Ent­gan­ge­ne Anla­ge­zin­sen und die Wahr­schein­lich­keit einer 4%igen Ver­zin­sung

Nach dem gewöhn­li­chen Lauf der Din­ge kann nicht mit Wahr­schein­lich­keit erwar­tet wer­den, dass sich ein zur Ver­fü­gung ste­hen­der Geld­be­trag zumin­dest in Höhe des gesetz­li­chen Zins­sat­zes von 4% ver­zinst.

Ent­gan­ge­ne Anla­ge­zin­sen und die Wahr­schein­lich­keit einer 4%igen Ver­zin­sung

Der Scha­dens­er­satz­an­spruch wegen schuld­haf­ter Ver­let­zung des Bera­tungs­ver­tra­ges und feh­ler­haf­ter Pro­spekt­an­ga­ben umfasst nach § 252 Satz 1 BGB auch den ent­gan­ge­nen Gewinn. Dazu gehö­ren grund­sätz­lich auch ent­gan­ge­ne Anla­ge­zin­sen. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­ho­fes ist einem Kapi­tal­an­le­ger, der durch unrich­ti­ge Anga­ben dazu bewo­gen wor­den ist, einer Publi­kums­ge­sell­schaft bei­zu­tre­ten, nicht nur sei­ne Ein­la­ge in die­se Gesell­schaft, son­dern auch der Scha­den zu erset­zen, der sich typi­scher­wei­se dar­aus ergibt, dass das Eigen­ka­pi­tal des Anle­gers in die­ser Höhe erfah­rungs­ge­mäß nicht unge­nutzt geblie­ben, son­dern zu einem all­ge­mein übli­chen Zins­satz ange­legt wor­den wäre 1.

Dafür, dass und in wel­cher Höhe ihm durch das schä­di­gen­de Ereig­nis ein sol­cher Gewinn ent­gan­gen ist, ist der Geschä­dig­te dar­le­gungs- und beweis­pflich­tig. § 252 Satz 2 BGB ent­hält für den Geschä­dig­ten ledig­lich eine die Rege­lung des § 287 ZPO ergän­zen­de Beweis­erleich­te­rung 2. Der Geschä­dig­te kann sich des­halb zwar auf die Behaup­tung und den Nach­weis der Anknüp­fungs­tat­sa­chen beschrän­ken, bei deren Vor­lie­gen die in § 252 Satz 2 BGB gere­gel­te Ver­mu­tung ein­greift 3. Die Wahr­schein­lich­keit einer Gewinn­erzie­lung im Sin­ne von § 252 BGB auf­grund einer zeit­na­hen alter­na­ti­ven Inves­ti­ti­ons­ent­schei­dung des Geschä­dig­ten und deren Umfang kann jedoch nur anhand sei­nes Tat­sa­chen­vor­tra­ges dazu beur­teilt wer­den, für wel­che kon­kre­te Form der Kapi­tal­an­la­ge er sich ohne das schä­di­gen­de Ereig­nis ent­schie­den hät­te 4.

Im hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Fall hat die Klä­ge­rin zwar vor­ge­tra­gen, dass sie sich bei einer ord­nungs­ge­mä­ßen Bera­tung bzw. Pro­spektin­for­ma­ti­on nicht für einen Immo­bi­li­en­fonds, son­dern – wie zuvor – für eine Geld­an­la­ge in Form eines fest­ver­zins­li­chen Spar­brie­fes bzw. eines Bun­des­wert­pa­piers ent­schie­den hät­te. Die­sen Vor­trag hat das Beru­fungs­ge­richt jedoch nach dem Ergeb­nis der von ihm durch­ge­führ­ten Beweis­auf­nah­me als nicht bewie­sen ange­se­hen. Viel­mehr hat es das Beru­fungs­ge­richt auf­grund der Anga­ben des Zeu­gen M. , des Bera­ters der Beklag­ten, zu den Anla­ge­zie­len der Klä­ge­rin als nahe­lie­gend ange­se­hen, dass die Klä­ge­rin eine ande­re Anla­ge gewählt hät­te, die die glei­chen Vor­tei­le wie die Fonds­be­tei­li­gung gebo­ten hät­te, näm­lich eine höhe­re Ren­di­te und eine steu­er­recht­lich güns­ti­ge­re Über­trag­bar­keit. Gegen die­se tatrich­ter­li­che Beweis­wür­di­gung erhebt die Revi­si­on, wie sie in der Revi­si­ons­ver­hand­lung aus­drück­lich erklärt hat, kei­ne Ein­wen­dun­gen und bestehen auch sonst kei­ne Beden­ken.

