Die Bäu­me des Nach­barn – und die Ver­schat­tung des Grund­stücks

Ein Grund­stücks­ei­gen­tü­mer kann von sei­nem Nach­barn nicht die Besei­ti­gung von Bäu­men wegen einer von die­sen ver­ur­sach­ten Ver­schat­tung ver­lan­gen.

Die Bäu­me des Nach­barn – und die Ver­schat­tung des Grund­stücks

In einem jetzt vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall sind die Klä­ger seit 1990 Bewoh­ner und seit 1994 Eigen­tü­mer eines in Nord­rhein-West­fa­len bele­ge­nen Grund­stücks, das mit einem nach Süden aus­ge­rich­te­ten Rei­hen­haus­bun­ga­low bebaut ist. Ihr 10 x 10 m gro­ßer Gar­ten grenzt an eine öffent­li­che Grün­an­la­ge der beklag­ten Stadt. Dort ste­hen in einem Abstand von 9 m bzw. 10,30 m von der Gren­ze zwei ca. 25 m hohe, gesun­de Eschen. Die Klä­ger ver­lan­gen die Besei­ti­gung die­ser Bäu­me mit der Begrün­dung, ihr Gar­ten wer­de voll­stän­dig ver­schat­tet. Er eig­ne sich infol­ge­des­sen weder zur Erho­lung noch zur Hege und Pfle­ge der von ihnen ange­leg­ten anspruchs­vol­len Bon­sai-Kul­tu­ren. Das Wachs­tum der Bäu­me sei für sie bei Erwerb des Hau­ses nicht vor­her­seh­bar gewe­sen. Der­ar­tig hoch wach­sen­de Laub­bäu­me sei­en mit einer kon­zep­tio­nell nach Süden aus­ge­rich­te­ten Bun­ga­low-Sied­lung unver­ein­bar.

Das erst­in­stanz­lich hier­mit befass­te Land­ge­richt Bie­le­feld hat die Kla­ge abge­wie­sen 1, das Ober­lan­des­ge­richt Hamm die hier­ge­gen gerich­te­te­Be­ru­fung der Klä­ger zurück­ge­wie­sen 2. Der Bun­des­ge­richts­hof hat dies nun bestä­tigt:

Ein Besei­ti­gungs­an­spruch gemäß § 1004 Abs. 1 BGB setzt vor­aus, dass das Eigen­tum der Klä­ger beein­träch­tigt wird. Dar­an fehlt es. Eine Benut­zung des Grund­stücks in des­sen räum­li­chen Gren­zen – hier durch die auf dem Grund­stück der Beklag­ten wach­sen­den Bäu­me – ist im Zwei­fel von dem Eigen­tums­recht des Nach­barn gedeckt. Zwar kön­nen nach dem in § 906 Abs. 2 Satz 1 BGB ent­hal­te­nen Maß­stab bestimm­te Ein­wir­kun­gen auf das benach­bar­te Grund­stück durch den Nach­barn abge­wehrt wer­den. Dazu zählt aber nach stän­di­ger höchst­rich­ter­li­cher Recht­spre­chung, die bereits das Reichs­ge­richt begrün­det hat, der Ent­zug von Luft und Licht als soge­nann­te "nega­ti­ve" Ein­wir­kung nicht. Dies hat der Senat im Hin­blick auf Anpflan­zun­gen erneut bestä­tigt.

Aller­dings wird das Eigen­tum des angren­zen­den Nach­barn durch den Schat­ten­wurf von Pflan­zen und Bäu­men im Sin­ne von § 1004 BGB beein­träch­tigt, wenn die in den Lan­des­nach­bar­ge­set­zen ent­hal­te­nen Abstands­vor­schrif­ten nicht ein­ge­hal­ten wer­den. Dies ist hier nicht der Fall, weil der nach dem maß­geb­li­chen nord­rhein-west­fä­li­schen Lan­des­recht für stark wach­sen­de Bäu­me vor­ge­schrie­be­ne Abstand von 4 m (§ 41 Abs. 1 Nr. 1a Nach­bG NRW) gewahrt ist. Ein aus dem nach­bar­li­chen Gemein­schafts­ver­hält­nis her­ge­lei­te­ter Besei­ti­gungs­an­spruch kommt mit Rück­sicht auf die nach­bar­recht­li­chen Son­der­re­ge­lun­gen nur in Aus­nah­me­fäl­len in Betracht. Er setzt vor­aus, dass die Klä­ger wegen der Höhe der Bäu­me unge­wöhn­lich schwe­ren und nicht mehr hin­zu­neh­men­den Nach­tei­len aus­ge­setzt wer­den. Dar­an fehlt es, selbst wenn inso­weit – was der Senat offen­ge­las­sen hat – nicht auf die Ver­schat­tung des gesam­ten Grund­stücks, son­dern nur auf die der Gar­ten­flä­che abzu­stel­len wäre. Denn das Ober­lan­des­ge­richt ist nach­voll­zieh­bar zu dem Ergeb­nis gekom­men, dass die Bepflan­zung den Klä­gern noch zuzu­mu­ten sei, weil es an einer ganz­jäh­ri­gen voll­stän­di­gen Ver­schat­tung der Gar­ten­flä­che feh­le. Zudem ist bei der erfor­der­li­chen Abwä­gung auch zu berück­sich­ti­gen, dass der vor­ge­schrie­be­ne Abstand um mehr als das Dop­pel­te über­schrit­ten wird. Umso mehr tritt in den Vor­der­grund, dass öffent­li­che Grün­an­la­gen zum Zwe­cke der Luft­ver­bes­se­rung, zur Schaf­fung von Nah­erho­lungs­räu­men und als Rück­zugs­ort für Tie­re gera­de auch gro­ße Bäu­me ent­hal­ten sol­len, für deren Anpflan­zung auf vie­len pri­va­ten Grund­stü­cken kein Raum ist. Die damit ein­her­ge­hen­de Ver­schat­tung ist Aus­druck der Situa­ti­ons­ge­bun­den­heit des klä­ge­ri­schen Grund­stücks, das am Ran­de einer öffent­li­chen Grün­an­la­ge bele­gen ist.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 10. Juli 2015 – V ZR 229/​14

  1. LG Bie­le­feld, Urteil vom 26.11.2013 – 1 O 307/​12[]
  2. OLG Hamm, Urteil vom 01.09.2014 – I-5 U 229/​13[]