För­de­rung erneu­er­ba­rer Ener­gi­en – aber nur inner­halb der Lan­des­gren­zen

Die EU-Mit­glied­staa­ten sind nicht ver­pflich­tet, die Ener­gie­er­zeu­gung aus erneu­er­ba­ren Quel­len in ande­ren Staa­ten der Uni­on zu för­dern. Mit die­ser Begrün­dung erklär­te jetzt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on die schwe­di­sche Rege­lung zur För­de­rung der inlän­di­schen Erzeu­gung grü­ner Ener­gie als mit dem Uni­ons­recht ver­ein­bar.

För­de­rung erneu­er­ba­rer Ener­gi­en – aber nur inner­halb der Lan­des­gren­zen

Die Richt­li­nie 2009/​28/​EG zur För­de­rung der Nut­zung grü­ner Ener­gie 1 ermög­licht es den Mit­glied­staa­ten, die Erzeu­gung grü­nen Stroms zu för­dern. Sie bestimmt, dass die Mit­glied­staa­ten, die Erzeu­ger unter­stüt­zen, nicht ver­pflich­tet sind, die Nut­zung von grü­ner Ener­gie zu för­dern, die in einem ande­ren Mit­glied­staat erzeugt wur­de.

In Schwe­den kön­nen für Anla­gen zur Erzeu­gung grü­nen Stroms, die sich im Inland befin­den, Strom­zer­ti­fi­ka­te erteilt wer­den. Die­se Zer­ti­fi­ka­te kön­nen sodann an Strom­ver­sor­ger und bestimm­te Nut­zer ver­kauft wer­den, die eine Son­der­ab­ga­be zah­len müs­sen, wenn sie ihrer Ver­pflich­tung nicht nach­kom­men, eine bestimm­te Zahl von Zer­ti­fi­ka­ten zu hal­ten, die einem Anteil an ihrem gesam­ten Strom­ver­kauf bzw. Strom­ver­brauch ent­spricht. Durch den Ver­kauf die­ser Zer­ti­fi­ka­te kön­nen die Erzeu­ger grü­nen Stroms zusätz­li­che Ein­nah­men erzie­len, die die Ein­nah­men aus dem Strom­ver­kauf ergän­zen. Auf die­se Wei­se wer­den die mit der Erzeu­gung von grü­nem Strom, bei dem die Pro­duk­ti­ons­kos­ten stets höher sind als bei Strom aus nicht erneu­er­ba­ren Ener­gie­quel­len, ver­bun­de­nen Mehr­kos­ten von den Ver­sor­gern und den Ver­brau­chern getra­gen.

Die Gesell­schaft Ålands Vin­d­kraft bean­trag­te bei den schwe­di­schen Behör­den, ihr für ihren Wind­ener­gie­park Oskar, der sich in Finn­land im Archi­pel der Åland-Inseln befin­det, Strom­zer­ti­fi­ka­te zuzu­tei­len. Die­ser Antrag wur­de mit der Begrün­dung abge­lehnt, dass sol­che Zer­ti­fi­ka­te nur Betrei­bern von Erzeu­gungs­an­la­gen zuge­teilt wer­den könn­ten, die sich in Schwe­den befän­den.

Ålands Vin­d­kraft focht den ableh­nen­den Bescheid vor den schwe­di­schen Gerich­ten an, wobei sie gel­tend mach­te, dass der Grund­satz des frei­en Waren­ver­kehrs der schwe­di­schen Strom­zer­ti­fi­zie­rungs­re­ge­lung ent­ge­gen­ste­he. Die­se Rege­lung bewir­ke, dass etwa 18 % des schwe­di­schen Strom­ver­brauchs­markts zum Nach­teil der Strom­ein­fuh­ren aus ande­ren Mit­glied­staa­ten den in Schwe­den ansäs­si­gen Erzeu­gern von grü­nem Strom vor­be­hal­ten blie­ben.

Der mit dem Rechts­streit befass­te För­valt­nings­rätt i Lin­kö­ping (das Ver­wal­tungs­ge­richt Lin­kö­ping, Schwe­den) rich­te­te dar­auf­hin an den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen zu der Fra­ge, ob die schwe­di­sche Strom­zer­ti­fi­zie­rungs­re­ge­lung mit dem Uni­ons­recht ver­ein­bar ist.

