Ver­ges­sen eines Betei­lig­ten bei Ver­fah­rens­zu­sam­men­le­gung

Ver­bin­det das Sozi­al­ge­richt zwei Ver­fah­ren gegen ver­schie­de­ne Beklag­te, führt dann aber das Ver­fah­ren nur noch mit einem Beklag­ten fort, liegt ein wesent­li­cher Man­gel des Ver­fah­rens vor, der zu einer Zurück­ver­wei­sung an das Sozi­al­ge­richt gem § 159 SGG berech­tigt.

Ver­ges­sen eines Betei­lig­ten bei Ver­fah­rens­zu­sam­men­le­gung

Der hier vor­lie­gen­den Ent­schei­dung des Lan­des­so­zi­al­ge­richts Baden-Würt­tem­berg lie­gen ursprüng­lich zwei Ver­fah­ren des Klä­gers zugrun­de. In dem einen Ver­fah­ren ist gegen die Berufs­ge­nos­sen­schaft der Bau­wirt­schaft Bezirks­ver­wal­tung Karls­ru­he auf Fest­stel­lung einer Berufs­krank­heit (Atem­wegs­er­kran­kung) geklagt wor­den 1. In dem zwei­ten Ver­fah­ren vor dem Sozi­al­ge­richt 2 mach­te der Klä­ger die Fest­stel­lung einer Wir­bel­säu­len­er­kran­kung als Berufs­krank­heit gel­tend gegen die Berufs­ge­nos­sen­schaft Metall Nord-Süd, Mainz (BGM). Mit Beschluss vom 30.06.2010 hat das Sozail­ge­richt die bei­den Ver­fah­ren zur gemein­sa­men Ver­hand­lung und Ent­schei­dung ver­bun­den 2. Im Ver­bin­dungs­be­schluss ist ledig­lich die Berufs­ge­nos­sen­schaft Metall Nord-Süd als Beklag­te auf­ge­führt. Der Ver­bin­dungs­be­schluss wur­de auch ledig­lich die­ser zuge­stellt. Eben­so wur­de nur die­se als Beklag­te zur münd­li­chen Ver­hand­lung gela­den und ist nur die­se als Beklag­te im Rubrum des ange­foch­te­nen Urteils auf­ge­führt.

Nach § 159 Abs. 1 Nr. 2 SGG kann das Lan­des­so­zi­al­ge­richt durch Urteil die ange­foch­te­ne Ent­schei­dung auf­he­ben und die Sache an das Sozi­al­ge­richt zurück­ver­wei­sen, wenn das Ver­fah­ren an einem wesent­li­chen Man­gel lei­det. Ein Ver­fah­rens­man­gel im Sin­ne die­ser Norm ist gege­ben, wenn ein Ver­stoß gegen eine das Gerichts­ver­fah­ren regeln­de Vor­schrift vor­liegt. Wesent­lich ist die­ser Ver­fah­rens­man­gel, wenn die Ent­schei­dung des Sozi­al­ge­richts dar­auf beru­hen kann 3.

Bei teil­ba­rem Streit­ge­gen­stand ist auch eine Zurück­ver­wei­sung wegen eines Tei­les mög­lich 4. Dies gilt vor­lie­gend um so mehr, als das Sozi­al­ge­richt auf­grund der Ver­bin­dung der Ver­fah­ren über zwei völ­lig eigen­stän­di­ge Streit­ge­gen­stän­de ent­schie­den hat.

Die Ent­schei­dung des Sozi­al­ge­richts lei­det an einem wesent­li­chen Ver­fah­rens­man­gel, denn es hat ver­fah­rens­feh­ler­haft die BG Bau (Beklag­te des Ver­fah­rens S 15 U 5823/​09) nach Erlass des Ver­bin­dungs­be­schlus­ses vom 30.06.2010 nicht mehr am Ver­fah­ren betei­ligt. Die BG Bau ist dem­ge­mäß auch nicht vom Sozi­al­ge­richt zur münd­li­chen Ver­hand­lung gela­den und im Rubrum des ange­foch­te­nen Urteils als Beklag­te auf­ge­führt wor­den. Gem. § 136 Abs. 1 Nr. 1 SGG ent­hält das Urteil die Bezeich­nung der Betei­lig­ten. Ein wesent­li­cher Ver­fah­rens­man­gel liegt vor, wenn ein Betei­lig­ter auf­grund der Bezeich­nung nicht iden­ti­fi­ziert wer­den kann 5. Dies gilt erst recht, wenn ein Betei­lig­ter im Rubrum des Urteils über­haupt nicht auf­ge­führt ist und auch Tat­be­stand und Grün­de kei­ne Hin­wei­se auf ihn ent­hal­ten. Wird ein Betei­lig­ter im Urteil nicht auf­ge­führt, so kann auch der Umfang der Rechts­kraft nicht fest­ge­stellt wer­den. Schließ­lich wur­de das Urteil zunächst nur der Berufs­ge­nos­sen­schaft Metall Nord-Süd zuge­stellt und die Ver­wal­tungs­ak­ten der BG Bau an die­se über­sandt. Erst nach­dem die­se die Ver­wal­tungs­ak­ten dem Sozi­al­ge­richt wie­der mit dem Hin­weis vor­ge­legt hat­te, die Ver­wal­tungs­ak­ten gehör­ten zu dem unter dem Akten­zei­chen S 15 U 5823/​09 geführ­ten Ver­fah­ren und müss­ten – unter Berück­sich­ti­gung des Ver­bin­dungs­be­schlus­ses – mit einer Aus­fer­ti­gung des Urteils der BG Bau zuge­stellt wer­den, erfolg­te die Zustel­lung an die­se.

Das Lan­des­so­zi­al­ge­richt hat des­halb das ihm im Rah­men des § 159 SGG ein­ge­räum­te Ermes­sen dahin­ge­hend aus­ge­übt, die ange­foch­te­ne Ent­schei­dung inso­weit auf­zu­he­ben und die Sache an das Sozi­al­ge­richt zurück­zu­ver­wei­sen, zumal das Ver­fah­ren erst kur­ze Zeit in der Beru­fungs­in­stanz anhän­gig ist.

Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 19. Okto­ber 2011 – L 3 U 2899/​11

  1. SG Karls­ru­he – S 15 U 5823/​09[]
  2. SG Karls­ru­he – S 15 U 5283/​09[][]
  3. Kel­ler in Mey­er-Lade­wi­g/Kel­ler/­Leit­he­rer, SGG, 9. Aufl., § 159 Rn. 3[]
  4. Kel­ler, a.a.O. Rn. 5d[]
  5. Kel­ler, a.a.O.; § 136 Rn. 2a[]