Die objek­tiv will­kür­li­che Rechts­weg­ver­wei­sung

Die Ver­wei­sung an das zustän­di­ge Gericht des zuläs­si­gen Rechts­wegs ist hin­sicht­lich des Rechts­wegs für das Gericht, an das der Rechts­streit ver­wie­sen wor­den ist, bin­dend und kann nur auf das Rechts­mit­tel einer Par­tei über­prüft wer­den. Für eine Durch­bre­chung der Bin­dungs­wir­kung, wie sie im Anwen­dungs­be­reich des § 281 Abs.1 ZPO ins­be­son­de­re für objek­tiv will­kür­li­che Ent­schei­dun­gen aner­kannt ist, ist jeden­falls grund­sätz­lich kein Raum.

Die objek­tiv will­kür­li­che Rechts­weg­ver­wei­sung

In dem hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall gewähr­te der kla­gen­de Sozi­al­hil­fe­trä­ger einer Hil­fe­emp­fän­ge­rin Leis­tun­gen der Hil­fe zur Pfle­ge. Hier­zu zahl­te er direkt an die Beklag­te, die ein Senio­ren­zen­trum betreibt, in dem die Hil­fe­emp­fän­ge­rin leb­te. Nach­dem die­se ver­stor­ben war, for­der­te der Klä­ger von der Beklag­ten antei­li­ge Rück­zah­lung der geleis­te­ten Beträ­ge. Dem kam die Beklag­te nur zum Teil nach. Der Klä­ger hat wegen eines nach sei­ner Auf­fas­sung offe­nen Rück­zah­lungs­an­spruchs in Höhe von 185 € Kla­ge vor dem Sozi­al­ge­richt Ber­lin erho­ben. Die­ses hat mit unan­ge­foch­ten geblie­be­nem Beschluss die Unzu­läs­sig­keit des Sozi­al­rechts­wegs aus­ge­spro­chen und den Rechts­streit an das Amts­ge­richt Schö­ne­berg ver­wie­sen.

Das Amts­ge­richt hat durch die Über­nah­me des Ver­fah­rens abge­lehnt, da der Rechts­weg zu den ordent­li­chen Gerich­ten unzu­läs­sig sei, und die Sache dem Bun­des­ge­richts­hof zur Bestim­mung des zustän­di­gen Gerichts vor­ge­legt. Es meint, der Ver­wei­sungs­be­schluss sei nicht bin­dend, da er sich bei der Aus­le­gung und Ver­wen­dung der Zustän­dig­keits­nor­men so weit von dem die­se beherr­schen­den ver­fas­sungs­recht­li­chen Grund­satz des gesetz­li­chen Rich­ters ent­fer­ne, dass er nicht mehr zu recht­fer­ti­gen sei.

Dem folg­te der Bun­des­ge­richts­hof nicht:

Das zustän­di­ge Gericht ist in ent­spre­chen­der Anwen­dung des § 36 Abs. 1 Nr. 6 ZPO zu bestim­men.

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung der obers­ten Gerichts­hö­fe des Bun­des ist § 36 Abs. 1 Nr. 6 ZPO bei nega­ti­ven Kom­pe­tenz­kon­flik­ten zwi­schen Gerich­ten ver­schie­de­ner Gerichts­zwei­ge ent­spre­chend anwend­bar 1.

Obwohl ein nach § 17a GVG ergan­ge­ner und unan­fecht­bar gewor­de­ner Beschluss, mit dem ein Gericht den bestrit­te­nen Rechts­weg für unzu­läs­sig erklärt und den Rechts­streit an ein ande­res Gericht ver­wie­sen hat, nach dem Gesetz kei­ner wei­te­ren Über­prü­fung unter­liegt, ist eine – regel­mä­ßig dekla­ra­to­ri­sche – Zustän­dig­keits­be­stim­mung ent­spre­chend § 36 Abs. 1 Nr. 6 ZPO im Inter­es­se einer funk­tio­nie­ren­den Rechts­pfle­ge und der Rechts­si­cher­heit dann gebo­ten, wenn es inner­halb eines Ver­fah­rens zu Zwei­feln über die Bin­dungs­wir­kung der Ver­wei­sung kommt und des­halb kei­nes der in Fra­ge kom­men­den Gerich­te bereit ist, die Sache zu bear­bei­ten, oder die Ver­fah­rens­wei­se eines Gerichts die Annah­me recht­fer­tigt, dass der Rechts­streit von die­sem nicht pro­zess­ord­nungs­ge­mäß geför­dert wer­den wird, obwohl er gemäß § 17b Abs. 1 GVG vor ihm anhän­gig ist 2.

