Straf­voll­zug – und das Anhal­ten eines an den Inhaf­tier­ten adres­sier­ten Briefes

Die ver­fas­sungs­recht­li­chen Maß­stä­be für die Zuläs­sig­keit des Anhal­tens ein­ge­hen­der Schrei­ben, die an Straf­ge­fan­ge­ne gerich­tet sind, erge­ben sich aus Art. 2 Abs. 1 GG in Ver­bin­dung mit Art. 1 Abs. 1 GG1. Zu den Bedin­gun­gen der Per­sön­lich­keits­ent­fal­tung gehört es, dass der Ein­zel­ne einen Raum besitzt, in dem er unbe­ob­ach­tet sich selbst über­las­sen ist oder mit Per­so­nen sei­nes beson­de­ren Ver­trau­ens ohne Rück­sicht auf gesell­schaft­li­che Ver­hal­tens­er­war­tun­gen und ohne Furcht vor staat­li­chen Sank­tio­nen ver­keh­ren kann2.

Straf­voll­zug – und das Anhal­ten eines an den Inhaf­tier­ten adres­sier­ten Briefes

Der Gesetz­ge­ber des Lan­des Meck­len­burg-Vor­pom­mern hat das Recht auf Schrift­wech­sel ein­fach­ge­setz­lich in § 31 StVoll­zG M‑V nor­miert. Beschrän­kun­gen die­ses Rechts dür­fen nur nach Maß­ga­be der §§ 31 ff. StVoll­zG M‑V vor­ge­nom­men wer­den. So kann nach § 34 Abs. 1 StVoll­zG M‑V der Schrift­wech­sel nur über­wacht wer­den, soweit es im Ein­zel­fall wegen einer Gefähr­dung der Errei­chung des Voll­zugs­ziels oder aus Grün­den der Sicher­heit erfor­der­lich ist. Von der Über­wa­chung des Schrift­ver­kehrs ist als eigen­stän­di­ge staat­li­che Maß­nah­me das Anhal­ten von Schrei­ben nach § 35 Abs. 1 StVoll­zG M‑V zu unter­schei­den. Unter ande­rem kann gemäß § 35 Abs. 1 Nr. 3 StVoll­zG M‑V ein Schrei­ben ange­hal­ten wer­den, wenn es grob unrich­ti­ge oder erheb­lich ent­stel­len­de Dar­stel­lun­gen von Anstalts­ver­hält­nis­sen oder gro­be Belei­di­gun­gen ent­hält. Als Ein­griff in die grund­recht­lich gewähr­leis­te­te Frei­heit des Gefan­ge­nen ist das Vor­lie­gen der ein­zel­nen Tat­be­stands­vor­aus­set­zun­gen grund­sätz­lich zu begründen.

19 Abs. 4 GG gewähr­leis­tet effek­ti­ven und mög­lichst lücken­lo­sen rich­ter­li­chen Rechts­schutz gegen Akte der öffent­li­chen Gewalt3. Die Gerich­te sind ver­pflich­tet, bei der Aus­le­gung und Anwen­dung des Pro­zess­rechts einen wir­kungs­vol­len Rechts­schutz zu gewähr­leis­ten4. Der Bür­ger hat einen Anspruch auf eine tat­säch­lich wirk­sa­me gericht­li­che Kon­trol­le5. Dar­aus folgt grund­sätz­lich die Pflicht der Gerich­te, die ange­foch­te­nen Ver­wal­tungs­ak­te in recht­li­cher und tat­säch­li­cher Hin­sicht voll­stän­dig nach­zu­prü­fen6. Dabei gewähr­leis­tet Art.19 Abs. 4 Satz 1 GG nicht nur das for­mel­le Recht und die theo­re­ti­sche Mög­lich­keit, die Gerich­te anzu­ru­fen, son­dern ver­leiht dem Ein­zel­nen, der behaup­tet, durch einen Akt öffent­li­cher Gewalt ver­letzt zu sein, einen sub­stan­ti­el­len Anspruch auf eine wirk­sa­me gericht­li­che Kon­trol­le7. Hier­aus erge­ben sich auch Anfor­de­run­gen an die gericht­li­che Wür­di­gung des Vor­trags des Rechts­schutz­su­chen­den. Art.19 Abs. 4 GG gebie­tet daher zunächst den Gerich­ten, das Ver­fah­rens­recht so anzu­wen­den, dass den erkenn­ba­ren Inter­es­sen des rechts­schutz­su­chen­den Bür­gers best­mög­lich Rech­nung getra­gen wird. Legt ein Gericht den Ver­fah­rens­ge­gen­stand in einer Wei­se aus, die das vom Antrag­stel­ler erkenn­bar ver­folg­te Rechts­schutz­ziel ganz oder in wesent­li­chen Tei­len außer Betracht lässt, ver­letzt dies den Rechts­an­spruch des Betrof­fe­nen nach Art. 19 Abs. 4 GG8.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 18. August 2021 – 2 BvR 2181/​20

  1. vgl. BVerfG, Beschluss vom 29.06.1995 – 2 BvR 2651/​94 12; und vom 03.12.2014 – 2 BvR 1956/​13 2; vgl. auch BVerfGE 41, 329 <331>[]
  2. vgl. BVerfGE 90, 255 <260 m.w.N.>[]
  3. vgl. BVerfGE 67, 43 <58> stRspr[]
  4. vgl. BVerfGE 77, 275 <284>[]
  5. vgl. BVerfGE 35, 382 <401 f.> stRspr[]
  6. vgl. BVerfGE 84, 34 <49>[]
  7. vgl. BVerfGE 101, 106 <122 f.> 103, 142 <156> 113, 273 <310> 129, 1 <20>[]
  8. vgl. BVerfGK 10, 509 <513> BVerfG, Beschluss vom 19.01.2017 – 2 BvR 476/​16, Rn. 12[]

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