Ver­fas­sungs­wid­ri­ge Bier­steu­er­sät­ze?

Der Bun­des­fi­nanz­hof hält die Erhö­hung der Bier­steu­er­sät­ze durch das Haus­halts­be­gleit­ge­setz 2004 für ver­fas­sungs­wid­rig und hat dies nun dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt vor­ge­legt. Die Beden­ken des Bun­des­fi­nanz­hofs bezie­hen sich frei­lich nicht auf die Höhe der Bier­steu­er, son­dern auf die Art und Wei­se des Zustan­de­kom­mens des Haus­halts­be­gleit­ge­set­zes 2004. Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt beur­teilt das Haus­halts­be­gleit­ge­setz 2004 als in for­mell ver­fas­sungs­wid­ri­ger Wei­se zustan­de gekom­men.

Ver­fas­sungs­wid­ri­ge Bier­steu­er­sät­ze?

Es wird die Ent­schei­dung des BVerfG dar­über ein­ge­holt, ob § 2 Abs. 2 BierStG 1993 i.d.F. des Art. 15 HBe­glG 2004 vom 29. Dezem­ber 2003 1 mit Art. 20 Abs. 2, Art. 38 Abs. 1 Satz 2, Art. 42 Abs. 1 Satz 1 und Art. 76 Abs. 1 GG ver­ein­bar ist.

Mit Wir­kung ab dem Jahr 2004 wur­den die gestaf­fel­ten und ermä­ßig­ten Bier­steu­er­sät­ze ange­ho­ben, die unab­hän­gi­gen Braue­rei­en mit einer Gesamt­jah­res­er­zeu­gung von weni­ger als 200.000 hl Bier gewährt wer­den. Die Bier­steu­er­men­gen­staf­fel dient dem Schutz der in Deutsch­land beson­ders stark aus­ge­präg­ten mit­tel­stän­di­schen Braue­rei­wirt­schaft. Die Erhö­hung der Bier­steu­er war zusam­men mit einer Viel­zahl ande­rer Maß­nah­men in einem Papier vor­ge­schla­gen wor­den, das eine Arbeits­grup­pe unter Lei­tung der dama­li­gen Minis­ter­prä­si­den­ten Roland Koch und Peer Stein­brück aus­ge­ar­bei­tet und im Sep­tem­ber 2003 der Öffent­lich­keit vor­ge­stellt hat­te. Das sog. Koch/Stein­brück-Papier ent­hielt eine umfang­rei­che Lis­te von Steu­er­ver­güns­ti­gun­gen und Finanz­hil­fen, deren Abbau zur Haus­halts­kon­so­li­die­rung bei­tra­gen soll­te. Der Gesetz­ge­ber setz­te die­se Vor­schlä­ge durch Ver­ab­schie­dung des Haus­halts­be­gleit­ge­set­zes 2004 um. Wie das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt 2 in Bezug auf die Kür­zung der in § 45a Abs. 1 PBefG fest­ge­leg­ten Finanz­hil­fe ent­schie­den hat, genüg­te die Ein­brin­gung des Koch/Stein­brück-Papiers in das par­la­men­ta­ri­sche Ver­fah­ren nicht den Anfor­de­run­gen an die Förm­lich­keit des Gesetz­ge­bungs­ver­fah­rens. Ins­be­son­de­re bean­stan­de­te das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, dass die Kom­pe­ten­zen des Ver­mitt­lungs­aus­schus­ses über­schrit­ten wor­den sei­en.

Durch die Vor­la­ge erhält das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nun die Gele­gen­heit, zur for­mel­len Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit einer durch das Haus­halts­be­gleit­ge­setz 2004 geän­der­ten steu­er­recht­li­chen Vor­schrift Stel­lung zu neh­men. Dabei kann es die Nich­tig­keit der Norm fest­stel­len oder eine zeit­lich begrenz­te Fort­gel­tung bis zu einer gesetz­li­chen Neu­re­ge­lung anord­nen, wie es dies beim Per­so­nen­be­för­de­rungs­ge­setz getan hat. Inzwi­schen hat der Gesetz­ge­ber zum 1. April 2010 das Bier­steu­er­ge­setz 1993 neu gefasst und dabei die durch das Haus­halts­be­gleit­ge­setz 2004 ange­ho­be­nen Bier­steu­er­sät­ze unver­än­dert gelas­sen.