So liegt der Fall hier. Sowohl das Sozi­al­ge­richt als auch das Amts­ge­richt haben eine inhalt­li­che Befas­sung mit der Sache abge­lehnt.

Der Bun­des­ge­richts­hof ist für die Ent­schei­dung zustän­dig. Sofern zwei Gerich­te unter­schied­li­cher Rechts­we­ge ihre Zustän­dig­keit ver­neint haben, obliegt die Bestim­mung des zustän­di­gen Gerichts dem­je­ni­gen obers­ten Gerichts­hof des Bun­des, der zuerst dar­um ange­gan­gen wird 3.

Zustän­di­ges Gericht ist das Amts­ge­richt Schö­ne­berg. Sei­ne Zustän­dig­keit ergibt sich aus der Bin­dungs­wir­kung des Beschlus­ses des Sozi­al­ge­richts nach § 17a Abs. 2 Satz 3 GVG.

Ein nach § 17a GVG ergan­ge­ner Beschluss, mit dem ein Gericht den zu ihm beschrit­te­nen Rechts­weg für unzu­läs­sig erklärt und den Rechts­streit an das Gericht eines ande­ren Rechts­wegs ver­wie­sen hat, ist einer wei­te­ren Über­prü­fung ent­zo­gen, sobald er unan­fecht­bar gewor­den ist. Ist das zuläs­si­ge Rechts­mit­tel nicht ein­ge­legt wor­den oder ist es erfolg­los geblie­ben oder zurück­ge­nom­men wor­den, ist die Ver­wei­sung für das Gericht, an das der Rechts­streit ver­wie­sen wor­den ist, hin­sicht­lich des Rechts­wegs bin­dend (§ 17a Abs. 2 Satz 3 GVG). So ver­hält es sich hier, denn eine Beschwer­de an das Lan­des­so­zi­al­ge­richt nach § 172 Abs. 1 SGG ist inner­halb der Rechts­mit­tel­frist nicht ein­ge­legt wor­den.

Auf die aus­führ­li­chen Erwä­gun­gen des Amts­ge­richts dazu, war­um die Begrün­dung des Sozi­al­ge­richts, der Sozi­al­hil­fe­trä­ger tre­te der Schuld des Hil­fe­emp­fän­gers gegen­über dem Leis­tungs­er­brin­ger in Höhe der durch Bescheid dem Hil­fe­emp­fän­ger gewähr­ten Leis­tung bei, wodurch der Leis­tungs­er­brin­ger einen unmit­tel­ba­ren Anspruch auf Zah­lung gegen den Sozi­al­hil­fe­trä­ger erwer­be, der wie der Anspruch zwi­schen Leis­tungs­er­brin­ger und Hil­fe­emp­fän­ger pri­vat­recht­li­cher Natur sei, es nicht recht­fer­ti­ge, den mit der Kla­ge gel­tend gemach­ten Rück­for­de­rungs­an­spruch als zivil­recht­li­chen Anspruch zu qua­li­fi­zie­ren, kommt es nicht an.

Das Gesetz misst zwar der Ent­schei­dung des Rechts­streits durch das Gericht des zuläs­si­gen Rechts­wegs grö­ße­re Bedeu­tung zu als der Ent­schei­dung durch das ört­lich oder sach­lich zustän­di­ge Gericht. Das gesetz­li­che Mit­tel zur Siche­rung einer Ent­schei­dung durch das Gericht des zuläs­si­gen Rechts­wegs ist aber allein die Eröff­nung des Rechts­mit­tels gegen den Ver­wei­sungs­be­schluss. Ist die ört­li­che oder sach­li­che Zustän­dig­keit zwei­fel­haft, ist die Ver­wei­sung nicht nur bin­dend (§ 281 Abs. 2 Satz 4 ZPO), son­dern auch der Über­prü­fung im Rechts­mit­tel­zug ent­zo­gen (§ 281 Abs. 2 Satz 2 ZPO). Dem­ge­gen­über kann die Fra­ge des Rechts­we­ges im Rechts­mit­tel­zug – unein­ge­schränkt – über­prüft wer­den, und inso­weit muss gege­be­nen­falls das Inter­es­se der nicht rechts­mit­tel­füh­ren­den Par­tei an einer zügi­gen Sach­prü­fung des Kla­ge­be­geh­rens zurück­tre­ten. Damit hat es jedoch auch sein Bewen­den: Nicht das Gericht des von dem ver­wei­sen­den Gericht für zuläs­sig erach­te­ten Rechts­wegs, son­dern allein das Rechts­mit­tel­ge­richt ist zu die­ser Über­prü­fung beru­fen.

