Inter­es­sen­kon­flikt bei der Ver­samm­lungs­lei­tung in der Gesell­schaf­ter­ver­samm­lung

Ein sat­zungs­ge­mäß zum Ver­samm­lungs­lei­ter in den Gesell­schaf­ter­ver­samm­lun­gen einer GmbH beru­fe­ner Gesell­schaf­ter unter­liegt bei der Abstim­mung über den Antrag, ihm die Ver­samm­lungs­lei­tung im Hin­blick auf einen Inter­es­sen­kon­flikt bei ein­zel­nen Gegen­stän­den der Tages­ord­nung zu ent­zie­hen, kei­nem Stimm­ver­bot nach § 47 Abs. 4 GmbHG im Hin­blick auf die­sen Inter­es­sen­kon­flikt.

Inter­es­sen­kon­flikt bei der Ver­samm­lungs­lei­tung in der Gesell­schaf­ter­ver­samm­lung

In dem jetzt vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall war der Ver­samm­lungs­lei­ter – ein Gesell­schaf­ter und Geschäfts­füh­rer der GmbH – in Bezug auf die ers­ten drei Tages­ord­nungs­punk­te vom Stimm­recht aus­ge­schlos­sen: Nach dem Rechts­ge­dan­ken des § 47 Abs. 4 GmbHG ist es einem Gesell­schaf­ter ver­wehrt, als Rich­ter in eige­ner Sache abzu­stim­men. Das gilt sowohl für die Ein­zie­hung des Geschäfts­an­teils aus einem in der Per­son des Gesell­schaf­ters lie­gen­den wich­ti­gen Grund [1] als auch für sei­ne Abbe­ru­fung als Geschäfts­füh­rer aus wich­ti­gem Grund [2] und die außer­or­dent­li­che Kün­di­gung sei­nes Geschäfts­füh­rer-Anstel­lungs­ver­tra­ges [3]. Die­se ange­kün­dig­ten Beschlüs­se soll­ten jeweils wegen eines in der Per­son des Ver­samm­lungs­lei­ters lie­gen­den wich­ti­gen Grun­des gefasst wer­den.

Aus die­sem Inter­es­sen­kon­flikt ergibt sich für den Bun­des­ge­richts­hof jedoch nicht die Berech­ti­gung der Gesell­schaf­ter­ver­samm­lung, den nach dem Inhalt der Sat­zung zum Ver­samm­lungs­lei­ter Beru­fe­nen gegen des­sen Stim­men aus die­sem Amt abzu­wäh­len. Dabei kommt es, so der Bun­des­ge­richts­hof, nicht dar­auf an, unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen und mit wel­cher Stim­men­mehr­heit ein sat­zungs­mä­ßig bestimm­ter Ver­samm­lungs­lei­ter aus sei­nem Amt abbe­ru­fen wer­den kann [4]. Denn der Beschluss über die Abwahl des Ver­samm­lungs­lei­ters ist weder mit der sat­zungs­än­dern­den Drei­vier­tel-Mehr­heit des § 53 Abs. 2 GmbHG noch mit ein­fa­cher Mehr­heit gefasst wor­den. Der (abzu­wäh­len­de) Ver­samm­lungs­lei­ter unter­lag bei die­ser Abstim­mung kei­nem Stimm­ver­bot. Des­halb konn­te die Mit­ge­sell­schaf­te­rin mit ihrem nur hälf­ti­gen Stimm­an­teil kei­nen ent­spre­chen­den Beschluss her­bei­füh­ren.

