Schul­star­ter­pa­ket für behin­der­te Kin­der in Tages­bil­dungs­stät­ten

Behin­der­te Kin­der in nie­der­säch­si­schen Tages­bil­dungs­stät­ten haben Anspruch auf Leis­tun­gen für Schul­be­dar­fe nach dem SGB II (das soge­nann­te „Schul­star­ter­pa­ket“).

Schul­star­ter­pa­ket für behin­der­te Kin­der in Tages­bil­dungs­stät­ten

Die zusätz­li­chen Leis­tun­gen für Schu­le nach dem zum 1.8.2009 ein­ge­führ­ten sog „Schul­star­ter­pa­ket“ ( § 24a SGB II) kann auch ein behin­der­tes Kind bean­spru­chen, das sei­ne Schul­pflicht nicht durch den Besuch einer För­der­schu­le, son­dern einer Tages­bil­dungs­stät­te in Nie­der­sach­sen erfüllt.

In dem Ver­fah­ren wehr­te sich der 1997 gebo­re­ne und geis­tig behin­der­te Klä­ger dage­gen, dass der beklag­te Land­kreis Leer bei ihm, anders als bei sei­ner 1999 gebo­re­nen und gleich­falls behin­der­ten Schwes­ter, die eine För­der­schu­le besuch­te, im Juni 2009 einen Anspruch auf die zusätz­li­che Leis­tung für Schul­be­dar­fe ver­nein­te. Dies begrün­de­te der SGB II-Trä­ger damit, dass eine Tages­bil­dungs­stät­te kei­ne all­ge­mein­bil­den­de Schu­le im Sin­ne des Nie­der­säch­si­schen Schul­ge­set­zes (NSchG) sei, weil dort – im Unter­schied etwa zum Besuch von För­der­schu­len – kein all­ge­mein­bil­den­der Schul­ab­schluss erlangt wer­den kön­ne.

Das Bun­des­so­zi­al­ge­richt hat die Sprung­re­vi­si­on des Beklag­ten gegen das zuspre­chen­de Urteil des Sozi­al­ge­richts Aurich zurück­ge­wie­sen. Es ist davon aus­ge­gan­gen, dass der Beklag­te schon des­halb nicht zur Rück­nah­me der vor­an­ge­gan­ge­nen Bewil­li­gung berech­tigt war, weil der Klä­ger im August 2009 einen Anspruch auf zusätz­li­che Leis­tun­gen für Schu­le hat­te. Der Begriff der „all­ge­mein­bil­den­den Schu­le“ im Sin­ne des § 24a SGB II ist – ent­ge­gen der Rechts­auf­fas­sung des Beklag­ten – nicht vor­ran­gig anhand der schul­recht­li­chen Rege­lun­gen der Län­der, son­dern nach dem Geset­zes­kon­text, der His­to­rie der Vor­schrift sowie deren Sinn und Zweck zu bestim­men. Bereits nach ihrem Wort­laut ver­langt die Norm weder einen bestimm­ten Schul­ab­schluss noch wird – anders als etwa bei Leis­tun­gen für mehr­tä­gi­ge Klas­sen­fahr­ten nach dem SGB II – auf die schul­recht­li­chen Bestim­mun­gen der Län­der Bezug genom­men. Aus der Ent­ste­hungs­ge­schich­te der Vor­schrift ergibt sich, dass der Gesetz­ge­ber noch vor dem Inkraft­tre­ten der Norm das Erfor­der­nis eines all­ge­mein­bil­den­den Schul­ab­schlus­ses im Geset­zes­text ent­fal­len ließ. Ins­be­son­de­re kann auch unter Beach­tung des all­ge­mei­nen Gleich­heits­sat­zes und des Zwecks der Rege­lung, allen Schü­lern und Schü­le­rin­nen die per­sön­li­che Aus­stat­tung mit Schul­ran­zen, Schreib‑, Rechen- und Zei­chen­ma­te­ria­li­en zu ermög­li­chen, nicht auf den Besuch bestimm­ter „Schul­for­men“ abge­stellt wer­den.

Auch die zum 1. Janu­ar 2011 in Erwei­te­rung des „Schul­star­ter­pa­kets“ neu ein­ge­führ­ten Leis­tun­gen für Bil­dung und Teil­ha­be für Per­so­nen, die das 25. Lebens­jahr noch nicht voll­endet haben, set­zen vor­aus, dass eine all­ge­mein- oder berufs­bil­den­de Schu­le besucht wird ( § 28 Abs 1 S 2 SGB II).

Bun­des­so­zi­al­ge­richt, Urteil vom 19. Juni 2012 – B 4 AS 162/​11