Bereits beim EuGH anhän­gi­ge Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen – und ihre Berück­sich­ti­gung in einst­wei­li­gen Rechts­schutz­ver­fah­ren

Art.19 Abs. 4 GG gewähr­leis­tet nicht nur das for­mel­le Recht, die Gerich­te anzu­ru­fen, son­dern auch die Effek­ti­vi­tät des Rechts­schut­zes 1. Den Anfor­de­run­gen an die Gewäh­rung effek­ti­ven Rechts­schut­zes müs­sen die Gerich­te auch bei der Aus­le­gung und Anwen­dung der Vor­schrif­ten über den ver­wal­tungs­ge­richt­li­chen Eil­rechts­schutz Rech­nung tra­gen 2, da die­ser in beson­de­rer Wei­se der Siche­rung grund­recht­li­cher Frei­heit dient.

Bereits beim EuGH anhän­gi­ge Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen – und ihre Berück­sich­ti­gung in einst­wei­li­gen Rechts­schutz­ver­fah­ren

Dabei ist es von Ver­fas­sungs wegen nicht zu bean­stan­den, wenn sich die vor­zu­neh­men­de Inter­es­sen­ab­wä­gung in ers­ter Linie an der vor­aus­sicht­li­chen Recht­mä­ßig­keit oder Rechts­wid­rig­keit des ange­grif­fe­nen Ver­wal­tungs­akts ori­en­tiert 3.

Kommt die­se Prü­fung bei einem von Geset­zes wegen sofort voll­zieh­ba­ren Bescheid zu dem Ergeb­nis, dass an des­sen Recht­mä­ßig­keit kei­ne ernst­li­chen Zwei­fel bestehen oder die­ser sogar offen­sicht­lich recht­mä­ßig ist, steht Art.19 Abs. 4 GG einer Ableh­nung des Eil­rechts­schutz­be­geh­rens nicht ent­ge­gen.

Stellt sich bei die­ser Rechts­prü­fung eine ent­schei­dungs­er­heb­li­che uni­ons­recht­li­che Fra­ge, die im Haupt­sa­che­ver­fah­ren vor­aus­sicht­lich eine Vor­la­ge des dann letzt­in­stanz­lich ent­schei­den­den Gerichts an den EuGH erfor­dert 4, so gebie­tet Art.19 Abs. 4 Satz 1 GG, dies im Eil­ver­fah­ren bei der Prü­fung der Erfolgs­aus­sich­ten zu berück­sich­ti­gen. Regel­mä­ßig wird dann jeden­falls die offen­sicht­li­che Recht­mä­ßig­keit des Ver­wal­tungs­akts – unab­hän­gig von der eige­nen, not­wen­dig nur vor­läu­fi­gen recht­li­chen Ein­schät­zung des ent­schei­den­den Gerichts – nicht bejaht wer­den kön­nen 5.

Bei der im Fal­le offe­ner Erfolgs­aus­sich­ten durch­zu­füh­ren­den wei­te­ren Inter­es­sen­ab­wä­gung ist im Anwen­dungs­be­reich der Dub­lin-III-VO die Wer­tung des euro­päi­schen Rechts zu beach­ten, dass grund­sätz­lich in jedem Mit­glied­staat ange­mes­se­ne, durch das Uni­ons­recht ver­ein­heit­lich­te Auf­nah­me­be­din­gun­gen herr­schen, die Min­dest­stan­dards fest­le­gen und die Grund­la­ge für das Prin­zip gegen­sei­ti­gen Ver­trau­ens zwi­schen den Mit­glied­staa­ten im Gemein­sa­men Euro­päi­schen Asyl­sys­tem bil­den 6. Die­se ver­ein­heit­lich­ten Auf­nah­me­be­din­gun­gen ermög­li­chen es regel­mä­ßig auch, von dem ande­ren Mit­glied­staat aus das Haupt­sa­che­ver­fah­ren in Deutsch­land ein­schließ­lich eines erfor­der­li­chen Vor­ab­ent­schei­dungs­ver­fah­rens durch­zu­füh­ren. Lie­gen aber Grün­de vor, die nach der Über­stel­lung in den ande­ren Mit­glied­staat die Rechts­ver­fol­gung in der Haupt­sa­che und die Vor­la­ge der maß­geb­li­chen Fra­ge an den EuGH unmög­lich machen oder unzu­mut­bar erschwe­ren wür­den, so gebie­tet Art.19 Abs. 4 GG, ein Über­wie­gen des Sus­pen­siv­in­ter­es­ses anzu­neh­men und dem Eil­rechts­schutz­be­geh­ren zu ent­spre­chen 7.

Die­se Grund­sät­ze gel­ten auch, wenn sich ein Beschwer­de­füh­rer auf eine bereits in einem ande­ren Ver­fah­ren erfolg­te Vor­la­ge an den EuGH beruft. Vor­aus­set­zung hier­für ist aller­dings, dass die Vor­la­ge­fra­ge auch in sei­nem eige­nen Ver­fah­ren ent­schei­dungs­er­heb­lich und eine Vor­la­ge des dann letzt­in­stanz­lich ent­schei­den­den Gerichts an den EuGH im Haupt­sa­che­ver­fah­ren – vor­be­halt­lich der Mög­lich­keit der Aus­set­zung im Hin­blick auf die in dem bereits vor­ge­leg­ten ande­ren Ver­fah­ren zu erwar­ten­de Klä­rung – erfor­der­lich ist.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 14. Dezem­ber 2017 – 2 BvR 1872/​17

  1. vgl. BVerfGE 93, 1, 13; stRspr[]
  2. vgl. BVerfGE 79, 69, 74[]
  3. vgl. BVerfGK 15, 102, 107[]
  4. zu den Anfor­de­run­gen an die Hand­ha­bung der Vor­la­ge­pflicht nach Art. 267 Abs. 3 AEUV vgl. BVerfG, Beschluss vom 20.02.2017 – 2 BvR 63/​15 8[]
  5. vgl. BVerfG, Beschluss vom 17.01.2017 – 2 BvR 2013/​16 18[]
  6. vgl. EuGH, Urteil vom 07.06.2016 – C‑63/​15 – Ghe­zel­bash 60[]
  7. vgl. BVerfG, Beschluss vom 17.01.2017 – 2 BvR 2013/​16 – 18[]