Heil­prak­ti­ker und die not­wen­di­ge ärzt­li­che Hil­fe

Ein Heil­prak­ti­ker darf das Unter­las­sen der Inan­spruch­nah­me not­wen­di­ger ärzt­li­cher Hil­fe nicht ver­an­las­sen oder Pati­en­ten in der Nichtin­an­spruch­nah­me bestär­ken [1]. Er hat die Auf­for­de­rung zur Inan­spruch­nah­me ärzt­li­cher Hil­fe zu doku­men­tie­ren.

Heil­prak­ti­ker und die not­wen­di­ge ärzt­li­che Hil­fe

Nach § 7 Abs. 1 Satz 1 der 1. DVO-Heil­PrG ist die Heil­prak­ti­ker­er­laub­nis „zurück­zu­neh­men“, wenn nach­träg­lich Tat­sa­chen ent­ste­hen oder bekannt wer­den, die die Ver­sa­gung der Erlaub­nis recht­fer­ti­gen wür­den. Gemäß § 2 Abs. 1 lit. f der 1.DVO-HeilPrG wird die Erlaub­nis nicht erteilt, wenn sich aus Tat­sa­chen ergibt, dass dem Bewer­ber die sitt­li­che Zuver­läs­sig­keit fehlt; § 2 Abs. 1 lit. i DVO-Heil­PrG ord­net die Ver­sa­gung an, wenn sich aus einer Über­prü­fung der Kennt­nis­se und Fähig­kei­ten des Antrag­stel­lers durch das Gesund­heits­amt ergibt, dass die Aus­übung der Heil­kun­de durch den Betref­fen­den eine Gefahr für die Volks­ge­sund­heit bedeu­ten wür­de. Als unzu­ver­läs­sig im Sin­ne der gen. Vor­schrift ist ein Heil­prak­ti­ker dann anzu­se­hen, wenn er kei­ne aus­rei­chen­de Gewähr dafür bie­tet, dass er in Zukunft sei­nen Beruf ord­nungs­ge­mäß unter Beach­tung aller in Betracht kom­men­den Vor­schrif­ten und Berufs­pflich­ten, ins­be­son­de­re ohne Straf­ta­ten zu bege­hen, aus­üben wird und sich dadurch Gefah­ren für die All­ge­mein­heit oder die von ihm behan­del­ten Pati­en­ten erge­ben [2]. Dies setzt ein Ver­hal­ten vor­aus, das nach Art, Schwe­re und Zahl von Ver­stö­ßen gegen Berufs­pflich­ten die begrün­de­te Pro­gno­se recht­fer­tigt, der Betrof­fe­ne bie­te auf­grund der began­ge­nen Ver­feh­lun­gen nicht die Gewähr, in Zukunft die berufs­spe­zi­fi­schen Vor­schrif­ten und Pflich­ten zu beach­ten. Die hier­nach anzu­stel­len­de Pro­gno­se ist nicht dar­auf beschränkt, ob die nach Art, Zahl und Schwe­re beacht­li­chen Ver­stö­ße gegen Berufs­pflich­ten in der Ver­gan­gen­heit erwar­ten las­sen, der Betref­fen­de wer­de glei­che (oder zumin­dest ähn­li­che) Berufs­pflich­ten in der Zukunft schwer­wie­gend ver­let­zen; viel­mehr kann aus dem durch die Art, Schwe­re und Zahl der Ver­stö­ße gegen Berufs­pflich­ten mani­fest gewor­de­nen Cha­rak­ter des Betref­fen­den auch die Befürch­tung abzu­lei­ten sein, es sei­en ande­re, aber ähn­lich schwer­wie­gen­de Ver­stö­ße gegen Berufs­pflich­ten ernst­haft zu besor­gen [3]. Maß­geb­li­cher Zeit­punkt für die Beur­tei­lung der Sach- und Rechts­la­ge der „Rück­nah­me“, bei der es nach heu­ti­ger Ter­mi­no­lo­gie um einen Wider­ruf im Sin­ne von § 49 Abs. 2 Satz 1 Nr. 3 VwVfG han­delt, ist wegen des pro­gnos­ti­schen Ele­ments der Zuver­läs­sig­keits­prü­fung grund­sätz­lich der der letz­ten Behör­den­ent­schei­dung [4].

Die mit die­sen Anfor­de­run­gen begrün­de­te sub­jek­ti­ve Berufs­zu­las­sungs­schran­ke ist auch ver­fas­sungs­ge­mäß [5]. Sie recht­fer­tigt sich dar­aus, dass es sich bei der Gesund­heit der Bevöl­ke­rung um ein beson­ders wich­ti­ges Gemein­schafts­gut han­delt, zu des­sen Schutz das Erfor­der­nis einer behörd­li­chen Erlaub­nis auf­ge­stellt wer­den darf. Die­ser Zweck recht­fer­tigt auch den Wider­ruf der Erlaub­nis bei nach­träg­lich ent­ste­hen­der Unzu­ver­läs­sig­keit, denn die beruf­li­che Zuver­läs­sig­keit ist für alle Beru­fe im Gesund­heits­we­sen uner­läss­lich.

