Die Glat­ze des älte­ren Man­nes – und die Perü­cke von der Kran­ken­kas­se

Es besteht kein Anspruch auf die Ver­sor­gung eines älte­ren Man­nes mit einer Perü­cke zu Las­ten der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung.

Die Glat­ze des älte­ren Man­nes – und die Perü­cke von der Kran­ken­kas­se

Der typi­sche männ­li­che Ver­lust des Kopf­haa­res ist weder eine Krank­heit noch eine Behin­de­rung im Sin­ne von § 33 Absatz 1 SGB V, der die Vor­aus­set­zung für die Ver­sor­gung mit Hilfs­mit­teln in der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung beschreibt. Ein dar­über hin­aus­ge­hen­der Haar­ver­lust, der unter ande­rem auch die Brau­en, Wim­pern und den Bart­wuchs umfasst (Alo­pe­cia area­ta uni­ver­sa­lis), kann jedoch bei einem jun­gen Mann eine Krank­heit dar­stel­len.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts kön­nen Perü­cken ein Hilfs­mit­tel sein. Ins­be­son­de­re sind Voll­pe­rü­cken nicht als Gebrauchs­ge­gen­stän­de des täg­li­chen Lebens von der Leis­tungs­pflicht der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung aus­ge­nom­men.

Der allei­ni­ge Ver­lust des Kopf­haa­res bei einem Mann ist jedoch nicht als Krank­heit zu wer­ten, weil er weder die Kör­per­funk­tio­nen beein­träch­tigt noch ent­stel­lend wirkt. Die über­wie­gen­de Zahl der Män­ner ver­liert im Lau­fe des Lebens ganz oder teil­wei­se ihr Kopf­haar. Dadurch erre­gen Män­ner aber weder beson­de­re Auf­merk­sam­keit im Sin­ne von Ange­starrt-Wer­den noch wer­den sie stig­ma­ti­siert. Dem­ge­gen­über tritt bei Frau­en aus bio­lo­gi­schen Grün­den in der Regel im Lau­fe des Lebens kein ent­spre­chen­der Haar­ver­lust ein. Eine Frau ohne Kopf­haar fällt daher beson­ders auf und zieht die Bli­cke ande­rer auf sich. Die­ser bei Frau­en von der Norm deut­lich abwei­chen­de Zustand ist ? wenn er ent­stel­lend wirkt ? krank­heits­wer­tig, sodass die Ver­sor­gung mit einer Perü­cke bei Frau­en Auf­ga­be der gesetz­li­chen Kran­ken­ver­si­che­rung sein kann.

Män­ner sind aller­dings nicht voll­stän­dig von der Ver­sor­gung mit Voll­pe­rü­cken zu Las­ten der Kran­ken­ver­si­che­rung aus­ge­schlos­sen. Ein sol­cher Anspruch kann bestehen, wenn der Haar­ver­lust nicht allein die Kopf­be­haa­rung, son­dern auch die übri­ge Behaa­rung des Kop­fes wie Brau­en, Wim­pern und Bart erfasst. Ein sol­cher Haar­ver­lust geht über den typi­schen männ­li­chen Haar­ver­lust hin­aus und kann ins­be­son­de­re bei Jugend­li­chen oder jun­gen Erwach­se­nen Auf­se­hen erre­gen. Je nach Alter des Man­nes und Aus­se­hen des unbe­haar­ten Kop­fes kann in einem sol­chen Fall daher eine auf­fal­len­de, ent­stel­len­de Wir­kung vor­lie­gen, die Krank­heits­wert besitzt. Eine ent­spre­chen­de Wir­kung hat der haar­lo­se Kopf des zum Zeit­punkt der Beschaf­fung der Perü­cke deut­lich über sieb­zig­jäh­ri­gen Klä­gers hin­ge­gen nicht. Nicht maß­geb­lich ist dabei, ob der Betrof­fe­ne sei­ne Haar­lo­sig­keit sub­jek­tiv ent­stel­lend emp­fin­det. Die beklag­te Kran­ken­kas­se hat es daher zu Recht abge­lehnt, den Klä­ger mit einer Perü­cke zu ver­sor­gen.

Bun­des­so­zi­al­ge­richt, Urteil vom 22. April 2014 – B 3 KR 3/​14 R