IT-Bera­ter als Freiberufler

Der Bun­des­fi­nanz­hof hat in einer Viel­zahl von Ent­schei­dun­gen Rechts­grund­sät­ze ent­wi­ckelt, anhand derer zu beur­tei­len ist, wann ein Steu­er­pflich­ti­ger einen der in § 18 Abs. 1 Nr. 1 Satz 2 EStG auf­ge­führ­ten „Kata­log­be­ru­fe“ oder einen „ähn­li­chen Beruf“ aus­übt [1]. Vie­le die­ser Ent­schei­dun­gen betref­fen spe­zi­ell die Abgren­zungs­fra­ge, ob Steu­er­pflich­ti­ge, die –wie der Klä­ger– in der IT-Bran­che tätig sind, einen dem Inge­nieur oder dem Diplom-Infor­ma­ti­ker ähn­li­chen Beruf aus­üben oder nicht [2].

IT-Bera­ter als Freiberufler

Der Bun­des­fi­nanz­hof hat bereits mehr­fach die ver­fas­sungs­recht­li­che Pro­ble­ma­tik aus­drück­lich erör­tert [3]. Er zieht die Merk­ma­le der Aus­bil­dung –etwa der für vie­le Kata­log­be­ru­fe typi­sche Abschluss eines Stu­di­ums– und der Kennt­nis­se zur Bestim­mung des „ähn­li­chen Berufs“ her­an und sieht dar­in zuläs­si­ge und ein­leuch­ten­de Unter­schei­dungs­kri­te­ri­en i.S. des Art. 3 Abs. 1 GG [4]. Den Belan­gen sol­cher Steu­er­pflich­ti­ger, die eine Aus­bil­dung in einem förm­li­chen Aus­bil­dungs­gang nicht vor­wei­sen kön­nen (z.B. Auto­di­dak­ten ohne aka­de­mi­schen Abschluss), hat der Bun­des­fi­nanz­hof gera­de aus Grün­den der steu­er­li­chen Belas­tungs­gleich­heit (Art. 3 Abs. 1 GG) dadurch Rech­nung getra­gen, dass die­se den Erwerb ver­gleich­ba­rer Kennt­nis­se auch auf ande­re Wei­se (z.B. durch erfolg­rei­che Teil­nah­me an Fort­bil­dungs­ver­an­stal­tun­gen) nach­wei­sen kön­nen [5]. Um aller­dings den gegen­tei­li­gen Effekt, näm­lich die sach­lich nicht zu recht­fer­ti­gen­de Bes­ser­stel­lung der Auto­di­dak­ten gegen­über den Trä­gern der Kata­log­be­ru­fe, die sich einer oft lang­wie­ri­gen und anspruchs­vol­len Aus­bil­dung unter­zie­hen müs­sen, zu ver­mei­den, hat es der BFH auch für erfor­der­lich ange­se­hen, dass von jenen das Wis­sen des Kern­be­reichs des jewei­li­gen Fach­stu­di­ums in der Tie­fe und der Brei­te nach­ge­wie­sen wird [6]. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat die Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs als ver­fas­sungs­recht­lich unbe­denk­lich bestä­tigt [7] und Ver­fas­sungs­be­schwer­den gegen BFH-Ent­schei­dun­gen, in denen die Aus­bil­dung bzw. die Kennt­nis­se als regel­mä­ßig zuläs­si­ges und ein­leuch­ten­des Unter­schei­dungs­kri­te­ri­um ange­se­hen wur­den [8], ohne Begrün­dung nicht zur Ent­schei­dung ange­nom­men [9].

Es ist eine Tat­fra­ge, ob der Steu­er­pflich­ti­ge, der kei­ne förm­li­che Aus­bil­dung absol­viert hat, das zur recht­li­chen Gleich­stel­lung mit einem Trä­ger eines Kata­log­be­rufs erfor­der­li­che Wis­sens­ni­veau im Ein­zel­fall erreicht oder nicht [10]. Da die mate­ri­ell-recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für die Annah­me eines ähn­li­chen Berufs den Anfor­de­run­gen aus Art. 3 Abs. 1 GG gerecht wer­den, müs­sen die betrof­fe­nen Steu­er­pflich­ti­gen grund­sätz­lich auch die hier­aus resul­tie­ren­den ver­fah­rens­recht­li­chen Fol­gen hin­neh­men. Daher haben die Gerich­te zur Fest­stel­lung, ob der Steu­er­pflich­ti­ge über ein ver­gleich­ba­res Wis­sen tat­säch­lich ver­fügt, im Rah­men ihrer Sach­auf­klä­rungs­pflicht (§ 76 Abs. 1 FGO) gege­be­nen­falls Beweis durch Ein­ho­lung eines Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­tens zu erhe­ben. Das Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten ist nur eines von meh­re­ren denk­ba­ren Beweis­mit­teln. Der „Wis­sens­nach­weis“ kann auch durch die Vor­la­ge von prak­ti­schen Arbei­ten, eine sog. Wis­sens­prü­fung oder durch Urkun­den, die den erfolg­rei­chen Besuch von Fort­bil­dungs­ver­an­stal­tun­gen bele­gen, geführt wer­den [11].

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 9. März 2012 – III B 244/​11

  1. z.B. BFH, Urtei­le vom 05.10.1989 – IV R 154/​86, BFHE 158, 409, BStBl II 1990, 73; vom 14.03.1991 – IV R 135/​90, BFHE 164, 408, BStBl II 1991, 769; vom 28.08.2003 – IV R 21/​02, BFHE 203, 152, BStBl II 2003, 919; vom 14.06.2007 – XI R 11/​06, BFH/​NV 2007, 2091[]
  2. z.B. BFH, Urtei­le vom 18.04.2007 – XI R 29/​06, BFHE 218, 65, BStBl II 2007, 781; vom 16.12.2008 – VIII R 27/​07, HFR 2009, 898; vom 22.09.2009 – VIII R 63/​06, BFHE 227, 386, BStBl II 2010, 466[]
  3. vgl. z.B. BFH, Urtei­le vom 18.06.1980 – I R 109/​77, BFHE 132, 16, BStBl II 1981, 118; in BFH/​NV 2007, 2091[]
  4. BFH, Urteil in BFH/​NV 2007, 2091[]
  5. vgl. BFH, Urteil in BFH/​NV 2007, 2091[]
  6. BFH, Urteil in BFH/​NV 2007, 2091, m.w.N.[]
  7. BVerfG, Beschluss vom 09.10.1990 – 2 BvR 146/​90, ZKF 1992, 85[]
  8. BFH, Beschlüs­se vom 09.09.1999 – XI B 106/​98, BFH/​NV 2000, 188; vom 30.10.1996 XI B 197/​95[]
  9. BVerfG, Beschlüs­se vom 04.01.2000 – 1 BvR 1916/​99; vom 03.05.1997 – 1 BvR 568/​97[]
  10. vgl. BFH, Beschluss vom 22.04.2010 – VIII B 264/​09, BFH/​NV 2010, 1300, m.w.N.[]
  11. BFH, Urteil vom 26.06.2002 – IV R 56/​00, BFHE 199, 367, BStBl II 2002, 768[]