Umbu­chung von Schein­ge­win­nen eines Schnell­ball­sys­tems

Die Umbu­chung von in „Schnee­ball­sys­te­men“ erziel­ten Schein­ge­win­nen auf ein ande­res Anla­ge­kon­to des­sel­ben Anle­gers begrün­det kei­nen anfech­tungs­recht­li­chen Rück­ge­währ­an­spruch.

Umbu­chung von Schein­ge­win­nen eines Schnell­ball­sys­tems

Der Insol­venz­ver­wal­ter kann die Aus­zah­lung von in „Schnee­ball­sys­te­men“ erziel­ten Schein­ge­win­nen durch den spä­te­ren Insol­venz­schuld­ner als objek­tiv unent­gelt­li­che Leis­tung nach § 134 Abs. 1 InsO anfech­ten [1]. Aus­zah­lun­gen, mit denen – etwa nach einer Kün­di­gung der Mit­glied­schaft in der Anle­ger­ge­mein­schaft – vom Anle­ger erbrach­te Ein­la­gen zurück­ge­währt wor­den sind, sind dage­gen als ent­gelt­li­che Leis­tun­gen nicht anfecht­bar [2].

Wird das Gut­ha­ben bei einem Finanz­dienst­leis­ter auf Wei­sung des Kon­to­in­ha­bers auf das Kon­to eines Drit­ten bei dem­sel­ben Finanz­in­sti­tut umge­bucht, so liegt hier­in zugleich die Rück­zah­lung des Gut­ha­bens an den ursprüng­li­chen For­de­rungs­in­ha­ber [3]. Aus die­sem Grund­satz kann jedoch für den hier vom Bun­des­ge­richts­hof ent­schie­de­nen Streit­fall nichts her­ge­lei­tet wer­den, weil hier kein Drei–Personen-Verhältnis gege­ben ist. Die For­de­rung aus dem Kon­to des Erb­las­sers wur­de der Beklag­ten nicht erst durch die Umbu­chung vom 21.03.2003 zuge­wandt, son­dern war mit dem Erb­fall bereits kraft Geset­zes auf die Beklag­te über­ge­gan­gen (§ 1922 Abs. 1 BGB). Die Umbu­chung erfolg­te daher in einem Zwei–Personen-Verhältnis zwi­schen der Schuld­ne­rin und der Beklag­ten, wobei die Beklag­te Inha­be­rin von zwei Kon­ten war.

Wird im Zwei-Per­so­nen-Ver­hält­nis ein Bank­kre­dit durch einen ande­ren Kre­dit unter Ver­wen­dung eines neu­en Kon­tos abge­löst, so liegt im Zwei­fel kei­ne Schuld­um­schaf­fung (§ 364 Abs. 1 BGB), son­dern eine blo­ße Ver­trags­än­de­rung vor [4]. Die­ser Grund­satz gilt für die Umbu­chung eines Gut­ha­bens bei einem Finanz­dienst­leis­ter ent­spre­chend. Die auf Wei­sung der Beklag­ten erfolg­te Umbu­chung ist daher dahin­ge­hend aus­zu­le­gen (§§ 133, 157 BGB), dass ledig­lich das Ver­trags­ver­hält­nis aus dem Kon­to des Erb­las­sers mit dem bis­he­ri­gen Kon­to der Beklag­ten zusam­men­ge­führt wor­den ist, ohne hier­durch neue Ansprü­che zu begrün­den. In die­sem Fall ist durch die Umbu­chung kein Ver­mö­gens­ge­gen­stand an die Beklag­te geleis­tet wor­den.

Der gel­tend gemach­te Zah­lungs­an­spruch ist aber auch dann nicht begrün­det, wenn ange­nom­men wird, durch die Umbu­chung sei die For­de­rung der Beklag­ten aus dem ererb­ten Kon­to getilgt und zugleich eine neue Ein­la­gen­for­de­rung begrün­det wor­den. Dabei kommt es nicht dar­auf an, ob die Begrün­dung einer neu­en For­de­rung gegen den spä­te­ren Insol­venz­schuld­ner, durch wel­che zugleich eine For­de­rung in sel­ber Höhe an Erfül­lungs statt getilgt wird (§ 364 Abs. 1 BGB), stets eine objek­ti­ve Gläu­bi­ger­be­nach­tei­li­gung bedeu­tet oder ein mas­sen­eu­tra­les Tausch­ge­schäft dar­stel­len kann.

