Rechts­be­schwer­de gegen einen die Beschwer­de ver­wer­fen­den Beschluss

Die Rechts­be­schwer­de gegen einen die Beschwer­de ver­wer­fen­den Beschluss ist in Ehe- und Fami­li­en­streit­sa­chen auch dann statt­haft, wenn das Beschwer­de­ge­richt auf­grund münd­li­cher Ver­hand­lung ent­schie­den hat.

Rechts­be­schwer­de gegen einen die Beschwer­de ver­wer­fen­den Beschluss

Dass das Beschwer­de­ge­richt die Beschwer­de nach münd­li­cher Ver­hand­lung ver­wor­fen hat, steht der Statt­haf­tig­keit der Rechts­be­schwer­de nicht ent­ge­gen.

Gemäß § 117 Abs. 1 Satz 4 FamFG gilt § 522 Abs. 1 Satz 4 ZPO in Ehe- und Fami­li­en­streit­sa­chen ent­spre­chend. Danach fin­det gegen den (die Beru­fung ver­wer­fen­den) Beschluss die Rechts­be­schwer­de statt. § 522 Abs. 1 Satz 4 ZPO erfasst aller­dings nur die­je­ni­gen Fäl­le, in denen die Beru­fung im schrift­li­chen Ver­fah­ren ver­wor­fen wur­de. Wur­de die Beru­fung auf­grund münd­li­cher Ver­hand­lung ver­wor­fen, ist dem­ge­gen­über durch Urteil zu ent­schei­den 1 und § 522 Abs. 1 Satz 4 ZPO nicht anwend­bar.

Hier ist die Beschwer­de zwar durch Beschluss ver­wor­fen wor­den. Die­ser kommt jedoch einem die Beru­fung ver­wer­fen­den Urteil gleich. Denn die in Ehe- und Fami­li­en­streit­sa­chen an die Stel­le der Beru­fung getre­te­ne Beschwer­de ist auf die münd­li­che Ver­hand­lung vom 22.10.2014 ver­wor­fen wor­den.

Jedoch gebie­tet eine Aus­le­gung der Ver­wei­sung in § 117 Abs. 1 Satz 4 FamFG nach ihrem Sinn und Zweck sowie unter Beach­tung des Wil­lens des Gesetz­ge­bers eine ent­spre­chen­de Anwen­dung des § 522 Abs. 1 Satz 4 ZPO auch auf die Fäl­le der vor­lie­gen­den Art.

Mit dem in § 117 Abs. 1 Satz 4 FamFG ent­hal­te­nen Ver­weis auf § 522 Abs. 1 Satz 4 ZPO woll­te der Gesetz­ge­ber einen Gleich­klang mit der Beru­fung errei­chen. Eben­so wie die Ver­wer­fung der Beru­fung soll­te damit auch die ent­spre­chen­de Ent­schei­dung des Beschwer­de­ge­richts in Ehe- und Fami­li­en­streit­sa­chen mit der Rechts­be­schwer­de ange­foch­ten wer­den kön­nen, ohne dass die­se zuge­las­sen sein muss 2. Dem­ge­mäß ent­spricht die Statt­haf­tig­keit der Rechts­be­schwer­de in die­sen Fäl­len der über­wie­gen­den Auf­fas­sung 3.

Aus die­sem bezo­gen auf die Anfecht­bar­keit der Ver­wer­fung der Rechts­mit­tel her­zu­stel­len­den Gleich­klang folgt, dass das Rechts­mit­tel gegen einen die Beschwer­de ver­wer­fen­den und auf­grund münd­li­cher Ver­hand­lung ergan­ge­nen Beschluss in Ehe- und Fami­li­en­streit­sa­chen nicht hin­ter dem­je­ni­gen zurück­blei­ben darf, das gegen ein ent­spre­chen­des, die Beru­fung ver­wer­fen­des Urteil statt­haft ist.

