Die feh­ler­haf­te Ver­steue­rung von Bau­leis­tun­gen in der Organ­schaft

In Bezug auf eine beim Organ­trä­ger begrün­de­te Steu­er­schuld hat das Finanz­ge­richt die nach den Akten fest­ste­hen­de Tat­sa­che zu berück­sich­ti­gen, dass die Organ­ge­sell­schaft aus­weis­lich der für sie bestehen­den Steu­er­fest­set­zun­gen von ihr bezo­ge­ne Bau­leis­tun­gen als Leis­tungs­emp­fän­ger nach § 13b UStG unzu­tref­fend ver­steu­ert hat.

Die feh­ler­haf­te Ver­steue­rung von Bau­leis­tun­gen in der Organ­schaft

Ein Ver­stoß gegen den kla­ren Inhalt der Akten und damit gegen § 96 FGO ist dann gege­ben, wenn das Finanz­ge­richt sei­ner Ent­schei­dung einen Sach­ver­halt zugrun­de gelegt hat, der dem schrift­li­chen oder pro­to­kol­lier­ten Vor­brin­gen der Betei­lig­ten nicht ent­spricht, oder wenn es eine nach den Akten klar fest­ste­hen­de Tat­sa­che unbe­rück­sich­tigt gelas­sen hat und die ange­foch­te­ne Ent­schei­dung dar­auf beruht [1]. Nach die­sen Maß­stä­ben lag in dem hier vom vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Fall ein Ver­stoß gegen § 96 Abs. 1 Satz 1 FGO vor:

Das Finanz­ge­richt hat sei­ne Ent­schei­dung, nach der der gemäß § 226 Abs. 1 AO erlas­se­ne Abrech­nungs­be­scheid recht­mä­ßig sei, damit begrün­det, dass die Vor­aus­set­zun­gen für eine Auf­rech­nung mit Ansprü­chen aus dem Steu­er­schuld­ver­hält­nis gemäß § 226 Abs. 1 AO i.V.m. § 387 BGB erfüllt sei­en, da dem Finanz­amt im Zeit­punkt sei­ner Auf­rech­nungs­er­klä­rung gegen die GmbH als Insol­venz­schuld­ne­rin eine fäl­li­ge Gegen­for­de­rung auf­grund der Haf­tung nach § 73 AO zuge­stan­den habe. Hier­zu führ­te das Finanz­ge­richt ledig­lich aus, dass in Bezug auf die Höhe der von der Haf­tung umfass­ten Steu­er­schul­den des K, denen die die­sem gegen­über erlas­se­nen bestands­kräf­ti­gen Beschei­de vom 06.03.2013 zugrun­de lagen, kein Streit bestehe. Damit hat das Finanz­ge­richt eine nach den Akten klar fest­ste­hen­de Tat­sa­che unbe­rück­sich­tigt gelas­sen.

Im Streit­fall erga­ben sich die Steu­er­for­de­run­gen, für die die GmbH nach § 73 AO haf­ten soll, dar­aus, dass die GmbH die umsatz­steu­er­recht­li­chen Kon­se­quen­zen der von ihr aus­ge­führ­ten und bezo­ge­nen Leis­tun­gen zunächst bei sich selbst gezo­gen hat, da sie sich in Ver­ken­nung der Organ­schaft nach § 2 Abs. 2 Nr. 2 UStG selbst als Unter­neh­me­rin ansah und dem ent­spre­chen­de Steu­er­an­mel­dun­gen abge­ge­ben hat­te. Nach Ent­de­ckung der Organ­schaft ent­fie­len die Steu­er­fest­set­zun­gen bei der GmbH und die bis­her bei ihr erfass­ten Besteue­rungs­grund­la­gen wur­den durch geän­der­te Beschei­de beim Organ­trä­ger K erfasst.

In Bezug auf die so beim Organ­trä­ger begrün­de­te Steu­er­schuld hat das Finanz­ge­richt, nach des­sen Urteil es sich bei der GmbH um einen Bau­be­treu­er und Bau­trä­ger han­del­te, nicht die nach den Akten fest­ste­hen­de Tat­sa­che berück­sich­tigt, dass die GmbH (Organ­ge­sell­schaft) aus­weis­lich der für sie bestehen­den Steu­er­fest­set­zun­gen von ihr bezo­ge­ne Bau­leis­tun­gen als Leis­tungs­emp­fän­ge­rin nach § 13b UStG ver­steu­ert hat­te. Auf­grund der Erfas­sung der bei der GmbH ver­wirk­lich­ten Besteue­rungs­grund­la­gen beim Organ­trä­ger K erfolg­te die­se Ver­steue­rung nun­mehr bei K.

