Betrei­ber einer Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­li­nie

Betrei­ber einer Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­li­nie ist, wer über deren Nut­zung zu Zwe­cken der Tele­kom­mu­ni­ka­ti­on tat­säch­lich und recht­lich bestim­men kann; die umfas­sen­de Ver­fü­gungs­be­fug­nis über alle kör­per­li­chen Bestand­tei­le der Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­li­nie ist nicht erfor­der­lich.

Betrei­ber einer Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­li­nie

Anlass für die­se Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs war der Streit um den Aus­gleichs­an­spruch eines Grund­stücks­ei­gen­tü­mers, der gemäß § 76 Abs. 2 Satz 2 TKG (bzw. § 57 Abs. 2 Satz 2 TKG aF) gegen den Betrei­ber einer Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­li­nie besteht, wenn ein zunächst nur der Ener­gie­ver­sor­gung die­nen­des Lei­tungs­netz nun­mehr auch für Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­zwe­cke genutzt weird.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ist zur Zah­lung die­ses Aus­gleichs­an­spruchs ver­pflich­tet, wer die Funk­ti­ons­herr­schaft über die Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­li­nie inne­hat, also über deren Nut­zung zu Zwe­cken der öffent­li­chen Tele­kom­mu­ni­ka­ti­on ent­schei­det. Ob die­se Befug­nis auf dem Eigen­tum an dem Lei­tungs­netz oder auf einem ver­trag­li­chen Nut­zungs­recht beruht, ist ohne Belang 1. Ste­hen das Eigen­tum und das Nut­zungs­recht an der Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­li­nie – wie hier – unter­schied­li­chen Per­so­nen zu, sind bei­de Schuld­ner des Aus­gleichs­an­spruchs 2.

Die Haf­tung sowohl des Betrei­bers der Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­li­nie als auch des Eigen­tü­mers des Lei­tungs­net­zes lässt sich nach der Neu­fas­sung des Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­ge­set­zes durch das Gesetz vom 22.06.2004 3, bei der die­se Recht­spre­chung Berück­sich­ti­gung gefun­den hat 4, unmit­tel­bar aus der Vor­schrift des § 76 Abs. 2 TKG able­sen. In Satz 1 wer­den bei­de als Schuld­ner des Aus­gleichs­an­spruchs genannt; ihre Haf­tung als Gesamt­schuld­ner folgt aus Satz 4 der Vor­schrift. Durch die Neu­fas­sung ist zugleich klar­ge­stellt, dass die Betrei­ber­ei­gen­schaft kei­ne umfas­sen­de tat­säch­li­che und recht­li­che Ver­fü­gungs­ge­walt über alle Bestand­tei­le der Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­li­nie im Sin­ne des § 3 Nr. 26 TKG erfor­dert 5; denn eine sol­che hat typi­scher­wei­se nur der Eigen­tü­mer des Lei­tungs­net­zes. Aus­rei­chend ist viel­mehr die Befug­nis, über die Nut­zung der Lei­tun­gen zu Zwe­cken der Tele­kom­mu­ni­ka­ti­on zu bestim­men 6. In die­sem Sin­ne war bereits das "Betrei­ben von Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­net­zen" in § 3 Nr. 2 TKG aF defi­niert, näm­lich als das Aus­üben der recht­li­chen und tat­säch­li­chen Kon­trol­le (Funk­ti­ons­herr­schaft) über die Gesamt­heit der Funk­tio­nen, die zur Erbrin­gung von Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­dienst­leis­tun­gen unab­ding­bar zur Ver­fü­gung gestellt wer­den müs­sen. Maß­geb­li­cher Gegen­stand der Funk­ti­ons­herr­schaft ist also nicht die kör­per­li­che Infra­struk­tur des Lei­tungs­net­zes, son­dern die Mög­lich­keit, die­se zum Zwe­cke der Tele­kom­mu­ni­ka­ti­on zu nut­zen. Anhalts­punk­te dafür, dass der Gesetz­ge­ber mit der Neu­fas­sung des Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­ge­set­zes im Jahr 2004 von die­sem Betrei­ber­be­griff abge­hen woll­te, bestehen nicht 7.

Nicht zu bean­stan­den ist die wei­te­re Annah­me des Beru­fungs­ge­richts, dem Rechts­ver­hält­nis der Par­tei­en sei kei­ne ander­wei­ti­ge Bestim­mung im Sin­ne des § 426 Abs. 1 Satz 1 BGB zu ent­neh­men.

