Pfle­ge­stu­fe III und Här­te­fall­leis­tun­gen

Die Rege­lung, dass Bezie­her von Pfle­ge­geld – nicht von Pfle­ge-Sach­leis­tun­gen – kei­nen Anspruch auf Här­te­fall­leis­tun­gen haben, ist nach Ansicht des Lan­des­so­zi­al­ge­richts Baden-Würt­tem­berg ver­fas­sungs­kon­form.

Pfle­ge­stu­fe III und Här­te­fall­leis­tun­gen

In dem vom Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg ent­schie­de­nen bezieht die Klä­ge­rin ein Pfle­ge­geld ent­spre­chend der Pfle­ge­stu­fe III und begehrt nun von dem beklag­ten Leis­tungs­trä­ger zusätz­lich die Gewäh­rung von Här­te­fall­leis­tun­gen. Die Klä­ge­rin ist nicht geh- oder steh­fä­hig und kann weder frei sit­zen noch sich mit ihrem Roll­stuhl selbst­stän­dig fort­be­we­gen. Sie besuch­te zunächst einen inte­gra­ti­ven Kin­der­gar­ten sowie in der Fol­ge eine Schu­le für geis­tig behin­der­te Kin­der. Seit Janu­ar 2010 besucht sie die E.-W.-Schule für kör­per­be­hin­der­te Kin­der in E.. Die Klä­ge­rin wird im Wesent­li­chen von ihrer Mut­ter, im Übri­gen von ihrem Vater gepflegt. Die Beklag­te bewil­lig­te der Klä­ge­rin auf der Grund­la­ge des Gut­ach­tens vom 08. März 2006 durch Pfle­ge­fach­kraft C. vom Medi­zi­ni­schen Dienst der Kran­ken­ver­si­che­rung (MDK) ab 01. Janu­ar 2006 Pfle­ge­geld nach Pfle­ge­stu­fe III. Nach einer erneu­ten Begut­ach­tung am 31. März 2009 ist der Klä­ge­rin mit­ge­teilt wor­den, dass wei­ter­hin die Vor­aus­set­zun­gen der Pfle­ge­stu­fe III vor­lä­gen. Einen Antrag auf Här­te­fall­leis­tun­gen sind mit Bescheid vom 28. April 2010 abge­wie­sen wor­den. Nach erfolg­lo­sem Wider­spruchs­ver­fah­ren ist die vor dem Sozi­al­ge­richt Frei­burg ein­ge­reich­te Kla­ge mit Gerichts­be­scheid vom 1. Juni 2011 abge­wie­sen wor­den. Die Klä­ge­rin hat dar­auf­hin Beru­fung vor dem Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg ein­ge­reicht.

Nach § 36 Abs. 4 Satz 1 SGB XI kön­nen die Pfle­ge­kas­sen in beson­ders gela­ger­ten Ein­zel­fäl­len zur Ver­mei­dung von Här­ten Pfle­ge­be­dürf­ti­gen der Pfle­ge­stu­fe III wei­te­re Pfle­ge­ein­sät­ze bis zu einem Gesamt­wert von EUR 1.918,00 monat­lich gewäh­ren, wenn ein außer­ge­wöhn­lich hoher Pfle­ge­be­darf vor­liegt, der das übli­che Maß der Pfle­ge­stu­fe III weit über­steigt.

Die Klä­ge­rin erhält zwar als Pfle­ge­be­dürf­ti­ge Leis­tun­gen der Pfle­ge­stu­fe III. Jedoch schei­tert die Gewäh­rung der Här­te­fall­leis­tun­gen vor­lie­gend schon dar­an, dass sie Pfle­ge­geld nach Maß­ga­be des § 37 SGB XI, d. h. eine Geld­leis­tung statt der in § 36 SGB XI sta­tu­ier­ten Sach­leis­tung erhält. Denn die Klä­ge­rin wird von ihren Eltern, ganz vor­wie­gend ihrer Mut­ter gepflegt. Sie begehrt die Gewäh­rung von Här­te­fall­leis­tun­gen daher aus­drück­lich auch als wei­te­re Leis­tung neben dem bezo­ge­nen Pfle­ge­geld nach Pfle­ge­stu­fe III.