Das gilt auch für die wei­te­re Annah­me, es lie­ßen sich kei­ne aus­rei­chen­den Anhalts­punk­te dafür fest­stel­len, wel­che Art von Anla­ge die Klä­ge­rin gege­be­nen­falls gewählt hät­te und wel­che Gewin­ne oder Ver­lus­te sie dabei erzielt hät­te. Soweit das Beru­fungs­ge­richt dar­aus den Schluss gezo­gen hat, dass eine Schät­zung des der Klä­ge­rin ent­gan­ge­nen Gewinns man­gels Schätz­grund­la­ge nicht in Betracht kom­me, ist das aus Rechts­grün­den nicht zu bean­stan­den.

Nach § 252 Satz 2 Fall 1 BGB gilt als ent­gan­gen der Gewinn, wel­cher nach dem gewöhn­li­chen Lauf der Din­ge mit Wahr­schein­lich­keit erwar­tet wer­den konn­te.

Dar­aus folgt nicht die Ver­mu­tung, dass sich der Anle­ger bei ord­nungs­ge­mä­ßer Bera­tung bzw. Pro­spektin­for­ma­ti­on – wie zuvor – für eine Geld­an­la­ge in Form eines fest­ver­zins­li­chen Spar­brie­fes bzw. eines Bun­des­wert­pa­piers ent­schie­den hät­te. Dem steht ent­ge­gen, dass das Beru­fungs­ge­richt, wie oben aus­ge­führt, in unan­ge­grif­fe­ner und rechts­feh­ler­frei­er tatrich­ter­li­cher Beweis­wür­di­gung fest­ge­stellt hat, dass die Klä­ge­rin eine ande­re Anla­ge gewählt hät­te, die die glei­chen Vor­tei­le wie die Fonds­be­tei­li­gung gebo­ten hät­te, näm­lich eine höhe­re Ren­di­te und eine steu­er­recht­lich güns­ti­ge­re Über­trag­bar­keit.

Zu Recht ist das Beru­fungs­ge­richt auch nicht der Auf­fas­sung des Thü­rin­ger Ober­lan­des­ge­richts Jena 5 gefolgt, nach dem gewöhn­li­chen Lauf der Din­ge kön­ne mit Wahr­schein­lich­keit erwar­tet wer­den, dass sich ein zur Ver­fü­gung ste­hen­der Geld­be­trag zumin­dest in Höhe des gesetz­li­chen Zins­sat­zes von 4% p.a. (§ 246 BGB) ver­zin­se. Wie der Bun­des­ge­richts­hof aus zahl­rei­chen Ver­fah­ren weiß, ent­spricht es schon nicht dem gewöhn­li­chen Lauf der Din­ge, dass eine Geld­an­la­ge über­haupt Gewinn abwirft. Erst recht gilt das für eine Ver­zin­sung von 4% p.a.. In Über­ein­stim­mung damit hat das Beru­fungs­ge­richt unan­ge­grif­fen und rechts­feh­ler­frei fest­ge­stellt, dass die Sta­tis­ti­ken der Deut­schen Bun­des­bank über Umlauf­ren­di­ten von Anlei­hen der öffent­li­chen Hand und ver­zins­li­chen Wert­pa­pie­ren inlän­di­scher Bank­schuld­ver­schrei­bun­gen für die vor­aus­ge­gan­ge­nen Mona­te selbst bei Lauf­zei­ten von 15 bis 30 Jah­ren fast aus­schließ­lich Wer­te von nur 2 bis 3% p.a. aus­wei­sen und danach selbst oder gera­de bei sol­chen ver­lust­si­che­ren Anla­gen ein gene­rel­ler und pau­scha­ler wahr­schein­li­cher Min­dest­ge­winn tat­säch­lich nicht ange­nom­men wer­den kann.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 24. April 2012 – XI ZR 360/​11

  1. BGH, Urteil vom 02.12.1991 – II ZR 141/​90, WM 1992, 143, 144 mwN[]
  2. BGH, Urteil vom 13.01.2004 – XI ZR 355/​02, WM 2004, 422, 425; Palandt/​Grüneberg, BGB, 71. Aufl., § 252 Rn. 4[]
  3. BGH, Urteil vom 28.02.1996 – XII ZR 186/​94, WM 1996, 1270, 1272 mwN[]
  4. vgl. Braun/​Lang/​Loy in Ellenberger/​Schäfer/​Clouth/​Lang, Prak­tiker­hand­buch Wert­pa­pier- und Deri­va­te­ge­schäft, 4. Aufl., Rn. 508[]
  5. Thü­rO­LG, ZIP 2008, 1887, 1889[]