Allein aus dem miet­ver­trag­li­chen Cha­rak­ter des Nut­zungs­ver­tra­ges folgt eine sol­che nicht 8. Ins­be­son­de­re han­delt es sich bei der Aus­gleichs­pflicht nach § 76 Abs. 2 Satz 2 TKG (bzw. § 57 Abs. 2 Satz 2 TKG aF) nicht um eine auf der Miet­sa­che ruhen­de und damit von dem Ver­mie­ter zu tra­gen­de Last im Sin­ne des § 535 Abs. 1 Satz 3 BGB 9. Hier­zu zäh­len nur Belas­tun­gen, wel­che den Eigen­tü­mer der Miet­sa­che oder den an ihr ding­lich Berech­tig­ten gera­de in die­ser Eigen­schaft zu einer Leis­tung ver­pflich­ten 10. Der Aus­gleichs­an­spruch nach § 76 Abs. 2 Satz 2 TKG knüpft hin­ge­gen nicht unmit­tel­bar an das Eigen­tum, son­dern an die Auf­nah­me einer bestimm­te Nut­zungs­form an; dies wird dar­aus deut­lich, dass er sich, wie dar­ge­legt, in glei­cher Wei­se gegen den (ers­ten) Betrei­ber der Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­li­nie rich­tet, der nicht Eigen­tü­mer des Lei­tungs­net­zes ist.

Auch kommt hin­sicht­lich der Aus­gleichs­pflicht der Par­tei­en kei­ne ergän­zen­de Aus­le­gung des zwi­schen ihren Rechts­vor­gän­gern geschlos­se­nen Ver­tra­ges in Betracht. Da "das Pro­blem der Ent­schä­di­gungs­an­sprü­che" nach den Fest­stel­lun­gen des Beru­fungs­ge­richts bei Abschluss des Ver­tra­ges bekannt war, kann schon nicht ange­nom­men wer­den, dass die Ver­ein­ba­rung eine Lücke im Sin­ne einer plan­wid­ri­gen Unvoll­stän­dig­keit ent­hält und damit einer ergän­zen­den Aus­le­gung zugäng­lich ist 11.

Damit ist von einer hälf­ti­gen Aus­gleichs­pflicht des (die Lei­tun­gen neu mit­be­nut­zen­den) Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­un­ter­neh­mens aus­zu­ge­hen. Nach den getrof­fe­nen Fest­stel­lun­gen ist sie nicht nur der­zeit die ein­zi­ge Betrei­be­rin der hier maß­geb­li­chen Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­li­nie, son­dern für die ver­ein­bar­te Lauf­zeit des Ver­tra­ges von 24 Jah­ren auch zu deren aus­schließ­li­cher Nut­zung und Ver­mark­tung berech­tigt. Bei die­ser Sach­la­ge ist nach § 426 Abs. 1 Satz 1 BGB unter Berück­sich­ti­gung der Wer­tun­gen der §§ 742, 743, 748 BGB ein hälf­ti­ger Aus­gleich sach­ge­recht 12.

Etwas ande­res ergibt sich nicht dar­aus, dass das Lei­tungs­netz auch für die inter­ne Tele­kom­mu­ni­ka­ti­on der Klä­ge­rin genutzt wird; denn eine sol­che Nut­zung begrün­det kei­ne Aus­gleichs­an­sprü­che der Grund­stücks­ei­gen­tü­mer gemäß § 76 Abs. 2 Satz 2 TKG bzw. § 57 Abs. 2 Satz 2 TKG aF. Sie bleibt folg­lich auch im Rah­men des Aus­gleichs zwi­schen den gesamt­schuld­ne­risch haf­ten­den Unter­neh­men außer Betracht.

Recht­lich uner­heb­lich ist der Hin­weis der Beklag­ten, es sei der Klä­ge­rin mög­lich, die bestehen­den Lei­tungs­tras­sen um wei­te­re Über­tra­gungs­me­di­en zu erwei­tern und die­se ande­ren Anbie­tern zur Ver­fü­gung zu stel­len. Der Anspruch aus § 76 Abs. 2 Satz 2 TKG 13 setzt vor­aus, dass bis­lang kei­ne Lei­tungs­we­ge vor­han­den waren, die zum Zwe­cke der Tele­kom­mu­ni­ka­ti­on genutzt wer­den konn­ten, und ist auf einen ein­ma­li­gen Aus­gleich anläss­lich der Auf­nah­me der erwei­ter­ten Nut­zung beschränkt. Dar­aus folgt, dass Schuld­ner des Aus­gleichs­an­spruchs nur sein kann, wer – anfäng­lich oder spä­ter – eine Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­li­nie betreibt, die im Zeit­punkt der Auf­nah­me der erwei­ter­ten Nut­zung des Net­zes bereits vor­han­den war. Ent­spre­chen­des gilt für die Aus­gleichs­pflicht im Innen­ver­hält­nis zwi­schen Betrei­ber14 und Eigen­tü­mer des Lei­tungs­net­zes 15.

