Urteils­abän­de­rung beim Auf­sto­ckungs­un­ter­halt

Die Anwen­dung des § 36 Nr. 1 EGZPO und des dar­in ent­hal­te­nen Zumut­bar­keits­kri­te­ri­ums ist auf die Fäl­le beschränkt, in denen sich der Abän­de­rungs­grund aus dem Unter­halts­rechts­än­de­rungs­ge­setz vom 21. Dezem­ber 2007 ergibt1.

Urteils­abän­de­rung beim Auf­sto­ckungs­un­ter­halt

Die Abän­de­rung einer rechts­kräf­ti­gen Ent­schei­dung über den Unter­halt setzt nach § 323 Abs. 1 ZPO aF vor­aus, dass sich die für die Bestim­mung der Höhe und Dau­er der Leis­tun­gen maß­ge­ben­den Ver­hält­nis­se wesent­lich geän­dert haben. Dabei ist zu beach­ten, dass die Grund­la­gen der Aus­gangs­ent­schei­dung im Abän­de­rungs­ver­fah­ren zu wah­ren sind und eine Feh­ler­kor­rek­tur wegen der Rechts­kraft des Aus­gangs­ur­teils nicht zuläs­sig ist2.

Die Abän­de­rung wegen wesent­li­cher Ände­rung der recht­li­chen Ver­hält­nis­se kann sowohl auf eine Geset­zes­än­de­rung als auch auf eine Ände­rung der gefes­tig­ten höchst­rich­ter­li­chen Recht­spre­chung gestützt wer­den, was nun­mehr in § 238 Abs. 1 Satz 2 FamFG, § 323 Abs. 1 Satz 2 ZPO nF klar­ge­stellt wor­den ist3. Im Fall des Auf­sto­ckungs­un­ter­halts ist zudem aner­kannt, dass eine Abän­de­rung auf die durch das BGH, Urteil vom 12.04.20064 geän­der­te Bun­des­ge­richts­hofs­recht­spre­chung zur Bedeu­tung der Ehe­dau­er im Rah­men der Befris­tung und Her­ab­set­zung des Unter­halts gestützt wer­den kann und dies unab­hän­gig davon gilt, ob aus der Ehe – wie hier – Kin­der her­vor­ge­gan­gen sind oder nicht5.

Dem­entspre­chend ist im vor­lie­gen­den Fall – neben wei­te­ren Fra­gen – zu über­prü­fen, ob nach der geän­der­ten Recht­spre­chung eine Befris­tung oder Her­ab­set­zung des Unter­halts nach § 1578 b BGB begrün­det ist. Die­se Prü­fung hat das Beru­fungs­ge­richt unter­las­sen. Sei­ne Auf­fas­sung, auf die Anwen­dung des § 1578 b BGB kom­me es nicht an, weil eine Abän­de­rung jeden­falls nach § 36 Nr. 1 EGZPO schei­te­re, weil sie der Beklag­ten nicht zumut­bar sei, trifft nicht zu.

§ 36 Nr. 1 EGZPO ist nicht anwend­bar.

Nach § 36 Nr. 1 EGZPO sind bei vor dem 1. Janu­ar 2008 erlas­se­nen rechts­kräf­ti­gen Ent­schei­dun­gen Umstän­de, die vor die­sem Tag ent­stan­den und durch das Gesetz zur Ände­rung des Unter­halts­rechts vom 21.12. 2007 erheb­lich gewor­den sind, nur zu berück­sich­ti­gen, soweit eine wesent­li­che Ände­rung der Unter­halts­ver­pflich­tung ein­tritt und die Ände­rung dem ande­ren Teil unter Berück­sich­ti­gung sei­nes Ver­trau­ens in die getrof­fe­ne Rege­lung zumut­bar ist. Vor­aus­set­zung ist dem­nach, dass die für die Abän­de­rung ange­führ­ten Umstän­de erst durch das Unter­halts­rechts­än­de­rungs­ge­setz vom 21.12. 2007 erheb­lich gewor­den sind. Das ist hier nicht der Fall. Denn das abzu­än­dern­de Urteil ver­hält sich, wie das Beru­fungs­ge­richt zutref­fend her­vor­ge­ho­ben hat, über Auf­sto­ckungs­un­ter­halt. Die­ser ließ indes­sen schon vor dem 1.01.2008 unter den­sel­ben Vor­aus­set­zun­gen sowohl eine Befris­tung (§ 1573 Abs. 5 BGB aF) als auch eine Her­ab­set­zung (§ 1578 Abs. 1 Satz 2 BGB aF) zu.