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts kann ein Gericht die Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts über die Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit einer gesetz­li­chen Vor­schrift nach Art. 100 Abs. 1 GG nur ein­ho­len, wenn es zuvor sowohl die Ent­schei­dungs­er­heb­lich­keit der Vor­schrift als auch ihre Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit sorg­fäl­tig geprüft hat 3.

Im Streit­fall ist der Aus­gang des anhän­gi­gen Revi­si­ons­ver­fah­rens von der Gül­tig­keit des § 2 Abs. 2 BierstG 1993 i.d.F. des Art. 15 HBe­glG 2004 abhän­gig. Das Haupt­zoll­amt hat auf Grund­la­ge die­ser Neu­re­ge­lung die von der KG für das Streit­jahr 2004 geschul­de­te Bier­steu­er dem Grun­de und der Höhe nach zutref­fend fest­ge­setzt. Das Finanz­ge­richt hat den Jah­res­bier­steu­er­be­scheid 2004 unbe­an­stan­det gelas­sen und die Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit des Art. 15 HBe­glG 2004 nicht in Zwei­fel gezo­gen. Soll­te sich in dem Vor­la­ge­ver­fah­ren erwei­sen, dass § 2 Abs. 2 BierStG 1993 i.d.F. des HBe­glG 2004 mit dem Grund­ge­setz unver­ein­bar und nich­tig ist, könn­te die Steu­er­fest­set­zung mit der Fol­ge kei­nen Bestand haben, dass der ange­foch­te­ne Bescheid auf­ge­ho­ben wer­den müss­te. In die­sem Fall wäre die Revi­si­on erfolg­reich. Ande­rer­seits erscheint es nicht aus­ge­schlos­sen, dass das BVerfG aus den­sel­ben Erwä­gun­gen, mit denen es die Fort­gel­tung des § 45a Abs. 2 Satz 3 Vari­an­te 1 PBefG ange­ord­net hat, von der Fest­stel­lung der Nich­tig­keit des § 2 Abs. 2 BierStG 1993 i.d.F. des Art. 15 HBe­glG absieht und die­se Norm eben­falls –evtl. bis zur Neu­fas­sung des Bier­steu­er­ge­set­zes 1993 zum 1.04.2010– für vor­läu­fig anwend­bar erklärt. In die­sem Fall wäre der ange­foch­te­ne Bescheid recht­mä­ßig, so dass die Revi­si­on als unbe­grün­det zurück­zu­wei­sen wäre.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ist das vor­le­gen­de Gericht gehal­ten, die für die Prü­fung der Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit maß­geb­li­chen Erwä­gun­gen umfas­send dar­zu­le­gen. Dem Begrün­dungs­er­for­der­nis des § 80 Abs. 2 Satz 1 BVerfGG genügt ein Vor­la­ge­be­schluss nur dann, wenn die Aus­füh­run­gen des Gerichts erken­nen las­sen, dass eine sol­che Prü­fung vor­ge­nom­men wor­den ist 4. Wie bereits dar­ge­legt, betrifft die Vor­la­ge die Gül­tig­keit einer Norm, die durch Art. 15 HBe­glG 2004 geän­dert wor­den ist. Zu Art. 24 die­ses Geset­zes liegt bereits eine Ent­schei­dung des BVerfG vor, in der das BVerfG das Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren bean­stan­det und fest­ge­stellt hat, dass die Ein­brin­gung des Koch/​Stein­brück-Papiers nicht den Anfor­de­run­gen an die Förm­lich­kei­ten des Gesetz­ge­bungs­ver­fah­rens genügt habe. Der Ver­mitt­lungs­aus­schuss habe nicht über die Kom­pe­tenz ver­fügt, eine Ände­rung des Per­so­nen­be­för­de­rungs­ge­set­zes in den Ver­mitt­lungs­vor­schlag auf­zu­neh­men. Dar­über hin­aus habe es an den Vor­aus­set­zun­gen einer Bun­des­rats­in­itia­ti­ve gefehlt.

