Der Kampf ums Geld: Gemein­de­fi­nan­zie­rungs­ge­setz 2011

Der den Kom­mu­nen nach der Lan­des­ver­fas­sung von Nord­rhein-West­fa­len (LV NRW) zu gewäh­ren­de Finanz­aus­gleich steht unter dem Vor­be­halt der finan­zi­el­len Leis­tungs­fä­hig­keit des Lan­des. Die Pflicht zur Gewäh­rung einer Min­dest­fi­nanz­aus­stat­tung im Sin­ne einer "abso­lu­ten" Unter­gren­ze ergibt sich nicht aus der Lan­des­ver­fas­sung. Die vom Land im Gemein­de­fi­nan­zie­rungs­ge­setz 2011 zur Ver­fü­gung gestell­ten Finanz­mit­tel sind ver­fas­sungs­kon­form auf die ein­zel­nen Kom­mu­nen ver­teilt wor­den.

Der Kampf ums Geld: Gemein­de­fi­nan­zie­rungs­ge­setz 2011

Mit die­ser Begrün­dung hat der Ver­fas­sungs­ge­richts­hof für das Land Nord­rhein-West­fa­len die hier vor­lie­gen­den Ver­fas­sungs­be­schwer­den meh­re­rer Gemein­den gegen das Gemein­de­fi­nan­zie­rungs­ge­setz 2011 zurück­ge­wie­sen. Beschwer­de­füh­rer sind die Gemein­den Alpen, Asche­berg, Evers­win­kel, Havix­beck, Hün­xe, Hürt­gen­wald, Kra­nen­burg, Lip­pe­tal, Nach­rodt-Wib­lingwer­de, Nord­kir­chen, Not­tuln, Ost­be­vern, Röding­hau­sen, Rosen­dahl, Sen­den, Sons­beck, Süd­lohn, Spen­ge, Waders­loh, Wett­rin­gen, Wilns­dorf sowie der Städ­te Bever­un­gen, Bil­ler­beck, Born­heim, Bra­kel, Bre­cker­feld, Bri­lon, Coes­feld, Dren­stein­furt, Dül­men, Erft­stadt, Hal­ver, Hörs­tel, Höx­ter, Lich­ten­au, Lin­nich, Lüding­hau­sen, Mesche­de, Neu­en­ra­de, Nideg­gen, Oel­de, Olfen, Sas­sen­berg, Riet­berg, Wil­lich, Xan­ten (VerfGH 14/​11) und der Gemein­den Heek, Hei­den, Leg­den, Raes­feld, Reken, Schöp­pin­gen, Velen sowie der Städ­te Ahaus, Bocholt, Bor­ken, Gescher, Rhe­de, Stadt­lohn und Vre­den (VerfGH 9/​12). Mit ihren Ver­fas­sungs­be­schwer­den haben sie gel­tend gemacht, der im Gemein­de­fi­nan­zie­rungs­ge­setz 2011 gere­gel­te Finanz­aus­gleich ver­let­ze sie in ihrem Recht auf kom­mu­na­le Selbst­ver­wal­tung. Die Ver­tei­lung der Finanz­mit­tel auf die Kom­mu­nen beru­he auf gra­vie­ren­den metho­di­schen Feh­lern. Ins­be­son­de­re durch die deut­li­che Höher­ge­wich­tung des Sozi­al­las­ten­an­sat­zes und sei­ne aus­schließ­li­che Ver­or­tung auf Ebe­ne der Gemein­den kom­me es zu einer mas­si­ven Fehl­ver­tei­lung zu Las­ten des kreis­an­ge­hö­ri­gen Raums und inner­halb der Krei­se. Die Finanz­aus­stat­tung rei­che nicht aus, um die Kos­ten für kom­mu­na­le Pflicht- und Selbst­ver­wal­tungs­auf­ga­ben zu decken. Der Gesetz­ge­ber habe es ver­säumt, den kon­kre­ten kom­mu­na­len Finanz­be­darf zu ermit­teln und den Finanz­aus­gleich ent­spre­chend anzu­pas­sen. Dies gel­te vor allem für den Bereich der seit Jah­ren ange­stie­ge­nen Kos­ten für Sozi­al­las­ten. Die Beschwer­de­füh­re­rin­nen im Ver­fah­ren VerfGH 14/​11 hat­ten über­dies die Höhe der Finanz­aus­gleichs­mas­se ins­ge­samt für unzu­rei­chend gehal­ten.

Zur Begrün­dung sei­ner Ent­schei­dung hat der Ver­fas­sungs­ge­richts­hof des Lan­des Nord­rhein-West­fa­len aus­ge­führt, dass dem Gesetz­ge­ber ein wei­ter Gestal­tungs­spiel­raum zuste­he, in wel­cher Art und in wel­chem Umfang er den gemeind­li­chen Anspruch auf ange­mes­se­ne Finanz­aus­stat­tung erfül­le und nach wel­chem Sys­tem er im Wege des Finanz­aus­gleichs ergän­zend zu sons­ti­gen kom­mu­na­len Ein­nah­men Finanz­mit­tel auf die Kom­mu­nen ver­tei­le.

