Vor­be­fas­sung im Par­al­lel­ver­fah­ren

Gemäß § 42 Abs. 2 ZPO fin­det die Ableh­nung wegen Besorg­nis der Befan­gen­heit statt, wenn ein Grund vor­liegt, der geeig­net ist, Miss­trau­en gegen die Unpar­tei­lich­keit des Rich­ters zu recht­fer­ti­gen.

Vor­be­fas­sung im Par­al­lel­ver­fah­ren

Ent­schei­dend ist, ob ein Pro­zess­be­tei­lig­ter bei ver­nünf­ti­ger Wür­di­gung aller Umstän­de Anlass hat, an der Unvor­ein­ge­nom­men­heit des Rich­ters zu zwei­feln [1]. Als Umstän­de in die­sem Sin­ne kom­men dabei nur objek­ti­ve Grün­de in Betracht, die vom Stand­punkt der betrof­fe­nen Par­tei aus bei ver­nünf­ti­ger Betrach­tung die Befürch­tung wecken kön­nen, der Rich­ter ste­he der Sache nicht unvor­ein­ge­nom­men und damit par­tei­isch gegen­über [2].

Ein sol­cher Grund sah der Bun­des­ge­richts­hof in sei­nem hier ent­schie­de­nen Streit­fall, in dem eine BGH-Rich­te­rin in ihrer Selbst­ab­leh­nung ange­zeigt hat­te, dass sie in einem Par­al­lel­ver­fah­ren an dem Beru­fungs­ur­teil mit­ge­wirkt habe, nicht:

So kann die Besorg­nis der Befan­gen­heit der Rich­te­rin zunächst nicht allein dem Umstand ent­nom­men wer­den, dass sie mit dem dem Streit­fall zugrun­de­lie­gen­den Lebens­sach­ver­halt bereits im Par­al­lel­ver­fah­ren beim Ober­lan­des­ge­richt befasst war. Ob und inwie­weit sich die vom Bun­des­ge­richts­hof im vor­lie­gen­den Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de­ver­fah­ren zu beur­tei­len­den Fra­gen mit den vom Beru­fungs­ge­richt im Par­al­lel­ver­fah­ren beant­wor­te­ten Fra­gen decken und damit über­haupt von einer Vor­be­fas­sung im eigent­li­chen Sin­ne aus­ge­gan­gen wer­den kann, kann dabei offen blei­ben. Denn auch dem vor­be­fass­ten Rich­ter ist grund­sätz­lich zuzu­trau­en, dass er den neu­en Fall aus­schließ­lich nach sach­li­chen Kri­te­ri­en beur­teilt, wes­halb eine Vor­be­fas­sung, die – wie hier – nicht zu einem Aus­schluss des Rich­ters gemäß § 41 Nr. 4 bis Nr. 8 ZPO führt, in der Regel nicht geeig­net ist, die Besorg­nis der Befan­gen­heit zu begrün­den [3]. Dies gilt sowohl für den Fall der typi­schen als auch für den Fall der aty­pi­schen Vor­be­fas­sung als Rich­ter [4].

Beson­de­re Umstän­de, auf­grund derer sich im Streit­fall ande­res erge­ben könn­te, sind nicht ersicht­lich. Ins­be­son­de­re erge­ben sich sol­che Umstän­de weder aus den von der Klä­ge­rin in Bezug auf die Beru­fungs­ent­schei­dung im Par­al­lel­ver­fah­ren behaup­te­ten Gehörsver­stö­ßen noch aus ihrer Behaup­tung, im Par­al­lel­ver­fah­ren habe das Beru­fungs­ge­richt ihren Anspruch auf ein will­kürfrei­es Ver­fah­ren ver­letzt. Denn eine ver­meint­lich oder tat­säch­lich rechts­feh­ler­haf­te vor­an­ge­gan­ge­ne Ent­schei­dung recht­fer­tigt die Besorg­nis der Befan­gen­heit grund­sätz­lich nicht [5]. Dass das pro­zes­sua­le Vor­ge­hen des Beru­fungs­ge­richts im Par­al­lel­ver­fah­ren einer aus­rei­chen­den gesetz­li­chen Grund­la­ge ent­behrt und sich so sehr von dem nor­ma­ler­wei­se geüb­ten Ver­fah­ren ent­fernt hät­te, dass sich für die betrof­fe­ne Par­tei der Ein­druck einer sach­wid­ri­gen, auf Vor­ein­ge­nom­men­heit beru­hen­den Benach­tei­li­gung auf­ge­drängt hät­te [6], kann offen­sicht­lich nicht ange­nom­men wer­den.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 12. April 2016 – VI ZR 549/​14

  1. BGH, Beschlüs­se vom 02.06.2010 – VI ZR 54/​07 Rn. 4, juris; vom 11.12 2002 – VI ZA 8/​02, NJW-RR 2003, 281; BGH, Beschluss vom 13.01.2016 – VII ZR 36/​14, NJW 2016, 1022 Rn. 9; jeweils mwN[]
  2. BGH, Beschluss vom 13.01.2016 – VII ZR 36/​14, aaO[]
  3. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 18.12 2014 – IX ZB 65/​13, VersR 2015, 1315 Rn. 12; vom 27.12 2011 – V ZB 175/​11, MDR 2012, 363 Rn. 2; vom 21.02.2011 – II ZB 2/​10, NJW 2011, 1358 Rn. 24; vom 10.12 2007 – AnwZ(B) 64/​06, AnwZ(B) 73/​06, AnwZ(B) 79/​06 Rn. 14, juris; Stein/​Jonas/​Bork, 23. Aufl., § 42 Rn. 12; Wieczorek/​Schütze/​Gerken, ZPO, 4. Aufl., § 42 Rn. 27 f.[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 18.12 2014 – IX ZB 65/​13, aaO[]
  5. BGH, Beschluss vom 10.12 2007 – AnwZ(B) 64/​06, AnwZ(B) 73/​06, AnwZ(B) 79/​06 15[]
  6. vgl. hier­zu Zöller/​Vollkommer, 31. Aufl., § 42 Rn. 24[]