Streit um den Lan­des­zu­schuss für die Jüdi­sche Gemein­schaft in Sach­sen-Anhalt

Das­Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Sach­sen-Anhalt in Mag­de­burg muss erneut über Anteil der Syn­ago­gen­ge­mein­de zu Hal­le an dem Lan­des­zu­schuss für die Jüdi­sche Gemein­schaft in Sach­sen-Anhalt ent­schei­den

Streit um den Lan­des­zu­schuss für die Jüdi­sche Gemein­schaft in Sach­sen-Anhalt

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig hat drei Urtei­le des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts in Mag­de­burg 1 auf­ge­ho­ben, durch die das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt den beklag­ten Lan­des­ver­band jüdi­scher Gemein­den in Sach­sen-Anhalt ver­pflich­tet hat­te, über den Anspruch der Syn­ago­gen­ge­mein­de zu Hal­le auf Betei­li­gung an dem Lan­des­zu­schuss für die Jüdi­sche Gemein­schaft in Sach­sen-Anhalt für die Jah­re 2006, 2007 und 2008 erneut zu ent­schei­den. Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt muss jetzt selbst klä­ren, in wel­chem Umfang die Syn­ago­gen­ge­mein­de zu Hal­le an dem Lan­des­zu­schuss zu betei­li­gen ist.

Auf­grund eines Staats­ver­trags aus dem Jahr 2006 zwi­schen dem Land Sach­sen-Anhalt und der Jüdi­schen Gemein­schaft in Sach­sen-Anhalt erhält der beklag­te Lan­des­ver­band Jüdi­scher Gemein­den jähr­lich finan­zi­el­le Zuwen­dun­gen des Lan­des (Lan­des­zu­schuss). Er hat den Lan­des­zu­schuss nach Abzug eines Eigen­an­teils an die jüdi­schen Gemein­den im Land wei­ter­zu­ge­ben, dar­un­ter an die Syn­ago­gen­ge­mein­de zu Hal­le, die Klä­ge­rin. Sie gehört dem beklag­ten Lan­des­ver­band nicht an. Der Lan­des­zu­schuss ist auf die Gemein­den mit einem Sockel­be­trag und im Übri­gen nach der Zahl ihrer Mit­glie­der mit Haupt­wohn­sitz in Sach­sen-Anhalt zu ver­tei­len. Nach dem Staats­ver­trag bestä­tigt der Gene­ral­se­kre­tär des Zen­tral­rats der Juden in Deutsch­land die Mit­glie­der­zah­len. Für das Jahr 2006 setz­te der beklag­te Lan­des­ver­band den Anteil der Klä­ge­rin an dem Lan­des­zu­schuss fest, berück­sich­tig­te dabei aber eine gerin­ge­re Zahl von Mit­glie­dern, als der Gene­ral­se­kre­tär des Zen­tral­rats mit­ge­teilt hat­te. Er war der Auf­fas­sung, er habe eigen­stän­dig zu prü­fen, wie vie­le Mit­glie­der die Klä­ge­rin habe, ins­be­son­de­re, ob sie dem Juden­tum zuge­hör­ten. In dem des­halb von der Klä­ge­rin anhän­gig gemach­ten Kla­ge­ver­fah­ren haben sowohl das Ver­wal­tungs­ge­richt Hal­le als auch das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Mag­de­burg die Auf­fas­sung ver­tre­ten, die Bestä­ti­gung der Mit­glie­der­zah­len durch den Gene­ral­se­kre­tär des Zen­tral­rats sei für den beklag­ten Lan­des­ver­band ver­bind­lich. Der Gene­ral­se­kre­tär sei als neu­tra­le Instanz ein­ge­schal­tet, um ins­be­son­de­re zu klä­ren, wel­che Mit­glie­der der jewei­li­gen Gemein­de dem Juden­tum zuge­hö­ren. An einer ver­bind­li­chen Bestä­ti­gung feh­le es bis­her jedoch, weil der Gene­ral­se­kre­tär die von ihm mit­ge­teil­ten Zah­len als vor­läu­fig ein­ge­stuft und das wei­te­re Prü­fungs­ver­fah­ren abge­bro­chen habe. Die Vor­in­stan­zen haben den beklag­ten Lan­des­ver­band mit die­ser Begrün­dung ver­pflich­tet, über den Antrag der Klä­ge­rin erneut zu ent­schei­den.