Der Umfang der im Finanz­aus­gleich 2011 ins­ge­samt zur Ver­fü­gung gestell­ten Mit­tel sei ver­tret­bar bemes­sen wor­den. Um die für eine eigen­ver­ant­wort­li­che kom­mu­na­le Auf­ga­ben­wahr­neh­mung erfor­der­li­che finan­zi­el­le Min­dest­aus­stat­tung sicher­zu­stel­len, müs­se der not­wen­di­ge Aus­ga­ben­be­darf für die Erfül­lung aller Pflicht­auf­ga­ben und eines Mini­mums an frei­wil­li­gen Auf­ga­ben nicht betrags­mä­ßig abge­schätzt wer­den. Der den Kom­mu­nen nach Art. 79 Satz 2 LV NRW zu gewäh­ren­de Finanz­aus­gleich ste­he unter dem Vor­be­halt der finan­zi­el­len Leis­tungs­fä­hig­keit des Lan­des. Weder aus Art. 79 Satz 2 LV NRW noch aus Art. 28 Abs. 2 und 3 GG erge­be sich die Pflicht zur Gewäh­rung einer Min­dest­fi­nanz­aus­stat­tung im Sin­ne einer "abso­lu­ten" Unter­gren­ze, die selbst bei einer extre­men finan­zi­el­len Not­la­ge des Lan­des nicht unter­schrit­ten wer­den dür­fe. Unter Berück­sich­ti­gung der äußerst ange­spann­ten finan­zi­el­len Leis­tungs­fä­hig­keit des Lan­des kön­ne der Ver­fas­sungs­ge­richts­hof nicht fest­stel­len, dass eine den wirt­schaft­li­chen Gege­ben­hei­ten ent­spre­chen­de auf­ga­ben­an­ge­mes­se­ne Min­dest­aus­stat­tung unter­schrit­ten wor­den sei. Nach sach­ver­stän­di­ger Beur­tei­lung, der sich der Gesetz­ge­ber ange­schlos­sen habe, hät­ten trotz stark gestie­ge­ner Sozi­al­aus­ga­ben kei­ne Anzei­chen für einen signi­fi­kan­ten Anstieg aller kom­mu­na­ler Auf­ga­ben im Ver­hält­nis zu den Auf­ga­ben des Lan­des bestan­den, denen der Gesetz­ge­ber hät­te Rech­nung tra­gen müs­sen. Sei­ner Beob­ach­tungs- und Anpas­sungs­pflicht bezo­gen auf erkenn­ba­re Belas­tungs­ver­schie­bun­gen sei der Gesetz­ge­ber nach­ge­kom­men, indem er finanz­wis­sen­schaft­li­chen Sach­ver­stand hin­zu­ge­zo­gen habe.

Die vom Land im Gemein­de­fi­nan­zie­rungs­ge­setz 2011 zur Ver­fü­gung gestell­ten Finanz­mit­tel sei­en auch ver­fas­sungs­kon­form auf die ein­zel­nen Kom­mu­nen ver­teilt wor­den. Die deut­li­che Höher­ge­wich­tung des Sozi­al­las­ten­an­sat­zes und sei­ne Berück­sich­ti­gung aus­schließ­lich auf Gemein­de­ebe­ne ver­stie­ßen nicht des­halb gegen das inter­kom­mu­na­le Gleich­be­hand­lungs­ge­bot, weil sie gegen­über den Vor­jah­ren erheb­li­che Umver­tei­lun­gen zu Las­ten des kreis­an­ge­hö­ri­gen Raums und inner­halb der Krei­se her­vor­ge­ru­fen hät­ten. Das beacht­li­che Aus­maß der Ver­än­de­run­gen beru­he dar­auf, dass die Sozi­al­be­dar­fe über vie­le Jah­re hin­weg ange­stie­gen sei­en, wäh­rend die nach gut­acht­li­cher Bewer­tung gebo­te­ne Anpas­sung des Sozi­al­las­ten­an­sat­zes erst mit eini­ger Ver­zö­ge­rung und dann 2011 und 2012 in nur zwei Schrit­ten vor­ge­nom­men wor­den sei. Im Vor­feld des Gesetz­ge­bungs­ver­fah­rens hät­ten umfang­rei­che aktu­el­le sach­ver­stän­di­ge Unter­su­chun­gen vor­ge­le­gen, die sich inten­siv mit den Kern­ein­wän­den der kom­mu­na­len Spit­zen­ver­bän­de bezo­gen auf die Ver­tei­lungs­sys­te­ma­tik – auch inner­halb der Krei­se – befasst hät­ten. Das hier­auf gestütz­te Ver­tei­lungs­sys­tem sei nicht schon des­halb ver­fas­sungs­wid­rig, weil eine ande­re auch ver­tret­ba­re sach­ver­stän­di­ge Auf­fas­sung zu abwei­chen­den Ergeb­nis­sen gekom­men sei.

Ver­fas­sungs­ge­richts­hof für das Land Nord­rhein-West­fa­len, Urteil vom 6. Mai 2014 – VerfGH 14/​11 und 9/​12