Für eine Durch­bre­chung der Bin­dungs­wir­kung, wie sie im Anwen­dungs­be­reich des § 281 Abs. 1 ZPO ins­be­son­de­re für objek­tiv will­kür­li­che Ent­schei­dun­gen aner­kannt ist, ist des­halb jeden­falls grund­sätz­lich kein Raum. Nicht das Gericht, an das ver­wie­sen wird, son­dern die Par­tei­en sol­len vor will­kür­li­chen oder sonst jeder gesetz­li­chen Grund­la­ge ent­beh­ren­den Ent­schei­dun­gen geschützt wer­den, mit der ihr Streit­fall dem zustän­di­gen Gericht und damit dem gesetz­li­chen Rich­ter (Art. 101 Abs. 1 Satz 2 GG) ent­zo­gen wird. Steht den Par­tei­en aber ein Rechts­mit­tel zu Gebo­te und wird die­ses nicht genutzt, besteht kein Anlass, dem Gericht des für zuläs­sig erklär­ten Rechts­wegs die Befug­nis zuzu­bil­li­gen, sich an die Stel­le des Rechts­mit­tel­ge­richts zu set­zen. Eben­so wenig kann eine Ver­let­zung des Anspruchs auf recht­li­ches Gehör, die von der betrof­fe­nen Par­tei nicht mit dem zuläs­si­gen Rechts­mit­tel gel­tend gemacht wor­den ist, es recht­fer­ti­gen, die Bin­dungs­wir­kung außer Acht zu las­sen 4.

Der Bun­des­ge­richts­hof hat bis­lang offen­las­sen kön­nen, ob gleich­wohl noch Aus­nah­me­fäl­le denk­bar sind, in denen die bin­den­de Wir­kung einer rechts­kräf­ti­gen Ver­wei­sung ver­neint wer­den kann, und die­se Fra­ge kann auch im Streit­fall offen­blei­ben. Jeden­falls kommt eine Durch­bre­chung der Bin­dungs­wir­kung, wie es das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt for­mu­liert hat 5 allen­falls bei "extre­men Ver­stö­ßen" gegen die den Rechts­weg und sei­ne Bestim­mung regeln­den mate­ri­ell- und ver­fah­rens­recht­li­chen Vor­schrif­ten in Betracht 6. Von einer sol­chen schwer­wie­gen­den, nicht mehr hin­nehm­ba­ren Ver­let­zung der Rechts­weg­ord­nung kann im Streit­fall ange­sichts der kom­ple­xen, teils dem Sozi­al­recht, teils dem bür­ger­li­chen Recht ange­hö­ren­den Rechts­be­zie­hun­gen des Drei­ecks­ver­hält­nis­ses zwi­schen den Par­tei­en und der ver­stor­be­nen Hil­fe­emp­fän­ge­rin ersicht­lich kei­ne Rede sein.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 14. Mai 2013 – X ARZ 167/​13

  1. BGH, Beschlüs­se vom 26.07.2001 – X ARZ 69/​01, NJW 2001, 3631, 3632; vom 30.07.2009 – Xa ARZ 167/​09, NJW-RR 2010, 209 Rn. 6; vom 09.12.2010 Xa ARZ 283/​10, MDR 2011, 253 Rn. 7; vom 18.05.2011 – X ARZ 95/​11, NJW-RR 2011, 1497 Rn. 4; BAG, Beschluss vom 19.03.2003 – 5 AS 1/​03, BAGE 105, 305; BFH, Beschluss vom 26.02.2004 – VII B 341/​03, BFHE 204, 413, 416; BVerwG, Beschluss vom 15.04.2008 – 9 AV 1/​08, NVwZ 2008, 917[]
  2. BGH, Beschlüs­se vom 26.07.2001, aaO, 3632; vom 13.11.2001 – X ARZ 266/​01, NJW-RR 2002, 713, 714; vom 30.07.2009, aaO Rn. 9 und vom 09.12.2010, aaO Rn. 10; BAG, aaO[]
  3. BGH, BAG und BVerwG, aaO[]
  4. BGH, Beschluss vom 08.07.2003 – X ARZ 138/​03, NJW 2003, 2990[]
  5. BVerwG, Beschluss vom 08.11.1994 – 9 AV 1/​94, NVwZ 1995, 372[]
  6. BGH, Beschlüs­se vom 13.11.2001, aaO; vom 08.07.2003, aaO, 2991; vom 09.12.2010, aaO Rn. 16; vom 18.05.2011, aaO Rn. 9; s. auch BAG, Beschluss vom 12.07.2006 – 5 AS 7/​06, NJW 2006, 2798 Rn. 5: nur bei "kras­sen Rechts­ver­let­zun­gen"[]