Pro­zess­kos­ten­hil­fe – und ihre Abwei­sung erst im kla­ge­ab­wei­sen­den Urteil

Das Ver­wal­tungs­ge­richt ver­kennt die Bedeu­tung des Gebots der Rechts­schutz­gleich­heit, wenn es in einem ein­heit­li­chen Urteil die Kla­ge abweist und unter Ver­weis auf die Begrün­dung der Kla­ge­ab­wei­sung die Gewäh­rung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe ver­sagt.

Pro­zess­kos­ten­hil­fe – und ihre Abwei­sung erst im kla­ge­ab­wei­sen­den Urteil

Zwar ist es ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den, wenn zur Begrün­dung der Ver­sa­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe auf die Begrün­dung einer Sach­ent­schei­dung Bezug genom­men wird 1. Aller­dings unter­lie­gen die Ent­schei­dung über die Bewil­li­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe und die­je­ni­ge über das Begeh­ren in der Sache unter­schied­li­chen Maß­stä­ben, die im Ein­zel­fall eine sepa­ra­te Begrün­dung der Ableh­nung der Pro­zess­kos­ten­hil­fe erfor­der­lich machen kann 2.

Die­sen Anfor­de­run­gen ist das Ver­wal­tungs­ge­richt im hier ent­schie­de­nen Fall nicht gerecht gewor­den: Ein Ver­fas­sungs­ver­stoß folgt nicht bereits aus dem Umstand, dass über den Antrag auf Gewäh­rung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe gemäß § 166 VwGO, § 146 Abs. 2 VwGO, § 127 Abs. 1 ZPO durch Beschluss zu ent­schei­den ist. Aller­dings hat das Ver­wal­tungs­ge­richt im Pro­zess­kos­ten­hil­fe­ver­fah­ren und im Haupt­sa­che­ver­fah­ren die glei­chen Prü­fungs­maß­stä­be ange­wen­det. Dabei hat es die Mög­lich­keit außer Acht gelas­sen, dass Pro­zess­kos­ten­hil­fe dann zu gewäh­ren ist, wenn die Kla­ge ledig­lich in einer ex-ante-Per­spek­ti­ve hin­rei­chen­de Erfolgs­aus­sich­ten hat. Das Ver­wal­tungs­ge­richt hat den Antrag auf Gewäh­rung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe im Urteils­te­nor abge­lehnt und die­se Ableh­nung am Ende der Ent­schei­dungs­grün­de ledig­lich damit begrün­det, dass wegen der – in der Begrün­dung der Kla­ge­ab­wei­sung dar­ge­leg­ten – feh­len­den Erfolgs­aus­sich­ten des Rechts­schutz­be­geh­rens der Antrag auf Gewäh­rung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe abzu­leh­nen sei. Selbst­stän­di­ge Erwä­gun­gen des Ver­wal­tungs­ge­richts hin­sicht­lich des Pro­zess­kos­ten­hil­fe­an­trags aus einer ex-ante-Sicht erge­ben sich dar­aus nicht.

Zudem hat im vor­lie­gen­den Fall das Ver­wal­tungs­ge­richt zwei höchst strei­ti­ge Fra­gen im Pro­zess­kos­ten­hil­fe­ver­fah­ren durch­ent­schie­den, indem es sowohl die Ver­fol­gung all­ge­mein aus Syri­en aus­ge­reis­ter poten­ti­el­ler Rück­keh­rer als auch die Ver­fol­gung von Wehr­dienst­ver­wei­ge­rern im wehr­pflich­ti­gen Alter ver­neint hat.

Zu der ent­schei­dungs­er­heb­li­chen Fra­ge, ob unver­folgt aus­ge­reis­ten Syrern bei einer unter­stell­ten Rück­kehr nach Syri­en allein auf­grund der Aus­rei­se, der Asyl­an­trag­stel­lung im Aus­land und des län­ge­ren Aus­lands­auf­ent­hal­tes poli­ti­sche Ver­fol­gung droht und ihnen des­halb die Flücht­lings­ei­gen­schaft zuzu­er­ken­nen ist, gab es zum maß­geb­li­chen Zeit­punkt im Juni 2016 kei­ne aktu­el­le Ent­schei­dung des dem Ver­wal­tungs­ge­richt über­ge­ord­ne­ten Ober­ver­wal­tungs­ge­richts Meck­len­burg-Vor­pom­mern. Die­ses hat­te sogar im Gegen­satz zu der im ange­grif­fe­nen Urteil des Ver­wal­tungs­ge­richts ver­tre­te­nen Auf­fas­sung noch mit Beschluss vom 24.04.2014 3 die Zuer­ken­nung der Flücht­lings­ei­gen­schaft für unver­folgt aus­ge­reis­te Syrer bejaht.

