Behand­lungs­feh­ler des Durch­gangs­arz­tes

Nach einem Arbeits­un­fall erfolgt die medi­zi­ni­sche Not­fall­be­hand­lung regel­mä­ßig durch einen Durch­gangs­arzt, der in die­ser Eigen­schaft für den jewei­li­ge Unfall­ver­si­che­rungs­trä­ger, regel­mä­ßig also für die ein­schlä­gi­ge Berufs­ge­nos­sen­schaft, tätig wird.

Behand­lungs­feh­ler des Durch­gangs­arz­tes

Beschränkt sich der Durch­gangs­arzt im Rah­men der Nach­schau auf die Prü­fung der Fra­ge, ob die bei der Erst­ver­sor­gung des Ver­letz­ten getrof­fe­ne Ent­schei­dung zuguns­ten einer all­ge­mei­nen Heil­be­hand­lung auf­recht­zu­er­hal­ten ist, wird er inso­weit nach einem Urteil des Bun­des­ge­richts­hofs in Aus­übung eines öffent­li­chen Amtes tätig. Scha­dens­er­satz­an­sprü­che wegen Behand­lungs­feh­ler des Durch­gangs­arz­tes sind daher nicht gegen den Durch­gangs­arzt, son­dern gegen die zustän­di­ge Berufs­ge­nos­sen­schaft zu rich­ten (Art. 34 Satz 1 GG, § 839 BGB).

Nach Art. 34 Satz 1 GG haf­tet anstel­le eines Bediens­te­ten, soweit die­ser in Aus­übung des ihm anver­trau­ten öffent­li­chen Amtes gehan­delt hat, der Staat oder die Kör­per­schaft, in des­sen Dienst er steht. Die per­sön­li­che Haf­tung des Bediens­te­ten ist in die­sem Fall aus­ge­schlos­sen. Ob sich das Han­deln einer Per­son als Aus­übung eines öffent­li­chen Amts dar­stellt, bestimmt sich nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs danach, ob die eigent­li­che Ziel­set­zung, in deren Sinn der Betref­fen­de tätig wur­de, hoheit­li­cher Tätig­keit zuzu­rech­nen ist und ob zwi­schen die­ser Ziel­set­zung und der schä­di­gen­den Hand­lung ein so enger äuße­rer und inne­rer Zusam­men­hang besteht, dass die Hand­lung eben­falls als noch dem Bereich hoheit­li­cher Betä­ti­gung ange­hö­rend ange­se­hen wer­den muss. Dabei ist nicht auf die Per­son des Han­deln­den, son­dern auf sei­ne Funk­ti­on, das heißt auf die Auf­ga­be, deren Wahr­neh­mung die im kon­kre­ten Fall aus­ge­üb­te Tätig­keit dient, abzu­stel­len [1].

Aller­dings ist die ärzt­li­che Heil­be­hand­lung von Kran­ken regel­mä­ßig nicht Aus­übung eines öffent­li­chen Amtes im Sin­ne von Art. 34 GG [2]. Auch ist die ärzt­li­che Behand­lung nach einem Arbeits­un­fall kei­ne der Berufs­ge­nos­sen­schaft oblie­gen­de Auf­ga­be [3]. Der Arzt, der die Heil­be­hand­lung durch­führt, übt des­halb kein öffent­li­ches Amt aus und haf­tet für Feh­ler per­sön­lich [4].

