Ent­schä­di­gung für die Erben eines Staats­se­kre­tärs im ers­ten Kabi­nett Hit­ler?

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig hat ges­tern über die von den Erben eines Staats­se­kre­tärs im ers­ten Kabi­nett Hit­ler erho­be­ne Kla­ge nach dem Aus­gleichs­leis­tungs­ge­setz ent­schie­den und das Ver­fah­ren an das Ver­wal­tungs­ge­richt Greifs­wald zurück­ver­wie­sen.

Ent­schä­di­gung für die Erben eines Staats­se­kre­tärs im ers­ten Kabi­nett Hit­ler?

Die Klä­ger begeh­ren die Gewäh­rung einer Aus­gleichs­leis­tung für die auf besat­zungs­ho­heit­li­cher Grund­la­ge erfolg­te ent­schä­di­gungs­lo­se Ent­eig­nung eines über 1 200 ha gro­ßen Gutes sowie eines Bren­ne­rei­be­trie­bes.

Der Rechts­vor­gän­ger der Klä­ger war Vor­sit­zen­der des Pom­mer­schen Land­bun­des und bis 1932 Abge­ord­ne­ter der Deutsch-Natio­na­len-Volks­par­tei (DNVP) im Preu­ßi­schen Land­tag. Nach der Ernen­nung Hit­lers zum Reichs­kanz­ler wur­de er Anfang Febru­ar 1933 zum Staats­se­kre­tär in dem Hugen­berg über­tra­ge­nen Reichs­mi­nis­te­ri­um für Ernäh­rung und Land­wirt­schaft beru­fen. Unter dem Minis­ter Dar­ré, der Hugen­berg Ende Juni 1933 ablös­te, wur­de er Ende Sep­tem­ber 1933 zunächst in den einst­wei­li­gen und im Janu­ar 1934 in den dau­ern­den Ruhe­stand ver­setzt. Im Zusam­men­hang mit dem sog. „Röhm-Putsch“ wur­de er Ende Juni 1934 auf sei­nem Gut von der SS gesucht, konn­te jedoch flie­hen. Im Juni 1939 wur­de er in einem Ver­zeich­nis des Reichs­si­cher­heits­haupt­amts im Unter­ver­zeich­nis „Rechts­op­po­si­ti­on und Reak­ti­on“ auf­ge­führt. Im Dezem­ber 1943 ver­ur­teil­te ihn das Land­ge­richt Greifs­wald zu einer Gefäng­nis­stra­fe von acht Mona­ten, weil er zwei sowje­ti­schen Kriegs­ge­fan­ge­nen ein christ­li­ches Begräb­nis berei­tet hat­te. Das Reichs­ge­richt hob die Ent­schei­dung im Mai 1944 auf und ver­wies das Ver­fah­ren zurück. Zu einer Neu­ver­hand­lung kam es nicht mehr, weil der Rechts­vor­gän­ger der Klä­ger am 21. Juli 1944 ver­haf­tet wur­de und sich bis April 1945 in Gesta­po-Haft befand.

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat im Febru­ar 1963 die Abwei­sung einer Kla­ge auf Wie­der­gut­ma­chung wegen natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Unrechts durch die rechts­wid­ri­ge Ent­las­sung als Ange­hö­ri­ger des öffent­li­chen Diens­tes bestä­tigt [1] und dabei einen Anspruch auf Wie­der­gut­ma­chung wegen der För­de­rung des natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Sys­tems bei der Macht­er­grei­fung aus­ge­schlos­sen.

Das beklag­te Land Meck­len­burg-Vor­pom­mern lehn­te im Okto­ber 2006 den Antrag der Klä­ger auf Gewäh­rung einer Ent­schä­di­gung mit der Begrün­dung ab, ihr Rechts­vor­gän­ger habe durch sei­ne Tätig­keit als Staats­se­kre­tär dem natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Sys­tem erheb­li­chen Vor­schub geleis­tet und damit den Aus­schluss­tat­be­stand des § 1 Abs. 4 Aus­glLeistG erfüllt. Das Ver­wal­tungs­ge­richt Greifs­wald hat sich die­ser Ansicht ange­schlos­sen und die Kla­ge im April 2009 abge­wie­sen [2]. Nach der Vor­schrift des § 1 Abs. 4 Aus­glLeistG wer­den Leis­tun­gen nach die­sem Gesetz nicht gewährt, wenn der nach den Absät­zen 1 und 2 Berech­tig­te oder der­je­ni­ge, von dem er sei­ne Rech­te ablei­tet, oder das ent­eig­ne­te Unter­neh­men gegen die Grund­sät­ze der Mensch­lich­keit oder Rechts­staat­lich­keit ver­sto­ßen, in schwer­wie­gen­dem Maße sei­ne Stel­lung zum eige­nen Vor­teil oder zum Nach­teil ande­rer miss­braucht oder dem natio­nal­so­zia­lis­ti­schen oder dem kom­mu­nis­ti­schen Sys­tem in der sowje­tisch besetz­ten Zone oder in der Deut­schen Demo­kra­ti­schen Repu­blik erheb­li­chen Vor­schub geleis­tet hat.“

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat nun die Ent­schei­dung des Ver­wal­tungs­ge­richts auf­ge­ho­ben und das Ver­fah­ren zurück­ver­wie­sen. Es hat bean­stan­det, dass das Ver­wal­tungs­ge­richt auf einer unzu­rei­chen­den Tat­sa­chen­grund­la­ge ent­schie­den und die genaue Rol­le des Rechts­vor­gän­gers der Klä­ger sowie sein kon­kre­tes Ver­hal­ten in der NS-Zeit nicht aus­rei­chend betrach­tet hat. Das Ver­wal­tungs­ge­richt Greifs­wald muss sich nun­mehr erneut umfas­send mit der Kla­ge befas­sen und dabei das gesam­te Ver­hal­ten des Rechts­vor­gän­gers der Klä­ger vor und nach sei­ner Ent­las­sung als Staats­se­kre­tär wür­di­gen.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 29. Sep­tem­ber 2010 – 5 C 16.09

  1. BVerw­GE 15, 326[]
  2. VG Greifs­wald, Urteil vom 21.04.2009 – 2 A 2004/​06[]