Ent­schä­di­gung für die vor­zei­ti­ge Been­di­gung eines Grund­stücks­pacht­ver­tra­ges

Eine vom Päch­ter gezahl­te Ent­schä­di­gung für die vor­zei­ti­ge Been­di­gung eines Grund­stücks­pacht­ver­tra­ges unter­liegt der Fünf­tel­re­ge­lung des § 34 Abs. 1 EStG.

Ent­schä­di­gung für die vor­zei­ti­ge Been­di­gung eines Grund­stücks­pacht­ver­tra­ges

Auf die im Ver­an­la­gungs­zeit­raum bezo­ge­nen außer­or­dent­li­chen Ein­künf­te ist die Ein­kom­men­steu­er nach einem ermä­ßig­ten Steu­er­satz zu berech­nen (§ 34 Abs. 1 EStG, sog. Fünf­tel­re­ge­lung). Zu den außer­or­dent­li­chen Ein­künf­ten gehö­ren gemäß § 34 Abs. 2 Nr. 2 EStG Ent­schä­di­gun­gen i.S. des § 24 Nr. 1 Buchst. a EStG.

Nach § 24 Nr. 1 Buchst. a EStG sind Ent­schä­di­gun­gen Leis­tun­gen, die "als Ersatz für ent­gan­ge­ne oder ent­ge­hen­de Ein­nah­men" gewährt wer­den.

Zah­lun­gen, die nicht an die Stel­le weg­ge­fal­le­ner Ein­nah­men tre­ten, son­dern bür­ger­lich-recht­lich Erfül­lungs­leis­tun­gen eines Schuld­ver­hält­nis­ses sind, gehö­ren nicht zu den Ent­schä­di­gun­gen. Um eine Ent­schä­di­gung han­delt es sich nur dann, wenn die bis­he­ri­ge Grund­la­ge für den Erfül­lungs­an­spruch weg­ge­fal­len ist und der an die Stel­le der bis­he­ri­gen Ein­nah­men getre­te­ne Ersatz­an­spruch auf einer neu­en Rechts- oder Bil­lig­keits­grund­la­ge beruht 1. Es reicht daher nicht aus, wenn die bis­he­ri­ge ver­trag­li­che Basis bestehen geblie­ben ist und sich nur Zah­lungs­mo­da­li­tä­ten geän­dert haben 2 oder die Ver­trags­par­tei­en den Ver­trag zwar ein­ver­nehm­lich been­den, aber sich noch zu Zah­lun­gen ver­pflich­ten, die bür­ger­lich-recht­lich Erfül­lungs­leis­tun­gen aus dem been­de­ten Rechts­ver­hält­nis dar­stel­len. Erfor­der­lich ist viel­mehr, dass der Steu­er­pflich­ti­ge durch den Weg­fall von Ein­nah­men einen Scha­den erlei­det, der durch die Zah­lung unmit­tel­bar aus­ge­gli­chen wer­den soll 3.

Nach war in dem hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Fall der auf­grund des gericht­li­chen Ver­gleichs vom Ver­päch­ter ver­ein­nahm­te Betrag kei­ne Erfül­lungs­leis­tung aus dem ursprüng­li­chen Pacht­ver­trag. Der Ver­päch­ter und die Päch­te­rin hat­ten sich auf eine Been­di­gung des bis zum 31.03.2010 ver­ein­bar­ten Pacht­ver­hält­nis­ses geei­nigt. Der Zah­lungs­an­spruch beruh­te mit­hin nicht mehr auf dem ursprüng­li­chen Pacht­ver­trag (vgl. §§ 581 ff. BGB), son­dern auf dem gericht­li­chen Ver­gleich als neu­er Rechts­grund­la­ge (vgl. § 278, § 794 Abs. 1 Nr. 1 ZPO), und galt in der hier streit­ge­gen­ständ­li­chen Höhe auch nicht die bis zum Ver­gleich auf­ge­lau­fe­nen Pacht­for­de­run­gen des Ver­päch­ters ab. Inso­weit ist unschäd­lich, dass sich der Ver­gleichs­be­trag an der Höhe der bei regu­lä­rer Ver­trags­er­fül­lung zu zah­len­den Pach­ten, d.h. dem Erfül­lungs­an­spruch des Ver­päch­ters, ori­en­tier­te, denn es han­del­te sich nicht um eine Wei­ter­zah­lung des Pacht­zin­ses. Infol­ge der vor­zei­ti­gen Been­di­gung des Pacht­ver­trags ent­fie­len viel­mehr künf­ti­ge Ein­nah­men des Ver­päch­ters, und die Zah­lung dien­te dem Aus­gleich die­ses Scha­dens.