Unter Beach­tung die­ser Grund­sät­ze darf ein Heil­prak­ti­ker ins­be­son­de­re das Unter­las­sen der Inan­spruch­nah­me not­wen­di­ger ärzt­li­cher Hil­fe nicht ver­an­las­sen oder stär­ken. Die Recht­spre­chung des Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs Baden-Würt­tem­berg [6] hat für einen ver­gleich­ba­ren Sach­ver­halt – bei dem wie hier auch wider­strei­ten­de Anga­ben der Betei­lig­ten zur Auf­klä­rung vor­la­gen – inso­weit aus­ge­führt:

Wer einen Heil­prak­ti­ker auf­sucht, wird viel­fach einen Arzt für ent­behr­lich hal­ten, weil ein Teil der ärzt­li­chen Funk­ti­on vom Heil­prak­ti­ker über­nom­men wer­den darf. Die Heil­prak­ti­ker­er­laub­nis bestärkt den Pati­en­ten dabei in der Erwar­tung, sich in die Hän­de eines nach heil­kun­di­gen Maß­stä­ben Geprüf­ten zu bege­ben [7]. Der Heil­prak­ti­ker steht einem Arzt jedoch nicht gleich. Die Tätig­keit eines Heil­prak­ti­kers muss daher ins­be­son­de­re an den Gesund­heits­ge­fah­ren ori­en­tiert sein, die sich aus dem Ver­säu­men ärzt­li­cher Hil­fe erge­ben kön­nen. Ein prak­ti­zie­ren­der Heil­prak­ti­ker muss stets die Gefah­ren im Auge behal­ten, die sich dar­aus erge­ben kön­nen, dass sei­ne Pati­en­ten medi­zi­nisch gebo­te­ne Hil­fe nicht oder nicht recht­zei­tig in Anspruch neh­men [8].

Die zen­tra­le Anfor­de­rung an einen Heil­prak­ti­ker besteht daher im Hin­blick auf die vom Gesetz­ge­ber ange­streb­te Abwehr von Gesund­heits­ge­fah­ren gera­de dar­in, im Fal­le schwer­wie­gen­der Erkran­kun­gen, die eine ärzt­li­che Behand­lung erfor­der­lich machen, die­ser nicht im Wege zu ste­hen. Ein Heil­prak­ti­ker darf das Unter­las­sen der Inan­spruch­nah­me not­wen­di­ger ärzt­li­cher Hil­fe nicht ver­an­las­sen oder stär­ken [9]. Cha­rak­ter­li­che Zuver­läs­sig­keit und ver­ant­wor­tungs­be­wuss­tes Han­deln eines Heil­prak­ti­kers müs­sen daher gewähr­leis­ten, dass der Pati­ent nicht im Glau­ben bleibt, eine ärzt­li­che Behand­lung wer­de durch den Heil­prak­ti­ker ersetzt. Denn die Ver­nach­läs­si­gung einer not­wen­di­gen ärzt­li­chen Behand­lung bewirkt eine zwar nur mit­tel­ba­re, aber erheb­li­che Gesund­heits­ge­fähr­dung. Als unzu­ver­läs­sig ist ein Heil­prak­ti­ker daher anzu­se­hen, wenn er kei­ne aus­rei­chen­de Gewähr dafür bie­tet, dass er in Zukunft sei­nen Beruf ord­nungs­ge­mäß aus­üben wird, wozu ins­be­son­de­re auch gehört, dass er nicht dazu bei­trägt, not­wen­di­ge ärzt­li­che Behand­lun­gen zu ver­hin­dern oder auch nur zu ver­zö­gern.

Ver­wal­tungs­ge­richt Han­no­ver, Beschluss vom 25. Juni 2010 – 5 B 2650/​10

  1. im Anschluss an VGH B‑W, Beswchluss vom 02.10.2008 – 9 S 1782/​08[]
  2. vgl. BayVGH, Beschluss vom 28.07.2000 – 21 ZB 98.3498[]
  3. vgl. nur VG Olden­burg, Urteil vom 18.11.2008 – 7 A 1224/​08, m.w.N.[]
  4. vgl. BayVGH, Beschluss vom 28.07.2000, a.a.O.[]
  5. vgl. BVerfG, Beschluss vom 10.05.1988 – 1 BvR 482/​84 u.a., BVerfGE 78, 179 [192][]
  6. VGH B‑W., Beschluss vom 02.10.2008 – 9 S 1782/​08[]
  7. vgl. BVerfG, Beschluss vom 02.03.2004 – 1 BvR 784/​03, NJW-RR 2004, 705; VGH B‑W., Urteil vom 26.10.2005 – 9 S 2343/​04, VBlBW 2006, 146[]
  8. vgl. VGH B‑W., Beschluss vom 16.12.1993 – 9 S 326/​93, ESVGH 44, 161[]
  9. vgl. BVerfG, Beschluss vom 03.06.2004 – 2 BvR 1802/​02, BVerfGK 3, 234[]