Die Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen des Straf­rich­ters

Das Revi­si­ons­ge­richt hat die Beweis­wür­di­gung des Tatrich­ters grund- sätz­lich hin­zu­neh­men und sich auf die Prü­fung zu beschrän­ken, ob die Urteils- grün­de Rechts­feh­ler ent­hal­ten. Das Ergeb­nis der Haupt­ver­hand­lung fest­zu­stel- len und zu wür­di­gen, ist Sache des Tatrich­ters.

Die Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen des Straf­rich­ters

Sei­ne Schluss­fol­ge­run­gen brau­chen nicht zwin­gend zu sein; es genügt, dass sie mög­lich sind und der Tatrich­ter von ihrer Rich­tig­keit nach rechts­feh­ler­frei­er Wür­di­gung, die nicht wider­sprüch­lich, lücken­haft oder unklar sein darf, über­zeugt ist. Die zur rich­ter­li­chen Über­zeu­gung erfor­der­li­che per­sön­li­che Gewiss­heit des Rich­ters setzt aber objek­ti­ve Grund­la­gen vor­aus. Die­se müs­sen aus ratio­na­len Grün­den den Schluss erlau­ben, dass das fest­ge­stell­te Gesche­hen mit hoher Wahr­schein­lich­keit mit der Wirk­lich­keit über­ein­stimmt.

Das ist der Nach­prü­fung durch das Revi­si­ons­ge­richt zugäng­lich. Des­halb müs­sen die Urteils­grün­de erken­nen las­sen, dass die Beweis­wür­di­gung auf einer trag­fä­hi­gen Tat­sa­chen­grund­la­ge beruht und sich nicht als blo­ße Ver­mu­tung erweist 1.

Nach die­sem Maß­stab begeg­ne­te im hier ent­schie­de­nen Fall die Beweis­wür­di­gung des Land­ge­richts durch­grei­fen­den recht­li­chen Beden­ken, weil sich aus ihr nicht ergibt, wor­auf die Straf­kam­mer ihre Fest­stel­lun­gen zum Kern­ge­sche­hen – dem Zusam­men­tref­fen des Ange­klag­ten mit dem Neben­klä­ger in der Grün­an­la­ge – stützt.

Da die Wider­le­gung der Ein­las­sung des Ange­klag­ten nicht allei­ni­ge Grund­la­ge einer ihm ungüns­ti­gen Tat­sa­chen­fest­stel­lung sein kann 2, bedurf­te im hier ent­schie­de­nen Fall die eine Not­wehr­la­ge aus­sch­lie- ßen­de Annah­me des Land­ge­richts, der Ange­klag­te habe den Neben­klä­ger nach dem Antref­fen auf der Grün­an­la­ge mit dem Küchen­mes­ser ange­grif­fen, nähe­rer Erör­te­rung und Begrün­dung.

Auf die inso­weit vom Neben­klä­ger gemach­ten Anga­ben hat die Straf­kam­mer ihre Über­zeu­gung aus­drück­lich nicht gestützt. Ohne mit­zu­tei­len, was der Neben­klä­ger im Ein­zel­nen bei der Poli­zei und in der Haupt­ver­hand­lung zu den nähe­ren Umstän­den der Begeg­nung mit dem Ange­klag­ten in der Grün­an­la­ge bekun­det hat, hat das Land­ge­richt die­se Anga­ben als "inhalt­lich inkon­stant" gewer­tet. Dass ande­re Per­so­nen das Gesche­hen wie fest­ge­stellt beob­ach­tet haben, ergibt sich aus den Urteils­grün­den nicht.

Die Über­zeu­gungs­bil­dung der Straf­kam­mer zum Tat­ge­sche­hen fin­det auch kei­ne trag­fä­hi­ge Grund­la­ge in den Anga­ben des Sach­ver­stän­di­gen zur Ent­ste­hung der Ver­let­zun­gen des Neben­klä­gers. Dass – wie das Land­ge­richt auf­grund des Gut­ach­tens annimmt – die Schnitt­ver­let­zung am Hals nicht im Rah­men eines Geran­gels zwi­schen zwei Per­so­nen erfolgt sein kann, lässt ledig­lich den Schluss zu, dass die Ein­las­sung des Ange­klag­ten über den spä­te­ren Ablauf des Kampf­ge­sche­hens wider­legt ist, besagt aber nichts über den Beginn und unmit­tel­bar fol­gen­den Ver­lauf der Aus­ein­an­der­set­zung zwi­schen dem Ange­klag­ten und dem Neben­klä­ger. Die Annah­me des Land­ge­richts, dass die Schnitt­wun­de am Mit­tel­fin­ger des Neben­klä­gers dadurch ent­stan­den sei, dass die­ser zur Abwehr einer Stich­be­we­gung des Ange­klag­ten auf den Ober­kör­per in die Klin­ge gefasst habe, ist nach den Aus­füh­run­gen des Sach­ver­stän­di­gen eine der mög­li­chen Erklä­run­gen. Aus wel­chem Grund das Land­ge­richt die­ser Erklä­rung und nicht der eben­falls bestehen­den Mög­lich­keit folgt, dass die Ver­let­zung auch durch das vom Ange­klag­ten geschil­der­te Hin­ein­grei­fen in die Klin­ge ver­ur­sacht wor­den sein kann, wird vom Land­ge­richt nicht begrün­det.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 18. Mai 2017 – 2 StR 473/​16

  1. st. Rspr.; vgl. etwa BGH, Urteil vom 24.11.1992 – 5 StR 456/​92, StV 1993, 510; BGH, Beschluss vom 12.12 2001 – 5 StR 520/​01, StV 2002, 235; BGH, Beschluss vom 22.08.2013 – 1 StR 378/​13, NStZ-RR 2013, 387[]
  2. BGH, Urteil vom 05.07.1995 – 2 StR 137/​95, BGHSt 41, 153, 156; BGH, Beschluss vom 17.05.2000 – 3 StR 161/​00, NStZ 2000, 549, 550; Beschluss vom 16.12 2010 – 4 StR 508/​10, NStZ-RR 2011, 118[]