sodann den Antrag auf Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand zurück, da der pro­zess­be­voll­mäch­tig­te Rechts­an­walt die Ver­säu­mung der Beru­fungs­frist selbst ver­schul­det habe, und die ver­wirft die Beru­fung als unzu­läs­sig [1]. Sei­ne Begrün­dung: in Bay­ern wür­den Jus­tiz­an­ge­stell­te nicht aus­ge­bil­det son­dern nur ange­lernt. Auf sol­che Aus­künf­te könn­te daher nicht ver­traut wer­den.

Das ging dem Bun­des­ge­richts­hof dann doch zu weit. Er hob den Ver­wer­fungs­be­schluss des Ober­lan­des­ge­richts Mün­chen auf und gewähr­te Wie­der­ein­set­zung gegen die Ver­säu­mung der Beru­fungs­frist:

Aller­dings ist das Beru­fungs­ge­richt, so der Bun­des­ge­richts­hof, rechts­feh­ler­frei und von der Rechts­be­schwer­de unan­ge­grif­fen davon aus­ge­gan­gen, dass die ers­te Zustel­lung des land­ge­richt­li­chen Urteils am 19.01.2012 wirk­sam war. Das Ver­ständ­nis des Tat­be­stan­des und der Ent­schei­dungs­grün­de die­ses Urteils ist durch den zusätz­li­chen Abdruck einer wei­te­ren Ent­schei­dung nicht erschwert oder gar ver­ei­telt wor­den [2].

Rechts­feh­ler­haft ist hin­ge­gen die Begrün­dung, mit der das Beru­fungs­ge­richt Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand gegen die Ver­säu­mung der Beru­fungs­frist ver­sagt hat. Den Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Beklag­ten trifft kein der Beklag­ten zure­chen­ba­res Ver­schul­den (§ 85 Abs. 2 ZPO) an der Ver­säu­mung der Beru­fungs­frist.

Mit sei­ner gegen­tei­li­gen Ansicht über­spannt das Beru­fungs­ge­richt die Anfor­de­run­gen an die Sorg­falts­pflich­ten des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten der Beklag­ten. Des­sen irri­ge Annah­me, erst die zwei­te Zustel­lung habe die Beru­fungs­frist in Lauf gesetzt, weil die ers­te Zustel­lung unwirk­sam gewe­sen sei, ist durch die vom Gericht ver­an­lass­te erneu­te Zustel­lung des Urteils aus­ge­löst wor­den. Ein sol­cher Irr­tum gereicht ihm nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs nicht zum Ver­schul­den. Die erneu­te Zustel­lung des Urteils muss­te den Ein­druck erwe­cken, das Gericht habe die ers­te Zustel­lung als unwirk­sam ange­se­hen, da nur in die­sem Fal­le Ver­an­las­sung bestand, das Urteil noch­mals zuzu­stel­len. Wenn das Gericht eine zwei­te Zustel­lung als not­wen­dig ansah, durf­te der Anwalt dar­auf ver­trau­en, dass es sich dabei um eine sinn­vol­le Maß­nah­me han­del­te, und davon aus­ge­hen, dass erst die­se Zustel­lung die Beru­fungs­frist in Lauf gesetzt hat [3].

Dies gilt umso mehr, als der Urkund­s­be­am­te der Geschäfts­stel­le bei der zwei­ten Zustel­lung in einem Begleit­schrei­ben aus­drück­lich die zunächst zuge­stell­te Aus­fer­ti­gung als feh­ler­haft bezeich­net und gebe­ten hat, sie zu ver­nich­ten und das Ein­gangs­da­tum der über­ar­bei­te­ten Fas­sung auf dem Emp­fangs­be­kennt­nis zu notie­ren. Die­se Erklä­rung konn­te der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te der Beklag­ten, ohne fahr­läs­sig zu han­deln, so ver­ste­hen, dass das Datum der zwei­ten Zustel­lung für den Frist­be­ginn maß­geb­lich sein soll­te. Hier­auf durf­te er mit Rück­sicht auf die Zustän­dig­keit des Urkund­s­be­am­ten der Geschäfts­stel­le im Bereich der Zustel­lung ver­trau­en [4]. Der Urkund­s­be­am­te der Geschäfts­stel­le führt gemäß § 168 Abs. 1 Satz 1 ZPO die Zustel­lun­gen aus. Er hat sie nach eige­ner Prü­fung zu ver­an­las­sen, ihre Durch­füh­rung zu über­wa­chen und gege­be­nen­falls für die Wie­der­ho­lung einer man­gel­haf­ten Zustel­lung zu sor­gen [5]. Aus dem Beschluss des Bun­des­ge­richts­hofs vom 20.10.2005 [6] ergibt sich nichts ande­res. In dem zugrun­de lie­gen­den Fall konn­te aus der zwei­ten Zustel­lung nicht abge­lei­tet wer­den, dass der Urkund­s­be­am­te der Geschäfts­stel­le die ers­te als unwirk­sam ange­se­hen hat­te; er hat­te eine ent­spre­chen­de Erklä­rung nicht abge­ge­ben.

