Ver­kehrs­un­fall, Haf­tung für Ver­rich­tungs­ge­hil­fen – und die Abwä­gung der Ver­ur­sa­chungs­bei­trä­ge

Bei Ansprü­chen aus § 831 Abs. 1 BGB ist § 4 Halb­satz 2 HPflG nicht ent­spre­chend anwend­bar. Im Rah­men der Betriebs­ge­fahr, die sich der Hal­ter eines Kraft­fahr­zeugs ent­ge­gen­hal­ten las­sen muss, wenn er Ersatz sei­nes Unfall­scha­dens nach § 823 Abs. 1 BGB ver­langt, ist als ein die all­ge­mei­ne Betriebs­ge­fahr erhö­hen­der Umstand auch das für den Unfall mit­ur­säch­li­che haf­tungs­re­le­van­te Ver­hal­ten des Fah­rers zu berück­sich­ti­gen.

Ver­kehrs­un­fall, Haf­tung für Ver­rich­tungs­ge­hil­fen – und die Abwä­gung der Ver­ur­sa­chungs­bei­trä­ge

§ 4 HPflG gilt auf Grund sei­ner sys­te­ma­ti­schen Stel­lung im Haft­pflicht­ge­setz aus­schließ­lich für die in die­sem Spe­zi­al­ge­setz gere­gel­ten Haft­pflicht­tat­be­stän­de 1. Die dem § 4 Halb­satz 2 HPflG ent­spre­chen­de Rege­lung in § 9 StVG ist nach gefes­tig­ter Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs auf Ansprü­che aus § 823 BGB nicht ent­spre­chend anzu­wen­den, weil dies die vom Gesetz­ge­ber gewoll­ten Unter­schie­de bei­der Haf­tungs­sys­te­me ver­wi­schen wür­de 2. Für § 4 Halb­satz 2 HPflG und für wei­te­re inhalts­glei­che Vor­schrif­ten in ande­ren Son­der­ge­set­zen, wie §§ 34 LuftVG, 27 AtomG, 118 BBergG, 11 Umwelt­HG, § 6 Abs. 1 Prod­HaftG, § 32 Abs. 3 Satz 1 GenTG, kann nichts ande­res gel­ten 3.

Auch eine ana­lo­ge Anwen­dung der genann­ten Vor­schrif­ten kommt im Rah­men von Ansprü­chen aus § 831 Abs. 1 BGB nicht in Betracht. Zwar kann allein die Erwä­gung, in den Ein­schrän­kun­gen der Haf­tung nach den Bestim­mun­gen des Stra­ßen­ver­kehrs­ge­set­zes, u.a. nach § 9 StVG, lie­ge ein gewoll­ter Aus­gleich dafür, dass die Haf­tung des Kraft­fahr­zeug­füh­rers anders als nach § 823 BGB schon bei ver­mu­te­tem Ver­schul­den ein­tre­te 4, die Ableh­nung einer Ana­lo­gie in Bezug auf Ansprü­che aus § 831 Abs. 1 BGB nicht tra­gen, weil auch eine Haf­tung nach die­ser Vor­schrift schon bei einem nur ver­mu­te­ten Ver­schul­den des Geschäfts­herrn ein­greift. Eine ana­lo­ge Anwen­dung der in den oben auf­ge­führ­ten Son­der­ge­set­zen gere­gel­ten Haf­tungs­ein­schrän­kung im Rah­men der all­ge­mei­nen delik­ti­schen Ansprü­che aus den §§ 823 ff. BGB ist jedoch auch dann abzu­leh­nen, wenn die­se Ansprü­che schon bei einem ver­mu­te­ten Ver­schul­den ein­grei­fen 5.

Eine Ana­lo­gie setzt vor­aus, dass das Gesetz eine Rege­lungs­lü­cke ent­hält und der zu beur­tei­len­de Sach­ver­halt in recht­li­cher Hin­sicht so weit mit dem Tat­be­stand ver­gleich­bar ist, den der Gesetz­ge­ber gere­gelt hat, dass ange­nom­men wer­den kann, der Gesetz­ge­ber wäre bei einer Inter­es­sen­ab­wä­gung, bei der er sich von den glei­chen Grund­sät­zen hät­te lei­ten las­sen wie bei dem Erlass der her­an­ge­zo­ge­nen Geset­zes­vor­schrift, zu dem glei­chen Abwä­gungs­er­geb­nis gekom­men. Die Unvoll­stän­dig­keit des Geset­zes muss "plan­wid­rig" sein 6. Eine sol­che "plan­wid­ri­ge" Rege­lungs­lü­cke liegt bezüg­lich der Haf­tung aus § 831 Abs. 1 Satz 1 BGB nicht vor.