Auf die Revi­si­on des beklag­ten Lan­des­ver­ban­des hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt die Sache zur erneu­ten Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt in Mag­de­burg zurück­ver­wie­sen: Bei dem Staats­ver­trag han­delt es sich um Lan­des­recht. An des­sen Aus­le­gung durch das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt war das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt inso­weit gebun­den, als danach der beklag­te Lan­des­ver­band nicht befugt ist, selbst zu ermit­teln und zu prü­fen, wie vie­le Mit­glie­der die anspruch­be­rech­tig­ten Gemein­den haben, die­se Fest­stel­lung viel­mehr allein dem Gene­ral­se­kre­tär des Zen­tral­rats über­tra­gen ist. Eben­so war das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt an die tat­säch­li­che Fest­stel­lung des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts gebun­den, dass der Gene­ral­se­kre­tär die ihm über­tra­ge­ne Fest­stel­lung nicht ver­bind­lich getrof­fen, son­dern das Prü­fungs­ver­fah­ren abge­bro­chen hat. Unzu­tref­fend ist jedoch die wei­te­re Fol­ge­rung des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts, das Feh­len einer ver­bind­li­chen Bestä­ti­gung der Mit­glie­der­lis­ten durch den Gene­ral­se­kre­tär hin­de­re auch das Gericht dar­an, die Sache durch eige­ne Ermitt­lun­gen des Sach­ver­halts spruch­reif zu machen. Über­tra­gen die Par­tei­en eines Ver­trags einem Drit­ten (hier dem Gene­ral­se­kre­tär) die ver­bind­li­che Ent­schei­dung dar­über, ob bestimm­te Tat­sa­chen (hier die Zahl der Mit­glie­der einer Gemein­de) vor­lie­gen, von deren Bestehen Ansprü­che nach dem Ver­trag (hier auf Betei­li­gung an dem Lan­des­zu­schuss) abhän­gen, han­delt es sich recht­lich um eine Schieds­ab­re­de, bei dem Drit­ten um einen Schieds­gut­ach­ter. Auch wenn nicht die Behör­de, son­dern ein Drit­ter als Schieds­gut­ach­ter den maß­geb­li­chen Sach­ver­halt für die Anwen­dung einer Norm des staat­li­chen Rechts fest­zu­stel­len hat, haben die staat­li­chen Gerich­te Rechts­schutz zu gewäh­ren, wenn der Drit­te die ihm ange­tra­ge­ne Über­prü­fung und Fest­stel­lung des Sach­ver­halts nicht vor­nimmt, sei es, dass er eine Über­prü­fung gar nicht erst ein­lei­tet, sei es, dass er eine Über­prü­fung ohne Ergeb­nis abbricht. Das sodann ange­ru­fe­ne Ver­wal­tungs­ge­richt hat den Sach­ver­halt selbst fest­zu­stel­len. Dar­an waren das Ver­wal­tungs­ge­richt und das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt auch nicht des­halb gehin­dert, weil die Mit­glied­schaft in einer Reli­gi­ons­ge­mein­schaft inner­re­li­giö­se Fra­gen berührt, deren Ent­schei­dung staat­li­chen Gerich­ten ent­zo­gen ist. Durch staat­li­che Gerich­te nach­prüf­bar sind die for­ma­len (äußer­li­chen) Vor­aus­set­zun­gen, von denen die Mit­glied­schaft in einer Reli­gi­ons­ge­mein­schaft nach deren inner­ge­mein­schaft­li­chem Recht abhängt, ins­be­son­de­re die ver­eins­recht­li­chen Vor­aus­set­zun­gen eines Bei­tritts (Auf­nah­me­an­trag, Auf­nah­me­ent­schei­dung des zustän­di­gen Organs). Ob ein von der Klä­ge­rin geführ­tes Mit­glied dem Juden­tum ange­hört, ist einer gericht­li­chen Über­prü­fung nicht gänz­lich ent­zo­gen. Nach dem Selbst­ver­ständ­nis der Klä­ge­rin gehört ent­spre­chend dem tra­di­tio­nel­len Ver­ständ­nis dem jüdi­schen Glau­ben an, wer durch Geburt der jüdi­schen Gemein­schaft ange­hört oder in das Juden­tum auf­ge­nom­men wor­den ist. Die Abstam­mung von einer jüdi­schen Mut­ter kann ins­be­son­de­re durch Vor­la­ge einer Geburts­ur­kun­de belegt oder unter Umstän­den dadurch hin­rei­chend nach­ge­wie­sen sein, dass die betref­fen­de Per­son auf­grund ihrer Zuge­hö­rig­keit zum Juden­tum aus den Nach­fol­ge­staa­ten der ehe­ma­li­gen Sowjet­uni­on nach Deutsch­land ein­rei­sen durf­te. Ob über­haupt ein Über­tritt zum Juden­tum, gleich nach wel­chem Ritus und unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen, statt­ge­fun­den hat, ist einer gericht­li­chen Fest­stel­lung zugäng­lich. Dabei han­delt es sich ledig­lich um die Fest­stel­lung einer äuße­ren Tat­sa­che ohne eine inhalt­li­che Bewer­tung. Ent­zo­gen ist dem Staat ledig­lich die Bewer­tung, ob die Kon­ver­si­on als eine reli­giö­se (kul­ti­sche) Hand­lung wirk­sam ist.

In den bei­den Ver­fah­ren betref­fend die Jah­re 2007 und 2008 hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt wegen des im Wesent­li­chen gleich­ge­la­ger­ten Sach­ver­halts eben­so ent­schie­den.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urtei­le vom 27. Novem­ber 2013 – 6 C 19.12, 6 C 20.12 und 6 C 21.12

  1. OVG LSA, Urtei­le vom 20.07.2011 – 3 L 165/​10; 3 L 166/​10; und 3 L 167/​10[]