Inwie­weit etwas ande­res gel­ten wür­de, wenn die Klä­ge­rin die an die Beklag­ten ver­mie­te­ten Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­li­ni­en – unter Ver­let­zung des zwi­schen den Par­tei­en bestehen­den Ver­tra­ges – Drit­ten zur Nut­zung über­lie­ße, bedarf kei­ner Ent­schei­dung. Die Beklag­te hat dies in der münd­li­chen Ver­hand­lung vor dem Bun­des­ge­richts­hof zwar ange­spro­chen, jedoch kei­nen Vor­trag hier­zu aus den Tat­sa­chen­in­stan­zen auf­ge­zeigt, den das Beru­fungs­ge­richt über­gan­gen oder rechts­feh­ler­haft gewür­digt haben könn­te.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 16. März 2012 – V ZR 98/​11

  1. vgl. BGH, Urteil vom 17.06.2005 – V ZR 202/​04, NJW-RR 2005, 1683, 1684; Urteil vom 16.09.2005 – V ZR 242/​04, NJW-RR 2006, 384[]
  2. BGH, Urteil vom 17.06.2005 – V ZR 202/​04, aaO; Urteil vom 16.09.2005 – V ZR 242/​04, aaO; Urteil vom 17.07.2009 – V ZR 254/​08, NJW-RR 2010, 200, 201 Rn. 18[]
  3. BGBl. I S. 1190[]
  4. vgl. BT-Drucks. 15/​2316 S. 120[]
  5. aA Schus­ter in Hoe­ren, Hand­buch Wege­rech­te und Tele­kom­mu­ni­ka­ti­on, S. 258 Rn. 60; Stel­kens, TKGWe­ge­recht, § 76 Rn. 155; sie­he auch Heun, Hand­buch Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­recht, 2. Aufl., S. 505 Rn. 287[]
  6. vgl. Schütz in Beck’scher TKG­Kom­men­tar, 3. Aufl., § 76 Rn. 44; Hamm, MMR 2005, 358, 360 f.; sie­he auch Lisch, MMR 2007, 89 ff.; Wend­landt, MMR 2004, 297, 299 und Schäfer/​Giebel, ZfIR 2004, 661 ff. jeweils zum Fall der Ver­mie­tung[]
  7. vgl. BGH, Urteil vom 17.06.2005 – V ZR 202/​04, NJW-RR 2005, 1683, 1684 r. Sp. sowie von Gra­ve­nitz in Wiss­mann, Tele­kom­mu­ni­ka­ti­ons­recht, 2. Aufl., Kap. 10 Rn. 182 u. Kap. 4 Rn. 9[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 17.07.2009 – V ZR 254/​08, NJW-RR 2010, 200, 201 Rn. 23[]
  9. aA Lisch, MMR 2007, 89, 90[]
  10. vgl. Münch­Komm-BGB/Häub­lein, 6. Aufl., § 535 Rn. 144; Bamberger/​Roth/​Ehlert, BGB, 2. Aufl., § 535 Rn.206; Erman/​Lützenkirchen, BGB, 13. Aufl., § 535 Rn. 66; Schmidt-Fut­te­rer/Ei­sen­schmid, Miet­recht, 10. Aufl., § 535 BGB Rn. 569[]
  11. vgl. BGH Urteil vom 17.04.2002 – VIII ZR 297/​01, WM 2002, 1229, 1230 mwN[]
  12. BGH, Urteil vom 17.07.2009 – V ZR 254/​08, NJW-RR 2010, 200, 201 Rn. 24[]
  13. bzw. aus § 57 Abs. 2 Satz 2 TKG aF[]
  14. n[]
  15. vgl. dazu BGH, Urteil vom 17.07.2009 – V ZR 254/​08, NJW-RR 2010, 200, 201 Rn. 25 f.[]