Frem­den­ver­kehrs­bei­trag als pau­scha­ler Über­nach­tungs­bei­trag

Die Bemes­sung eines Frem­den­ver­kehrs­bei­trags für Beher­ber­gungs­be­trie­be als pau­scha­ler Über­nach­tungs­bei­trag kann gegen den Grund­satz der Abga­ben­ge­rech­tig­keit, einer beson­de­ren Aus­prä­gung des All­ge­mei­nen Gleich­heits­grund­sat­zes, ver­sto­ßen.

Frem­den­ver­kehrs­bei­trag als pau­scha­ler Über­nach­tungs­bei­trag

So hat das Ver­wal­tungs­ge­richt Frei­burg jetzt einen Frem­den­ver­kehrs­bei­trags­be­scheid der Gemein­de Baden­wei­ler auf­ge­ho­ben, weil die zu Grun­de lie­gen­de Sat­zung ungül­tig sei. Geklagt hat­te die Betrei­be­rin einer Reha­bi­li­ta­ti­ons­kli­nik, die für einen Monat ca. 4.500 € Frem­den­ver­kehrs­bei­trä­ge bezah­len soll­te. Die Frem­den­ver­kehrs­bei­trags­sat­zung von Baden­wei­ler sieht vor, dass der Frem­den­ver­kehrs­bei­trag für Beher­ber­gungs­be­trie­be aller Art in Form eines pau­scha­len Über­nach­tungs­bei­trags erho­ben wird. Je nach Lage des Betriebs liegt der Bei­trags­satz zwi­schen 0,65 € und 1,40 € pro Per­son und Über­nach­tung. Der Kal­ku­la­ti­on die­ses Bei­trags­sat­zes hat die Gemein­de Baden­wei­ler zugrun­de­ge­legt, dass 80% der bei­trags­fä­hi­gen, frem­den­ver­kehrs­be­ding­ten Kos­ten den Beher­ber­gungs­be­trie­ben zuzu­ord­nen sei­en und 20% der Kos­ten auf die übri­gen, vom Frem­den­ver­kehr pro­fi­tie­ren­den Bei­trags­pflich­ti­gen wie etwa Gast­stät­ten, Bäcke­rei­en, Buch­hand­lun­gen oder auch Ärz­te ent­fie­len. Für die­se übri­gen Bei­trags­pflich­ti­gen sieht die Sat­zung die Ermitt­lung des Frem­den­ver­kehrs­bei­trags auf der Grund­la­ge der Mehr­ein­nah­men durch den Frem­den­ver­kehr vor: Das Pro­dukt der Rein­ein­nah­men eines Betriebs mit einem vom Gemein­de­rat geschätz­ten, je nach Betriebs­art vari­ie­ren­den Vor­teils­satz bil­det den soge­nann­ten Mess­be­trag, von dem 7,56% als Frem­den­ver­kehrs­bei­trag zu ent­rich­ten sind.

Das Ver­wal­tungs­ge­richt hat sein statt­ge­ben­des Urteil damit begrün­det, dass der in der Baden­wei­ler Sat­zung fest­ge­leg­te Über­nach­tungs­bei­trags­satz eben­so wie der Mess­be­trags­satz ungül­tig sei, weil er nicht auf einer nach­voll­zieh­ba­ren, den Grund­sät­zen der Abga­ben­er­he­bung genü­gen­den Kal­ku­la­ti­on beru­he. Des­halb sei die Frem­den­ver­kehrs­bei­trags­sat­zung ins­ge­samt ungül­tig. Die Zuord­nung von 80% der bei­trags­fä­hi­gen Kos­ten zu den Beher­ber­gungs­be­trie­ben und von 20% zu den übri­gen Bei­trags­pflich­ti­gen ver­sto­ße gegen den Grund­satz der Abga­ben­ge­rech­tig­keit als einer beson­de­ren Aus­prä­gung des Gleich­heits­grund­sat­zes. Zwar ste­he dem Orts­ge­setz­ge­ber ein wei­tes Ermes­sen bei der Beur­tei­lung der Fra­ge zu, wel­che beson­de­ren wirt­schaft­li­chen Vor­tei­le aus dem Frem­den­ver­kehr wel­chen Bran­chen und Berufs­grup­pen bei pau­scha­lie­ren­der Betrach­tung zuzu­rech­nen sei­en. Auch dür­fe der Sat­zungs­ge­ber grund­sätz­lich ver­schie­de­ne Bei­trags­maß­stä­be anwen­den sowie bei der Kal­ku­la­ti­on zum Mit­tel der Schät­zung grei­fen. Hier jedoch beru­he die von der Gemein­de Baden­wei­ler vor­ge­nom­me­ne Schät­zung der Quo­ten von 80% und 20% auf kei­ner trag­fä­hi­gen Grund­la­ge; sie sei gegrif­fen und daher unzu­läs­sig.

