Bezug­nah­me auf einen Tarif­ver­trag in einem For­mu­lar­ar­beits­ver­trag – und ihre sach­li­che Reich­wei­te

Nach der st. Rspr. des BAG ist die pau­scha­le Bezug­nah­me im Arbeits­ver­trag auf tarif­li­che Ver­gü­tungs­be­stim­mun­gen ohne Nen­nung fes­ter Beträ­ge und ohne Anga­be einer kon­kret nach Datum fest­ge­leg­ten Fas­sung des in Bezug genom­me­nen Tarif­ver­trags regel­mä­ßig dyna­misch zu ver­ste­hen 1, es sei denn, ein­deu­ti­ge Hin­wei­se spre­chen für eine sta­ti­sche Bezug­nah­me 2. Hier­von aus­ge­hend haben die Par­tei­en mit § 5 des Arbeits­ver­trags die Ver­gü­tung zeit­lich dyna­misch, ori­en­tiert an den in Bezug genom­me­nen tarif­li­chen Rege­lun­gen gestal­tet, denn an Hin­wei­sen auf eine sta­ti­sche Bezug­nah­me fehlt es.

Bezug­nah­me auf einen Tarif­ver­trag in einem For­mu­lar­ar­beits­ver­trag – und ihre sach­li­che Reich­wei­te

Die Par­tei­en haben sich mit der dyna­mi­schen Aus­ge­stal­tung der Bezug­nah­me für die Zukunft der Rege­lungs­macht der Tarif­ver­trags­par­tei­en (hier: des öffent­li­chen Diens­tes des Lan­des Hes­sen) anver­traut. Sinn und Zweck der Ver­ein­ba­rung einer unter­neh­mens­frem­den tarif­li­chen Ver­gü­tungs­re­ge­lung für den öffent­li­chen Dienst ist es zunächst, eine am öffent­li­chen Dienst ori­en­tier­te Ver­gü­tungs­struk­tur zu schaf­fen, um eine Gleich­stel­lung der Ange­stell­ten des Arbeit­ge­bers mit denen des öffent­li­chen Diens­tes zu errei­chen. Zugleich weist eine sol­che Klau­sel auf das Inter­es­se des Arbeit­ge­bers hin, aus Wett­be­werbs- und Arbeits­markt­grün­den, das­je­ni­ge Ver­gü­tungs­sys­tem zur Gel­tung zu brin­gen, das typi­scher­wei­se gel­ten wür­de, wenn die aus­ge­üb­ten Tätig­kei­ten inner­halb des öffent­li­chen Diens­tes erbracht wür­den 3. Die Klau­sel ist des­halb als Ver­wei­sung auf die sich im Rah­men des Ver­gü­tungs­sys­tems des BAT voll­zie­hen­de Tarif­ent­wick­lung zu ver­ste­hen, die für die tarif­ge­bun­de­nen Ange­stell­ten des Lan­des Hes­sen maß­geb­lich ist. Die For­mu­lie­rung "Bun­des­an­ge­stell­ten­ta­rif (Fas­sung Land Hes­sen)" ist als ein Syn­onym für das tarif­li­che Bezug­sys­tem 4 gebraucht wor­den, das für die Ange­stell­ten des öffent­li­chen Diens­tes des Lan­des Hes­sen in sei­ner jewei­li­gen Fas­sung Anwen­dung fin­det.

Die Bezug­nah­me­klaus­sel des Arbeits­ver­trags kann nicht dahin­ge­hend aus­ge­legt wer­den, dass die Ver­gü­tung sta­tisch fest­ge­schrie­ben wur­de. Für die Annah­me, die Arbeits­ver­trags­par­tei­en hät­ten die wei­te­re Tarif­ent­wick­lung im öffent­li­chen Dienst nicht nach­voll­zie­hen und damit eine im Ergeb­nis "ein­ge­fro­re­ne" Rege­lung in Bezug neh­men wol­len, bedarf es wei­te­rer und nach­hal­ti­ger Gesichts­punk­te 5. An die­sen fehlt es. Die Klau­sel spricht viel­mehr dafür, dass die Arbeits­ver­trags­par­tei­en davon aus­ge­gan­gen sind, jeden­falls grund­sätz­lich wür­den in dem in Bezug genom­me­nen Bereich auch wei­ter­hin Tarif­ver­trä­ge abge­schlos­sen und die Arbeits­be­din­gun­gen von den Tarif­ver­trags­par­tei­en der Ent­wick­lung ange­passt wer­den.

