Der in der Haupt­ver­hand­lung als Zeu­ge ver­nom­me­ne Staats­an­walt

Dass ein Staats­an­walt umfas­send den Schluss­vor­trag gehal­ten und in die­sem Rah­men das Beweis­ergeb­nis gewür­digt hat, obwohl er zuvor von der Straf­kam­mer als Zeu­ge zur staats­an­walt­schaft­li­chen Ver­neh­mung zwei­er Zeu­gen ver­nom­men wor­den war, ver­letzt § 22 Nr. 5 ana­log, § 258 Abs. 1 StPO (§ 337 Abs. 2 StPO). Ein sol­ches Vor­ge­hen der Staats­an­walt­schaft ist mit der Stel­lung des Staats­an­walts im Straf­ver­fah­ren unver­ein­bar und des­halb unzu­läs­sig.

Der in der Haupt­ver­hand­lung als Zeu­ge ver­nom­me­ne Staats­an­walt

Nach der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ist ein Staats­an­walt, der in der Haupt­ver­hand­lung als Zeu­ge ver­nom­men wor­den ist, inso­weit an der wei­te­ren Wahr­neh­mung der Auf­ga­ben als Sit­zungs­ver­tre­ter der Staats­an­walt­schaft in der Haupt­ver­hand­lung gehin­dert, als zwi­schen dem Gegen­stand sei­ner Zeu­gen­aus­sa­ge und der nach­fol­gen­den Mit­wir­kung an der Haupt­ver­hand­lung ein unlös­ba­rer Zusam­men­hang besteht 1. Nimmt der Staats­an­walt im Rah­men der wei­te­ren Sit­zungs­ver­tre­tung eine Wür­di­gung sei­ner eige­nen Zeu­gen­aus­sa­ge vor oder bezieht sich sei­ne Mit­wir­kung auf einen Gegen­stand, der mit sei­ner Aus­sa­ge in einem untrenn­ba­ren Zusam­men­hang steht und einer geson­der­ten Bewer­tung nicht zugäng­lich ist, liegt ein rela­ti­ver Revi­si­ons­grund nach § 337 StPO vor 2, der zur Auf­he­bung des Urteils führt, wenn nicht aus­ge­schlos­sen wer­den kann, dass das Urteil hier­auf beruht 3.

Nach Maß­ga­be der vor­ge­nann­ten Recht­spre­chung war Staats­an­walt S. im hier ent­schie­de­nen Fall aus Rechts­grün­den gehin­dert, den Schluss­vor­trag umfas­send zu hal­ten und das Beweis­ergeb­nis zu wür­di­gen, soweit die­ses mit den durch sei­ne eige­ne Aus­sa­ge ein­ge­führ­ten Aus­sa­gen der Zeu­gen He. und H. in Zusam­men­hang stand.

Die Aus­sa­ge von Staats­an­walt S. vor der Straf­kam­mer war aus­weis­lich der Urteils­grün­de gera­de nicht dar­auf beschränkt, über Fra­gen der Ver­fah­rens­ge­stal­tung oder sons­ti­ge Umstän­de Aus­kunft zu geben, die in kei­nem unlös­ba­ren Zusam­men­hang mit dem maß­geb­li­chen Tat­ge­sche­hen ste­hen und daher Gegen­stand einer geson­der­ten Betrach­tung und Wür­di­gung sein kön­nen. Viel­mehr betraf die Zeu­gen­aus­sa­ge von Staats­an­walt S. in der Haupt­ver­hand­lung den Inhalt von Anga­ben, die die maß­geb­li­chen Belas­tungs­zeu­gen in frü­he­ren Ver­neh­mun­gen zu den hier ver­fah­rens­ge­gen­ständ­li­chen Taten des Ange­klag­ten gemacht hat­ten. Die­se Anga­ben der Zeu­gen He. und H. waren aus­weis­lich der Urteils­grün­de für die Beur­tei­lung der Glaub­haf­tig­keit der Aus­sa­gen, die unter ande­rem auf eine Kon­stanz­ana­ly­se gestützt war, wesent­lich und damit für die Über­zeu­gungs­bil­dung des Land­ge­richts von Bedeu­tung.