Bereits anhand von Wort­laut und nor­min­ter­ner Sys­te­ma­tik des § 36 Abs. 4 Satz 1 SGB XI ergibt sich, dass Här­te­fall­leis­tun­gen nur an sol­che Pfle­ge­be­dürf­ti­ge erbracht wer­den, die – zumin­dest auch – Sach­leis­tun­gen (ggf. sog. Kom­bi­na­ti­ons­leis­tun­gen, § 38 Satz 1 SGB XI) erhal­ten. § 36 SGB XI beschäf­tigt sich aus­schließ­lich mit Pfle­ge­sach­leis­tun­gen. Dem­entspre­chend ist in Abs. 4 der genann­ten Vor­schrift von wei­te­ren Pfle­ge­ein­sät­zen – also Sach­leis­tun­gen – die Rede. Aber auch aus einem sys­te­ma­ti­schen Ver­gleich mit ande­ren Rege­lun­gen ergibt sich, dass im Rah­men des Pfle­ge­geld­be­zugs nach Maß­ga­be des § 37 SGB XI die Gewäh­rung eines zusätz­li­chen Zahl­be­tra­ges als Här­te­fall­leis­tung nicht in Betracht kommt. Das Sozi­al­ge­richt hat inso­weit völ­lig zutref­fend dar­auf ver­wie­sen, dass auch im Bereich der Inan­spruch­nah­me voll­sta­tio­nä­rer Leis­tun­gen in § 43 Abs. 3 SGB XI eine Leis­tungs­auf­sto­ckung für Här­te­fäl­le vor­ge­se­hen ist. Fin­det sich also sowohl im Rah­men der Leis­tungs­ge­wäh­rung von ambu­lan­ten Pfle­ge­sach­leis­tun­gen (§ 36 SGB XI) wie auch im Rah­men Leis­tungs­ge­wäh­rung im sta­tio­nä­ren Bereich eine aus­drück­li­che Rege­lung für Här­te­fäl­le, wäh­rend eine sol­che Rege­lung zum Pfle­ge­geld­be­zug gera­de fehlt, ist nicht davon aus­zu­ge­hen, dass der Gesetz­ge­ber in letz­te­rem Bereich nur ver­se­hent­lich eine Här­te­fall­re­ge­lung nicht getrof­fen hat. Dies gilt umso mehr, als der Gesetz­ge­ber mit dem Gesetz zur Ergän­zung der Leis­tun­gen bei häus­li­cher Pfle­ge von Pfle­ge­be­dürf­ti­gen mit erheb­li­chem all­ge­mei­nem Betreu­ungs­be­darf (Pfle­ge­leis­tungs-Ergän­zungs­ge­setz – PflEG -) vom 14. Dezem­ber 2001 [1] mit Wir­kung vom 1. Janu­ar 2002 in den §§ 45a ff. SGB XI für den Bereich der ambu­lan­ten Pfle­ge Leis­tun­gen für Ver­si­cher­te mit erheb­li­chem all­ge­mei­nem Betreu­ungs­be­darf geschaf­fen hat, für die er gemäß § 45a SGB XI gera­de nicht zwi­schen sol­chen Ver­si­cher­ten, die Pfle­ge­sach­leis­tun­gen bezie­hen und sol­chen, die Pfle­ge­geld in Anspruch neh­men, unter­schie­den hat. Auch dies spricht dafür, dass die Beschrän­kung der getrof­fe­nen Här­te­fall­re­ge­lun­gen auf die Inan­spruch­nah­me von Sach­leis­tun­gen durch den Gesetz­ge­ber bewusst getrof­fen wur­de. Der Gesetz­ge­ber hat im Übri­gen sowohl § 36 Abs. 4 SGB XI als auch § 37 SGB XI seit ihrem Erlass mehr­mals [2] geän­dert, ohne Ver­an­las­sung zu einer Anglei­chung der Vor­schrif­ten gese­hen zu haben, obwohl sich das Bun­des­so­zi­al­ge­richt schon in sei­nem Urteil vom 26. Novem­ber 1998 [3] mit der Unter­schied­lich­keit der Rege­lun­gen aus­ein­an­der gesetzt und die­se für ver­fas­sungs­recht­lich unbe­denk­lich erach­tet hat­te.