Die Bezug­nah­me­klau­sel kann nicht als Bezug­nah­me auf die ohne Betei­li­gung des Lan­des Hes­sen ver­ein­bar­ten Tarif­ver­trä­ge TVöD oder TV‑L aus­ge­legt wer­den, die die Rege­lun­gen für die Ange­stell­ten des öffent­li­chen Diens­tes bei Bund und Län­dern ablös­ten.

All­ge­mein ist davon aus­zu­ge­hen, dass nicht tarif­ge­bun­de­ne Arbeits­ver­trags­par­tei­en, die ihre mate­ri­el­len Arbeits­be­din­gun­gen dyna­misch an einem Tarif­ver­trag ori­en­tie­ren, den­je­ni­gen Tarif­ver­trä­gen fol­gen wol­len, die von den Tarif­ver­trags­par­tei­en des ursprüng­lich in Bezug genom­men Tarif­ver­trags abge­schlos­sen wer­den. Die über­ein­stim­men­de Ori­en­tie­rung von Arbeits­ver­trags­par­tei­en an der Ent­wick­lung eines Tarif­ver­trags oder Tarif­werks ist ins­be­son­de­re, wenn sie nicht tarif­ge­bun­den sind, zumin­dest auch geprägt von dem Ver­trau­en in die kon­kre­ten Tarif­ver­trags­par­tei­en, so dass den von die­sen abge­schlos­se­nen 6Tarif­ver­trä­gen im Zwei­fel eine grö­ße­re Arbeits­ver­trags­nä­he zuzu­mes­sen ist. Kom­men hier­für meh­re­re Tarif­ver­trags­par­tei­en in Betracht, weil im Arbeits­ver­trag auf par­al­lel abge­schlos­se­ne, inhalts­glei­che Tarif­ver­trä­ge Bezug genom­men wur­de oder weil es sich bei dem in Bezug genom­me­nen Tarif­ver­trag um einen mehr­glied­ri­gen Tarif­ver­trag han­del­te, der von den bis dahin gemein­sam abschlie­ßen­den Tarif­ver­trags­par­tei­en jeweils unter­schied­li­chen Fol­ge­re­ge­lun­gen unter­wor­fen wird, soll im Zwei­fel der Fol­ge­ta­rif­ver­trag ange­wandt wer­den, der von den­je­ni­gen Tarif­ver­trags­par­tei­en abge­schlos­sen wor­den ist, denen die Arbeits­ver­trags­par­tei­en aus bei­der­sei­ti­ger Sicht am nächs­ten stan­den 7.

Dies sind vor­lie­gend die für den öffent­li­chen Dienst des Lan­des Hes­sen maß­geb­li­chen Tarif­ver­trags­par­tei­en. Dem steht nicht ent­ge­gen, dass das Land Hes­sen am Abschluss der ursprüng­lich in Bezug genom­me­nen Tarif­ver­trä­ge nur ver­mit­telt durch die Mit­glied­schaft in der Tarif­ge­mein­schaft deut­scher Län­der betei­ligt war, denn die Par­tei­en haben, wie sich aus dem Klam­mer­zu­satz "Fas­sung Land Hes­sen" ergibt, aus­drück­lich auf die Tarif­ent­wick­lung im öffent­li­chen Dienst des Lan­des Hes­sen und nicht auf eine hier­von abwei­chen­de Tarif­ent­wick­lung im Bereich des Bun­des oder ande­rer Bun­des­län­der abge­stellt.

Auf­grund die­ses Aus­le­gungs­er­geb­nis­ses bleibt für eine Anwen­dung der zwi­schen dem Beklag­ten und dem Betriebs­rat abge­schlos­se­nen BV Ver­gü­tung und BV Zulagen/​Zuwen­dung anstel­le der tarif­li­chen Rege­lun­gen des TV EVerb 2008 und des TV EVerb‑H 2009/​2010 kein Raum, weil die ver­trag­li­che Rege­lung bis zur Ablö­sung des Tarif­sys­tems des BAT durch den TV‑H am 1.01.2010 nicht lücken­haft war.

