Ent­schei­dung ohne münd­li­che Ver­hand­lung

Das Finanz­ge­richt kann gemäß § 90 Abs. 2 FGO ohne münd­li­che Ver­hand­lung ent­schei­den, da die Betei­lig­ten hier­zu über­ein­stim­mend ihr Ein­ver­ständ­nis erklärt hat­ten. Es muss vor­her weder eine Frist nach § 79b Abs. 2 FGO set­zen noch einen „Ver­kün­dungs­ter­min“ bestim­men. Anders als im Zivil­pro­zess befä­hi­gen Ver­zichts­er­klä­run­gen der Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten im finanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren das Gericht grund­sätz­lich, „ohne Wei­te­res“ im schrift­li­chen Ver­fah­ren zu ent­schei­den [1]. Die Betei­lig­ten des finanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­rens müs­sen des­halb von der eige­nen (wirk­sa­men) Ver­zichts­er­klä­rung an grund­sätz­lich, unab­hän­gig von irgend­wel­chen Mit­tei­lun­gen sei­tens des Gerichts und ohne Gele­gen­heit zu einer wei­te­ren Äuße­rung, mit einer Ent­schei­dung im schrift­li­chen Ver­fah­ren rech­nen. § 128 Abs. 2 Satz 2 ZPO ist im Rah­men des § 90 Abs. 2 FGO nicht anwend­bar [2].

Ent­schei­dung ohne münd­li­che Ver­hand­lung

Dar­an, dass das Finanz­ge­richt ohne münd­li­che Ver­hand­lung ent­schei­den konn­te, ändert auch der Wech­sel des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten nichts. Ins­be­son­de­re ist hier­in nach der Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs kei­ne wesent­li­che Ände­rung der Ver­fah­rens­la­ge zu erbli­cken, die einen zudem aus­drück­lich zu erklä­ren­den- Wider­ruf des Ver­zichts auf münd­li­che Ver­hand­lung aus­nahms­wei­se gerecht­fer­tigt erschei­nen las­sen wür­de [3].

Dadurch, dass das Finanz­ge­richt zügig ent­schie­den hat, hat es den Anspruch der Klä­ge­rin auf recht­li­ches Gehör (Art. 103 Abs. 1 GG, § 96 Abs. 2 FGO) und auf ein fai­res Ver­fah­ren nicht ver­letzt.

Der Anspruch auf recht­li­ches Gehör ist u.a. dar­auf gerich­tet, die Betei­lig­ten vor Über­ra­schun­gen zu schüt­zen. Hier­durch soll ver­hin­dert wer­den, dass ein Betei­lig­ter mit dem Urteil von einem recht­li­chen oder tat­säch­li­chen Gesichts­punkt „über­fah­ren“ wird, der dem Rechts­streit eine Wen­dung gibt, mit dem auch ein Kun­di­ger nach dem bis­he­ri­gen Ver­lauf nicht zu rech­nen brauch­te [4]. Aus der Gewähr­leis­tung von Art. 2 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit dem Rechts­staats­prin­zip ergibt sich zudem als all­ge­mei­nes Pro­zess­grund­recht ein Anspruch auf ein fai­res Ver­fah­ren. Danach ist ein Rich­ter u.a. zur Rück­sicht­nah­me gegen­über den Ver­fah­rens­be­tei­lig­ten in ihrer kon­kre­ten Situa­ti­on ver­pflich­tet [5].

Ange­sichts des von den Betei­lig­ten über­ein­stim­mend erklär­ten Ver­zichts nach § 90 Abs. 2 FGO muss­te die Klä­ge­rin jeder­zeit mit einer Ent­schei­dung der Ein­zel­rich­te­rin rech­nen, zumal sie die­se nicht um eine wei­te­re Frist­ver­län­ge­rung gebe­ten hat­te. Es ist auch nicht ersicht­lich, dass die der Klä­ge­rin bzw. ihrer neu­en Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten ein­ge­räum­te Frist zur Beant­wor­tung der Fra­gen unan­ge­mes­sen kurz gewe­sen wäre. Durch die Nicht­be­rück­sich­ti­gung des nach Absen­dung der Urteils­aus­fer­ti­gun­gen ein­ge­gan­ge­nen Vor­brin­gens im Schrift­satz vom 11.10.2011 ist der Anspruch der Klä­ge­rin auf recht­li­ches Gehör eben­falls nicht ver­letzt wor­den [6].

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 23. Mai 2012 – III B 209/​11

  1. vgl. z.B. BFH, Beschluss vom 15.12.2008 – VII B 24/​08, BFH/​NV 2009, 1124[]
  2. stän­di­ge Recht­spre­chung des BFH, vgl. z.B. Urteil vom 02.04.1997 – X R 21/​94, BFH/​NV 1997, 547; Beschluss vom 24.08.1998 – XI B 126/​97, BFH/​NV 1999, 332[]
  3. vgl. BFH, Beschluss vom 26.04.2004 – VII B 36/​04[]
  4. z.B. BFH, Urteil vom 29.11.2000 – X R 10/​00, BFH/​NV 2001, 627; vgl. auch BFH, Urteil vom 11.11.2008 – IX R 14/​07, BFHE 223, 308, BStBl II 2009, 309[]
  5. z.B. BVerfG, Ent­schei­dung vom 26.04.1988 – 1 BvR 669/​87 u.a., BVerfGE 78, 123[]
  6. vgl. hier­zu Gräber/​Ruban, Finanz­ge­richts­ord­nung, 7. Aufl., § 119 Rz 10c, m.w.N.[]