Unter­brin­gung in einem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus – und der erfor­der­li­che Defekt­zu­stand

Die Unter­brin­gung in einem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus gemäß § 63 StGB darf nur ange­ord­net wer­den, wenn zwei­fels­frei fest­steht, dass der Unter­zu­brin­gen­de bei Bege­hung der Anlass­tat auf­grund eines psy­chi­schen Defekts schuld­un­fä­hig oder ver­min­dert schuld­fä­hig war und die Tat­be­ge­hung auf die­sem Zustand beruht.

Unter­brin­gung in einem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus – und der erfor­der­li­che Defekt­zu­stand

Der Defekt­zu­stand muss, um die not­wen­di­ge Gefähr­lich­keits­pro­gno­se tra­gen zu kön­nen, von län­ge­rer Dau­er sein. Pro­gnos­tisch muss eine Wahr­schein­lich­keit höhe­ren Gra­des dafür bestehen, der Täter wer­de infol­ge sei­nes fort­dau­ern­den Zustands in Zukunft erheb­li­che rechts­wid­ri­ge Taten bege­hen, durch wel­che die Opfer see­lisch oder kör­per­lich erheb­lich geschä­digt oder erheb­lich gefähr­det wer­den oder schwe­rer wirt­schaft­li­cher Scha­den ange­rich­tet wird (§ 63 Satz 1 StGB).

Der Tatrich­ter hat die der Unter­brin­gungs­an­ord­nung zugrun­de lie­gen­den Umstän­de in den Urteils­grün­den so umfas­send dar­zu­stel­len, dass das Revi­si­ons­ge­richt in die Lage ver­setzt wird, die Ent­schei­dung nach­zu­voll­zie­hen [1].

Um die Vor­aus­set­zun­gen einer zumin­dest erheb­lich ein­ge­schränk­ten (§ 21 StGB), nicht sicher aus­schließ­bar voll­stän­dig auf­ge­ho­be­nen (§ 20 StGB) Steue­rungs­fä­hig­keit des Ange­klag­ten bei Bege­hung der Anlass­ta­ten in einer nach­voll­zieh­ba­ren Wei­se dar­zu­stel­len und beweis­wür­di­gend zu bele­gen, ist auf der Ebe­ne der Dar­le­gungs­an­for­de­run­gen stets eine kon­kre­ti­sie­ren­de Dar­stel­lung erfor­der­lich, in wel­cher Wei­se sich die näher fest­ge­stell­te psy­chi­sche Stö­rung bei Bege­hung der jewei­li­gen Tat auf die Hand­lungs­mög­lich­kei­ten des Beschul­dig­ten bzw. Ange­klag­ten in der kon­kre­ten Tat­si­tua­ti­on und damit auf sei­ne Ein­sichts- oder Steue­rungs­fä­hig­keit aus­ge­wirkt hat [2].

Die die­se Bewer­tung tra­gen­den Anknüp­fungs- und Befund­tat­sa­chen sind im Urteil in aus­rei­chen­dem Umfang wie­der­zu­ge­ben [3]. Ins­be­son­de­re ist in dem Urteil näher aus­zu­füh­ren, wie sich die (hier:) schi­zo­af­fek­ti­ve Stö­rung kon­kret auf die Steue­rungs­fä­hig­keit des Ange­klag­ten bei den Anlass­ta­ten aus­ge­wirkt haben soll.