Der Rechts­satz, dass bei einer Sach­be­schä­di­gung ein Ver­schul­den des Inha­bers der tat­säch­li­chen Gewalt über die Sache einem Mit­ver­schul­den des geschä­dig­ten Eigen­tü­mers gleich­steht, geht zurück auf lan­des­recht­li­che Vor­schrif­ten über die Haft­pflicht der Eisen­bah­nen aus dem 19. Jahr­hun­dert 7. Der Rechts­satz wur­de im Zuge einer reichs­ein­heit­li­chen Rege­lung in § 3 des Geset­zes über die Haft­pflicht der Eisen­bah­nen und Stra­ßen­bah­nen für Sach­scha­den vom 29.04.1940 über­nom­men 8 und sodann durch Art. 1 Nr. 3 des Geset­zes zur Ände­rung scha­dens­recht­li­cher Vor­schrif­ten vom 16.08.1977 9 ohne inhalt­li­che Ände­run­gen in das Haft­pflicht­ge­setz über­führt. Nach dem Vor­bild der Eisen­bahn­haf­tung wur­de der Rechts­satz in § 9 des Geset­zes über den Ver­kehr mit Kraft­fahr­zeu­gen vom 03.05.1909 10, dem heu­ti­gen Stra­ßen­ver­kehrs­ge­setz, auf­ge­nom­men. Dabei hat der Gesetz­ge­ber aus­weis­lich der Amt­li­chen Begrün­dung des Gesetz­ent­wurfs bewusst eine auf den Bereich die­ses Geset­zes beschränk­te Son­der­re­ge­lung geschaf­fen, weil gegen­über der ver­schärf­ten Haft­pflicht des Auto­mo­bil­hal­ters das Ver­schul­den des Inha­bers der Sache bil­li­ger Wei­se nicht unbe­rück­sich­tigt blei­ben kön­ne 11.

Die Rege­lun­gen betref­fend die Haf­tung für Eisen­bah­nen bezie­hungs­wei­se Kraft­fahr­zeu­ge sowie die ent­spre­chen­de Rege­lung in § 20 des Luft­ver­kehrs­ge­set­zes vom 01.08.1922 12, dem heu­ti­gen § 34 LuftVG, hat der Gesetz­ge­ber bei der Schaf­fung wei­te­rer spe­zi­al­ge­setz­li­cher Haft­pflicht­tat­be­stän­de inhalts­gleich in § 27 des Atom­ge­set­zes vom 23.12.1959 13, § 118 des Bun­des­berg­ge­set­zes vom 13.08.1980 14, § 6 Abs. 1 des Pro­dukt­haf­tungs­ge­set­zes vom 15.12.1989 15, § 32 Abs. 3 Satz 1 des Gen­tech­nik­ge­set­zes vom 20.06.1990 16 und § 11 des Umwelt­haf­tungs­ge­set­zes vom 10.12.1990 17 über­nom­men. Auch aus den Begrün­dun­gen zu den die­sen Bestim­mun­gen zugrun­de lie­gen­den Gesetz­ent­wür­fen erge­ben sich kei­ne Anhalts­punk­te dafür, dass der Gesetz­ge­ber einen Rege­lungs­plan ver­folgt hät­te, der über den Bereich der jeweils spe­zi­al­ge­setz­lich gere­gel­ten Haft­pflicht­tat­be­stän­de hin­aus­ge­gan­gen wäre 18.