Der Ver­samm­lungs­lei­ter, der zugleich Gesell­schaf­ter ist, hat grund­sätz­lich das Recht, bei der Ent­schei­dung über sei­ne Abwahl aus Anlass eines ihn betref­fen­den Inter­es­sen­kon­flikts in Bezug auf den Gegen­stand der Tages­ord­nung mit­zu­stim­men [5]. Weder nach § 47 Abs. 4 GmbHG noch aus dem dar­in zum Aus­druck kom­men­den Rechts­ge­dan­ken, nie­mand sol­le als Rich­ter in eige­ner Sache tätig sein, besteht inso­weit ein Stimm­ver­bot. Vor­aus­set­zung für ein Stimm­ver­bot ist, dass auf­grund eines bestimm­ten Inter­es­sen­kon­flikts typi­scher­wei­se damit zu rech­nen ist, der Gesell­schaf­ter wer­de sich bei der Abstim­mung von sei­nen eige­nen Inter­es­sen lei­ten las­sen und die Inter­es­sen der Gesell­schaft – hier in Form des Inter­es­ses an einer kor­rek­ten und geset­zes­kon­for­men Ver­hand­lungs­lei­tung und Beschluss­fest­stel­lung – hint­an­stel­len [6]. Davon kann nicht ohne wei­te­res aus­ge­gan­gen wer­den, wenn es um die Fra­ge geht, ob der Ver­samm­lungs­lei­ter wegen eines in Bezug auf einen Tages­ord­nungs­punkt bestehen­den Inter­es­sen­kon­flikts abbe­ru­fen wer­den soll. Der Ver­samm­lungs­lei­ter hat zwar Ein­fluss auf den Gang der Ver­samm­lung. Er kann aber weder Beschluss­ge­gen­stän­de von der Tages­ord­nung abset­zen, noch die Ver­samm­lung ver­ta­gen [7]. Ist ihm – wie regel­mä­ßig so auch hier – die Fest­stel­lung des Ergeb­nis­ses der Abstim­mun­gen über­tra­gen, hat er zwar nicht nur die Stim­men zu zäh­len, son­dern auch – vor­läu­fig – zu ent­schei­den, ob ein­zel­ne Stim­men wegen eines Stimm­ver­bots nicht zu berück­sich­ti­gen sind; das von ihm fest­ge­stell­te Beschluss­ergeb­nis ist vor­läu­fig ver­bind­lich und kann – außer bei Nich­tig­keit – nur durch eine Anfech­tungs­kla­ge besei­tigt wer­den [8]. Bei die­ser Fest­stel­lung hat der Ver­samm­lungs­lei­ter jedoch kein Ermes­sen, son­dern muss die gesetz­li­chen Regeln des § 47 GmbHG ein­hal­ten.
Für ein grund­sätz­li­ches Stimm­recht bei der Abstim­mung über die Abwahl als Ver­samm­lungs­lei­ters spre­chen auch prak­ti­sche Erwä­gun­gen. Ob ein Stimm­ver­bot in Bezug auf einen Tages­ord­nungs­punkt besteht, kann im Ein­zel­fall umstrit­ten sein. Wür­de man die­ses Stimm­ver­bot auf die Abwahl als Ver­samm­lungs­lei­ter erstre­cken, könn­te es – wie auch im vor­lie­gen­den Fall – zu einer Patt­si­tua­ti­on kom­men. Der sat­zungs­mä­ßig beru­fe­ne Ver­samm­lungs­lei­ter hält sich wei­ter für zustän­dig. Die Gegen­sei­te prä­sen­tiert einen ande­ren Ver­samm­lungs­lei­ter. Es kommt zu par­al­le­len Gesell­schaf­ter­ver­samm­lun­gen. Der­ar­ti­ge Schwie­rig­kei­ten gilt es – soweit mög­lich – zu ver­mei­den.

Die übri­gen Gesell­schaf­ter wer­den durch die im Ein­zel­fall bestehen­de Mög­lich­keit, dass der Ver­samm­lungs­lei­ter sein Amt nicht ord­nungs­ge­mäß aus­übt, nicht unzu­mut­bar belas­tet. Ver­letzt der Ver­samm­lungs­lei­ter grund­le­gen­de Regeln, kann er wegen die­ses Ver­hal­tens aus wich­ti­gem Grund abbe­ru­fen wer­den. Im Übri­gen kön­nen die Gesell­schaf­ter die Wirk­sam­keit der von dem Ver­samm­lungs­lei­ter fest­ge­stell­ten Beschlüs­se mit der Anfech­tungs- und Nich­tig­keits­kla­ge nach­prü­fen las­sen.

