Schmer­zens­geld und Pro­zess­kos­ten­hil­fe

Schmer­zens­geld ist im Rah­men der Pro­zess­kos­ten­hil­fe grund­sätz­lich nicht als Ver­mö­gen ein­zu­set­zen.

Schmer­zens­geld und Pro­zess­kos­ten­hil­fe

Mit die­ser Begrün­dung bewil­lig­te das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt nun einem Klä­ger Pro­zess­kos­ten­hil­fe, obwohl die­ser über ein nicht unbe­trächt­li­ches Bank­gut­ha­ben von ca. 97 000 € ver­füg­te, das nach sei­nen Anga­ben wie auch den zwi­schen den Betei­lig­ten nicht im Streit ste­hen­den Fest­stel­lun­gen der Vor­in­stan­zen aus einer Schmer­zens­geld­zah­lung wegen eines ärzt­li­chen Behand­lungs­feh­lers stammt.

Der Ein­satz die­ses Ver­mö­gens ist dem Klä­ger aber nicht zumut­bar (§ 115 Abs. 3 Satz 1 ZPO), weil dies für ihn eine Här­te bedeu­ten wür­de (§ 115 Abs. 3 Satz 2 ZPO i.V.m. § 90 Abs. 3 Satz 1 SGB XII ent­spre­chend).

Die einen Här­te­fall begrün­den­de Aty­pik der Fall­ge­stal­tung ergibt sich dar­aus, dass der Ein­satz des Schmer­zens­gel­des im Rah­men der Pro­zess­kos­ten­hil­fe sei­ner beson­de­ren Zweck­set­zung zuwi­der lie­fe; das Schmer­zens­geld stün­de dem Betrof­fe­nen nicht mehr zu den Zwe­cken zur Ver­fü­gung, für die es bestimmt ist 1. Nach dem Bür­ger­li­chen Gesetz­buch (§ 253 Abs. 2 BGB) han­delt es sich bei dem Schmer­zens­geld um eine Geld­leis­tung zur Abde­ckung eines imma­te­ri­el­len Scha­dens. Es dient vor allem dem Aus­gleich erlit­te­ner oder andau­ern­der Beein­träch­ti­gun­gen der kör­per­li­chen und see­li­schen Inte­gri­tät, ins­be­son­de­re auch dem Aus­gleich von Erschwer­nis­sen, Nach­tei­len und Lei­den, die über den Scha­dens­fall hin­aus anhal­ten und die durch die mate­ri­el­le Scha­dens­er­satz­leis­tung nicht abge­deckt sind, und trägt zugleich dem Gedan­ken Rech­nung, dass der Schä­di­ger dem Geschä­dig­ten für das, was er ihm ange­tan hat, Genug­tu­ung schul­det 2. Der Aus­gleichs­funk­ti­on des Schmer­zens­gel­des ent­spricht es, dass das Leben des Geschä­dig­ten dadurch in gewis­sem Umfang erleich­tert wer­den soll. Dies alles ist aber nur gewähr­leis­tet, wenn der Geschä­dig­te das Schmer­zens­geld zur frei­en Ver­fü­gung behält und nicht für Pro­zess­kos­ten oder sei­nen not­wen­di­gen Lebens­un­ter­halt auf­wen­den muss 3. Schmer­zens­geld ist des­halb im Rah­men der Pro­zess­kos­ten­hil­fe regel­mä­ßig nicht als Ver­mö­gen ein­zu­set­zen 4.

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt folgt aus­drück­lich nicht der hier­von abwei­chen­den Auf­fas­sung, bei hohen Schmer­zens­geld­zah­lun­gen und gerin­gem Streit­wert kön­ne der teil­wei­se Ein­satz zumut­bar sein, wenn der Par­tei der wesent­li­che Teil des Schmer­zens­gel­des ver­blie­be bzw. die Funk­ti­on des Schmer­zens­gel­des nicht wesent­lich beein­träch­tigt wer­de 5. Das Schmer­zens­geld ist näm­lich – um zur Errei­chung der mit ihm ver­folg­ten Zwe­cke wei­ter­hin zur Ver­fü­gung zu ste­hen – nicht nur mit einem bestimm­ten Anteil, son­dern in sei­ner gan­zen noch vor­han­de­nen Höhe geschützt. Weil sei­ne Höhe von der Schwe­re der Schä­di­gung und dem Gewicht des erlit­te­nen Unrechts abhängt, ist es nicht gerecht­fer­tigt, die freie Ver­füg­bar­keit des zu deren Aus­gleich und Genug­tu­ung erhal­te­nen Schmer­zens­gel­des in Tei­len ein­zu­schrän­ken 6.

Dem­ge­gen­über bedarf es hier im Rah­men der Bewil­li­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe kei­ner Ent­schei­dung dar­über, ob Zins­ein­nah­men aus ange­leg­tem Schmer­zens­geld als Ein­kom­men im Sin­ne von § 115 Abs. 1 Satz 1 und 2 ZPO ein­zu­set­zen sind. Auch wenn die dies­be­züg­li­chen Zins­ein­künf­te des Klä­gers, die er mit monat­lich ca. 135 € ange­ge­ben hat, als Ein­kom­men berück­sich­tigt wer­den, liegt sein nach den Abzü­gen ver­blei­ben­des und ins­ge­samt ein­zu­set­zen­des Ein­kom­men unter 15 €, so dass dem Klä­ger Pro­zess­kos­ten­hil­fe ohne Raten­zah­lun­gen zu bewil­li­gen ist (vgl. § 115 Abs. 2 ZPO).

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 26. Mai 2011 -5 B 26.11

  1. BVerwG, Urteil vom 18.05.1995 – 5 C 22.93, BVerw­GE 98, 256, 258 f. zur sozi­al­hil­fe­recht­li­chen Frei­stel­lung des Schmer­zens­gel­des durch die Här­te­fall­re­ge­lung des § 88 Abs. 3 BSHG[]
  2. BVerfG, Beschluss vom 11.07.2006 – 1 BvR 293/​05, BVerfGE 116, 229, 240 m.w.N.[]
  3. BGH, Beschluss vom 10.01.2006 – VI ZB 26/​05, VersR 2006, 673 f.[]
  4. so auch OLG Köln, Beschluss vom 08.11.1993 – 27 W 20/​93, Fam­RZ 1994, 1127; OLG Koblenz, Beschluss vom 10.02.1999 – 12 W 64/​99, NJW-RR 1999, 1228; OLG Stutt­gart, Beschluss vom 18.06.2007 – 18 WF 112/​07, Fam­RZ 2007, 1661; Gei­mer, in: Zöl­ler, ZPO, 28. Aufl., Stand 2010, § 115 Rn. 61 jeweils m.w.N.[]
  5. so OLG Hamm, Beschluss vom 16.06.1987 – 10 WF 278/​87, Fam­RZ 1987, 1283; OLG Jena, Beschluss vom 29.02.2000 – 4 W 81/​00, OLGR Jena 2000, 185; vgl. auch OLG Zwei­brü­cken, Beschluss vom 30.12. 1998 – 2 WF 139/​97, Fam­RZ 1998, 758 f.; OLG Karls­ru­he, Beschluss vom 05.03.2010 – 14 W 85/​09, VersR 2011, 88 f.; offen­las­send LSG Mün­chen, Beschluss vom 30.09. 2008 – L 13 B 657/​08 R[]
  6. BVerwG, Urteil vom 18.05.1995 a.a.O., 260[]