Mit­ver­schul­den der Behör­de im Steu­er­recht

Der in § 254 BGB zum Aus­druck kom­men­de Rechts­ge­dan­ke ist im Steu­er­recht anzu­wen­den, wenn Ansprü­che aus dem Steu­er­schuld­ver­hält­nis ein Ver­tre­ten­müs­sen vor­aus­set­zen.

Mit­ver­schul­den der Behör­de im Steu­er­recht

So ist der all­ge­mei­ne Rechts­grund­satz, dass ein Anspruch, des­sen Ent­ste­hen von einem Ver­tre­ten­müs­sen des Anspruchs­geg­ners abhän­gig ist, sich min­dert, wenn bei der Anspruchs­ent­ste­hung ein Ver­schul­den des Anspruch­stel­lers mit­ge­wirkt hat, auch auf das Ver­zö­ge­rungs­geld (hier: bei Ren­ten­be­zugs­mit­tei­lun­gen nach §§ 22a EStG) anzu­wen­den.

Wird eine Ren­ten­be­zugs­mit­tei­lung nicht inner­halb der in § 22a Abs. 1 Satz 1 EStG a.F. genann­ten Frist (1.03.des Jah­res nach dem Zufluss der Leis­tung) über­mit­telt, so ist für jeden ange­fan­ge­nen Monat, in dem die Ren­ten­be­zugs­mit­tei­lung noch aus­steht, ein Betrag in Höhe von 10 € für jede aus­ste­hen­de Ren­ten­be­zugs­mit­tei­lung an die zen­tra­le Stel­le zu ent­rich­ten (§ 22a Abs. 5 Satz 1 EStG a.F.). Von der Erhe­bung ist abzu­se­hen, soweit die Fris­t­über­schrei­tung auf Grün­den beruht, die der Mit­tei­lungs­pflich­ti­ge nicht zu ver­tre­ten hat (§ 22a Abs. 5 Satz 3 EStG a.F.).

Schon der Wort­laut die­ser Rege­lung („soweit“) weist klar dar­auf hin, dass der Gesetz­ge­ber hier eine dif­fe­ren­zie­ren­de Betrach­tung ange­ord­net hat. Vor allem aber bringt die Vor­schrift des § 254 BGB ‑über ihren unmit­tel­ba­ren Anwen­dungs­be­reich hin­aus- einen all­ge­mei­nen Rechts­ge­dan­ken zum Aus­druck, da sie eine beson­de­re Aus­prä­gung des im bür­ger­li­chen und öffent­li­chen Recht glei­cher­ma­ßen gel­ten­den Grund­sat­zes von Treu und Glau­ben für das Scha­dens­er­satz­recht dar­stellt [1].

Eben­so ist nach der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs der Rechts­ge­dan­ke des § 254 BGB auf sol­che Ansprü­che aus dem Steu­er­schuld­ver­hält­nis anzu­wen­den, die ‑wie z.B. der Haf­tungs­an­spruch nach § 69 AO- von einem Ver­tre­ten­müs­sen abhän­gig sind [2].

Auch der Bun­des­fi­nanz­hof hat schon im Urteil vom 20.02.2019 [3] aus­ge­führt, dass die Ähn­lich­keit des § 22a Abs. 5 Satz 3 EStG a.F. mit dem zivil­recht­li­chen Ver­tre­ten­müs­sen des § 276 Abs. 1 BGB augen­fäl­lig ist. Hier­von aus­ge­hend hat der Bun­des­fi­nanz­hof der gesetz­li­chen Rege­lung über das Ver­spä­tungs­geld die Grund­ent­schei­dung ent­nom­men, dass das zivil­recht­li­che Begriffs­ver­ständ­nis des­sen, was ein Schuld­ner zu ver­tre­ten hat, auch auf das Ver­tre­ten­müs­sen eines Mit­tei­lungs­pflich­ti­gen i.S. des § 22a Abs. 5 Satz 3 EStG a.F. über­tra­gen wer­den muss. Das zivil­recht­li­che Ver­tre­ten­müs­sen wird aber auch durch die Berück­sich­ti­gung eines mit­wir­ken­den Ver­schul­dens des Anspruch­stel­lers geprägt (vgl. § 254 Abs. 1 BGB). Es ist daher nicht ersicht­lich, wes­halb dies im Anwen­dungs­be­reich des § 22a Abs. 5 Satz 3 EStG a.F. anders sein soll­te, zumal die Exkul­pa­ti­ons­mög­lich­keit auch aus ver­fas­sungs­recht­li­chen Grün­den not­wen­dig ist, um eine unver­hält­nis­mä­ßi­ge Belas­tung der Mit­tei­lungs­pflich­ti­gen zu ver­hin­dern [4]. Es wäre aber unver­hält­nis­mä­ßig, für eine Ver­spä­tung, deren Dau­er ganz wesent­lich auf einem Ver­hal­ten der ZfA beruht, das­sel­be Ver­spä­tungs­geld zu erhe­ben wie für eine Ver­spä­tung, deren Grund und Dau­er allein vom Mit­tei­lungs­pflich­ti­gen ver­ur­sacht wor­den ist.

