Schnee­ball­sys­te­me in der Insol­venz

Der aus der Anfech­tung der Aus­zah­lung von Schein­ge­win­nen resul­tie­ren­de Rück­ge­währ­an­spruch des Insol­venz­ver­wal­ters ist nicht mit den als Ein­la­ge des Anle­gers erbrach­ten Zah­lun­gen zu sal­die­ren [1].

Schnee­ball­sys­te­me in der Insol­venz

Hat der Anfech­tungs­geg­ner auf­grund der Aus­zah­lung von Schein­ge­win­nen blei­ben­de steu­er­li­che Belas­tun­gen zu tra­gen, so kann er sich inso­weit auf den Ein­wand der Ent­rei­che­rung beru­fen.

Zutref­fend hat das Beru­fungs­ge­richt ange­nom­men, der Insol­venz­ver­wal­ter kön­ne die Aus­zah­lung von in „Schnee­ball­sys­te­men“ erziel­ten Schein­ge­win­nen durch den spä­te­ren Insol­venz­schuld­ner als objek­tiv unent­gelt­li­che Leis­tung nach § 134 Abs. 1 InsO anfech­ten. Dies ent­sprach schon der Recht­spre­chung unter Gel­tung der Kon­kurs­ord­nung [2], die der Bun­des­ge­richts­hof im Anwen­dungs­be­reich der Insol­venz­ord­nung fort­ge­führt hat [3].

Hin­ge­gen bestehen durch­grei­fen­de Beden­ken gegen die Annah­me, der „Anle­ger“ sei durch die Aus­zah­lung der Schein­ge­win­ne nur inso­weit unge­recht­fer­tigt berei­chert, als nach Abzug sei­ner Ein­la­ge ein Rest­be­trag ver­blei­be. Auf den Rück­ge­währ­an­spruch des Insol­venz­ver­wal­ters ist § 143 Abs. 2 Satz 1 InsO anzu­wen­den. Die­se Vor­schrift ent­hält eine Ver­wei­sung auf die Rechts­fol­gen einer unge­recht­fer­tig­ten Berei­che­rung (§ 818 BGB). Der Emp­fän­ger einer unent­gelt­li­chen Leis­tung hat die­se nur zurück­zu­ge­wäh­ren, soweit er durch sie berei­chert ist [4]. Die aus­ge­zahl­ten Schein­ge­win­ne stell­ten kei­ne Gegen­leis­tung für die Ein­la­ge des Anle­gers dar. Sie ste­hen mit die­ser auch nicht in einem syn­al­lag­ma­ti­schen Ver­hält­nis. Zu § 818 Abs. 3 BGB ist umstrit­ten, ob jeder Teil den ihm zuste­hen­den Anspruch unab­hän­gig vom Schick­sal der Gegen­for­de­rung gel­tend machen muss (Zwei­kon­dik­tio­nen­leh­re) oder ob die bei­der­sei­ti­gen Ansprü­che zu sal­die­ren sind (Sal­do­theo­rie) [5].

Im Insol­venz­recht ist die Sal­do­theo­rie nur ein­ge­schränkt anwend­bar. Ein nich­ti­ger Ver­trag soll in der Insol­venz des Ver­trags­part­ners kei­ne stär­ke­ren Wir­kun­gen äußern als ein rechts­gül­ti­ger [6]. Die Sal­do­theo­rie bie­tet kei­ne Grund­la­ge dafür, For­de­run­gen, die ohne eine Sal­die­rungs­mög­lich­keit Insol­venz­for­de­run­gen wären, zu Mas­se­for­de­run­gen zu erhe­ben. Leis­tun­gen, die nicht in einem syn­al­lag­ma­ti­schen Ver­hält­nis ste­hen, sol­len nicht durch Sal­die­rung in ein Gegen­sei­tig­keits­ver­hält­nis gebracht wer­den kön­nen, wel­ches dem ande­ren Teil mehr Rech­te ver­schafft, als ihm nach dem Insol­venz­recht zustün­den. Ent­spre­chend die­sem Grund­ge­dan­ken gilt für die Anfech­tung unent­gelt­li­cher Leis­tun­gen im Drei­ecks­ver­hält­nis, dass die Leis­tung, die der spä­te­re Schuld­ner zur Til­gung einer nicht wert­hal­ti­gen For­de­rung des Emp­fän­gers gegen einen Drit­ten erbracht hat, nicht schon des­halb ent­gelt­lich ist, weil der Emp­fän­ger sei­ner­seits Leis­tun­gen an den Drit­ten erbracht hat [7]. Eine Anfech­tung nach § 134 InsO ent­fällt nur dann, wenn der Drit­te die von ihm geschul­de­te aus­glei­chen­de Gegen­leis­tung anschlie­ßend erbringt [8]. Wür­de man in die­sen Fäl­len dem Anfech­tungs­geg­ner gestat­ten, eine Sal­die­rung mit der frü­her an den Drit­ten erbrach­ten Leis­tung vor­zu­neh­men, lie­fe die Anfech­tung regel­mä­ßig ins Lee­re, weil die­ser sich auf Weg­fall der Berei­che­rung wegen der von ihm zu einem frü­he­ren Zeit­punkt erbrach­ten Leis­tung beru­fen könn­te.

