Werk­lohn­an­spruch des Sub­un­ter­neh­mers bei Ver­trags­stra­fean­sprü­chen des Auf­trag­ge­bers

Ein Haupt­un­ter­neh­mer ist nicht berech­tigt, die Zah­lung des dem Nach­un­ter­neh­mer zuste­hen­den Werk­lohns so lan­ge zu ver­wei­gern, bis in einem Rechts­streit zwi­schen ihm und sei­nem Auf­trag­ge­ber geklärt ist, ob der Auf­trag­ge­ber gegen den Werk­lohn­an­spruch des Haupt­un­ter­neh­mers zu Recht mit einer von die­sem bestrit­te­nen Ver­trags­stra­fe auf­rech­net, die der Auf­trag­ge­ber wegen einer Ver­zö­ge­rung der Nach­un­ter­neh­mer­leis­tung gel­tend macht.

Werk­lohn­an­spruch des Sub­un­ter­neh­mers bei Ver­trags­stra­fean­sprü­chen des Auf­trag­ge­bers

Damit beur­teilt der Bun­des­ge­richs­hof im Bereich der VOB/​B-Ver­trä­ge die Ansicht als rechts­ir­rig, der Aus­gleich des hier gel­tend gemach­ten Ver­zö­ge­rungs­scha­dens durch Gewäh­rung eines Zurück­be­hal­tungs­rechts gegen­über der Werk­lohn­for­de­rung der Klä­ge­rin sei auch vom Schutz­zweck der haf­tungs­be­grün­den­den Norm, näm­lich der weit­ge­hend mit der gesetz­li­chen Rege­lung über­ein­stim­men­den ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­rung der Ersatz­pflicht für ver­zugs­be­ding­te Schä­den nach § 5 Nr. 4 VOB/​B i.V.m. § 6 Nr. 6 Satz 1 VOB/​B (Aus­ga­be 2002), umfasst.

Es ent­spricht ganz über­wie­gen­der Auf­fas­sung und der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­ho­fes, dass die Scha­dens­er­satz­pflicht durch den Schutz­zweck der Norm begrenzt wird. Eine Haf­tung besteht nur für die­je­ni­gen äqui­va­len­ten und adäqua­ten Scha­dens­fol­gen, die aus dem Bereich der Gefah­ren stam­men, zu deren Abwen­dung die ver­letz­te Norm erlas­sen oder die ver­letz­te Ver­trags­pflicht über­nom­men wur­de 1. Der gel­tend gemach­te Scha­den muss in einem inne­ren Zusam­men­hang mit der durch den Schä­di­ger geschaf­fe­nen Gefah­ren­la­ge ste­hen. Das kann auch der Fall sein, wenn der Scha­den durch eine ver­trags­wid­ri­ge Hand­lung eines Drit­ten ent­steht 2. Ein "äußer­li­cher", gleich­sam "zufäl­li­ger" Zusam­men­hang genügt dage­gen nicht. Ins­be­son­de­re ist Zweck ver­trag­li­cher Haf­tung nicht, den Geschä­dig­ten von sei­nem all­ge­mei­nen Lebens­ri­si­ko zu ent­las­ten 3. Inso­weit ist eine wer­ten­de Betrach­tung gebo­ten 4.

Hier­nach ist es nicht gerecht­fer­tigt, die ein­ge­tre­te­ne Ver­zö­ge­rung bei der Durch­set­zung des Werk­lohn­an­spruchs des Haupt­un­ter­neh­mers gegen den Auf­trag­ge­ber der Fer­tig­stel­lungs­ver­zö­ge­rung des Nach­un­ter­neh­mers zuzu­rech­nen und ihn hier­für haf­ten zu las­sen. Die frist­ge­rech­te Erstel­lung des Wer­kes eines Nach­un­ter­neh­mers soll dem Haupt­neh­mer aller­dings ermög­li­chen, sei­ne gegen­über sei­nem Bestel­ler bestehen­den Ver­trags­pflich­ten ord­nungs­ge­mäß, ins­be­son­de­re eben­falls frist­ge­recht zu erfül­len. Damit die­nen die ent­spre­chen­den ver­trag­li­chen Pflich­ten des Nach­un­ter­neh­mers auch dem Zweck zu ver­mei­den, dass der Bestel­ler den Haupt­un­ter­neh­mer wegen einer Ver­zö­ge­rung in Anspruch neh­men kann, etwa auf Zah­lung einer Ver­trags­stra­fe.

Nach dem Vor­trag der Sub­un­ter­neh­mers besteht im hier ent­schie­de­nen Fall der von der Auf­trag­ge­be­rin rekla­mier­te Anspruch auf Zah­lung einer Ver­trags­stra­fe jedoch nicht, so dass ihr Werk­lohn­an­spruch nicht wirk­sam durch Auf­rech­nung ver­min­dert wor­den ist und noch durch­ge­setzt wer­den kann. Ein Risi­ko, Ansprü­che gegen den Bestel­ler erst mit gericht­li­cher Hil­fe durch­set­zen zu kön­nen, trifft prin­zi­pi­ell jeden Unter­neh­mer. Es ist grund­sätz­lich sei­nem all­ge­mei­nen Lebens­ri­si­ko zuzu­rech­nen. Dar­an ändert sich nichts, wenn das Ver­hal­ten des Bestel­lers erst oder auch durch eine Pflicht­ver­let­zung des Nach­un­ter­neh­mers her­vor­ge­ru­fen wor­den ist. Denn Grund­la­ge des Streits um die unbe­rech­tig­te Ver­wei­ge­rung der Zah­lung des Werk­lohns ist immer das Ver­trags­ver­hält­nis zwi­schen dem Haupt­un­ter­neh­mer und sei­nem Bestel­ler, hier also zwi­schen dem Haupt­un­ter­neh­mer und der Bestel­le­rin. Belas­tun­gen, die sich aus Schwie­rig­kei­ten bei der Durch­set­zung berech­tig­ter Ansprü­che aus die­sem Ver­trags­ver­hält­nis erge­ben, sind von den jeweils betrof­fe­nen Ver­trags­part­nern zu tra­gen. Es ist nicht gerecht­fer­tigt, sie auf den Nach­un­ter­neh­mer abzu­wäl­zen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 6. Sep­tem­ber 2012 – VII ZR 72/​10

  1. vgl. BGH, Urtei­le vom 22.05.2012 – VI ZR 157/​11, NJW 2012, 2024 Rn. 14; vom 11.06.2010 – V ZR 85/​09, BauR 2010, 1585 Rn. 24; vom 11.01.2005 – X ZR 163/​02, NJW 2005, 1420 f. Rn. 18; Palandt/​Grüneberg, BGB, 71. Aufl., vor § 249 Rn. 29 f. m.w.N[]
  2. BGH, Urteil vom 26.01.1989 – III ZR 192/​87, BGHZ 106, 313, 316 ff.[]
  3. BGH, Urteil vom 11.01.2005 – X ZR 163/​02 aaO[]
  4. vgl. BGH, Urtei­le vom 20.09.1988 – VI ZR 37/​88, VersR 1988, 1273, 1274; vom 06.05.2003 – VI ZR 259/​02, VersR 2003, 1128, 1130; BGH, Urteil vom 14.03.1985 – IX ZR 26/​84, NJW 1986, 1329, 1332, jeweils m.w.N[]