Offen­blei­ben kann dabei vor­lie­gend, ob die Bezug­nah­me­klau­sel des Arbeits­ver­trags als Bezug­nah­me auf die vom Land Hes­sen mit den Mit­glieds­ge­werk­schaf­ten des DGB oder auf die mit der dbb tarif­uni­on abge­schlos­se­nen Tarif­ver­trä­ge TV EVerb 2008 und TV EVerb 2009/​2010 aus­zu­le­gen ist und, ob es sich bei den vom Land Hes­sen mit den Mit­glieds­ge­werk­schaf­ten des DGB abge­schlos­se­nen Tarif­ver­trä­gen um Ein­heits­ta­rif­ver­trä­ge oder um mehr­glied­ri­ge Tarif­ver­trä­ge im enge­ren Sin­ne 8 han­delt.

Die Beant­wor­tung der vor­ge­nann­ten Fra­gen ist für die von der Arbeit­neh­me­rin gel­tend gemach­ten Zah­lungs­an­sprü­che nicht ent­schei­dungs­er­heb­lich, weil sich unab­hän­gig davon, wel­chen Tarif­ver­trag man zugrun­de legt, Zah­lungs­an­sprü­che in glei­cher Höhe erge­ben. Die TV EVerb 2008 und TV EVerb‑H 2009/​2010 wur­den vom Land Hes­sen mit den DGB Gewerk­schaf­ten und der dbb tarif­uni­on nach getrenn­ten Ver­hand­lun­gen abge­schlos­sen. Es han­delt sich jeden­falls inso­weit um par­al­le­le, von­ein­an­der unab­hän­gi­ge Tarif­ver­trä­ge. Die Tarif­ver­trä­ge sind aller­dings gleich­lau­tend, so dass trotz der Exis­tenz meh­re­rer Tarif­ver­trä­ge neben­ein­an­der die Ver­gü­tung der Ange­stell­ten des öffent­li­chen Diens­tes des Lan­des Hes­sen ein­heit­lich gere­gelt wur­de. Jeder die­ser Tarif­ver­trä­ge ist auf die ein­ma­li­ge Ein­kom­mens­ver­bes­se­rung und nicht eine eigen­stän­di­ge Wei­ter­ent­wick­lung gerich­tet. Die mög­li­che Fort­ent­wick­lung eines Tarif­ver­trags ist für die kraft Bezug­nah­me anzu­wen­den­de Ent­gelt­ta­bel­le uner­heb­lich. Eben­so bedarf es kei­ner Ent­schei­dung, ob die par­ti­el­le Bezug­nah­me auf den BAT und den die­sen ergän­zen­den Tarif­ver­trä­ge auf­grund des Feh­lens einer Kol­li­si­ons­re­gel noch hin­rei­chend trans­pa­rent iSd. § 307 Abs. 1 Satz 2 BGB war 9. Auf eine mög­li­che Unwirk­sam­keit der Klau­sel könn­te sich der Beklag­te nicht beru­fen. Die Fol­gen der Unwirk­sam­keit einer AGB-Klau­sel sind allein vom Ver­wen­der zu tra­gen 10.

Für den Zeit­raum ab 1.01.2010 steht der Arbeit­neh­me­rin kei­ne Ver­gü­tung auf der Grund­la­ge der bis­he­ri­gen tarif­li­chen Rege­lun­gen mehr zu. Der TV‑H lös­te die bis dahin für das Arbeits­ver­hält­nis maß­geb­li­chen tarif­li­chen Rege­lun­gen ab. Allen­falls kämen Ansprü­che auf der Grund­la­ge des am 1.01.2010 in Kraft getre­te­nen TV‑H in Betracht.