Die Aus­füh­run­gen des Beru­fungs­ge­richts geben kei­ne Ver­an­las­sung, die­se Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­ho­fes zu ändern. Das Beru­fungs­ge­richt meint, auf die Erklä­rung eines baye­ri­schen Jus­tiz­an­ge­stell­ten, der eine ange­lern­te Arbeits­kraft sei und für den eine eige­ne Aus­bil­dung nicht vor­ge­se­hen sei, kön­ne nicht in glei­cher Wei­se wie auf die Erklä­rung eines Rich­ters ver­traut wer­den. Auf die Aus­bil­dung eines Urkund­s­be­am­ten der Geschäfts­stel­le kommt es aber nicht ent­schei­dend an. Maß­geb­lich ist viel­mehr, dass er das für die Aus­füh­rung der Zustel­lung zustän­di­ge, unab­hän­gi­ge Organ der Rechts­pfle­ge ist [7]. Auf­grund sei­ner Zustän­dig­keit für die Zustel­lung durf­te der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te der Beklag­ten auf sei­ne Erklä­rung ver­trau­en. Des­halb war der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te der Beklag­ten auch nicht gehal­ten, die Wirk­sam­keit der Zustel­lung selb­stän­dig zu prü­fen.

Der ange­foch­te­ne Beschluss ist somit auf­zu­he­ben (§ 577 Abs. 4 Satz 1 ZPO). Der Beklag­ten ist Wie­der­ein­set­zung in den vori­gen Stand gegen die Ver­säu­mung der Frist zur Ein­le­gung der Beru­fung zu gewäh­ren (§ 577 Abs. 5 Satz 1 ZPO), da auch die wei­te­ren Vor­aus­set­zun­gen der Wie­der­ein­set­zung vor­lie­gen. Ent­ge­gen der Auf­fas­sung der Beschwer­de­er­wi­de­rung muss­te die Beklag­te nicht dar­le­gen, wann das Hin­der­nis, d.h. der Irr­tum hin­sicht­lich der Zustel­lung, weg­ge­fal­len ist. Die Dar­le­gung, wann das der Fris­t­wah­rung ent­ge­gen­ste­hen­de Hin­der­nis beho­ben wor­den ist, ist ent­behr­lich, wenn die Wah­rung der Frist des § 234 ZPO akten­kun­dig ist [8]. Dies ist hier der Fall. Das Hin­der­nis ist durch das am 25.05.2012 zuge­stell­te Hin­weis­schrei­ben des Vor­sit­zen­den des Beru­fungs­ge­richts weg­ge­fal­len. Danach ist die Wie­der­ein­set­zungs­frist durch den am 8.06.2012 bei Gericht ein­ge­gan­ge­nen Antrag gewahrt wor­den.

  1. OLG Mün­chen, Beschluss vom 27.07.2012 – 19 U 696/​12[]
  2. vgl. hier­zu: BGH, Beschlüs­se vom 13.04.2000 – V ZB 48/​99, NJW-RR 2000, 1665, 1666; und vom 04.05.2005 – I ZB 38/​04, NJW-RR 2005, 1658[]
  3. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 26.10.1994 – IV ZB 12/​94, VersR 1995, 680, 681; und vom 04.05.2005 – I ZB 38/​04, NJW-RR 2005, 1658 f.[]
  4. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 26.10.1994 – IV ZB 12/​94, VersR 1995, 680, 681 und vom 04.05.2005 – I ZB 38/​04, NJW-RR 2005, 1658, 1659[]
  5. BGH, Beschluss vom 26.10.1994 – IV ZB 12/​94, VersR 1995, 680, 681 zu § 209 ZPO aF; Zöller/​Stöber, ZPO, 29. Aufl., § 168 Rn. 3 f. zu § 168 ZPO nF[]
  6. BGH, Beschluss vom 20.10.2005 – IX ZB 147/​01, NJW-RR 2006, 563 f.[]
  7. OLG Frank­furt, OLGR 2002, 167, 168; Zöller/​Stöber, ZPO, 29. Aufl., § 168 Rn. 1[]
  8. BGH, Beschluss vom 05.12.1979 – VIII ZB 42/​79, VersR 1980, 264[]