Staats­an­walt S. hät­te somit zwar auch nach sei­ner Zeu­gen­ver­neh­mung wei­ter als Sit­zungs­ver­tre­ter am Ver­fah­ren teil­neh­men kön­nen, er hät­te aber im wei­te­ren Ver­lauf der Ver­hand­lung und vor allem im Schluss­vor­trag zum Ergeb­nis der Beweis­auf­nah­me inso­weit nicht Stel­lung neh­men dür­fen, als er dabei auch sei­ne eige­ne Aus­sa­ge zu wür­di­gen hat­te 4. Dass Staats­an­walt S. , wie sich aus dem von der Staats­an­walt­schaft unwi­der­spro­che­nen Revi­si­ons­vor­trag zum Ver­fah­rens­ge­sche­hen ergibt, umfas­send den Schluss­vor­trag gehal­ten und dabei die in der Haupt­ver­hand­lung erho­be­nen Bewei­se erör­tert und bewer­tet, mit­hin auch zumin­dest kon­klu­dent die eige­ne Aus­sa­ge gewür­digt hat 5, ist damit ver­fah­rens­feh­ler­haft im Sin­ne des § 337 StPO.

Der Bun­des­ge­richts­hof konn­te vor­lie­gend nicht aus­schlie­ßen, dass die Ver­ur­tei­lung des Ange­klag­ten auf dem auf­ge­zeig­ten Ver­fah­rens­feh­ler beruht. Für den Tat­nach­weis waren die Anga­ben der Zeu­gen He. und H. und deren Glaub­haf­tig­keit von aus­schlag­ge­ben­der Bedeu­tung. Dass die Aus­füh­run­gen des Staats­an­walts S. des Zeu­gen He. zur Beweis­wür­di­gung – auch die­je­ni­gen, die die Aus­sa­gen und H. betra­fen, die Gegen­stand sei­ner eige­nen Aus­sa­ge waren – Ein­fluss auf die Über­zeu­gungs­bil­dung des Gerichts gehabt haben, ist jeden­falls nicht aus­zu­schlie­ßen, nach­dem sich das Land­ge­richt im Rah­men sei­ner Wür­di­gung ein­ge­hend mit der Kon­stanz der Aus­sa­gen der bei­den Zeu­gen aus­ein­an­der gesetzt und dabei auch die Anga­ben der Zeu­gen in den staats­an­walt­schaft­li­chen Ver­neh­mun­gen her­an­ge­zo­gen hat, die allein durch die Aus­sa­ge des Sit­zungs­ver­tre­ters der Staats­an­walt­schaft in die Haupt­ver­hand­lung ein­ge­führt und von die­sem im Schluss­vor­trag gewür­digt wur­den.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 19. Sep­tem­ber 2019 – 1 StR 235/​19

  1. BGH, Beschlüs­se vom 31.07.2018 – 1 StR 382/​17 Rn. 12; und vom 14.02.2018 – 4 StR 550/​17; Urtei­le vom 19.10.1982 – 5 StR 408/​82 Rn. 6; und vom 13.07.1966 – 2 StR 157/​66 Rn.20, BGHSt 21, 85, 89 f.[]
  2. Beschlüs­se vom 31.07.2018 – 1 StR 382/​17 Rn. 12; und vom 14.02.2018 – 4 StR 550/​17; Urteil vom 03.05.1960 – 1 StR 155/​60 Rn. 7, BGHSt 14, 265[]
  3. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 31.07.2018 – 1 StR 382/​17 Rn. 12; und vom 14.02.2018 – 4 StR 550/​17; Urtei­le vom 15.04.1987 – 2 StR 697/​86 Rn. 24, BGHSt 34, 352; und vom 03.05.1960 – 1 StR 155/​60 Rn. 7, BGHSt 14, 265[]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 21.12 1988 – 2 StR 377/​88 Rn. 6; Beschluss vom 07.12 2000 – 3 StR 382/​00 Rn. 3[]
  5. vgl. BGH, Beschluss vom 31.07.2018 – 1 StR 382/​17 Rn. 10[]