Der am 1.01.2010 in Kraft getre­te­ne TV‑H ersetz­te gemäß § 2 Abs. 1 TVÜ‑H mit Wir­kung zum 1.01.2010 die in der Anla­ge 1 Teil A und Teil B TVÜ‑H genann­ten Tarif­ver­trä­ge. Hier­zu gehö­ren gemäß Anla­ge 1 Teil A Nr. 1 TVÜ‑H der BAT und gemäß Anla­ge 1 Teil B Nr. 2, 6, 11 TVÜ‑H der Ver­gü­tungs­ta­rif­ver­trag Nr. 35 zum BAT, der Tarif­ver­trag über Zula­gen an Ange­stell­te (Län­der) und der Tarif­ver­trag über eine Zuwen­dung für Ange­stell­te. Der TV EVerb‑H 2009/​2010 nahm die­se Ent­wick­lung vor­weg, indem er in § 2 Abs. 3 TV EVerb‑H 2009/​2010 ledig­lich auf den TV‑H Bezug nahm und die in den Anla­gen A1 und A2 zum TV‑H fest­ge­leg­ten Ent­gelt­ta­bel­len für die Beschäf­tig­ten des Lan­des Hes­sen ab 1.01.2010 bzw. ab 1.03.2010 mit den Anla­gen 14 und 15 zum TV EVerb‑H 2009/​2010 zum Gegen­stand der tarif­li­chen Rege­lung mach­te. Die Rege­lun­gen des TV EVerb‑H 2009/​2010 für die Zeit ab 1.01.2010 stell­ten auf die Ver­gü­tungs­struk­tur des TV‑H ab und basier­ten auf die­ser.

Für die Ver­gü­tungs­hö­he der Beschäf­tig­ten des öffent­li­chen Diens­tes des Lan­des Hes­sen sind damit seit 1.01.2010 nicht mehr die sich aus den Rege­lun­gen des Ver­gü­tungs­ta­rif­ver­trags Nr. 35 zum BAT, des Tarif­ver­trags Zula­gen sowie des Tarif­ver­trags Zuwen­dun­gen iVm. den TV EVerb‑H 2009/​2010 erge­be­nen Beträ­ge maß­geb­lich, son­dern die Bestim­mun­gen des TV‑H, ins­be­son­de­re die Ent­gelt­ta­bel­len der Anla­ge A1 und A2 zum TV‑H. Im Land Hes­sen wur­den die für das Ver­gü­tungs­sys­tem des BAT maß­geb­li­chen Tarif­ver­trä­ge durch den TV‑H abge­löst.

Der Wort­laut der Bezug­nah­me­klau­sel in § 5 des Arbeits­ver­trags trägt auch bei der unter I 1 der Grün­de dar­ge­stell­ten Aus­le­gung kei­ne Erstre­ckung auf den TV‑H. Im Gegen­satz zum TV EVerb 2008 und zum TV EVerb‑H 2009/​2010, soweit letz­te­rer die Ver­gü­tung bis zum 31.12.2009 regelt, wur­de im TV‑H die für den Anwen­dungs­be­reich des BAT maß­geb­li­che Ver­gü­tungs­struk­tur nicht bei­be­hal­ten. Des­halb wird der TV‑H nicht von der ver­trag­li­chen Ver­wei­sung auf den BAT erfasst. Ein Zusatz, dass die den "BAT erset­zen­den Tarif­ver­trä­ge" Anwen­dung fin­den sol­len, wur­de nicht in den Arbeits­ver­trag der Par­tei­en auf­ge­nom­men.

Dass sich die Ver­gü­tung der Arbeit­neh­me­rin nach den Bestim­mun­gen des TV‑H rich­tet, ergibt jedoch eine ergän­zen­de Aus­le­gung des Arbeits­ver­trags.

Es ist nach­träg­lich eine Rege­lungs­lü­cke ent­stan­den.