Anders als durch die Klä­ge­rin gel­tend gemacht, ver­stößt die vom Gesetz­ge­ber getrof­fe­ne Dif­fe­ren­zie­rung auch nicht gegen den Gleich­heits­satz, und zwar weder gegen den all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz nach Maß­ga­be von Art. 3 Abs. 1 GG noch gegen das Dis­kri­mi­nie­rungs­ver­bot nach Maß­ga­be des Art. 3 Abs. 3 Satz 2 GG. Ein Ver­stoß gegen Art. 3 Abs. 3 Satz 2 GG schei­det schon des­halb aus, weil allen­falls eine Dis­kri­mi­nie­rung der Mut­ter der Klä­ge­rin als Pfle­ge­per­son, jedoch nicht der Klä­ge­rin selbst in Betracht käme. Die Klä­ge­rin könn­te, bezö­ge sie Pfle­ge­sach­leis­tun­gen, bei Vor­lie­gen der wei­te­ren Vor­aus­set­zun­gen zusätz­li­che Leis­tun­gen nach § 36 Abs. 4 SGB XI in Anspruch neh­men. Eine Ungleich­be­hand­lung auf­grund einer Behin­de­rung ist daher von vorn­her­ein nicht gege­ben. Aber auch ein Ver­stoß gegen Art. 3 Abs. 1 GG kommt nicht in Betracht. Wie das Bun­des­so­zi­al­ge­richt in sei­nem zuvor zitier­ten Urteil [3] näm­lich zu Recht ent­schie­den hat, liegt die­ser vom Gesetz­ge­ber getrof­fe­nen Ent­schei­dung, in Fäl­len der Inan­spruch­nah­me einer Pflege(sach)leistung nach Maß­ga­be von §§ 36, 38 oder 43 SGB XI auf­sto­cken­de Leis­tun­gen in Här­te­fäl­len vor­zu­se­hen, in § 37 SGB XI jedoch kei­nen wei­te­ren Pfle­ge­geld­zu­schlag „zur Ver­mei­dung von Här­ten“ zu sta­tu­ie­ren, ein sach­li­cher Grund zugrun­de, der die­se Dif­fe­ren­zie­rung recht­fer­tigt. Der Gesetz­ge­ber trifft hier eine Unter­schei­dung danach, ob die Pfle­ge durch pro­fes­sio­nel­le Kräf­te erfolgt oder nicht. Bei­de Pfle­ge­si­tua­tio­nen stel­len aber grund­le­gend unter­schied­li­che Fall­kon­stel­la­tio­nen dar. Für den Bereich der selbst beschaff­ten Pfle­ge geht der Gesetz­ge­ber schon ganz grund­sätz­lich davon aus, dass das Pfle­ge­geld auf­grund sei­ner Höhe nicht geeig­net ist, alle Kos­ten für die erfor­der­li­chen Hil­fen abzu­de­cken. Der Pfle­ge­be­dürf­ti­ge soll ledig­lich in den Stand ver­setzt wer­den, Ange­hö­ri­gen eine mate­ri­el­le Aner­ken­nung für die im häus­li­chen Bereich sicher­ge­stell­te Pfle­ge zukom­men zu las­sen. Infol­ge­des­sen ist das Pfle­ge­geld auch kein Ent­gelt der Pfle­ge­per­son. Dem­ge­gen­über regeln §§ 36 und 38 SGB XI die ambu­lan­te Pfle­ge durch pro­fes­sio­nel­le Kräf­te; der zur Ver­fü­gung gestell­te Betrag soll daher die Bezah­lung die­ser Pfle­ge­kräf­te im Sin­ne eines Ent­gel­tes ermög­li­chen [4]. Die­se ganz grund­le­gend in den §§ 36 ff. SGB XI ange­leg­te Unter­schei­dung ist von Ver­fas­sungs wegen nicht zu bean­stan­den. Der Gesetz­ge­ber durf­te bei der Kon­zep­ti­on der Pfle­ge­ver­si­che­rung