Bekannt­ga­be des Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens im Betreu­ungs­ver­fah­ren

In einem Betreu­ungs­ver­fah­ren ersetzt die Bekannt­ga­be des Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens an den Ver­fah­rens­pfle­ger oder an den Betreu­er grund­sätz­lich nicht die not­wen­di­ge Bekannt­ga­be an den Betrof­fe­nen per­sön­lich 1.

Bekannt­ga­be des Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens im Betreu­ungs­ver­fah­ren

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs setzt die Ver­wer­tung eines Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens als Grund­la­ge einer Ent­schei­dung in der Haupt­sa­che gemäß § 37 Abs. 2 FamFG vor­aus, dass das Gericht den Betei­lig­ten Gele­gen­heit zur Stel­lung­nah­me ein­ge­räumt hat. Inso­weit ist das Gut­ach­ten mit sei­nem vol­len Wort­laut im Hin­blick auf die Ver­fah­rens­fä­hig­keit eines Betrof­fe­nen (§ 275 FamFG) grund­sätz­lich auch ihm per­sön­lich zur Ver­fü­gung zu stel­len. Davon kann nur unter den Vor­aus­set­zun­gen des § 288 Abs. 1 FamFG abge­se­hen wer­den 2.

Die­sen Anfor­de­run­gen wur­de das vor­lie­gen­de Ver­fah­ren nicht gerecht:

Weder aus den Fest­stel­lun­gen des Land­ge­richts noch aus den Gerichts­ak­ten lässt sich ent­neh­men, dass der Inhalt des Gut­ach­tens der Betrof­fe­nen mit sei­nem vol­len Wort­laut zur Ver­fü­gung gestellt wor­den ist. Aus­weis­lich des Pro­to­kolls des Land­ge­richts vom 22.02.2019 wur­de der Sach­ver­stän­di­ge im Anhö­rungs­ter­min nur ergän­zend zu sei­nem schrift­li­chen Gut­ach­ten ange­hört. Dies genügt den ver­fah­rens­recht­li­chen Anfor­de­run­gen nicht, weil der Betrof­fe­nen damit die Mög­lich­keit genom­men wor­den ist, sich auf den Anhö­rungs­ter­min aus­rei­chend vor­zu­be­rei­ten und durch die Erhe­bung von Ein­wen­dun­gen und durch Vor­hal­te an den Sach­ver­stän­di­gen eine ande­re Ein­schät­zung zu errei­chen 3.

Die Bekannt­ga­be des Gut­ach­tens an den Ver­fah­rens­pfle­ger ersetzt eine Bekannt­ga­be an den Betrof­fe­nen nicht, denn der Ver­fah­rens­pfle­ger ist anders als ein Ver­fah­rens­be­voll­mäch­tig­ter nicht Ver­tre­ter des Betrof­fe­nen im Ver­fah­ren. Durch eine Bekannt­ga­be an den Ver­fah­rens­pfle­ger kann allen­falls dann ein not­wen­di­ges Min­dest­maß recht­li­chen Gehörs sicher­ge­stellt wer­den, wenn das Gericht von der voll­stän­di­gen schrift­li­chen Bekannt­ga­be eines Gut­ach­tens an den Betrof­fe­nen ent­spre­chend § 288 Abs. 1 FamFG absieht, weil zu besor­gen ist, dass die Bekannt­ga­be die Gesund­heit des Betrof­fe­nen schä­di­gen oder zumin­dest ernst­haft gefähr­den wer­de, und die Erwar­tung gerecht­fer­tigt ist, dass der Ver­fah­rens­pfle­ger mit dem Betrof­fe­nen über das Gut­ach­ten spricht 4. Ein sol­cher Fall liegt hier jedoch nicht vor. Ins­be­son­de­re ent­hält das Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten kei­nen Hin­weis dar­auf, dass die Betrof­fe­ne durch des­sen Bekannt­ga­be Gesund­heits­nach­tei­le ent­spre­chend § 288 Abs. 1 FamFG zu befürch­ten hät­te.

Eben­so wenig konn­te die erfor­der­li­che per­sön­li­che Bekannt­ga­be des Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens an die Betrof­fe­ne durch die Über­sen­dung des Gut­ach­tens an den Betreu­er ersetzt wer­den. Selbst wenn der Betreu­er mit der Betrof­fe­nen über das Gut­ach­ten gespro­chen hät­te, wofür jedoch Fest­stel­lun­gen feh­len, genüg­te dies allein nicht, um dem Anspruch der Betrof­fe­nen auf recht­li­ches Gehör gerecht zu wer­den 5.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 2. Okto­ber 2019 – XII ZB 118/​19

  1. im Anschluss an BGH, Beschluss vom 08.08.2018 XII ZB 139/​18 Fam­RZ 2018, 1769[]
  2. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 26.09.2018 XII ZB 395/​18 Fam­RZ 2019, 139 Rn. 7; und vom 15.08.2018 XII ZB 10/​18 Fam­RZ 2018, 1770 Rn. 15[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 16.05.2018 XII ZB 14/​18 NJW-RR 2018, 964 Rn. 8[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 08.08.2018 XII ZB 139/​18 Fam­RZ 2018, 1769 Rn. 11 mwN[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 08.08.2018 XII ZB 139/​18 Fam­RZ 2018, 1769 Rn. 12 mwN[]