Die im Arbeits­ver­trag der Par­tei­en ent­hal­te­ne zeit­dy­na­misch aus­ge­stal­te­te Bezug­nah­me auf die Ver­gü­tungs­struk­tur des BAT ist durch die Ablö­sung die­ses tarif­li­chen Rege­lungs­werks zu einer sta­ti­schen gewor­den, weil das Objekt der Bezug­nah­me von den Tarif­ver­trags­par­tei­en nicht mehr wei­ter­ent­wi­ckelt wird 11. Ein "Ein­frie­ren" der Ver­gü­tung auf den Zeit­punkt der Ablö­sung der bis­her für die Ver­gü­tung maß­geb­li­chen tarif­li­chen Rege­lun­gen ent­sprach nicht dem Wil­len der Par­tei­en. Der Ver­trag ist nach­träg­lich lücken­haft gewor­den, weil die arbeits­ver­trag­li­che Bezug­nah­me auf der Dyna­mik der tarif­li­chen Ver­gü­tungs­re­ge­lun­gen auf­bau­te.

Die nach­träg­lich ent­stan­de­ne Rege­lungs­lü­cke ist im Wege der ergän­zen­den Ver­trags­aus­le­gung zu schlie­ßen. Die­se ergibt, dass sich die Par­tei­en den Ver­gü­tungs­re­ge­lun­gen des TV‑H unter­wor­fen hät­ten.

Im Wege der ergän­zen­den Ver­trags­aus­le­gung tritt anstel­le der lücken­haf­ten Klau­sel die­je­ni­ge Gestal­tung, die die Par­tei­en bei einer ange­mes­se­nen Abwä­gung ihrer Inter­es­sen nach Treu und Glau­ben als red­li­che Ver­trags­par­tei­en ver­ein­bart hät­ten, wenn ihnen die Unvoll­stän­dig­keit ihrer Rege­lung bekannt gewe­sen wäre 12. Die ergän­zen­de Ver­trags­aus­le­gung von all­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen ori­en­tiert sich an einem objek­tiv gene­ra­li­sie­ren­den, am Wil­len und Inter­es­se der typi­scher­wei­se an Geschäf­ten die­ser Art betei­lig­ten Ver­kehrs­krei­se aus­ge­rich­te­ten Maß­stab und nicht nur am Wil­len und Inter­es­se der kon­kret betei­lig­ten Per­so­nen. Die Ver­trags­er­gän­zung muss des­halb für den betrof­fe­nen Ver­trags­typ als all­ge­mei­ne Lösung eines stets wie­der­keh­ren­den Inter­es­sen­ge­gen­sat­zes ange­mes­sen sein. Maß­geb­li­cher Zeit­punkt für die Fest­stel­lung und Bewer­tung des mut­maß­li­chen Par­tei­wil­lens und der Inter­es­sen­la­ge ist der Zeit­punkt des Ver­trags­schlus­ses, denn die ergän­zen­de Ver­trags­aus­le­gung schließt eine anfäng­li­che Rege­lungs­lü­cke rück­wir­kend. Das gilt auch, wenn sich eine Lücke erst nach­träg­lich als Fol­ge des wei­te­ren Ver­laufs der Din­ge erge­ben hat. Zunächst ist hier­für an den Ver­trag selbst anzu­knüp­fen, denn die in ihm ent­hal­te­nen Rege­lun­gen und Wer­tun­gen, sein Sinn und Zweck sind Aus­gangs­punkt der Ver­trags­er­gän­zung. Soweit irgend mög­lich, sind danach Lücken im Wege der ergän­zen­den Ver­trags­aus­le­gung in einer Wei­se aus­zu­fül­len, dass die Grund­zü­ge des kon­kre­ten Ver­trags "zu Ende gedacht" wer­den 13.

Aus­ge­hend von die­sem Maß­stab hät­ten die Par­tei­en red­li­cher­wei­se für den Fall der hier vor­lie­gen­den Ablö­sung des in Bezug genom­me­nen tarif­li­chen Rege­lungs­werks das die­sem nach­fol­gen­de tarif­li­che Rege­lungs­werk für den öffent­li­chen Dienst des Lan­des Hes­sen ver­ein­bart, also den TV‑H und des­sen beglei­ten­de Über­gangs­re­ge­lun­gen.