davon aus­ge­hen, dass die von Ange­hö­ri­gen erbrach­ten Pfle­ge­leis­tun­gen nicht in dem­sel­ben Umfang ver­gü­tet wer­den müs­sen wie die Pfle­ge durch Pfle­ge­diens­te oder in Pfle­ge­hei­men. Zum einen sind Ehe­gat­ten unter­ein­an­der (gem. § 1353 BGB) sowie Eltern und Kin­der gegen­sei­tig (gem. § 1618a BGB) zur Bei­stands­leis­tung gesetz­lich ver­pflich­tet. Zum ande­ren ent­spricht die Pfle­ge von Ange­hö­ri­gen auch einer sitt­li­chen Pflicht. Dies ver­an­lass­te den Gesetz­ge­ber, mit dem Pfle­ge­geld für die „ehren­amt­li­che“ Pfle­ge [5] durch Ange­hö­ri­ge ledig­lich eine finan­zi­el­le Aner­ken­nung vor­zu­se­hen, die durch die sozia­le Absi­che­rung der Pfle­ge­per­son in der gesetz­li­chen Ren­ten- und Unfall­ver­si­che­rung (gem. § 44 SGB XI) ergänzt wird. Ange­sichts des begrenz­ten Finanz­bud­gets, das für die Pfle­ge­ver­si­che­rung zur Ver­fü­gung gestellt wer­den konn­te, erschien eine umfas­sen­de Ver­sor­gung von Pfle­ge­fäl­len allein aus der Pfle­ge­ver­si­che­rung nicht durch­führ­bar [6]. Dies wird im Hin­blick auf die Leis­tun­gen bei häus­li­cher Pfle­ge ins­be­son­de­re aus § 4 Abs. 2 Satz 1 SGB XI deut­lich: § 4 Abs. 2 Satz 1 SGB XI als Grund­norm ver­deut­licht, dass die Leis­tun­gen der Pfle­ge­ver­si­che­rung (ledig­lich) eine sozia­le Grund­si­che­rung in Form von unter­stüt­zen­den Hil­fe­leis­tun­gen dar­stel­len sol­len, eine Voll­ver­sor­gung des Pfle­ge­be­dürf­ti­gen indes­sen nicht ange­strebt wird. Im ambu­lan­ten Bereich obliegt es den Ver­si­cher­ten, einen durch die Leis­tun­gen der Pfle­ge­ver­si­che­rung nicht gedeck­ten Pfle­ge- und Betreu­ungs­auf­wand selbst sicher­zu­stel­len [7]. Wenn der Gesetz­ge­ber den Ein­satz selbst­be­schaff­ter Pfle­ge­kräf­te – in der Regel Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge – auch bei einem im Sin­ne von § 36 Abs. 4 SGB XI beson­ders hohen Pfle­ge­be­darf nicht mit einem ent­spre­chen­den Zuschlag zum Pfle­ge­geld för­dert, son­dern auch inso­weit auf die unent­gelt­li­chen Hil­fe­leis­tun­gen inner­halb der Fami­lie oder ande­rer Soli­dar­ge­mein­schaf­ten setzt, stellt auch dies kei­ne ver­fas­sungs­wid­ri­ge Ungleich­be­hand­lung dar. Es liegt dar­in viel­mehr eine sys­tem­ge­rech­te Bei­be­hal­tung der Dif­fe­ren­zie­rung bei­der Sys­te­me auch im Bereich der beson­de­ren Här­te­fäl­le und folg­lich auch inso­weit eine Unter­schei­dung mit sach­li­chem Grund [8]. Im Übri­gen hat der Gesetz­ge­ber hin­sicht­lich Art und Umfang von sozia­len Leis­tun­gen auch in der Pfle­ge­ver­si­che­rung einen wei­ten Gestal­tungs­spiel­raum; dies trifft auch auf Leis­tun­gen im Bereich von Här­te­fäl­len zu [9].

