Der Heil­prak­ti­ker und die Inan­spruch­nah­me ärzt­li­cher Hil­fe

An der Zuver­läs­sig­keit im Sin­ne des § 2 Abs. 1 Buchst. f 1. DVO-Heil­prG fehlt es, wenn Tat­sa­chen die Annah­me recht­fer­ti­gen, der Heil­prak­ti­ker wer­de in Zukunft die Vor­schrif­ten und Pflich­ten nicht beach­ten, die sein Beruf mit sich bringt, und sich dadurch Gefah­ren für die All­ge­mein­heit oder die von ihm behan­del­ten Pati­en­ten erge­ben. Für die nach § 2 Abs. 1 Buchst. f 1. DVO-Heil­prG zu tref­fen­de Pro­gno­se sind die tat­säch­li­chen Ver­hält­nis­se im Zeit­punkt der letz­ten Behör­den­ent­schei­dung maß­geb­lich.

Der Heil­prak­ti­ker und die Inan­spruch­nah­me ärzt­li­cher Hil­fe

Eine wesent­li­che Berufs­pflicht des Heil­prak­ti­kers ist es, sich der Gren­zen sei­nes Wis­sens und Kön­nens bewusst zu sein und einer not­wen­di­gen ärzt­li­chen Behand­lung sei­nes Pati­en­ten nicht im Wege zu ste­hen. Ein Heil­prak­ti­ker darf das Unter­las­sen der Inan­spruch­nah­me not­wen­di­ger ärzt­li­cher Hil­fe weder ver­an­las­sen noch stär­ken.

Die Anord­nung der sofor­ti­gen Voll­zie­hung eines Wider­rufs nach § 7 Abs. 1 1. DVO-Heil­prG setzt vor­aus, dass sie zur Abwehr kon­kre­ter Gefah­ren für wich­ti­ge Gemein­schafts­gü­ter not­wen­dig und auch im Übri­gen ver­hält­nis­mä­ßig ist.

Nach § 7 Heil­PrG [1] in Ver­bin­dung mit § 7 Abs. 1 Satz 1 1. DVO-Heil­prG [2] ist die Heil­prak­ti­ker­er­laub­nis zurück­zu­neh­men (bzw. nach der heu­ti­gen ver­wal­tungs­ver­fah­rens­recht­li­chen Ter­mi­no­lo­gie zu wider­ru­fen [3], wenn nach­träg­lich Tat­sa­chen ein­tre­ten oder bekannt wer­den, die eine Ver­sa­gung der Erlaub­nis nach § 2 Abs. 1 1. DVO-Heil­prG recht­fer­ti­gen wür­den. Nach § 2 Abs. 1 1. DVO-Heil­PrG wird die Heil­prak­ti­k­erlaub­nis unter ande­rem dann nicht erteilt, wenn sich aus Tat­sa­chen ergibt, dass dem Antrag­stel­ler die sitt­li­che Zuver­läs­sig­keit fehlt, ins­be­son­de­re, wenn schwe­re straf­recht­li­che oder sitt­li­che Ver­feh­lun­gen vor­lie­gen, oder wenn sich aus einer Über­prü­fung der Kennt­nis­se und Fähig­kei­ten des Antrag­stel­lers durch das Gesund­heits­amt ergibt, dass die Aus­übung der Heil­kun­de durch den Betref­fen­den eine Gefahr für die Volks­ge­sund­heit bedeu­ten wür­de.

Die mit die­sen Anfor­de­run­gen begrün­de­te sub­jek­ti­ve Berufs­zu­las­sungs­schran­ke ist ver­fas­sungs­ge­mäß. Sie ist dadurch gerecht­fer­tigt, dass es sich bei der Gesund­heit der Bevöl­ke­rung um ein beson­ders wich­ti­ges Gemein­schafts­gut han­delt, zu des­sen Schutz das Erfor­der­nis einer behörd­li­chen Erlaub­nis auf­ge­stellt wer­den darf. Mit der Kon­trol­le die­ser soll sicher­ge­stellt wer­den, dass die fach­li­chen Kennt­nis­se und Fähig­kei­ten sowie die Eig­nung für den Heil­kun­de­be­ruf im All­ge­mei­nen im Fal­le des Bewer­bers gewähr­leis­tet ist [4].

An der Zuver­läs­sig­keit im Sin­ne des § 2 Abs. 1 Buchst. f 1. DVO-Heil­prG fehlt es, wenn Tat­sa­chen die Annah­me recht­fer­ti­gen, der Heil­prak­ti­ker wer­de in Zukunft die Vor­schrif­ten und Pflich­ten nicht beach­ten, die sein Beruf mit sich bringt, und sich dadurch Gefah­ren für die All­ge­mein­heit oder die von ihm behan­del­ten Pati­en­ten erge­ben [5]. Wegen der Bedeu­tung der durch einen unzu­ver­läs­si­gen Heil­prak­ti­ker gefähr­de­ten Rechts­gü­ter sind hier­bei grund­sätz­lich stren­ge Anfor­de­run­gen zu stel­len [6]. Die danach erfor­der­li­che Pro­gno­se ist anhand der Umstän­de des Fal­les, der Lebens­um­stän­de des Heil­prak­ti­kers sowie sei­ner Per­sön­lich­keit, ins­be­son­de­re sei­nes durch die Art, die Schwe­re und die Zahl der Ver­stö­ße gegen die Berufs­pflich­ten mani­fest gewor­de­nen Cha­rak­ters, zu tref­fen [7]. Maß­ge­bend sind inso­weit die Ver­hält­nis­se im Zeit­punkt der letz­ten Behör­den­ent­schei­dung [8].