Die Ablö­sung der bis­her gel­ten­den Tarif­wer­ke durch den TV‑H wirkt nicht anders auf den Arbeits­ver­trag ein als eine (tief­grei­fen­de) inhalt­li­che Ände­rung der im Arbeits­ver­trag benann­ten Tarif­ver­trä­ge. Mit dem Nach­voll­zie­hen der Tarif­ent­wick­lung auf arbeits­ver­trag­li­cher Ebe­ne wer­den die Par­tei­en nicht anders gestellt, als sie stün­den, wenn die Tarif­ver­trags­par­tei­en des öffent­li­chen Diens­tes des Lan­des Hes­sen, deren Rege­lungs­macht sich die Par­tei­en durch die Bezug­nah­me­klau­sel in § 5 des Arbeits­ver­trags anver­trau­ten, die für ihren Tarif­be­reich maß­geb­li­che Ver­gü­tungs­struk­tur des BAT refor­miert und ihr einen neu­en Inhalt gege­ben hät­ten 14. In die­sem Zusam­men­hang ist es ohne aus­schlag­ge­ben­de Bedeu­tung, ob es sich bei die­ser Tarif­re­form um eine Tarif­suk­zes­si­on oder um einen Tarif­wech­sel han­del­te. Maß­ge­bend ist aus­schließ­lich der nach Aus­le­gung gewon­ne­ne Inhalt der ein­zel­ver­trag­li­chen Ver­wei­sungs­klau­sel 15.

Einer ergän­zen­den Aus­le­gung der Ver­gü­tungs­ver­ein­ba­rung in die­sem Sin­ne steht nicht ent­ge­gen, dass die Par­tei­en in § 2 des Arbeits­ver­trags die einem Beschäf­ti­gungs­um­fang von 100 % ent­spre­chen­de Arbeits­zeit unab­hän­gig vom BAT regel­ten, indem sie auf die "übli­che Arbeits­zeit" abstell­ten. Damit hat die Arbeit­neh­me­rin wei­ter­hin Anspruch auf Ver­gü­tung einer Voll­zeit­kraft.

Ent­ge­gen der Ansicht des Beklag­ten kann nicht ange­nom­men wer­den, dass die Ver­trags­par­tei­en die ent­stan­de­ne Rege­lungs­lü­cke durch Anwen­dung der BV Ver­gü­tung und der BV Zulagen/​Zuwendung geschlos­sen hät­ten.

Die Arbeits­ver­trags­par­tei­en kön­nen ihre ver­trag­li­chen Abspra­chen dahin­ge­hend gestal­ten, dass sie der Abän­de­rung durch betrieb­li­che Nor­men unter­lie­gen. Das kann aus­drück­lich oder kon­klu­dent gesche­hen und ist nicht nur bei betrieb­li­chen Ein­heits­re­ge­lun­gen und Gesamt­zu­sa­gen mög­lich, son­dern auch bei ein­zel­ver­trag­li­chen Abre­den. Eine sol­che kon­klu­den­te Abre­de ist regel­mä­ßig anzu­neh­men, wenn der Ver­trags­ge­gen­stand in all­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen ent­hal­ten ist und einen kol­lek­ti­ven Bezug hat. Mit der Ver­wen­dung von all­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen macht der Arbeit­ge­ber deut­lich, dass im Betrieb ein­heit­li­che Arbeits­be­din­gun­gen gel­ten sol­len. Eine betriebs­ver­ein­ba­rungs­fes­te Gestal­tung der Arbeits­be­din­gun­gen stün­de dem ent­ge­gen. Etwas ande­res gilt nur dann, wenn Arbeit­ge­ber aus­drück­lich Arbeits­be­din­gun­gen ver­ein­ba­ren, die unab­hän­gig von einer im Betrieb gel­ten­den nor­ma­ti­ven Rege­lung Anwen­dung fin­den sol­len 16.

Letz­te­res ist hier der Fall. Die Par­tei­en haben in der Bezug­nah­me­klau­sel des Arbeits­ver­trags mit der Ver­ein­ba­rung einer Ver­gü­tung nach "Ver­gü­tungs­grup­pe II a des Bun­des­an­ge­stell­ten­ta­rifs (Fas­sung Land Hes­sen)" unter­neh­mens­frem­de tarif­li­che Rege­lun­gen in Bezug genom­men. Mit dem Zweck die­ser dyna­mi­schen Bezug­nah­me auf Ver­gü­tungs­re­ge­lun­gen des öffent­li­chen Diens­tes des Lan­des Hes­sen, eine Gleich­stel­lung mit den in die­sem Bereich beschäf­tig­ten Ange­stell­ten zu errei­chen, wäre eine Anwen­dung der allein für den Bereich des Beklag­ten maß­geb­li­chen betrieb­li­chen Rege­lun­gen nicht ver­ein­bar.