Anhalts­punk­te dafür, dass von die­ser Recht­spre­chung abzu­wei­chen wäre, sind nicht ersicht­lich. Nach wie vor unter­schei­det der Gesetz­ge­ber, ohne dass dies zwi­schen­zeit­lich zu bean­stan­den wäre, grund­le­gend zwi­schen selbst beschaff­ter und pro­fes­sio­nel­ler Pfle­ge.

Ohne­hin ent­spricht aber der Fall der Klä­ge­rin auch nicht den Anfor­de­run­gen eines Här­te­falls im Sin­ne des § 36 Abs. 4 SGB XI. Ihr Pfle­ge­be­darf erreicht noch nicht das Aus­maß eines außer­ge­wöhn­lich hohen Pfle­ge­auf­wands im Sin­ne von § 36 Abs. 4 SGB XI.

Was unter dem unbe­stimm­ten Rechts­be­griff eines „außer­ge­wöhn­lich hoher Pfle­ge­auf­wand“ zu ver­ste­hen ist, hat der Gesetz­ge­ber nicht selbst defi­niert, son­dern dies den – hier strei­ti­gen – HRi (§ 17 SGB XI) und dane­ben einer Ver­ord­nung (§ 16 SGB XI) des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums für Gesund­heit über­las­sen, die aber bis­her nicht erlas­sen wor­den ist. Aus­wir­kun­gen auf die Aner­ken­nungs­ver­fah­ren nach § 36 Abs. 4 SGB XI hat dies jedoch nicht [10].

Ihrem gesetz­li­chen Auf­trag sind die Spit­zen­ver­bän­de der Pfle­ge­kas­sen durch die HRi vom 10. Juli 1995 in der hier maß­geb­li­chen Fas­sung vom 28. Okto­ber 2005 [11] nach­ge­kom­men. Die HRi lau­ten, soweit hier von Inter­es­se:

„4. Merk­ma­le für einen außer­ge­wöhn­lich hohen Pfle­ge­auf­wand

Der Pfle­ge­auf­wand wird bestimmt durch die Art, die Dau­er und den Rhyth­mus der erfor­der­li­chen Pfle­ge­maß­nah­men. Die­ser kann sich auf Grund der indi­vi­du­el­len Situa­ti­on des Pfle­ge­be­dürf­ti­gen als außer­ge­wöhn­lich hoch bzw. inten­siv dar­stel­len, wenn die täg­lich durch­zu­füh­ren­den Pfle­ge­maß­nah­men das übli­che Maß der Grund­ver­sor­gung im Sin­ne von Zif­fer 4.1.3 (Pfle­ge­stu­fe III) der Pfle­ge­be­dürf­tig­keits-Richt­li­ni­en quan­ti­ta­tiv oder qua­li­ta­tiv weit über­stei­gen.

Das ist der Fall, wenn
– Hil­fe bei der Kör­per­pfle­ge, der Ernäh­rung oder der Mobi­li­tät min­des­tens sechs Stun­den täg­lich, davon min­des­tens drei­mal in der Nacht, erfor­der­lich ist. Bei Pfle­ge­be­dürf­ti­gen in voll­sta­tio­nä­ren Pfle­ge­ein­rich­tun­gen ist auch die auf Dau­er bestehen­de medi­zi­ni­sche Behand­lungs­pfle­ge zu berück­sich­ti­gen.

oder

- die Grund­pfle­ge für den Pfle­ge­be­dürf­ti­gen auch des Nachts nur von meh­re­ren Pfle­ge­kräf­ten gemein­sam (zeit­gleich) erbracht wer­den kann. Das zeit­glei­che Erbrin­gen der Grund­pfle­ge des Nachts durch meh­re­re Pfle­ge­kräf­te erfor­dert, dass wenigs­tens bei einer Ver­rich­tung tags­über und des Nachts neben einer pro­fes­sio­nel­len Pfle­ge­fach­kraft min­des­tens eine wei­te­re Pfle­ge­per­son, die nicht bei einem Pfle­ge­dienst beschäf­tigt sein muss (z.B. Ange­hö­ri­ge), tätig wer­den muss.

Zusätz­lich muss stän­di­ge Hil­fe bei der haus­wirt­schaft­li­chen Ver­sor­gung erfor­der­lich sein.