Die­ser Wer­tung steht das BFH, Urteil in BFHE 115, 472, BSt­Bl II 1975, 634 nicht ent­ge­gen, denn der BFH hat in die­ser Ent­schei­dung den Ver­gleich zwi­schen der dor­ti­gen Ver­päch­te­rin und einem Unter­neh­mer dahin gewür­digt, dass der Ver­päch­te­rin weder für die Zeit vor noch für die Zeit nach Abschluss des Ver­gleichs Ein­nah­men ent­gan­gen sei­en, an deren Stel­le die nach dem Ver­gleich geschul­de­te "Ent­schä­di­gung" tre­ten könn­te, son­dern durch den Ver­gleich die ‑zuvor bestrit­te­ne- ver­trag­lich geschul­de­te Ver­mitt­lungs­pro­vi­si­on zuge­flos­sen sei.

Eine Ent­schä­di­gung i.S. des § 24 Nr. 1 Buchst. a EStG setzt wei­ter vor­aus, dass der Steu­er­pflich­ti­ge unter recht­li­chem, wirt­schaft­li­chem oder tat­säch­li­chem Druck stand, wenn der Aus­fall der Ein­nah­men ‑wie hier durch den gericht­li­chen Ver­gleich- von ihm selbst oder mit sei­ner Zustim­mung her­bei­ge­führt wor­den ist. Denn die Steu­er­ermä­ßi­gung nach § 34 Abs. 1, Abs. 2 Nr. 2 EStG ist nur gerecht­fer­tigt, wenn der Steu­er­pflich­ti­ge sich auf­grund einer Zwangs­si­tua­ti­on dem zusam­men­ge­ball­ten Zufluss der Ein­nah­men nicht ent­zie­hen kann 4.

Eine der­ar­ti­ge Zwangs­si­tua­ti­on lag in dem hier ent­schie­de­nen Fall vor, der Ver­päch­ter das Grund­stück in vol­ler Höhe fremd­fi­nan­ziert hat­te und des­halb nach Kün­di­gung des Pacht­ver­trags und Zah­lungs­ein­stel­lung der Päch­te­rin auf­grund der feh­len­den Pacht­ein­nah­men in gro­ße wirt­schaft­li­che Schwie­rig­kei­ten geriet und sei­ne Zah­lungs­ver­pflich­tun­gen gegen­über der finan­zie­ren­den Bank nicht mehr ein­hal­ten konn­te. Der Ver­päch­ter hat die Auf­he­bung des Pacht­ver­trags durch den gericht­li­chen Ver­gleich mit­hin nicht frei­wil­lig und aus eige­nem Antrieb her­bei­ge­führt.

Auf die Fra­ge, ob bereits die gericht­li­che Gel­tend­ma­chung einer For­de­rung die Zwangs­la­ge indi­ziert, kommt es hier nicht an.

Im Bereich der Gewinn­ein­künf­te ist eine Ent­schä­di­gung i.S. des § 24 Nr. 1 Buchst. a EStG nicht anzu­neh­men, wenn der zur Ersatz­leis­tung füh­ren­de Sach­ver­halt sich als ein nor­ma­ler und übli­cher Geschäfts­vor­fall im Rah­men der lau­fen­den Geschäfts­füh­rung dar­stellt 5. Dazu rech­nen bei Steu­er­pflich­ti­gen, die im Rah­men ihrer gewerb­li­chen oder selb­stän­di­gen Tätig­keit übli­cher­wei­se eine Viel­zahl von Ver­trä­gen abschlie­ßen, auch die Kün­di­gung oder Auf­lö­sung ein­zel­ner Ver­trä­ge sowie deren Abwick­lung nach Leis­tungs­stö­run­gen 6, wenn nicht dem Unter­neh­men infol­ge des scha­den­stif­ten­den Ereig­nis­ses die Grund­la­ge zum Abschluss einer unbe­stimm­ten Viel­zahl von Geschäf­ten genom­men und dafür Ersatz geleis­tet wird 7.

Bei der Ver­pach­tung des Grund­stücks, der offen­bar unbe­rech­tig­ten frist­lo­sen Kün­di­gung sei­tens der Päch­te­rin und dem anschlie­ßen­den Rechts­streit han­delt es sich nach Art und Bedeu­tung nicht um einen übli­chen Geschäfts­vor­fall im Rah­men der lau­fen­den Geschäfts­füh­rung des Ver­päch­ters. Der Ver­päch­ter hat auch kei­ne ande­ren Objek­te ver­mie­tet.