Die­se Fra­ge war zum maß­geb­li­chen Zeit­punkt auch in der übri­gen ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung unge­klärt. Die Ober­ge­rich­te gaben ent­spre­chen­den Kla­gen zu die­sem Zeit­punkt sogar eher statt 4. Die erst­in­stanz­li­che Ent­schei­dungs­pra­xis war dar­über hin­aus sehr unein­heit­lich. Die vom Ver­wal­tungs­ge­richt in dem ange­grif­fe­nen Urteil zitier­ten Ent­schei­dun­gen, die die Flücht­lings­zu­er­ken­nung für unver­folgt aus­ge­reis­te Syrer ver­nei­nen, sind zudem nach dem hier maß­geb­li­chen Zeit­punkt im Juni 2016 ergan­gen und durf­ten nicht zu Las­ten des Beschwer­de­füh­rers berück­sich­tigt wer­den.

Auch die Fra­ge, ob syri­schen Staats­an­ge­hö­ri­gen im wehr­dienst­fä­hi­gen Alter wegen einer Wehr­dienst­ent­zie­hung Ver­fol­gung droht, war im Juni 2016 in der Recht­spre­chung des über­ge­ord­ne­ten Ober­ver­wal­tungs­ge­richts Meck­len­burg-Vor­pom­mern unge­klärt. Die­ses hat die Fra­ge erst mit Urteil vom 21.03.2018 5 – zuguns­ten der Beschwer­de­füh­rer – beant­wor­tet. Auch in der übri­gen Recht­spre­chung war die Zuer­ken­nung der Flücht­lings­ei­gen­schaft bei Wehr­dienst­ent­zie­hung unge­klärt. Erst nach dem hier ent­schei­den­den Zeit­punkt im Juni 2016 gab es zu die­ser Fra­ge – diver­gie­ren­de – Ent­schei­dun­gen der Ober­ge­rich­te 6. Damit lag jeden­falls eine klä­rungs­be­dürf­ti­ge Tat­sa­chen­fra­ge bezüg­lich der Ver­fol­gungs­ge­fahr für die­se Grup­pe in Syri­en vor, die durch das Ver­wal­tungs­ge­richt nicht im Pro­zess­kos­ten­hil­fe­ver­fah­ren zu Las­ten der Beschwer­de­füh­rer ent­schie­den wer­den durf­te.

Die Ver­sa­gung von Pro­zess­kos­ten­hil­fe hat die Beschwer­de­füh­rer als Unbe­mit­tel­te schlech­ter gestellt als Bemit­tel­te und ihnen die Chan­ce genom­men, ihre Auf­fas­sung in der münd­li­chen Ver­hand­lung und in der zwei­ten Instanz wei­ter zu ver­tre­ten.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 5. Dezem­ber 2018 – 2 BvR 2257/​17

  1. vgl. BVerfG, Beschluss vom 08.07.2016 – 2 BvR 2231/​13 13[]
  2. vgl. BVerfG, a.a.O., Rn. 14[]
  3. Az.: 2 L 16/​13[]
  4. vgl. Hes­si­scher VGH, Beschluss vom 27.01.2014 – 3 A 917/​13.Z.A; VGH Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 29.10.2013 – A 11 S 2046/​13[]
  5. OVG Meck­len­burg-Vor­pom­mern, Beschluss vom 21.03.2018 – 2 L 238/​13[]
  6. die Flücht­lings­ei­gen­schaft beja­hend BayVGH, Urteil vom 12.12 2016 – 21 B 16.30372; VGH BW, Urteil vom 14.06.2017 – A 11 S 511/​17; Hes­si­scher VGH, Urteil vom 06.06.2017 – 3 A 3040/​16.A; die Flücht­lings­ei­gen­schaft ver­nei­nend etwa OVG NRW, Urteil vom 04.05.2017 – 14 A 2023/​16.A; Nie­der­säch­si­sches OVG, Urteil vom 27.06.2017 – 2 LB 91/​17 – und Beschluss vom 12.09.2017 – 2 LB 750/​17; OVG Saar­land, Urtei­le vom 18.05.2017 – 2 A 176/​17; und vom 22.08.2017 – 2 A 262/​17; OVG Rhein­land-Pfalz, Urteil vom 16.12 2016 – 1 A 10922/​16.OVG – alle juris[]