Nicht aus­rei­chend hier­für ist ein Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten, dem das Land­ge­richt folgt und das sich im Wesent­li­chen in der Aus­sa­ge erschöpft, dass der Über­griff das Auf­tre­ten eines schwe­ren mani­schen Syn­droms in die­sem Zeit­raum bele­ge, das eine star­ke Krank­heits­dy­na­mik auf­wei­se und zu den Tat­zeit­punk­ten die Impuls­kon­trol­le des Ange­klag­ten erheb­lich ein­ge­schränkt habe. Dies lässt eine aus­rei­chen­de Dar­stel­lung der auf den Ange­klag­ten bezo­ge­nen kon­kre­ten Aus­wir­kun­gen sei­ner psy­chi­schen Erkran­kung zu den Tat­zei­ten ver­mis­sen. Wel­che Wahn­vor­stel­lun­gen der Ange­klag­te gehabt habe, wird im Urteil jedoch eben­so wenig dar­ge­stellt wie, wel­che psy­cho­ti­schen Ängs­te und Beein­träch­ti­gungs­ideen der Ange­klag­te geäu­ßert habe. Im Ergeb­nis bleibt damit offen, wie sich die psy­chi­sche Erkran­kung des Ange­klag­ten in der kon­kre­ten Tat­si­tua­ti­on auf sei­ne Ein­sichts- und Steue­rungs­fä­hig­keit aus­ge­wirkt hat. Es ist daher dem Bun­des­ge­richts­hof nicht mög­lich, die Wer­tung des Sach­ver­stän­di­gen und ihm fol­gend des Land­ge­richts nach­zu­voll­zie­hen, bei erhal­te­ner Ein­sichts­fä­hig­keit sei die Steue­rungs­fä­hig­keit des Ange­klag­ten zu den Tat­zeit­punk­ten zumin­dest im Sin­ne des § 21 StGB erheb­lich ein­ge­schränkt gewe­sen.

Auf dem auf­ge­zeig­ten Dar­le­gungs­man­gel beruht das ange­foch­te­ne Urteil. Es ist nach den sons­ti­gen Fest­stel­lun­gen nicht aus­ge­schlos­sen, dass nähe­re Dar­le­gun­gen zu den Aus­wir­kun­gen der dia­gnos­ti­zier­ten Stö­rung bei den Taten zu einer Ver­nei­nung der zumin­dest sicher erheb­li­chen Ein­schrän­kung der Schuld­fä­hig­keit, eine Vor­aus­set­zung des § 63 StGB, geführt hät­ten.

Umge­kehrt kann aber dem­entspre­chend auch das Vor­lie­gen einer schuld­haf­ten Bege­hung der Anlass­ta­ten nicht aus­ge­schlos­sen wer­den. Neben der Unter­brin­gung hat des­halb auch der Frei­spruch kei­nen Bestand (vgl. § 358 Abs. 2 Satz 2 StPO).

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 26. Janu­ar 2017 – 1 StR 637/​16

  1. st. Rspr.; vgl. etwa BGH, Beschlüs­se vom 21.12 2016 – 1 StR 594/​16, Rn. 3; vom 12.10.2016 – 4 StR 78/​16, Rn. 9; vom 15.01.2015 – 4 StR 419/​14, NStZ 2015, 394, 395; und vom 10.11.2015 – 1 StR 265/​15, NStZ-RR 2016, 76 f. mwN[]
  2. st. Rspr.; vgl. etwa BGH, Beschlüs­se vom 21.12 2016 – 1 StR 594/​16, Rn. 5; vom 12.10.2016 – 4 StR 78/​16, Rn. 11; vom 17.06.2014 – 4 StR 171/​14, NStZ-RR 2014, 305, 306; und vom 23.08.2012 – 1 StR 389/​12, NStZ 2013, 98[]
  3. vgl. BGH, Beschlüs­se vom 28.01.2015 – 4 StR 514/​14, Rn. 7, NStZ-RR 2015, 169; vom 16.01.2013 – 4 StR 520/​12, NStZ-RR 2013, 141, 142; vom 26.09.2012 – 4 StR 348/​12, Rn. 8; vom 29.05.2012 – 2 StR 139/​12, NStZ-RR 2012, 306, 307; und vom 14.09.2010 – 5 StR 229/​10, Rn. 8; Urteil vom 21.01.1997 – 1 StR 622/​96, BGHR StGB § 63 Zustand 20[]