Nach der Rege­lung des § 143 Abs. 1 Satz 1 InsO ist der Anfech­tungs­an­spruch auf Rück­ge­währ des­je­ni­gen gerich­tet, was durch die anfecht­ba­re Hand­lung aus dem Ver­mö­gen des Schuld­ners weg­ge­ge­ben wor­den ist. Dabei steht der anfecht­ba­re Erwerb einer For­de­rung gegen den Schuld­ner nicht dem Erwerb des Gegen­stands aus dem Schuld­ner­ver­mö­gen gleich, auf des­sen Leis­tung die For­de­rung gerich­tet ist. Wird eine For­de­rung gegen den Schuld­ner in anfecht­ba­rer Wei­se begrün­det, so hat die Anfecht­bar­keit viel­mehr zur Fol­ge, dass die For­de­rung ent­fällt und hier­aus kei­ne Rech­te gegen die Insol­venz­mas­se her­ge­lei­tet wer­den kön­nen [5]. Die Anfecht­bar­keit begrün­det jedoch kei­nen Zah­lungs­an­spruch des Ver­wal­ters.

Die Unter­schei­dung zwi­schen dem anfecht­ba­ren Erwerb einer For­de­rung und dem Erwerb des Leis­tungs­ge­gen­stands selbst kommt auch in der Rechts­fol­ge zum Aus­druck, die sich aus der Anfecht­bar­keit einer For­de­rungs­ab­tre­tung aus dem Schuld­ner­ver­mö­gen ergibt. Der Anfech­tungs­an­spruch ist in die­sem Fall auf Rück­ab­tre­tung der For­de­rung gerich­tet und wan­delt sich nur unter dem Gesichts­punkt der Wert­er­satz­pflicht (§ 143 Abs. 1 Satz 2 InsO, § 819 Abs. 1, § 818 Abs. 4, § 292 Abs. 1, § 989 BGB) in eine Geld­for­de­rung um, wenn der Zes­sio­nar die anfecht­bar erwor­be­ne For­de­rung ein­ge­zo­gen hat [6].

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 29. März 2012 – IX ZR 207/​10

  1. BGH, Urteil vom 11.12.2008 – IX ZR 195/​07, BGHZ 179, 137 Rn. 6; vom 22.04.2010 – IX ZR 163/​09, WM 2010, 1182 Rn. 6; vom 22.04.2010 – IX ZR 225/​09, WM 2010, 1507 Rn. 7; vom 09.12.2010 – IX ZR 60/​10, WM 2011, 364 Rn. 6; vom 10.02.2011 – IX ZR 18/​10, WM 2011, 659 Rn. 8[]
  2. BGH, Urteil vom 22.04.2010 – IX ZR 225/​09, aaO Rn. 11 ff; vom 09.12.2010, aaO; vom 10.02.2011, aaO[]
  3. BGH, Urteil vom 10.02.2011 – IX ZR 18/​10, WM 2011, 659 Rn. 13[]
  4. BGH, Urteil vom 30.09.1999 – IX ZR 287/​98, WM 1999, 2251 f; vom 06.04.2000 – IX ZR 2/​98, WM 2000, 1141, 1142; Nob­be in Schimansky/​Bunte/​Lwowski, Bank­rechts-Hand­buch, 4. Aufl., § 91 Rn. 218[]
  5. BGH, Urteil vom 19.04.2007 – IX ZR 59/​06, WM 2007, 1218 Rn. 30, 34; Jaeger/​Henckel, InsO, § 143 Rn. 37; Münch­Komm-InsO/­Kirch­hof, 2. Aufl., § 143 Rn. 54; Uhlenbruck/​Hirte, InsO, 13. Aufl., § 143 Rn. 7; HK-InsO/K­reft, 6. Aufl., § 143 Rn. 4[]
  6. BGH, Urteil vom 21.06.2006 – IX ZR 235/​04, ZIP 2006, 2176 Rn. 14 ff, 20; vom 12.07.2007 – IX ZR 235/​03, WM 2007, 2071 Rn. 23[]