Auf die­ser Grund­la­ge ist der Bun­des­fi­nanz­hof der Auf­fas­sung, dass in Anwen­dung des Rechts­ge­dan­kens des § 254 BGB von der Erhe­bung des Ver­spä­tungs­gel­des ‑ggf. antei­lig- abzu­se­hen sein kann, soweit die Dau­er der Fris­t­über­schrei­tung im jewei­li­gen Ein­zel­fall ent­schei­dend dadurch geprägt wor­den ist, dass ein Mit­tei­lungs­pflich­ti­ger, der zunächst kei­ne Kennt­nis davon hat­te, dass er die ihm in § 22a Abs. 1 EStG a.F. auf­er­leg­ten Pflich­ten objek­tiv ver­letzt hat­te, erst durch einen Hin­weis der ZfA von sei­ner Pflicht­ver­let­zung Kennt­nis erlangt, der ZfA die Pflicht­ver­let­zung schon seit lan­ger Zeit bekannt war, ohne dass sie aber den Mit­tei­lungs­pflich­ti­gen dar­über infor­miert hät­te, und der Mit­tei­lungs­pflich­ti­ge die Ren­ten­be­zugs­mit­tei­lung unver­züg­lich nach Kennt­nis­er­lan­gung sei­ner Pflicht­ver­let­zung nach­über­mit­telt. Dabei fällt die Abwä­gung der ein­zel­nen Ver­ur­sa­chungs­bei­trä­ge in die Zustän­dig­keit des Tatrich­ters.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 6. Mai 2020 – X R 10/​19

  1. so aus­drück­lich BGH, Urteil vom 29.03.1971 – III ZR 98/​69, BGHZ 56, 57, unter II. 1., m.w.N.; BVerwG, Beschlüs­se vom 06.06.2014 – 2 B 75/​13, unter 2.b; und vom 03.11.2014 – 2 B 24/​14, unter 2.; zur Ein­ord­nung des § 254 BGB als Aus­prä­gung des Grund­sat­zes von Treu und Glau­ben in der Fall­grup­pe des Ver­bots des veni­re con­tra fac­tum pro­pri­um vgl. auch BGH, Urteil vom 14.03.1961 – VI ZR 189/​59, BGHZ 34, 355, unter IV.; zur Ein­ord­nung des § 254 BGB als all­ge­mei­ner Rechts­grund­satz, der selbst außer­halb der ver­schul­dens­ab­hän­gi­gen Haf­tung anzu­wen­den ist, vgl. bereits BGH, Urteil vom 25.06.1951 – III ZR 146/​50, BGHZ 2, 355[]
  2. vgl. BFH, Urtei­le vom 26.01.1961 – IV 140/​60, HFR 1961, 109; vom 11.08.1978 – VI R 169/​75, BFHE 125, 508, BStBl II 1978, 683; und vom 30.08.2005 – VII R 61/​04, BFH/​NV 2006, 232[]
  3. BFH, Urteil vom 20.02.2019 – X R 29/​16, BFHE 264, 154, BStBl II 2019, 425, Rz 27 ff.[]
  4. vgl. auch dazu BFH, Urteil in BFHE 264, 154, BStBl II 2019, 425, Rz 30[]