Da die ermä­ßig­te Besteue­rung die sich aus der pro­gres­si­ven Besteue­rung erge­ben­den Här­ten aus­glei­chen soll, zäh­len Ent­schä­di­gun­gen i.S. von § 24 Nr. 1 Buchst. a EStG grund­sätz­lich nur dann zu den außer­or­dent­li­chen Ein­künf­ten i.S. von § 34 Abs. 1 und 2 Nr. 2 EStG, wenn sie zusam­men­ge­ballt in einem Betrag gezahlt wer­den und die ent­gan­ge­nen oder ent­ge­hen­den Ein­nah­men sich bei nor­ma­lem Ablauf auf meh­re­re Jah­re ver­teilt hät­ten 8. Der Steu­er­pflich­ti­ge muss mit­hin mehr erhal­ten haben, als er ohne das scha­den­stif­ten­de Ereig­nis erhal­ten hät­te 9. Dies trifft im Streit­fall eben­falls zu, da bereits der strei­ti­ge Teil der auf­grund des Ver­gleichs ver­ein­nahm­ten Zah­lung die für das Jahr 2009 zu bean­spru­chen­de Pacht über­stieg.

Die­ses Ergeb­nis wider­spricht dem BFH-Urteil in BFH/​NV 1992, 455 nicht. In jener Sache wer­te­te der Bun­des­fi­nanz­hof die von der Ver­päch­te­rin für die vor­zei­ti­ge Auf­he­bung des lang­fris­ti­gen Pacht­ver­trags ver­ein­nahm­te Abstands­zah­lung nicht als Ent­schä­di­gung nach § 24 Nr. 1 Buchst. a oder Buchst. b EStG, weil sie das Erfül­lungs­in­ter­es­se der Ver­päch­te­rin abgalt und die vor­zei­ti­ge Ver­trags­be­en­di­gung im gegen­sei­ti­gen Ein­ver­neh­men erfolg­te. Die Ver­päch­te­rin befand sich nicht in einer Zwangs­la­ge und war prak­tisch nicht gezwun­gen, einem Ver­lan­gen nach Auf­he­bung des Ver­trags zuzu­stim­men, son­dern konn­te frei wäh­len.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 16. Sep­tem­ber 2015 – III R 22/​14

  1. BFH, Urtei­le vom 21.09.1993 – IX R 32/​90, BFH/​NV 1994, 308; vom 09.07.2002 – IX R 29/​98, BFH/​NV 2003, 21[]
  2. stän­di­ge Recht­spre­chung, z.B. BFH, Urtei­le vom 10.09.1998 – IV R 19/​96, BFH/​NV 1999, 308; vom 10.09.2003 – XI R 9/​02, BFHE 204, 65, BSt­Bl II 2004, 349; vom 11.01.2005 – IX R 67/​02, BFH/​NV 2005, 1044; in BFH/​NV 2009, 933, unter II. 3.a aa[]
  3. z.B. BFH, Urtei­le vom 29.02.2012 – IX R 28/​11, BFHE 237, 56, BSt­Bl II 2012, 569, Rz 11; in BFH/​NV 2005, 1044, betref­fend Ent­schä­di­gung des Ver­mie­ters für die vor­zei­ti­ge Auf­he­bung eines Miet­ver­trags; in BFH/​NV 2003, 21[]
  4. BFH, Urtei­le in BFH/​NV 2009, 933; vom 13.08.2003 – XI R 18/​02, BFHE 203, 420, BSt­Bl II 2004, 106[]
  5. BFH, Urtei­le vom 20.07.1978 – IV R 43/​74, BFHE 125, 271, BSt­Bl II 1979, 9; vom 27.11.1991 – X R 10/​91, BFH/​NV 1992, 455[]
  6. BFH, Urteil vom 10.07.2012 – VIII R 48/​09, BFHE 238, 337, BSt­Bl II 2013, 155[]
  7. BFH, Urteil in BFHE 125, 271, BSt­Bl II 1979, 9; BFH, Beschluss vom 09.01.2002 – IV B 31/​01, BFH/​NV 2002, 776[]
  8. BFH, Urtei­le vom 21.11.1980 – VI R 179/​78, BFHE 132, 60, BSt­Bl II 1981, 214; in BFH/​NV 1994, 308[]
  9. BFH, Urteil vom 09.10.2008 – IX R 85/​07, BFH/​NV 2009, 558[]