Ein sol­cher außer­ge­wöhn­lich hoher bzw. inten­si­ver Pfle­ge­auf­wand kann ins­be­son­de­re bei fol­gen­den Krank­heits­bil­dern vor­lie­gen:
– Krebs­er­kran­kun­gen im End­sta­di­um
– AIDS-Erkran­kun­gen im End­sta­di­um
– hohe Quer­schnitts­läh­mung und Tetra­ple­gie
– Enze­pha­lo­mye­li­tis dis­se­mi­na­ta im End­sta­di­um
– Wach­ko­ma
– schwe­re Aus­prä­gung der Demenz
– schwe­ren Fehl­bil­dungs­syn­dro­men und Fehl­bil­dun­gen im Säug­lings- und Klein­kind­al­ter
– schwers­te neu­ro­lo­gi­sche Defekt­syn­dro­me nach Schä­del­hirn­ver­let­zun­gen
– End­sta­di­um der Muko­vis­zi­do­se“.

Die so for­mu­lier­ten Anfor­de­run­gen, die nach der Recht­spre­chung des Bun­des­so­zi­al­ge­richts das Vor­lie­gen eines Här­te­falls nach Maß­ga­be des § 36 Abs. 4 SGB XI in inhalt­lich nicht zu bean­stan­den­der Wei­se kon­kre­ti­sie­ren [12], sind im Fal­le der Klä­ge­rin nicht erfüllt. Dass die Klä­ge­rin einer – auch nachts erfor­der­li­chen – Hil­fe bei Ver­rich­tung der anfal­len­den Pfle­ge­be­dar­fe durch teil­wei­se zwei Per­so­nen (davon einer pro­fes­sio­nel­len Pfle­ge­kraft) bedarf, hat auch sie selbst nicht vor­ge­tra­gen. Jedoch fehlt es eben­so an den Vor­aus­set­zun­gen der alter­na­tiv in Betracht kom­men­den Pfle­ge­be­dürf­tig­keit im Bereich der Grund­pfle­ge mit einem Zeit­auf­wand von min­des­tens 360 Minu­ten täg­lich bei drei­mal nachts anfal­len­dem Hil­fe­be­darf. Das Lan­des­so­zi­al­ge­richt stützt sei­ne Über­zeu­gung hier­von auf das von der Beklag­ten ein­ge­hol­te Gut­ach­ten der Pfle­ge­fach­kraft W., MDK, vom 12. April 2010 sowie das wei­te­re Gut­ach­ten der Pfle­ge­fach­kraft S., MDK, vom 22. Juni 2010, ergänzt um deren Stel­lung­nah­me vom 27. Juli 2010, wel­che das Gericht im Wege des Urkund­s­be­wei­ses ver­wer­tet [13].

