Rechts­mit­tel­be­grün­dungs­frist – und die Prü­fungs­pflicht des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten

a)) Nach § 85 Abs. 2 ZPO i.V.m. § 155 Satz 1 FGO muss sich ein Klä­ger das Ver­schul­den sei­nes Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten wie eige­nes Ver­schul­den zurech­nen las­sen [1].

Rechts­mit­tel­be­grün­dungs­frist – und die Prü­fungs­pflicht des Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten

Der hier­für ein­schlä­gi­ge Ver­schul­dens­maß­stab des § 56 Abs. 1 FGO schließt auch ein­fa­che bzw. leich­te Fahr­läs­sig­keit ein [2].

Wenn ein Rechts­an­walt eine Pro­zess­ver­tre­tung über­nimmt, wird die Wah­rung der pro­zes­sua­len Fris­ten einer sei­ner wesent­li­chen Auf­ga­ben, der er sei­ne beson­de­re Sorg­falt wid­men muss. Die­se beson­de­re Sorg­falts­pflicht macht es erfor­der­lich, dass er die Wah­rung der Fris­ten eigen­ver­ant­wort­lich über­wacht. Das schließt es zwar nicht aus, dass er die Notie­rung, Berech­nung und Kon­trol­le der übli­chen Fris­ten in Rechts­mit­tel­sa­chen, die in sei­ner Pra­xis häu­fig vor­kom­men und deren Berech­nung kei­ne Schwie­rig­kei­ten macht, gut aus­ge­bil­de­tem und sorg­fäl­tig beauf­sich­tig­tem Büro­per­so­nal über­lässt; zu den Fris­ten, deren Fest­stel­lung und Berech­nung gut aus­ge­bil­de­tem und sorg­fäl­tig beauf­sich­tig­tem Büro­per­so­nal über­las­sen wer­den darf, gehört aber nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts (BVerwG) die in Ver­fah­ren vor die­sem Gericht zu beach­ten­de Rechts­mit­tel­be­grün­dungs­frist grund­sätz­lich nicht [3]. Auf die Fra­ge, ob dies auch für die Revi­si­ons­be­grün­dungs­frist im Finanz­pro­zess gilt und ob jene Frist nach der am 1.01.2001 in Kraft getre­te­nen Neu­re­ge­lung des Frist­be­ginns gemäß § 120 Abs. 2 FGO durch das Zwei­te Gesetz zur Ände­rung der Finanz­ge­richts­ord­nung und ande­rer Geset­ze vom 19.12 2000 [4] wei­ter­hin nicht zu den übli­chen, häu­fig vor­kom­men­den und ein­fach zu berech­nen­den Fris­ten gehört, so dass der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te bei der Prü­fung und Über­wa­chung des Per­so­nals zu beson­de­rer Sorg­falt gehal­ten ist [5], kommt es hier nicht an. Denn ein Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ter ‑im Finanz­pro­zess auch ein mit der Pro­zess­füh­rung beauf­trag­ter Steu­er­be­ra­ter- hat den Ablauf einer Rechts­mit­tel­be­grün­dungs­frist jeden­falls dann eigen­ver­ant­wort­lich zu prü­fen, wenn ihm die Akten im Zusam­men­hang mit einer frist­ge­bun­de­nen Pro­zess­hand­lung, ins­be­son­de­re zu deren Bear­bei­tung, vor­ge­legt wer­den oder sich sonst die Not­wen­dig­keit einer Über­prü­fung auf­drängt [6]. Des­halb obliegt dem Pro­zess­be­voll­mäch­tig­ten bei Fer­ti­gung der Revi­si­ons­schrift neben der Kon­trol­le der Frist zur Ein­le­gung der Revi­si­on auch die Prü­fung, ob im Fris­ten­kon­troll­blatt eine Revi­si­ons­be­grün­dungs­frist notiert ist.

Im Streit­fall besteht das Ver­tre­ter­ver­schul­den mit­hin dar­in, dass der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te bei Vor­la­ge der Akte im Zuge der Erstel­lung der Revi­si­ons­schrift nicht dar­auf geach­tet hat, ob über­haupt eine Revi­si­ons­be­grün­dungs­frist im Fris­ten­kon­troll­blatt ein­ge­tra­gen war. Die hier maß­ge­ben­de (und zu beja­hen­de) Fra­ge, ob eine sol­che Prü­fungs­pflicht bestan­den hat, hat mit der Frist­be­rech­nung (hier: für die Revi­si­ons­be­grün­dungs­frist) als sol­cher nichts zu tun und ist des­halb unab­hän­gig von deren Schwie­rig­keits­grad zu beur­tei­len. Hät­te der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te die­se Prü­fung mit der gebo­te­nen Sorg­falt vor­ge­nom­men, hät­te er bei Ein­le­gung der Revi­si­on erken­nen müs­sen, dass eine Revi­si­ons­be­grün­dungs­frist nicht notiert war. Infol­ge die­ser Ver­let­zung sei­ner Sorg­falts­pflich­ten hat der Pro­zess­be­voll­mäch­tig­te der Klä­ge­rin die unterlassene/​falsche Notie­rung der Revi­si­ons­be­grün­dungs­frist und deren Ablauf nicht erkannt und die Frist zur Begrün­dung der Revi­si­on ver­säumt. Dar­in ist ein schuld­haf­tes Ver­hal­ten i.S. von § 56 Abs. 1 FGO zu sehen, das es aus­schließt, dem Wie­der­ein­set­zungs­an­trag zu ent­spre­chen.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 20. Juli 2016 – I R 6/​16

  1. stän­di­ge Recht­spre­chung, z.B. BFH, Beschluss vom 06.05.2013 – VI B 167/​12, BFH/​NV 2013, 1427[]
  2. z.B. BFH, Beschluss vom 30.04.2013 – IV R 38/​11, BFH/​NV 2013, 1117[]
  3. BVerwG, Beschluss vom 07.03.1995 9 C 390/​94, NJW 1995, 2122[]
  4. BGBl I 2000, 1757[]
  5. z.B. BFH, Beschluss vom 24.01.2005 – III R 43/​03, BFH/​NV 2005, 1312[]
  6. BFH, Urteil vom 29.04.2008 – I R 67/​06, BFHE 221, 201, BStBl II 2011, 55; s.a. BVerwG, Beschluss in NJW 1995, 2122; BFH, Beschluss vom 03.09.2002 – I R 59/​01, BFH/​NV 2003, 181[]