Im Rah­men der hier vor­zu­neh­men­den ergän­zen­den Ver­trags­aus­le­gung kann, anders als im Fall einer auf­ge­spal­te­nen Tarif­suk­zes­si­on 17, dahin­ge­stellt blei­ben, ob die Par­tei­en, wenn sie die Lücken­haf­tig­keit der ver­trag­li­chen Rege­lung bei Abschluss des Arbeits­ver­trags bedacht hät­ten, auf die vom Land Hes­sen mit den DGB-Mit­glieds­ge­werk­schaf­ten oder die mit der dbb tarif­uni­on ver­ein­bar­ten Tarif­ver­trä­ge Bezug genom­men hät­ten. Die Tarif­ver­trä­ge sind gleich­lau­tend, so dass trotz der Exis­tenz meh­re­rer Tarif­wer­ke neben­ein­an­der die Ver­gü­tung der Ange­stell­ten des öffent­li­chen Diens­tes des Lan­des Hes­sen, an der sich die Par­tei­en ori­en­tie­ren woll­ten, ein­heit­lich gere­gelt wur­de. Für die Höhe der Zah­lungs­an­sprü­che der Arbeit­neh­me­rin ist es des­halb nicht ent­schei­dungs­er­heb­lich, wel­ches Tarif­werk zugrun­de gelegt wird. Käme es künf­tig dar­auf an, müss­te dies mit­tels wei­te­rer ergän­zen­der Ver­trags­aus­le­gung geklärt wer­den.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 21. August 2013 – 5 AZR 581/​11

  1. BAG 10.11.2010 – 5 AZR 844/​09, Rn. 16; 18.05.2011 – 5 AZR 213/​09, Rn. 13[]
  2. BAG 12.12.2012 – 4 AZR 65/​11, Rn. 25[]
  3. BAG 16.12.2009 – 5 AZR 888/​08, Rn. 26; 18.05.2011 – 5 AZR 213/​09, Rn. 22[]
  4. vgl. BAG 27.01.2010 – 4 AZR 591/​08, Rn. 22, 23[]
  5. BAG 27.01.2010 – 4 AZR 591/​08, Rn. 25, 26; 10.11.2010 – 5 AZR 844/​09, Rn. 23[]
  6. Fol­ge-[]
  7. BAG 27.01.2010 – 4 AZR 591/​08, Rn. 33[]
  8. zur Ter­mi­no­lo­gie: BAG 29.06.2004 – 1 AZR 143/​03, zu III 4 a und b der Grün­de; 8.11.2006 – 4 AZR 590/​05, Rn. 22, BAGE 120, 84[]
  9. zur Trans­pa­renz arbeits­ver­trag­li­cher Ver­wei­sungs­klau­seln: BAG 13.03.2013 – 5 AZR 954/​11, Rn. 30 – 32[]
  10. vgl. BAG 27.10.2005 – 8 AZR 3/​05, Rn. 16; 28.06.2006 – 10 AZR 407/​05, Rn. 15[]
  11. BAG 18.05.2011 – 5 AZR 213/​09, Rn. 16[]
  12. BAG 18.05.2011 – 5 AZR 213/​09, Rn. 18; 12.12.2012 – 4 AZR 65/​11, Rn. 33[]
  13. BAG 12.12.2012 – 4 AZR 65/​11, Rn. 33 mwN[]
  14. BAG 18.05.2011 – 5 AZR 213/​09, Rn.20[]
  15. BAG 27.01.2010 – 4 AZR 591/​08, Rn. 36[]
  16. BAG 5.03.2013 – 1 AZR 417/​12, Rn. 59, 60[]
  17. vgl. hier­zu: BAG 18.04.2012 – 4 AZR 392/​10, Rn. 24[]