Dies ist auch nach­voll­zieh­bar, weil es sich – abge­se­hen von der Fah­rer­haf­tung nach § 18 StVG – bei allen in Rede ste­hen­den Haf­tungs­nor­men (§ 1 Abs. 1 HPflG, § 7 Abs. 1 StVG, § 33 Abs. 1 Satz 1 LuftVG, § 25 Abs. 1, § 26 Abs. 1 Satz 1 AtomG, § 114 Abs. 1 BBergG, § 1 Abs. 1 Prod­HaftG, § 32 Abs. 1 GenTG, § 1 Umwelt­HG) anders als bei § 823 BGB und § 831 BGB um Tat­be­stän­de der Gefähr­dungs­haf­tung han­delt, die unab­hän­gig von einem rechts­wid­ri­gen und schuld­haf­ten Han­deln des Haft­pflich­ti­gen ein­grei­fen. Im Übri­gen hat der Gesetz­ge­ber etwai­ge Bil­lig­keits­er­wä­gun­gen, die für eine Über­tra­gung der in den Spe­zi­al­ge­set­zen bestehen­den Rege­lun­gen auf den Bereich der Ver­schul­dens­haf­tung spre­chen könn­ten, im Rah­men der Ände­run­gen des Scha­dens­rechts durch das 2. Gesetz zur Ände­rung scha­dens­er­satz­recht­li­cher Vor­schrif­ten vom 19.07.2002 nicht zum Anlass genom­men, an die­ser Rechts­la­ge etwas zu ändern 19.

Soweit § 9 StVG auf Grund der Ver­wei­sung in § 18 Abs. 1 Satz 1 StVG auch im Rah­men der Fah­rer­haf­tung anwend­bar ist, die nur bei nach­weis­lich feh­len­dem Ver­schul­den aus­ge­schlos­sen ist (§ 18 Abs. 1 Satz 2 StVG), han­delt es sich um einen spe­zi­el­len Ein­zel­fall. Die Ver­wei­sung ist Aus­fluss der Grund­ent­schei­dung des Gesetz­ge­bers, die Haf­tung des Fah­rers in das spe­zi­al­ge­setz­lich gere­gel­te Haf­tungs­sys­tem des Stra­ßen­ver­kehrs­ge­set­zes ein­zu­be­zie­hen und sie – abge­se­hen von der Exkul­pa­ti­ons­mög­lich­keit – durch den umfas­sen­den Ver­weis auf die §§ 8 bis 17 StVG der Hal­ter­haf­tung gleich­zu­stel­len 20. Dar­aus las­sen sich hin­sicht­lich der Anwend­bar­keit die­ser Bestim­mun­gen kei­ne Schlüs­se zie­hen, die über den Kon­text die­ses umfas­send gere­gel­ten spe­zi­el­len Haf­tungs­sys­tems hin­aus­ge­hen.

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs kann sich die Betriebs­ge­fahr eines Kraft­fahr­zeugs in erwei­tern­der Aus­le­gung des § 254 BGB anspruchs­min­dernd aus­wir­ken, wenn sich der Geschä­dig­te die Betriebs­ge­fahr sei­nes Kraft­fahr­zeugs dem Schä­di­ger gegen­über zurech­nen las­sen muss 21. Das ist der Fall, wenn der Geschä­dig­te – wie im Streit­fall der Klä­ger – zugleich als Hal­ter des beschä­dig­ten Kraft­fahr­zeugs dem Schä­di­ger gegen­über aus § 7 Abs. 1 StVG haf­tet. In einem sol­chen Fall ist im Rah­men der Betriebs­ge­fahr, die sich der Hal­ter ent­ge­gen­hal­ten las­sen muss, wenn er Ersatz sei­nes Unfall­scha­dens nach § 823 Abs. 1 BGB ver­langt, als ein die all­ge­mei­ne Betriebs­ge­fahr erhö­hen­der Umstand auch das für den Unfall mit­ur­säch­li­che haf­tungs­re­le­van­te Ver­hal­ten des Fah­rers selbst dann zu berück­sich­ti­gen, wenn der Fahr­zeug­hal­ter für des­sen Ver­hal­ten nicht nach § 831 BGB ein­zu­tre­ten braucht 22. Dar­in zeigt sich, dass bei der hier vor­lie­gen­den Kon­stel­la­ti­on, bei der der geschä­dig­te Eigen­tü­mer zugleich Hal­ter des Kfz ist, bereits kei­ne Rege­lungs­lü­cke vor­liegt.

