Recht­li­ches Gehör – Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten und Par­tei­vor­trag

Das Gebot des recht­li­chen Gehörs ver­pflich­tet das Gericht, die Aus­füh­run­gen der Pro­zess­be­tei­lig­ten zur Kennt­nis zu neh­men und in Erwä­gung zu zie­hen. Art. 103 Abs. 1 GG ist aller­dings erst ver­letzt, wenn sich im Ein­zel­fall klar ergibt, dass das Gericht die­ser Pflicht nicht nach­ge­kom­men ist.

Recht­li­ches Gehör – Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten und Par­tei­vor­trag

Denn grund­sätz­lich ist davon aus­zu­ge­hen, dass die Gerich­te das von ihnen ent­ge­gen­ge­nom­me­ne Par­tei­vor­brin­gen zur Kennt­nis genom­men und in Erwä­gung gezo­gen haben. Sie sind dabei nicht ver­pflich­tet, sich mit jedem Vor­brin­gen in den Ent­schei­dungs­grün­den aus­drück­lich zu befas­sen. Des­halb müs­sen im Ein­zel­fall beson­de­re Umstän­de deut­lich machen, dass tat­säch­li­ches Vor­brin­gen eines Betei­lig­ten ent­we­der über­haupt nicht zur Kennt­nis genom­men oder doch bei der Ent­schei­dung nicht erwo­gen wor­den ist 1.

Geht das Gericht auf den wesent­li­chen Kern des Tat­sa­chen­vor­trags einer Par­tei zu einer Fra­ge, die für das Ver­fah­ren von zen­tra­ler Bedeu­tung ist, in den Ent­schei­dungs­grün­den nicht ein, so lässt dies auf die Nicht­be­rück­sich­ti­gung des Vor­trags schlie­ßen, sofern er nicht nach dem Rechts­stand­punkt des Gerichts uner­heb­lich oder aber offen­sicht­lich unsub­stan­ti­iert war 2.

Eine Par­tei macht sich bei einer Beweis­auf­nah­me zuta­ge tre­ten­de ihr güns­ti­ge Umstän­de regel­mä­ßig zumin­dest hilfs­wei­se zu Eigen 3. Es ver­letzt daher das recht­li­che Gehör der Par­tei, wenn das Gericht zu einem gegen­tei­li­gen Ergeb­nis gelangt, ohne sich mit den sei­ner Sicht­wei­se wider­spre­chen­den Aus­füh­run­gen des Sach­ver­stän­di­gen aus­ein­an­der­zu­set­zen.

Die Gehörs­ver­let­zun­gen sind ent­schei­dungs­er­heb­lich, wenn nicht aus­ge­schlos­sen wer­den kann, dass das Gericht bei Berück­sich­ti­gung des über­gan­ge­nen Sach­vor­trags (hier: der Aus­füh­run­gen des Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens) zu einer ande­ren Beur­tei­lung gelangt wäre 4.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 24. März 2015 – VI ZR 179/​13

  1. BVerfGE 65, 293, 295 f. mwN; BVerfGE 70, 288, 293; BVerfGE 86, 133, 146; vgl. auch BGH, Beschluss vom 27.03.2003 – V ZR 291/​02, BGHZ 154, 288, 300 f. mwN[]
  2. st. Rspr.; vgl. nur BGH, Beschlüs­se vom 27.06.2007 – X ZB 6/​05, BGHZ 173, 47 Rn. 31, und – X ZB 15/​05, BGHZ 173, 40 Rn. 8; eben­so bereits BVerfGE 86, 133, 146 mwN[]
  3. st. Rspr.; vgl. zuletzt BGH, Beschluss vom 14.01.2014 – VI ZR 340/​13, VersR 2014, 632 Rn. 11 mwN[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 17.12 2013 – VI ZR 230/​12, VersR 2014, 586 Rn. 7 mwN[]