Pfle­ge­fach­kraft S. hat – unter Aus­wer­tung ins­be­son­de­re auch der Ein­wän­de der Klä­ge­rin gegen das vor­an­ge­gan­ge­ne Gut­ach­ten der Pfle­ge­fach­kraft W. – die Beson­der­hei­ten der Gesund­heits­stö­run­gen der Klä­ge­rin und ins­be­son­de­re die dar­aus resul­tie­ren­den Erschwer­nis­se der Pfle­ge umfas­send in ihre Ein­schät­zung des Pfle­ge­be­darfs der Klä­ge­rin ein­ge­stellt. Sie hat berück­sich­tigt, dass auf­grund der spas­ti­schen Tetrapa­re­se und der schwe­ren dys­ki­ne­ti­schen Bewe­gungs­stö­run­gen die Maß­nah­men der Kör­per­pfle­ge voll­stän­dig über­nom­men wer­den müs­sen und dabei zugrun­de­ge­legt, dass jeden Tag eine Ganz­kör­per­wä­sche (zwei­mal wöchent­lich in Form von Baden, ein­mal wöchent­lich durch Duschen und im Übri­gen in Form einer Ganz­kör­per­wä­sche von Hand) erfol­gen muss. Bei voll­stän­di­ger Inkon­ti­nenz der Klä­ge­rin hat die Gut­ach­te­rin über­dies eine zusätz­li­che täg­li­che Intim­hy­gie­ne zugrun­de gelegt und abge­se­hen davon mehr­fach täg­lich eine zusätz­li­che Hand- und Gesichts­wä­sche für erfor­der­lich gehal­ten. Die Gut­ach­te­rin ist wei­ter davon aus­ge­gan­gen, dass Inkon­ti­nenz­ar­ti­kel rund um die Uhr gewech­selt wer­den müs­sen bei voll­stän­di­ger Harn- und Stuhlin­kon­ti­nenz, wobei sie auf­grund bestehen­der Obs­ti­pa­ti­on der Klä­ge­rin einen drei­mal wöchent­lich auf­tre­ten­den Stuhl­gang zugrun­de­ge­legt hat. Auch im Rah­men der Ernäh­rung ist die Gut­ach­te­rin davon aus­ge­gan­gen, dass sowohl mund­ge­rech­te Zube­rei­tung wie Ver­ab­rei­chung voll­stän­dig über­nom­men wer­den müs­sen. Hier­bei hat die Gut­ach­te­rin als pfle­ge­er­schwe­ren­des Kri­te­ri­um eine bestehen­de Kau­schwä­che mit nur sehr lang­sa­mer Ess­ge­schwin­dig­keit aus­drück­lich berück­sich­tigt. Schließ­lich hat die Gut­ach­te­rin für den Bereich der Mobi­li­tät das Erfor­der­nis der voll­stän­di­gen Über­nah­me sämt­li­cher Bedar­fe für erfor­der­lich gehal­ten. Über­dies hat die Gut­ach­te­rin einen regel­mä­ßi­gen nächt­li­chen Pfle­ge­be­darf mit dem Erfor­der­nis der Lage­rung, Inkon­ti­nenz­ver­sor­gung und dem Rei­chen von Flüs­sig­keit gese­hen. Vor allem aber hat sie als ins­ge­samt pfle­ge­er­schwe­rend aus­drück­lich die schwe­ren hyper­ki­ne­ti­schen Bewe­gungs­stö­run­gen, die voll­stän­di­ge Läh­mung an allen vier Extre­mi­tä­ten sowie die aus­ge­präg­te Mus­kel­hy­po­to­nie mit feh­len­der Rumpf- und mäßi­ger Kopf­kon­trol­le berück­sich­tigt.

Mit Blick dar­auf erscheint die von der Gut­ach­te­rin getrof­fe­ne Ein­schät­zung des pfle­ge­ri­schen Zeit­auf­wands ins­ge­samt schlüs­sig und nach­voll­zieh­bar. Inso­weit ist ins­be­son­de­re zu berück­sich­ti­gen, dass nur die tat­säch­li­che Über­nah­me der Grund­ver­rich­tun­gen in Betracht kommt, nicht dage­gen ein etwai­ger zusätz­li­cher betreue­ri­scher Auf­wand oder aber haus­wirt­schaft­li­che Antei­le. Selbst wenn der pfle­ge­ri­sche Auf­wand im Bereich der Nah­rungs­auf­nah­me mit ins­ge­samt 110 Minu­ten am Tag auf­grund der Kau­schwä­che und der über­schie­ßen­den Bewe­gun­gen zu nied­rig erschie­ne, erreicht die Klä­ge­rin nach Über­zeu­gung des Senats ins­ge­samt einen Grund­pfle­ge­be­darf von 360 Minu­ten am Tag noch nicht.

Im Übri­gen fehlt es ohne­hin an dem zusätz­li­chen Erfor­der­nis min­des­tens drei­mal nachts anfal­len­der Hil­fe­be­dar­fe. Dies ent­nimmt das Lan­des­so­zi­al­ge­richt dem im Ter­min zur nicht­öf­fent­li­chen Sit­zung vom 30. Novem­ber 2011 durch die Klä­ge­rin vor­ge­leg­ten Pfle­ge­be­richt für eine Woche. Mit Aus­nah­me der ers­ten berich­te­ten Nacht erge­ben sich für die übri­gen Näch­te ledig­lich zwei­mal nachts anfal­len­de Hil­fe­be­dar­fe. Dar­un­ter fin­det sich über­dies auch der Hin­weis auf eine „kin­des­ty­pi­sche“ Schlaf­un­ter­bre­chung nach Alp­träu­men, die im Zusam­men­hang mit den Anfor­de­run­gen eines beson­de­ren Här­te­falls kei­ne Berück­sich­ti­gung fin­den kann. Auch nach den Schil­de­run­gen der Pfle­ge­per­son der Klä­ge­rin sind daher die Anfor­de­run­gen von § 4 HRi für die Fest­stel­lung eines beson­de­ren Här­te­falls in der Grund­pfle­ge nicht erreicht.