Zur Ver­mei­dung von Wie­der­ho­lun­gen nimmt der Bun­des­fi­nanz­hof auf die Aus­füh­run­gen des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts 5 zum Gang des Gesetz­ge­bungs­ver­fah­rens und zur for­mel­len Ver­fas­sungs­wid­rig­keit des § 45a Abs. 2 Satz 3 Vari­an­te 1 PBefG Bezug. Ent­schei­dend ist, dass die Art der Ein­brin­gung des Vor­schlags zur Ände­rung des § 2 Abs. 2 BierStG 1993 durch das Koch/Stein­brück-Papier in das par­la­men­ta­ri­sche Ver­fah­ren nicht den Anfor­de­run­gen an die Förm­lich­kei­ten des Gesetz­ge­bungs­ver­fah­rens genüg­te.

Die durch die Ände­rung des § 2 Abs. 2 BierStG 1993 vor­ge­nom­me­ne Erhö­hung der ermä­ßig­ten Bier­steu­er­sät­ze wur­de im Koch/​Stein­brück-Papier im Teil C Bereich I unter Glie­de­rungs­zif­fer 27, S. 21 unter der Bezeich­nung Men­gen­staf­fel bei der Bier­steu­er und in Teil E (Anhang) unter Glie­de­rungs­zif­fer 27, S. 15 erwähnt. Aus die­sen Vor­schlä­gen ging her­vor, dass § 2 BierStG 1993 mit dem Ziel geän­dert wer­den soll­te, die gestaf­fel­ten Steu­er­sät­ze in drei Schrit­ten um jeweils 4% zu erhö­hen. In der "Gesamt­lis­te lang" wur­de als Ziel­set­zung der Maß­nah­me auf den Schutz der mit­tel­stän­di­schen Braue­rei­en ver­wie­sen. Bezeich­net wur­de die zu ändern­de steu­er­recht­li­che Rege­lung als Staf­fe­lung der Bier­steu­er­sät­ze nach der Höhe des Bier­aus­sto­ßes (Men­gen­staf­fel). Bei der Vor­stel­lung des Koch/​Stein­brück-Papiers im Haus­halts- und Finanz­aus­schuss wur­de die vor­ge­schla­ge­ne Ände­rung des § 2 Abs. 2 BierStG 1993 mit kei­nem Wort erwähnt. In den drei Lesun­gen des Haus­halts­be­gleit­ge­set­zes 2004 im Ple­num des Deut­schen Bun­des­ta­ges fand eben­falls kei­ne Befas­sung mit der vor­ge­schla­ge­nen Erhö­hung der Bier­steu­er­sät­ze statt. Äuße­run­gen des feder­füh­ren­den Haus­halts­aus­schus­ses zum Bier­steu­er­ge­setz 1993 fehl­ten. Erst im Ver­mitt­lungs­aus­schuss einig­te man sich am 16. Dezem­ber 2003 unter ande­rem auf eine Anhe­bung der ermä­ßig­ten Bier­steu­er­sät­ze. Das Ergeb­nis der Eini­gung ent­sprach der spä­te­ren gesetz­li­chen Fas­sung 6. Der Vor­schlag wur­de in der Sit­zung des Deut­schen Bun­des­ta­ges vom 19. Dezem­ber 2003 mit ganz über­wie­gen­der Mehr­heit ange­nom­men. Nach Zustim­mung des Bun­des­rats wur­de das Haus­halts­be­gleit­ge­setz 2004 am 31. Dezem­ber 2003 im Bun­des­ge­setz­blatt ver­kün­det 1. Die Neu­re­ge­lung der Bier­steu­er­sät­ze trat am 1. Janu­ar 2004 in Kraft.