Die­se Gren­zen der Sal­do­theo­rie müs­sen auch gel­ten, wenn es bei der Rück­for­de­rung aus­ge­zahl­ter Schein­ge­win­ne um die Berück­sich­ti­gung der erbrach­ten Ein­la­ge des Anle­gers geht. Die Ein­zah­lung muss zwar erbracht wer­den, um – bei ver­trags­kon­for­mer Abwick­lung des Geschäfts – Anspruch auf Aus­zah­lung von Gewin­nen zu erlan­gen. Ein Aus­tausch­ver­hält­nis zwi­schen Ein­la­gen- und Gewinn­zah­lun­gen gibt es aber nicht. Die Ein­la­ge ist Gegen­leis­tung der vom Anle­ger erwor­be­nen Betei­li­gung. Ob über­haupt Beträ­ge aus­ge­zahlt wer­den kön­nen, hängt davon ab, ob Gewin­ne erzielt wer­den. Beruht das gesam­te Anla­ge­mo­dell auf einer Täu­schung der Anle­ger, kann ein inne­rer Zusam­men­hang zwi­schen der Ein­zah­lung der Ein­la­ge und der Aus­schüt­tung von Schein­ge­win­nen erst recht nicht ange­nom­men wer­den. Die­se erfolgt nicht, um den Gewinn­an­spruch des Anle­gers zu befrie­di­gen. Sie dient viel­mehr dem Zweck, das Sys­tem in Gang zu hal­ten und die Betei­li­gung für neue Anle­ger inter­es­sant zu machen. Wenn die Aus­zah­lun­gen auf dem Anle­ger zuge­wie­se­ne Schein­ge­win­ne erfolgt sind [9], ist eine Sal­die­rung des­halb aus­ge­schlos­sen. Der Anle­ger muss sei­nen Anspruch auf Rück­ge­währ der Ein­la­ge, der Teil sei­nes Scha­dens­er­satz­an­spruchs ist, nach § 144 Abs. 2 Satz 2 InsO zur Tabel­le anmel­den [10].
Der Ein­wand des Weg­falls der Berei­che­rung kann sich – neben Luxus­auf­wen­dun­gen, die der Anfech­tungs­geg­ner dem Gläu­bi­ger mög­li­cher­wei­se gem. § 143 Abs. 1 Satz 2 oder Abs. 2 Satz 1 InsO und § 818 Abs. 3 BGB ent­ge­gen­hal­ten kann – nur auf Kos­ten bezie­hen, die im Zusam­men­hang mit der Aus­zah­lung der Schein­ge­win­ne ste­hen. Die lan­ge Zeit zuvor geleis­te­te Ein­la­ge gehört nicht hier­zu.

Gegen die Mög­lich­keit einer Sal­die­rung spricht auch der insol­venz­recht­li­che Grund­satz der Gläu­bi­ger­gleich­be­hand­lung. Die Sal­die­rung wür­de dazu füh­ren, dass in betrü­ge­ri­schen Anla­gen­sys­te­men, die nach dem „Schnee­ball­sys­tem“ arbei­ten, die Gläu­bi­ger mit älte­ren For­de­run­gen, an die zur Auf­recht­erhal­tung des Sys­tems Aus­schüt­tun­gen geleis­tet wer­den, bes­ser gestellt wer­den als die­je­ni­gen, die ihre Ein­la­gen erst spä­ter erbrin­gen und die infol­ge des bald danach erfolg­ten Zusam­men­bruchs der Gesell­schaft leer aus­ge­hen. Ers­te­re dürf­ten die von ihnen erbrach­te Ein­la­ge­zah­lung auf die ihnen geleis­te­ten „Aus­schüt­tun­gen“ ver­rech­nen und damit die­se selbst dann behal­ten, wenn sie inner­halb der Anfech­tungs­frist erfolgt sind. Dies hät­te die Min­de­rung der Ver­mö­gens­mas­se der Schuld­ne­rin zur Fol­ge, die zur Befrie­di­gung aller Gläu­bi­ger­an­sprü­che zur Ver­fü­gung steht [9]. Mit der Sal­die­rung wür­de im Ergeb­nis auch der Aus­schluss der Auf­rech­nung „vor­kon­kurs­li­cher“ Scha­dens­er­satz­an­sprü­che gegen den insol­venz­recht­li­chen Rück­ge­währ­an­spruch unter­lau­fen wer­den [11]. Alt­gläu­bi­ger könn­ten ihre Ein­la­gen­zah­lung durch die Sal­die­rung im Ergeb­nis doch dem Rück­ge­währ­an­spruch ent­ge­gen­set­zen. Neugläu­bi­ger, die kei­ne Aus­schüt­tun­gen auf Schein­ge­win­ne erhal­ten haben, hät­ten die­se Mög­lich­keit nicht.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 22. April 2010 – IX ZR 163/​09

  1. Fort­füh­rung von BGHZ 179, 137[]
  2. BGHZ 113, 98, 101 ff; BGH, Urteil vom 29.11.1990 – IX ZR 55/​90, WM 1991, 331, 332 f.[]
  3. BGHZ 179, 137, 140; BGH, Urteil vom 13.03.2008 – IX ZR 117/​07, ZIP 2008, 975 f.; vom 25.06.2009 – IX ZR 157/​08[]
  4. BGH, Urteil vom 20.07.2006 – IX ZR 226/​03, ZIP 2006, 1639, 1641[]
  5. vgl. zu allem Palandt/​Sprau, BGB 69. Aufl. § 818 Rn. 46 ff.[]
  6. BGHZ 149, 326, 333 f.; 150, 138, 146 ff.; 161, 241, 253 f.[]
  7. BGHZ 162, 276, 281; BGH, Urteil vom 30.03.2006 – IX ZR 84/​05, ZIP 2006, 957, 958[]
  8. BGH, Urteil vom 05.06.2008 – IX ZR 163/​07, ZIP 2008, 1385, 1386 f.[]
  9. vgl. BGHZ 179, 137, 145[][]
  10. vgl. auch Münch­Komm-InsO/­Kirch­hof, 2. Aufl., § 144, Rn. 16[]
  11. BGHZ 179, 137, 140 ff.[]