Dem­entspre­chend hat der Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­den, dass § 36 Nr. 1 EGZPO nur auf die Abän­de­rung sol­cher Unter­halts­ti­tel und ver­ein­ba­run­gen anwend­bar ist, deren Grund­la­gen sich durch das Unter­halts­rechts­än­de­rungs­ge­setz vom 21. Dezem­ber 2007 geän­dert haben. Bei der Abän­de­rung eines vor dem 1. Janu­ar 2008 erlas­se­nen Urteils oder einer zuvor geschlos­se­nen Ver­ein­ba­rung zum Auf­sto­ckungs­un­ter­halt ist das nicht der Fall6.

Für eine ent­spre­chen­de Anwen­dung des § 36 Nr. 1 EGZPO besteht kein Raum. Viel­mehr kann das Unter­halts­ver­hält­nis nicht anders beur­teilt wer­den, als wenn das Abän­de­rungs­ver­fah­ren schon vor dem 1. Janu­ar 2008 durch­ge­führt wor­den wäre. Die Über­le­gung, dass es in Fäl­len feh­len­der ehe­be­ding­ter Nach­tei­le zu gra­vie­ren­den Beschnei­dun­gen bestehen­der Unter­halts­an­sprü­che kom­men kön­ne, beschreibt die Fol­gen der im Jahr 2006 geän­der­ten BGH-Recht­spre­chung, begrün­det aber weder eine Geset­zes­lü­cke noch kann sie als Leit­mo­tiv des Gesetz­ge­bers auch für sol­che Fäl­le gel­ten, die vom Unter­halts­rechts­än­de­rungs­ge­setz vom 21.12. 2007 nicht betrof­fen sind. Das vom Beru­fungs­ge­richt ange­führ­te Schutz­be­dürf­nis auf Sei­ten des Unter­halts­be­rech­tig­ten ist schließ­lich im Rah­men der nach § 1578 b BGB anzu­stel­len­den Bil­lig­keits­ab­wä­gung ange­mes­sen zu berück­sich­ti­gen, in die auch ein berech­tig­tes Ver­trau­en des Unter­halts­be­rech­tig­ten in die – un- gekürz­te – Wei­ter­zah­lung des Unter­halts Ein­gang fin­det.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 8. Juni 2011 – XII ZR 17/​09

  1. im Anschluss an BGH, Urtei­le in BGHZ 183, 197 = Fam­RZ 2010, 111; BGHZ 186, 1 = Fam­RZ 2010, 1238; und vom 27.01.2010 – XII ZR 100/​08, Fam­RZ 2010, 538
  2. BGH, Urtei­le vom 12.05.2010 – XII ZR 98/​08, Fam­RZ 2010, 1150 Rn. 19 mwN; vom 02.06.2010 – XII ZR 160/​08, Fam­RZ 2010, 1318 Rn. 38; und vom 29.09. 2010 – XII ZR 205/​08, Fam­RZ 2010, 1884 Rn. 15
  3. vgl. BGH, Urteil vom 29.09. 2010 – XII ZR 205/​08, Fam­RZ 2010, 1884 Rn. 16 mwN
  4. XII ZR 240/​03, Fam­RZ 2006, 1006
  5. BGH, Urteil vom 29. Sep- tem­ber 2010 – XII ZR 205/​08, Fam­RZ 2010, 1884 Rn. 16 mwN
  6. BGH, Urtei­le BGHZ 183, 197 = Fam­RZ 2010, 111 Rn. 16, 62 f.; BGHZ 186, 1 = Fam­RZ 2010, 1238 Rn. 41 und vom 27.01.2010 – XII ZR 100/​08, Fam­RZ 2010, 538 Rn. 22