Die Tätig­keit eines Durch­gangs­arz­tes ist jedoch nicht aus­schließ­lich dem Pri­vat­recht zuzu­ord­nen. Bei der gemäß § 34 Abs. 1 SGB VII zu tref­fen­den Ent­schei­dung, ob es erfor­der­lich ist, eine beson­de­re unfall­me­di­zi­ni­sche oder Berufs­krank­hei­ten-Ver­sor­gung ein­zu­lei­ten, erfüllt der Durch­gangs­arzt näm­lich eine der Berufs­ge­nos­sen­schaft oblie­gen­de Pflicht. Des­halb ist die­se Ent­schei­dung als Aus­übung eines öffent­li­chen Amtes zu betrach­ten [5]. Inso­weit stel­len die Berufs­ge­nos­sen­schaf­ten die Heil­ver­fah­rens­ar­ten "all­ge­mei­ne Heil­be­hand­lung" und "beson­de­re Heil­be­hand­lung" zur Ver­fü­gung [6]. Das ergibt sich aus dem von dem Haupt­ver­band der gewerb­li­chen Berufs­ge­nos­sen­schaf­ten, dem Bun­des­ver­band der land­wirt­schaft­li­chen Berufs­ge­nos­sen­schaf­ten, dem Bun­des­ver­band der Unfall­kas­sen einer­seits und der Kas­sen­ärzt­li­chen Bun­des­ver­ei­ni­gung ande­rer­seits über die Durch­füh­rung der Heil­be­hand­lung, die Ver­gü­tung der Ärz­te sowie die Art und Wei­se der Abrech­nung der ärzt­li­chen Leis­tun­gen gemäß § 34 Abs. 3 SGB VII abge­schlos­se­nen Ver­trag in der – hier maß­geb­li­chen – ab 1. Mai 2001 gül­ti­gen alten Fas­sung (künf­tig: Ver­trag 2001). Gemäß § 12 Abs. 1 Ver­trag 2001 wird Heil­be­hand­lung grund­sätz­lich als all­ge­mei­ne Heil­be­hand­lung gewährt. Das ist gemäß § 10 Ver­trag 2001 "die ärzt­li­che Ver­sor­gung einer Unfall­ver­let­zung, die nach Art oder Schwe­re weder eines beson­de­ren per­so­nel­len, appa­ra­tiv-tech­ni­schen Auf­wan­des noch einer spe­zi­fi­schen unfall­me­di­zi­ni­schen Qua­li­fi­ka­ti­on des Arz­tes bedarf". Sie darf nach § 6 Abs. 3 Nr. 1 Ver­trag 2001 von allen Ärz­ten geleis­tet wer­den, die an der ver­trags­ärzt­li­chen Ver­sor­gung teil­neh­men oder von den Unfall­ver­si­che­rungs­trä­gern zuge­las­sen sind. Dage­gen ist beson­de­re Heil­be­hand­lung gemäß § 11 Satz 1 Ver­trag 2001 die "fach­ärzt­li­che Behand­lung einer Unfall­ver­let­zung, die wegen Art oder Schwe­re beson­de­re unfall­me­di­zi­ni­sche Qua­li­fi­ka­ti­on ver­langt". Sie darf nach § 6 Abs. 3 Nr. 2 Ver­trag 2001 nur durch von den Unfall­ver­si­che­rungs­trä­gern zuge­las­se­ne oder beson­ders beauf­trag­te Ärz­te geleis­tet wer­den; die freie Arzt­wahl ist ein­ge­schränkt (§ 28 Abs. 4 Satz 2 SGB VII) [7]. Ob die all­ge­mei­ne oder die beson­de­re Heil­be­hand­lung erfor­der­lich ist, ent­schei­det grund­sätz­lich der Durch­gangs­arzt (§ 27 Abs. 1 Ver­trag 2001) nach Art und Schwe­re der Ver­let­zung (vgl. § 28 Abs. 4 SGB VII). Bei die­ser Ent­schei­dung erfüllt er eine der Berufs­ge­nos­sen­schaft oblie­gen­de Auf­ga­be und übt damit ein öffent­li­ches Amt aus [8]. Ist sei­ne Ent­schei­dung über die Art der Heil­be­hand­lung feh­ler­haft und wird der Ver­letz­te dadurch geschä­digt, haf­tet in die­sem Fall für Schä­den nicht der Durch­gangs­arzt per­sön­lich, son­dern die Berufs­ge­nos­sen­schaft (Art. 34 Satz 1 GG, § 839 BGB).

Das ent­spricht der ein­hel­li­gen Ansicht auch in der Lite­ra­tur. Streit besteht ledig­lich hin­sicht­lich der Fra­ge, ob der Durch­gangs­arzt auch bei Unter­su­chung zur Dia­gno­se­stel­lung, bei der Dia­gno­se­stel­lung und bei Über­wa­chung des Heil­erfol­ges ein öffent­li­ches Amt aus­übt [9].

Die­se Fra­ge bedarf im Streit­fall, so der Bun­des­ge­richts­hof, kei­ner all­ge­mei­nen Ent­schei­dung. Soweit die Über­wa­chung des Heil­erfolgs ledig­lich als Grund­la­ge der Ent­schei­dung dient, ob der Ver­letz­te in der all­ge­mei­nen Heil­be­hand­lung ver­bleibt oder in die beson­de­re Heil­be­hand­lung über­wie­sen wer­den soll, ist die Tätig­keit des Durch­gangs­arz­tes als öffent­lich-recht­lich zu qua­li­fi­zie­ren.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 9. März 2010 – VI ZR 131/​09

  1. vgl. BGH, Urteil vom 22.06.2006 – III ZR 270/​05, VersR 2006, 1684, m.w.N.[]
  2. vgl. BGHZ 63, 265, 270 f.[]
  3. BGHZ 179, 115, 119[]
  4. Benz in Hauck, SGB VII, K § 28 Rn. 15; KassKomm/​Ricke, Sozi­al­ver­si­che­rungs­recht, Stand: 1. Juli 2009, § 34 SGB VII, Rn. 18[]
  5. vgl. BGHZ 179, 115, 120, m.w.N.[]
  6. vgl. Berei­ter-Hahn/­Mehr­tens, SGB VII, § 34 Rn. 4[]
  7. vgl. Wannagat/​Jung, Sozi­al­ge­setz­buch, § 34 SGB VII, Rn. 14 und § 28 SGB VII, Rn. 5[]
  8. vgl. BGH, Beschluss vom 04.03.2008 – VI ZR 101/​07[]
  9. vgl. Frahm/​Nixdorf/​Walter, Arzt­haf­tungs­recht 4. Aufl., Rn. 5; HK AKM/​Lissel, Nr. 1540, Rn. 28; Laufs/​Uhlenbruck, Hand­buch des Arzt­rechts, 3. Aufl., § 40, Rn. 33; Ratzel/​Luxenburger/​Lissel, Hand­buch Medi­zin­recht, § 36, Rn. 27; Steffen/​Pauge, Arzt­haf­tungs­recht, 10. Aufl., Rn. 7; Benz in Hauck, SGB VII, K § 26, Rn. 51 und K § 28, Rn. 15; Berei­ter-Hahn/­Mehr­tens, SGB VII, § 28, Rn. 6 und § 34 Rn. 8.1; Brackmann/​Krasney, SGB VII, § 34 Rn. 7; Noeske/​Franz, Erläu­te­run­gen zum Ver­trag Ärzte/​Unfallversicherungsträger, Zu § 27, Rn. 1.1; Pla­ge­man­n/­Rad­tke-Schwen­zer, Gesetz­li­che Unfall­ver­si­che­rung, 2. Aufl., Kap. 5, Rn. 18; Schmitt, SGB VII, 3. Aufl., § 34, Rn. 13[]