Die danach auch im Rah­men eines mög­li­chen Anspruchs aus § 831 Abs. 1 BGB gebo­te­ne Abwä­gung der bei­der­sei­ti­gen Ver­ur­sa­chungs­bei­trä­ge haben die Vor­in­stan­zen – wie aus­ge­führt – bereits vor­ge­nom­men. Die­se von der Revi­si­on nicht ange­grif­fe­ne Abwä­gung muss hin­sicht­lich aller kon­kur­rie­ren­den Ansprü­che gleich aus­fal­len, weil bei der erwei­tern­den Aus­le­gung des § 254 BGB für die Scha­dens­ver­tei­lung die­sel­ben Maß­stä­be maß­ge­bend sind, wie bei den ihm nach­ge­bil­de­ten Vor­schrif­ten des § 17 Abs. 1 StVG und des § 13 Abs. 1 HPflG 23.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 11. Juni 2013 – VI ZR 150/​12

  1. Filt­haut, aaO Rn. 16[]
  2. BGH, Urtei­le vom 30.03.1965 – VI ZR 257/​63, VersR 1965, 523 f.; vom 25.03.1980 – VI ZR 61/​79, VersR 1980, 740, 741, inso­weit in BGHZ 76, 397 ff. nicht abge­druckt; vom 10.07.2007 – VI ZR 199/​06, BGHZ 173, 182 Rn. 10 ff.; so auch OLG Hamm VersR 1996, 347 f.; König, in: Hentschel/​König/​Dauer, Stra­ßen­ver­kehrs­recht, 41. Aufl., § 9 StVG Rn. 1; aA Klim­ke VersR 1988, 329, 330[]
  3. vgl. Filt­haut, aaO; Geigel/​Knerr, Der Haft­pflicht­pro­zess, 26. Aufl., 2. Kap. Rn. 21; Palandt/​Grüneberg, BGB, 72. Aufl., § 254 Rn. 52; Soergel/​Mertens, BGB, Stand: Juli 1990, § 254 Rn. 106; Staudinger/​Schiemann, BGB, Neu­be­ar­bei­tung 2005, § 254 Rn. 108; Wussow/​Kürschner, Unfall­haft­pflicht­recht, 15. Aufl., Kap. 55 Rn.20[]
  4. BGH, Urteil vom 30.03.1965 – VI ZR 257/​63, aaO[]
  5. vgl. BGH, Urteil vom 07.01.1992 – VI ZR 17/​91, VersR 1992, 455, 456 zu § 832 BGB[]
  6. vgl. BGH, Urteil vom 14.12.2006 – IX ZR 92/​05, BGHZ 170, 187 Rn. 15 mwN[]
  7. Ver­hand­lun­gen des Reichs­ta­ges 1909, Bd. 248, 5593, 5599[]
  8. RGBl. I S. 691[]
  9. BGBl. I S. 1577, 1578[]
  10. RGBl. I S. 437, 439[]
  11. Ver­hand­lun­gen des Reichs­ta­ges 1909, aaO[]
  12. RGBl. I S. 681, 684[]
  13. BGBl. I S. 814, 821[]
  14. BGBl. I S. 1310, 1343[]
  15. BGBl. I S. 2198, 2199[]
  16. BGBl. I S. 1080, 1092[]
  17. BGBl. I S. 2634, 2636[]
  18. BT-Drucks. 3/​759 S. 37, 8/​1315 S. 144, 11/​2447 S. 21, 11/​5622 S. 34, 11/​7104 S.20[]
  19. BGH, Urteil vom 10.07.2007 – VI ZR 199/​06, aaO Rn. 13; Gey­er, NZV 2005, 565, 567[]
  20. vgl. die Amt­li­che Begrün­dung des Gesetz­ent­wurfs, Ver­hand­lun­gen des Reichs­ta­ges 1909, Bd. 248, 5593, 5601[]
  21. vgl. BGH, Urtei­le vom 20.01.1954 – VI ZR 118/​52, BGHZ 12, 124, 128; vom 13.04.1956 – VI ZR 347/​54, BGHZ 20, 259, 260 ff.; vom 05.04.1960 – VI ZR 49/​59, VersR 1960, 636, 637; vom 30.05.1972 – VI ZR 38/​71, VersR 1972, 959, 960; vom 10.07.2007 – VI ZR 199/​06, BGHZ 173, 182 Rn. 16; sie­he auch BGH, Urteil vom 23.06.1952 – III ZR 297/​51, BGHZ 6, 319, 320 ff.[]
  22. vgl. BGH, Urteil vom 20.01.1954 – VI ZR 118/​52, aaO, 128 f.; Münch­Komm-BGB/Oet­ker, 6. Aufl., § 254 Rn. 114; Staudinger/​Schiemann, aaO, § 254 Rn. 108, 117[]
  23. vgl. BGH, Urtei­le vom 20.01.1954 – VI ZR 118/​52, aaO, 129; vom 13.04.1956 – VI ZR 347/​54, aaO, 263[]