Über einen Anspruch auf Leis­tun­gen nach §§ 45 a ff. SGB XI war durch das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg nicht zu ent­schei­den, nach­dem die Beklag­te nach ent­spre­chen­dem Antrag der Klä­ge­rin aus­drück­lich nur einen Anspruch auf Här­te­fall­leis­tun­gen nach Maß­ga­be von § 36 Abs. 4 SGB XI beschie­den hat und auch durch die Klä­ge­rin mit ihrer Kla­ge nur Leis­tun­gen die­ses Inhalts bean­tragt wur­den.

Lan­des­so­zi­al­ge­richt Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 17. Febru­ar 2012 – L 4 P 2762/​11

  1. BGBl. I, 3728[]
  2. ins­be­son­de­re durch das Gesetz zur Umstel­lung von Geset­zen und ande­ren Vor­schrif­ten auf dem Gebiet des Gesund­heits­we­sens auf Euro – Ach­tes Euro-Ein­füh­rungs­ge­setz – vom 23.10.2001, BGBl. I, 2702, sowie durch das Gesetz zur struk­tu­rel­len Wei­ter­ent­wick­lung der Pfle­ge­ver­si­che­rung – Pfle­ge-Wei­ter­ent­wick­lungs­ge­setz – vom 28.05.2008, BGBl. I, 874[]
  3. BSG, Urteil vom 26.11.1998 – B 3 P 16/​97 RSozR 3–3300 § 38 Nr. 1[][]
  4. vgl. zur Dif­fe­ren­zie­rung die­ser Pfle­ge­si­tua­tio­nen im Ein­zel­nen Udsching, in ders. SGB XI, 3. Aufl. 2010, § 37 Rn. 2 f.[]
  5. vgl. BT-Drucks 12/​5262, S 101[]
  6. vgl. hier­zu im Ein­zel­nen BSG, Urteil vom 19.02.1998 – B 3 P 3/​97 R, SozR 3–3300 § 14 Nr. 2; eben­so BSG, Urteil vom 18.03.1999 – B 3 P 9/​98 RSozR 3–3300 § 77 Nr. 2[]
  7. vgl. BT-Drucks. 12/​5262 S. 90 und 16/​7439, S. 44; sie­he auch BSG, Urteil vom 5. Mai 2010 – B 12 R 6/​09 R – = SozR 4–2600 § 3 Nr. 5[]
  8. so aus­drück­lich auch BSG, Urteil vom 26.11.1998, aaO[]
  9. vgl. dazu erneut BSG, aaO; vgl. über­dies BSG, Urteil vom 19.02.1998 – B 3 P 3/​97 RSozR 3–3300 § 14 Nr. 2; Urteil vom 06.08.1998, B 3 P 9/​97 R – nicht ver­öf­fent­licht[]
  10. vgl. Urteil des BSG vom 30.10.2001 – B 3 P 2/​01 RBSGE 89, 44[]
  11. durch das Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Gesund­heit mit Schrei­ben vom 21. Juni 2006 gemäß § 17 Abs. 2 SGB XI geneh­migt und mit Wir­kung ab 01. Sep­tem­ber 2006 in Kraft gesetzt[]
  12. vgl. BSG, Urteil vom 10.04.2008 – B 3 P 4/​07 RSozR 4–3300 § 43 Nr. 2[]
  13. zur Zuläs­sig­keit der Ver­wer­tung der vom MDK erstat­te­ten Gut­ach­ten: BSG, Urteil vom 14.12.2000 – B 3 P 5/​00 RSozR 3–3300 § 15 Nr. 11[]