Die nicht eröff­ne­te Mög­lich­keit zum Täter-Opfer-Aus­gleich – und die Revi­si­ons­rüge

Die Rüge, das Amts­ge­richt habe § 155a StPO ver­letzt, indem es dem Ange­klag­ten die Mög­lich­keit eines förm­li­chen Täter-Opfer-Aus­gleichs­ver­fah­rens nicht eröff­net habe, ent­spricht nicht den Dar­le­gungs­an­for­de­run­gen des § 344 Abs. 2 Satz 2 StPO, wenn dem Revi­si­ons­vor­brin­gen die nach § 155a StPO erfor­der­li­che Eig­nung der Taten für einen Täter-Opfer-Aus­gleich nicht zu ent­neh­men ist.

Die nicht eröff­ne­te Mög­lich­keit zum Täter-Opfer-Aus­gleich – und die Revi­si­ons­rüge

Von daher konn­te in dem hier vom Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he ent­schie­de­nen Fall offen blei­ben, ob die Revi­si­on prin­zi­pi­ell nicht auf eine Ver­let­zung des § 155a StPO gestützt wer­den kann 1. Dage­gen spricht nach Ansicht des OLG Karls­ru­he, dass § 337 Abs. 2 StPO nicht zwi­schen Kann, Soll- und Muss­vor­schrif­ten unter­schei­det und auch sonst kein Hin­weis dafür besteht, dass aus­drück­lich als Soll­vor­schrif­ten bezeich­ne­te Bestim­mun­gen von der Revi­si­bi­li­tät aus­ge­schlos­sen sein sol­len 2. Inso­weit dürf­te es daher viel­mehr dar­auf ankom­men, ob die Nicht­be­fol­gung der Vor­schrift im Ein­zel­fall Ver­fah­rens­rech­te des Beschwer­de­füh­rers ver­letzt, es sich also um eine dem Schutz des Ange­klag­ten die­nen­de Bestim­mung han­delt 3. Dies wird ange­sichts der erheb­li­chen Bedeu­tung, die § 155a StPO im Hin­blick auf die Rege­lung des § 46a StGB für den Ange­klag­ten haben kann, nicht zu ver­nei­nen sein 4.

Zudem kann das Urteil auf der gerüg­ten feh­len­den Mit­wir­kung des Gerichts nur dann beru­hen, wenn der Ange­klag­te ohne eine sol­che Mit­wir­kung einen Täter-Opfer-Aus­gleich nicht hät­te errei­chen kön­nen. Es hät­ten daher die eige­nen – ver­geb­li­chen – Anstren­gun­gen des Ange­klag­ten, in einen kom­mu­ni­ka­ti­ven Pro­zess mit dem Opfer ein­zu­tre­ten, dar­ge­legt wer­den müs­sen 5. Nicht aus­rei­chend ist es, gegen­über Staats­an­walt­schaft und Gericht das Inter­es­se an einem Täter-Opfer-Aus­gleich zu bekun­den, ohne selbst irgend­ei­ne Initia­ti­ve, mit dem Opfer einen Aus­gleich zu fin­den, zu ergrei­fen.

Für die Durch­füh­rung der hilfs­wei­se bean­trag­ten kon­kre­ten Nor­men­kon­trol­le nach Art. 100 GG – im Hin­blick auf einen Ver­stoß der Rege­lun­gen aus § 46a StGB und § 155a StPO gegen den Gleich­be­hand­lungs­grund­satz aus Art. 3 GG – besteht kein Anlass. Dem Revi­si­ons­vor­brin­gen las­sen sich Anhalts­punk­te für eine Ver­fas­sungs­wid­rig­keit die­ser Nor­men nicht ent­neh­men. Es wird ledig­lich pau­schal eine dem Grund­recht aus Art. 3 Abs. 1 GG wider­spre­chen­de Anwen­dung im Ein­zel­fall behaup­tet.

Das Amts­ge­richt ver­letzt jedoch § 46 Abs. 2 Satz 2, 6. Alt. StGB, indem es den Ent­schul­di­gun­gen des Ange­klag­ten aus­drück­lich eine straf­mil­dern­de Wir­kung abspricht. Das Amts­ge­richt ver­kennt hier­bei, dass das Ver­hal­ten des Ange­klag­ten nach der Tat, ins­be­son­de­re sein Bemü­hen, den Scha­den wie­der­gut­zu­ma­chen oder einen Aus­gleich mit dem Ver­letz­ten zu errei­chen, einen bestim­men­den Straf­zu­mes­sungs­grund dar­stellt.

Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he, Beschluss vom 16. Novem­ber 2015 – 2 (7) Ss 571/​15; 2 (7) Ss 571/​15AK 170/​15

  1. so auch Mey­er-Goß­ner/­Sch­mitt, StPO, 58. Aufl.2015, § 155a StPO, Rn 6; Beck-OK/Graf, StPO, Stand 1.09.2015, § 155a StPO, Rn. 7[]
  2. LR/​Franke, StPO, 26. Aufl.2012, § 337 StPO, Rn.19; KK-StPO/Ge­ri­cke, 7. Aufl.2013, § 337 StPO, Rn. 13[]
  3. vgl. BGH, Beschluss vom 14.05.1974, 1 StR 366/​73, BGHSt 25, 325; LR/​Franke, StPO, 26. Aufl.2012, § 337 StPO, Rn. 21; KK-StPO/Ge­ri­cke, 7. Aufl.2013, § 337 StPO, Rn. 13[]
  4. vgl. Wei­mer, Pro­ble­me mit der Hand­ha­bung des § 155a StPO in der straf­ge­richt­li­chen Pra­xis, NStZ 2002, 349, 351; die grund­sätz­li­che Mög­lich­keit, eine Ver­let­zung des § 155a Satz 1 und 2 StPO zu rügen nicht aus­schlie­ßend, auch BGH, Beschluss vom 04.11.2010, 1 StR 551/​10[]
  5. vgl. Wei­mer, aaO, S. 351[]