Die Ent­schei­dung des Finanz­ge­richt beruht auf der unbe­rück­sich­tigt geblie­be­nen Tat­sa­che. Denn nach der Recht­spre­chung des BFH ist der Bau­trä­ger beim Bezug von Bau­leis­tun­gen nicht Steu­er­schuld­ner als Leis­tungs­emp­fän­ger nach § 13b UStG [2]. Der Leis­tungs­emp­fän­ger ist berech­tigt, die Rechts­wid­rig­keit einer gleich­wohl erfolg­ten Besteue­rung gel­tend zu machen [3].

Der Klä­ger hat den Ver­fah­rens­man­gel auch hin­rei­chend bezeich­net. Er hat i.S. von § 120 Abs. 3 Nr. 2 Buchst. b FGO mit der inner­halb der Revi­si­ons­be­grün­dungs­frist ein­ge­reich­ten Revi­si­ons­be­grün­dung die Tat­sa­chen bezeich­net, aus denen sich ergibt, dass das Gesetz in Bezug auf das Ver­fah­ren ver­letzt wor­den sei. Dass er dabei den Begriff des Ver­fah­rens­feh­lers nicht aus­drück­lich ver­wen­det hat, ist dabei unbe­acht­lich, da sei­ne Revi­si­on ent­spre­chend § 133 BGB rechts­schutz­ge­wäh­rend aus­zu­le­gen ist [4].

Die Sache ist nicht spruch­reif. Das Finanz­ge­richt hat in einem zwei­ten Rechts­gang wei­te­re Fest­stel­lun­gen zum Bezug von Bau­leis­tun­gen durch die GmbH und zur Fra­ge der Anwen­dung von § 13b UStG auf die­se Bau­leis­tun­gen unter Beach­tung der Bun­des­fi­nanz­hofs­recht­spre­chung [5] zu tref­fen.

Soweit danach noch vom Bestand einer dem Finanz­amt zuste­hen­den Gegen­for­de­rung aus­zu­ge­hen sein soll­te, weist der Bun­des­fi­nanz­hof vor­sorg­lich auf Fol­gen­des hin:

Die Organ­ge­sell­schaft haf­tet gemäß § 73 Satz 1 AO für sol­che Steu­ern des Organ­trä­gers, für wel­che die Organ­schaft zwi­schen ihnen steu­er­recht­lich von Bedeu­tung ist. Das Bestehen der Haf­tungs­an­sprü­che setzt nur das Bestehen einer steu­er­recht­lich bedeut­sa­men Organ­schaft sowie das Ent­ste­hen einer Steu­er zulas­ten des Organ­trä­gers vor­aus [6]. Dabei besteht kei­ne Bin­dung an die gegen­über K ergan­ge­nen Steu­er­be­schei­de [7]. Für eine Anwen­dung von § 166 AO bestehen kei­ne Anhalts­punk­te.

Zudem kann das Finanz­amt nach der Recht­spre­chung des BFH in einem Insol­venz­ver­fah­ren mit Haf­tungs­for­de­run­gen auf­rech­nen, die vor der Eröff­nung des Ver­fah­rens ent­stan­den sind, ohne dass es des vor­he­ri­gen Erlas­ses eines Haf­tungs­be­schei­des, der Fest­stel­lung der Haf­tungs­for­de­rung oder ihrer Anmel­dung zur Tabel­le bedarf [8].

Ein Ver­stoß gegen § 96 Abs. 1 Nr. 1 InsO ist nicht ersicht­lich. Die vom Klä­ger für sei­ne Rechts­auf­fas­sung ange­führ­te BFH-Recht­spre­chung bejaht die Zuläs­sig­keit der Auf­rech­nung, wie der BFH mit Urteil vom 15.10.2019 [9] aus­drück­lich ent­schie­den hat.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 27. Febru­ar 2020 – V R 28/​19

  1. z.B. BFH, Urtei­le vom 30.07.2003 – X R 7/​99, BFHE 204, 419, BStBl II 2004, 408; und vom 11.03.2015 – I R 16/​13, BFH/​NV 2015, 1273[]
  2. vgl. hier­zu z.B. BFH, Urteil vom 22.08.2013 – V R 37/​10, BFHE 243, 20, BStBl II 2014, 128[]
  3. BFH, Urteil vom 27.09.2018 – V R 49/​17, BFHE 262, 571, BStBl II 2019, 109[]
  4. BFH, Urteil vom 05.06.2014 – V R 50/​13, BFHE 245, 439, BStBl II 2014, 813, Leit­satz 1[]
  5. BFH, Urtei­le in BFHE 243, 20, BStBl II 2014, 128, und in BFHE 262, 571, BStBl II 2019, 109[]
  6. vgl. BFH, Urteil vom 10.05.2007 – VII R 18/​05, BFHE 217, 216, BStBl II 2007, 914[]
  7. vgl. hier­zu z.B. Boe­ker in Hübschmann/​Hepp/​Spitaler, § 73 AO Rz 24 und § 191 AO Rz 92[]
  8. BFH, Urteil in BFHE 217, 216, BStBl II 2007, 914, Leit­satz 2[]
  9. BFH, Urteil vom 15.10.2019 – VII R 31/​17, BFHE 266, 121[]