Im Wege eines sol­chen Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chens kön­nen die Gerich­te der Mit­glied­staa­ten in einem bei ihnen anhän­gi­gen Rechts­streit dem Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on Fra­gen nach der Aus­le­gung des Uni­ons­rechts oder nach der Gül­tig­keit einer Hand­lung der Euro­päi­schen Uni­on vor­le­gen. Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on ent­schei­det dabei aus­schließ­lich über die vor­ge­leg­te Rechts­fra­ge, nicht auch über den natio­na­len Rechts­streit. Es ist und bleibt viel­mehr Sache des natio­na­len Gerichts, über die Rechts­sa­che im Ein­klang mit der Ent­schei­dung des Uni­ons­ge­richts­hofs zu ent­schei­den. Die­se Ent­schei­dung des Uni­ons­ge­richts­hofs bin­det in glei­cher Wei­se ande­re natio­na­le Gerich­te, die mit einem ähn­li­chen Pro­blem befasst wer­den.

In sei­nem jetzt ver­kün­de­ten Urteil stellt der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on ers­tens fest, dass die schwe­di­sche Rege­lung der grü­nen Zer­ti­fi­ka­te eine Rege­lung zur För­de­rung der Erzeu­gung grü­nen Stroms ist, die in den Anwen­dungs­be­reich der Richt­li­nie fällt. Der Gerichts­hof weist dar­auf hin, dass die Richt­li­nie die Mit­glied­staa­ten, die sich für eine För­der­re­ge­lung ent­schie­den haben, nicht ver­pflich­tet, die För­de­rung nach die­ser Rege­lung auf den im Hoheits­ge­biet eines ande­ren Mit­glied­staats erzeug­ten grü­nen Strom zu erstre­cken. Folg­lich ist die schwe­di­sche För­der­re­ge­lung mit der Richt­li­nie ver­ein­bar.

Zwei­tens führt der Uni­ons­ge­richts­hof aus, dass die frag­li­che För­der­re­ge­lung geeig­net ist, Strom­ein­fuh­ren aus ande­ren Mit­glied­staa­ten, ins­be­son­de­re Ein­fuh­ren von grü­nem Strom, zu behin­dern. Zum einen sind die Ver­sor­ger und Nut­zer ver­pflich­tet, für den von ihnen ein­ge­führ­ten Strom Zer­ti­fi­ka­te zu erwer­ben, um kei­ne Son­der­ab­ga­be zah­len zu müs­sen. Zum ande­ren ist die Mög­lich­keit der Erzeu­ger von grü­nem Strom schwe­di­schen Ursprungs, die Zer­ti­fi­ka­te zusam­men mit dem von ihnen erzeug­ten Strom zu ver­kau­fen, geeig­net, die Auf­nah­me von Ver­hand­lun­gen und die Ein­ge­hung ver­trag­li­cher Bezie­hun­gen im Bereich der Lie­fe­rung von inlän­di­schem Strom an die Strom­ver­sor­ger bzw. ‑nut­zer zu för­dern. Dar­aus folgt, dass die Rege­lung eine Beschrän­kung des frei­en Waren­ver­kehrs dar­stellt.

Der Uni­ons­ge­richts­hof ist jedoch der Ansicht, dass die­se Beschrän­kung durch das im All­ge­mein­in­ter­es­se lie­gen­de Ziel gerecht­fer­tigt ist, die Nut­zung erneu­er­ba­rer Ener­gie­quel­len zu för­dern, um die Umwelt zu schüt­zen und die Kli­ma­än­de­run­gen zu bekämp­fen. In die­sem Zusam­men­hang sieht es der Gerichts­hof als zur Errei­chung des ver­folg­ten Ziels gerecht­fer­tigt an, dass die Maß­nah­men zur För­de­rung des Über­gangs zu grü­ner Ener­gie bei der Erzeu­gung und nicht beim Ver­brauch anset­zen. Das König­reich Schwe­den war beim der­zei­ti­gen Stand des Uni­ons­rechts auch zu der Annah­me berech­tigt, dass zur Errei­chung des ver­folg­ten Ziels die Inan­spruch­nah­me der natio­na­len För­der­re­ge­lung allein auf die inlän­di­sche Erzeu­gung grü­nen Stroms zu beschrän­ken war. Der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on hebt ins­be­son­de­re her­vor, dass die­se För­der­re­ge­lung erfor­der­lich ist, um lang­fris­ti­ge Inves­ti­tio­nen in grü­ne Ener­gie zu för­dern.

Unter die­sen Umstän­den ent­schied der Gerichts­hof der Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, dass die schwe­di­sche För­der­re­ge­lung auch mit dem Grund­satz des frei­en Waren­ver­kehrs im Ein­klang steht.

Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, Urteil vom 1. Juli 2014 – C ‑573 [

  1. Richt­li­nie 2009/​28/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 23.04.2009 zur För­de­rung der Nut­zung von Ener­gie aus erneu­er­ba­ren Quel­len und zur Ände­rung und anschlie­ßen­den Auf­he­bung der Richt­li­ni­en 2001/​77/​EG und 2003/​30/​EG, ABl.EU L 140, S. 16[]