Die Annah­me, ein zu einem Stimm­ver­bot füh­ren­der Inter­es­sen­kon­flikt hin­sicht­lich eines Gegen­stands der Tages­ord­nung begrün­de noch kein Stimm­ver­bot bei der Abstim­mung über die Ver­samm­lungs­lei­tung, steht nicht im Wider­spruch zu dem BGH-Urteil vom 29. März 1973 [9]. Dar­in hat der Bun­des­ge­richts­hof ein in Bezug auf einen Tages­ord­nungs­punkt bestehen­des Stimm­ver­bot nach § 47 Abs. 4 Satz 2 Alt. 1 GmbHG auch auf die Ent­schei­dung erstreckt, ob der Punkt von der Tages­ord­nung abge­setzt wer­den soll. Dem lag eine Fall­ge­stal­tung zugrun­de, in der der Mehr­heits­ge­sell­schaf­ter ein Inter­es­se dar­an hat­te, dass ein Ver­trag zwi­schen der Gesell­schaft und einem von ihm abhän­gi­gen Unter­neh­men nicht in der Gesell­schaf­ter­ver­samm­lung erör­tert wur­de. Der BGH hat sich dabei von dem Gedan­ken lei­ten las­sen, dass der Gesell­schaf­ter, wenn er über den Geschäfts­ord­nungs­an­trag abstimmt, eben­so befan­gen ist wie bei einer Abstim­mung über die Haupt­sa­che. Das ist – wie dar­ge­legt – bei einer Abstim­mung über die Per­son des Ver­samm­lungs­lei­ters im Regel­fall anders.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 21. Juni 2010 – II ZR 230/​08

  1. Bay­er in Lutter/​Hom­mel­hoff, GmbHG 17. Aufl. § 47 Rn. 40; Scholz/​K. Schmidt, GmbHG 10. Aufl. § 47 Rn. 138; eben­so für die Aus­schlie­ßung BGHZ 9, 157, 178; offen gelas­sen von BGH, Urteil vom 20.12.1976 – II ZR 115/​75, WM 1977, 192[]
  2. BGHZ 86, 178 f.[]
  3. BGH, Urteil vom 27.10.1986 – II ZR 74/​85, NJW 1987, 1889[]
  4. für eine Abbe­ru­fung nur durch Sat­zungs­än­de­rung oder sat­zungs­durch­bre­chen­den Gesell­schaf­ter­be­schluss Hüffer in Ulmer/​Habersack/​Win­ter, GmbHG § 48 Rn. 31; Böttcher/​Grewe, NZG 2002, 1086, 1090; für eine Abbe­ru­fung mit ein­fa­cher Mehr­heit bei Vor­lie­gen eines wich­ti­gen Grun­des dage­gen Bay­er aaO § 48 Rn. 15; eben­so für die AG Großkomm.AktG/Mülbert 4. Aufl. vor §§ 118–147 Rn. 83[]
  5. Wer­ner, GmbHR 2006, 127, 129; a.A. Hoffmann/​Köster, GmbHR 2003, 1327, 1332; Zöll­ner in Baumbach/​Hueck, GmbHG 19. Aufl. Anh. § 47 Rn. 120, die sogar einen auto­ma­ti­schen Aus­schluss vom Amt des Ver­samm­lungs­lei­ters anneh­men[]
  6. Hüffer aaO § 47 Rn. 122[]
  7. Scholz/​K. Schmidt/​Seibt aaO § 48 Rn. 36[]
  8. BGHZ 104, 66, 69; BGH, Urteil vom 11.02.2008 – II ZR 187/​06, ZIP 2008, 757[]
  9. BGH, Urteil vom 29.03.1973 – II ZR 139/​70, NJW 1973, 1039[]