Wenn die Gemein­de ihre unter­schied­li­che Behand­lung von Beher­bungs­be­trie­ben einer­seits und den übri­gen Betrie­ben ande­rer­seits als Dif­fe­ren­zie­rung zwi­schen Betrie­ben mit unmit­tel­ba­ren Vor­tei­len aus dem Frem­den­ver­kehr wie den Beher­ber­gungs­be­trie­ben und Betrie­ben mit nur mit­tel­ba­ren Vor­tei­len ver­stan­den wis­sen wol­le, sei dies nicht sys­tem­ge­recht. Das Frem­den­ver­kehrs­bei­trags­recht ken­ne kei­ne Unter­schei­dung zwi­schen unmit­tel­ba­ren und mit­tel­ba­ren Vor­tei­len. Nach dem baden-würt­tem­ber­gi­schen Kom­mu­nal­ab­ga­ben­ge­setz sei­en maß­geb­lich für die Bei­trags­hö­he die beson­de­ren wirt­schaft­li­chen Vor­tei­le aus dem Frem­den­ver­kehr, egal ob die­se unmit­tel­bar oder mit­tel­bar bedingt sei­en. Bei Lich­te betrach­tet wol­le die Gemein­de auch nicht zwi­schen unmit­tel­bar und mit­tel­bar Bevor­teil­ten dif­fe­ren­zie­ren, son­dern zwi­schen pri­mä­ren „Frem­den­ver­kehrs­ma­gne­ten“ wie Hotels oder Kur­kli­ni­ken, derent­we­gen die Gäs­te nach Baden­wei­ler kämen, und sol­chen Betrie­ben wie bei­spiels­wei­se Bäcke­rei­en, Buch­hand­lun­gen, Cafés oder Arzt­pra­xen, die mit den anwe­sen­den Gäs­ten „Sekun­där­ge­schäf­te“ mach­ten. Für die­se Art der Dif­fe­ren­zie­rung hal­te das Kom­mu­nal­ab­ga­ben­ge­setz indes­sen kei­ner­lei Ansatz bereit.

Die für die Kal­ku­la­ti­on zugrun­de­ge­leg­ten Quo­ten von 80% und 20% könn­ten auch nicht mit dem Gesichts­punkt der Ver­wal­tungs­ver­ein­fa­chung gerecht­fer­tigt wer­den. Anders als Pri­vat­zim­mer­ver­mie­ter, die regel­mä­ßig nicht buch­füh­rungs­pflich­tig sei­en und bei denen ein pau­scha­lier­tes Über­nach­tungs­ent­gelt aus Grün­den der Ver­wal­tungs­prak­ti­ka­bi­li­tät gerecht­fer­tigt sein kön­ne, unter­fie­len die Beher­ber­gungs­be­trie­be, die hohe Pau­schal­be­trä­ge zu ent­rich­ten hät­ten wie Hotels oder Kli­ni­ken, der Buch­füh­rungs­pflicht. In einer sol­chen Kon­stel­la­ti­on, bei der der Pau­schal­maß­stab nicht nur die sprich­wört­li­chen „pea­nuts“ betref­fe, son­dern den Löwen­an­teil des Bei­trags­auf­kom­mens erbrin­gen sol­le, kön­ne die Ver­wal­tungs­ver­ein­fa­chung nicht als Argu­ment für eine ohne jeg­li­che Fun­die­rung erfolg­te Zuwei­sung einer bestimm­ten Quo­te her­an­ge­zo­gen wer­den. Ver­wal­tungs­ver­ein­fa­chung sei kein Selbst­zweck und habe nicht per se Vor­rang vor dem Anspruch des Abga­ben­pflich­ti­gen auf Gleich­be­hand­lung.

Ver­wal­tungs­ge­richt Frei­burg, Urteil vom 22. März 2011 – 5 K 1838/​09