Wie das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt bereits fest­ge­stellt hat, lei­det das Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren wei­ter­hin an dem Man­gel, dass der Eini­gungs­vor­schlag des Ver­mitt­lungs­aus­schus­ses dem Deut­schen Bun­des­tag ent­ge­gen § 78 Abs. 5 der Geschäfts­ord­nung des Deut­schen Bun­des­ta­ges nicht min­des­tens zwei Tage vor des­sen end­gül­ti­ger Beschluss­fas­sung nach Art. 77 Abs. 2 Satz 5 GG zuge­lei­tet wur­de.

Bei die­ser Sach­la­ge liegt es auf der Hand, dass Art. 15 und Art. 24 HBe­glG 2004 in iden­ti­scher Wei­se zustan­de gekom­men sind, so dass sich die Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts 5 nach Über­zeu­gung des Bun­des­fi­nanz­hofs auf § 2 Abs. 2 BierStG 1993 über­tra­gen lässt.

Dabei ver­kennt der Bun­des­fi­nanz­hof nicht, dass der Vor­schlag zur Kür­zung von Steu­er­ver­güns­ti­gun­gen bei der Bier­steu­er –im Gegen­satz zu den Vor­schlä­gen zur Kür­zung von Finanz­hil­fen im Bereich des Per­so­nen­nah­ver­kehrs, die nicht ein­mal erken­nen lie­ßen, wel­ches Gesetz geän­dert wer­den soll­te– näher kon­kre­ti­siert ist. Die Fra­ge, ob auch die Vor­schlä­ge zur Ände­rung der Bier­steu­er­sät­ze auf­grund der unzu­rei­chen­den Kon­kre­ti­sie­rung einer ange­mes­se­nen par­la­men­ta­ri­schen Bera­tung weder zugäng­lich noch dar­auf ange­legt waren, kann indes auf sich beru­hen, da das Koch/Stein­brück-Papier auf­grund der Art sei­ner Ein­füh­rung und sei­ner Behand­lung im par­la­men­ta­ri­schen Ver­fah­rens­gang kei­ne Grund­la­ge für die vom Ver­mitt­lungs­aus­schuss vor­ge­schla­ge­ne Ände­rung des Bier­steu­er­ge­set­zes 1993 sein konn­te. Das Koch/Stein­brück-Papier und damit der Vor­schlag zur Ände­rung des Bier­steu­er­ge­set­zes 1993 sind auch nicht als Bun­des­rats­in­itia­ti­ve (Art. 76 Abs. 1 GG) in das Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren ein­ge­bracht wor­den.

Infol­ge der vom Bun­des­fi­nanz­hof ange­nom­me­nen Ver­fas­sungs­wid­rig­keit des § 2 Abs. 2 BierstG 1993 i.d.F. des Art. 15 HBe­glG 2004 war das Revi­si­ons­ver­fah­ren gemäß Art. 100 Abs. 1 Satz 1 GG i.V.m. § 80 Abs. 1, Abs. 2 Satz 1 BVerfGG aus­zu­set­zen und die Ent­schei­dung des BVerfG ein­zu­ho­len. Nach Über­zeu­gung des Bun­des­fi­nanz­hofs ist Art. 15 HBe­glG 2004 –eben­so wie Art. 24 HBe­glG 2004– nicht in for­mell ver­fas­sungs­mä­ßi­ger Wei­se zustan­de gekom­men.

Dem­ge­gen­über ist nach Auf­fas­sung des Bun­des­fi­nanz­hofs § 2 Abs. 2 BierStG 1993 in mate­ri­el­ler Hin­sicht ver­fas­sungs­ge­mäß und ins­be­son­de­re mit Art. 3 Abs. 1, Art. 12 Abs. 1 und Art. 14 Abs. 1 GG ver­ein­bar.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 15. Febru­ar 2011 – VII R 44/​09

  1. BGBl I 2003, 3076[][]
  2. BVerfG, Beschluss vom 08.12.2009 – 2 BvR 758/​07[]
  3. BVerfG, Beschluss vom 12.10.2010 – 2 BvL 59/​06, BFH/​NV 2010, 2387[]
  4. BVerfG, Beschluss in BFH/​NV 2010, 2387, m.w.N.[]
  5. in BVerfGE 125, 104[][]
  6. BTDrucks 15/​2261[]