Um in ZPO-Ver­fah­ren zu ver­hin­dern, dass gegen eine Beschluss­ver­wer­fung nach § 522 Abs. 1 Satz 4 ZPO und ein die Beru­fung ver­wer­fen­des Urteil unter­schied­li­che Rechts­mit­tel­mög­lich­kei­ten bestehen (zulas­sungs­freie Rechts­be­schwer­de einer­seits und Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de bei Revi­si­ons­be­schwer­de­wer­ten über 20.000 € ande­rer­seits) hat der Gesetz­ge­ber mit dem Ent­wurf eines Geset­zes zur Moder­ni­sie­rung der Jus­tiz vom 02.09.2003 eine ein­heit­li­che Anfecht­bar­keit der ver­wer­fen­den Ent­schei­dun­gen regeln wol­len. Hier­zu hat er die ver­wer­fen­den Beru­fungs­ur­tei­le aus­drück­lich aus dem Anwen­dungs­be­reich der Über­gangs­re­ge­lun­gen des § 26 Nr. 8, 9 EGZPO aus­ge­nom­men, um damit einen wei­ten Rechts­schutz gegen Ver­wer­fungs­ent­schei­dun­gen des Beru­fungs­ge­richts zu gewähr­leis­ten unab­hän­gig davon, ob sie als Urteil oder als Beschluss erge­hen 4. Nach dem danach zum 1.09.2004 in Kraft getre­te­nen § 26 Nr. 8 Satz 2 EGZPO 5 hängt die Zuläs­sig­keit der Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de nicht vom Errei­chen einer Min­dest­be­schwer ab, wenn das Beru­fungs­ge­richt die Beru­fung ver­wor­fen hat.

Das zum 1.09.2009 in Kraft getre­te­ne Gesetz über das Ver­fah­ren in Fami­li­en­sa­chen und in den Ange­le­gen­hei­ten der frei­wil­li­gen Gerichts­bar­keit vom 17.12 2008 6 sieht indes weder eine Revi­si­on noch eine Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de vor. Des­halb läuft die dem § 26 Nr. 8 Satz 2 EGZPO ent­spre­chen­de Rege­lung des § 26 Nr. 9 Satz 2 EGZPO aF, die der Gesetz­ge­ber sei­ner­zeit für die Zulas­sung der Revi­si­on in Fami­li­en­sa­chen vor­ge­se­hen hat­te, leer. Dem Rechts­mit­tel­füh­rer blie­be damit in Ehe- und Fami­li­en­streit­sa­chen gegen den sei­ne Beschwer­de ver­wer­fen­den Beschluss, der auf­grund münd­li­cher Ver­hand­lung ergan­gen ist, der Rechts­weg zum Bun­des­ge­richts­hof grund­sätz­lich ver­schlos­sen. Das wider­spricht indes dem Sinn und Zweck der Ver­wei­sungs­norm sowie dem ein­deu­ti­gen Wil­len des Gesetz­ge­bers. Danach ist die Ver­wei­sung in § 117 Abs. 1 Satz 4 FamFG auf § 522 Abs. 1 Satz 2 ZPO dahin aus­zu­le­gen, dass es für die Statt­haf­tig­keit der Rechts­be­schwer­de nicht dar­auf ankommt, ob die in einer Ehe- oder Fami­li­en­streit­sa­che ein­ge­leg­te Beschwer­de im schrift­li­chen Ver­fah­ren oder auf­grund münd­li­cher Ver­hand­lung ver­wor­fen wor­den ist.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 9. Dezem­ber 2015 – XII ZB 614/​14

  1. Thomas/​Putzo/​Reichold ZPO 36. Aufl. § 522 Rn. 5 f. mwN[]
  2. Geset­zes­ent­wurf der Bun­des­re­gie­rung vom 07.09.2007 BT-Drs. 16/​6308 S. 372 [Stel­lung­nah­me des Bun­des­rats] und S. 412 [Zustim­mung der Bun­des­re­gie­rung][]
  3. BGH, Beschluss vom 11.09.2013 XII ZB 457/​11 Fam­RZ 2014, 27 Rn. 3 f. mwN; Prütting/​Helms/​Feskorn FamFG 3. Aufl. § 117 Rn. 73; Keidel/​Weber FamFG 18. Aufl. § 117 Rn. 9; Zöller/​Lorenz ZPO 31. Aufl. § 117 FamFG Rn. 2; Musielak/​Borth FamFG § 117 Rn. 17; aA Thomas/​Putzo/​Hüßtege ZPO 36. Aufl. § 117 FamFG Rn. 35 f., der eine Rechts­be­schwer­de nur bei Ver­wer­fung der Beschwer­de wegen unzu­läs­si­ger Beschwer­de­be­grün­dung für statt­haft hält[]
  4. Ent­wurf eines Geset­zes zur Moder­ni­sie­rung der Jus­tiz Jus­tiz­mo­der­ni­sie­rungs­ge­setz vom 02.09.2003 BT-Drs. 15/​1508 S. 22; vgl. hier­zu auch Thomas/​Putzo/​Hüßtege ZPO 36. Aufl. § 26 EGZPO Rn. 9 a[]
  5. BGBl. 2004 I S. 2198, 2200, 2209[]
  6. BGBl. I S. 2586, 2743 FamFG[]