Eine wesent­li­che Berufs­pflicht des Heil­prak­ti­kers ist es, sich der Gren­zen sei­nes Wis­sens und Kön­nens bewusst zu sein und einer not­wen­di­gen ärzt­li­chen Behand­lung sei­nes Pati­en­ten nicht im Wege zu ste­hen. Ein Heil­prak­ti­ker darf das Unter­las­sen der Inan­spruch­nah­me not­wen­di­ger ärzt­li­cher Hil­fe weder ver­an­las­sen noch stär­ken [9]. Denn wer einen Heil­prak­ti­ker auf­sucht, wird viel­fach einen Arzt für ent­behr­lich hal­ten, weil ein Teil der ärzt­li­chen Funk­ti­on vom Heil­prak­ti­ker über­nom­men wer­den darf. Die Heil­prak­ti­ker­er­laub­nis bestärkt den Pati­en­ten dabei regel­mä­ßig in der Erwar­tung, sich in die Hän­de eines nach heil­kun­di­gen Maß­stä­ben Geprüf­ten zu bege­ben [10]. Der Heil­prak­ti­ker steht einem Arzt jedoch nicht gleich. Die Tätig­keit eines Heil­prak­ti­kers muss daher ins­be­son­de­re an den Gesund­heits­ge­fah­ren ori­en­tiert sein, die sich aus dem Ver­säu­men ärzt­li­cher Hil­fe erge­ben kön­nen. Ein prak­ti­zie­ren­der Heil­prak­ti­ker muss stets die Gefah­ren im Auge behal­ten, die sich dar­aus erge­ben kön­nen, dass sei­ne Pati­en­ten medi­zi­nisch gebo­te­ne Hil­fe nicht oder nicht recht­zei­tig in Anspruch neh­men [11].

Nie­der­säch­si­sches Ober­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 26. Okto­ber 2010 – 8 ME 181/​10

  1. Gesetz über die berufs­mä­ßi­ge Aus­übung der Heil­kun­de ohne Bestal­lung – Heil­prak­ti­ker­ge­setz – vom 17.02.1939, RGBl. I S. 251, zuletzt geän­dert durch Gesetz vom 23. Okto­ber 2001, BGBl. I S. 2702[]
  2. Ers­te Durch­füh­rungs­ver­ord­nung zum Gesetz über die berufs­mä­ßi­ge Aus­übung der Heil­kun­de ohne Bestal­lung vom 18.02.1939, RGBl. I S. 259, zuletzt geän­dert durch Ver­ord­nung vom 04.12.2002, BGBl. I S. 4456[]
  3. vgl. VGH Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 02.10.2008 – 9 S 1782/​08, NJW 2009, 458; Baye­ri­scher VGH, Beschluss vom 28.07.2000 – 21 ZB 98.3498[]
  4. vgl. BVerfG, Beschlüs­se vom 03.06.2004 – 2 BvR 1802/​02, NJW 2004, 2890; BVerfG, und vom 10.05.1988 – 1 BvR 482/​84 u.a., BVerfGE 78, 179, 192; VGH Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 02.10.2008, a.a.O.[]
  5. vgl. BVerwG, Urteil vom 28.04.2010 – 3 C 22/​09, NJW 2010, 2901; Nie­der­säch­si­sches OVG, Beschluss vom 23.10.2008 – 8 PA 75/​08; Baye­ri­scher VGH, Beschluss vom 28.07.2000 – 21 ZB 98.3498; OVG Nord­rhein-West­fa­len, Beschluss vom 25.02.1998 – 13 B 500/​97; jeweils m.w.N.[]
  6. vgl. Baye­ri­scher VGH, Beschluss vom 03.11.1995 – 7 CS 95.3110, NVwZ-RR 1997, 151 m.w.N.[]
  7. vgl. BVerwG, Urteil vom 28.4.2010, a.a.O.[]
  8. vgl. BVerwG, Urteil vom 28.04.2010, a.a.O.; OVG Nord­rhein-West­fa­len, Beschluss vom 15.01.2003 – 13 A 2774/​01, NJW 2003, 1888; Baye­ri­scher VGH, Beschluss vom 28.07.2000, a.a.O.; jeweils m.w.N.[]
  9. vgl. BVerfG, Beschluss vom 03.06.2004, a.a.O.; VGH Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 02.10.2008, a.a.O.; vgl. auch Art. 4 Abs. 6 bis 8 Berufs­ord­nung für Heil­prak­ti­ker – BOH – der DDH – Die Deut­schen Heil­prak­ti­ker­ver­bän­de, Stand: 25.10.2010[]
  10. vgl. BVerfG, Beschluss vom 02.03.2004 – 1 BvR 784/​03, NJW-RR 2004, 705; VGH Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 26.10.2005 – 9 S 2343/​04[]
  11. vgl. VGH Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 02.10.2008, a.a.O., S. 459[]