Ablö­sung ver­bands­ta­rif­li­cher Rege­lun­gen – und der Haus­ta­rif­ver­trag

Die Ablö­sung tarif­li­cher Rege­lun­gen durch einen ande­ren Tarif­ver­trag setzt vor­aus, dass die auf­ein­an­der­fol­gen­den Tarif­ver­ein­ba­run­gen von den­sel­ben Tarif­ver­trags­par­tei­en geschlos­sen wer­den 1. Schließt ein an einen Ver­bands­ta­rif­ver­trag kraft Mit­glied­schaft gebun­de­ner Arbeit­ge­ber mit der Gewerk­schaft, die die­sen Tarif­ver­trag ver­ein­bart hat, einen Haus­ta­rif­ver­trag, fin­det auch hin­sicht­lich über­ein­stim­men­der Rege­lungs­be­rei­che kei­ne Ablö­sung statt, son­dern es kann ledig­lich eine Tarif­kon­kur­renz ein­tre­ten.

Ablö­sung ver­bands­ta­rif­li­cher Rege­lun­gen – und der Haus­ta­rif­ver­trag

Allein aus dem in der Unter­schrif­ten­zei­le ent­hal­te­nen Zusatz des Arbeit­ge­ber­ver­ban­des vor dem Namen des Arbeit­ge­bers kann nicht gefol­gert wer­den, die­ser Tarif­ver­trag sei als ver­bands­be­zo­ge­ner Haus­ta­rif­ver­trag vom Arbeit­ge­ber auch sowohl in Voll­macht als auch im Namen des Arbeit­ge­ber­ver­ban­des geschlos­sen wor­den.

Eine wirk­sa­me Ver­tre­tung nach § 164 Abs. 1 BGB, die für den Abschluss von Tarif­ver­trä­gen eben­so gilt, setzt vor­aus, dass der Ver­tre­ter – neben der Bevoll­mäch­ti­gung zur Abga­be der Wil­lens­er­klä­rung – erkenn­bar im Namen des Ver­tre­te­nen gehan­delt hat. Anhand der Ver­trags­ur­kun­de muss hin­rei­chend erkenn­bar sein, wer im Ein­zel­nen den Tarif­ver­trag für wen abge­schlos­sen hat 2. Allein der Umstand, dass die Tarif­ver­trags­par­tei­en ein­ver­nehm­lich davon aus­ge­hen, eine der Ver­trags­par­tei­en habe zugleich in Ver­tre­tung für eine ande­re Per­son gehan­delt, reicht nicht aus, wenn dies im Tarif­ver­trags­text kei­nen hin­rei­chend deut­li­chen Nie­der­schlag gefun­den hat und daher objek­tiv nicht erkenn­bar ist 3.

Aus­ge­hend von die­sen Maß­stä­ben fehlt es im hier vom Bun­des­ar­beits­ge­richt ent­schie­de­nen Fall an hin­rei­chen­den Anhalts­punk­ten in der Ver­trags­ur­kun­de, der Tarif­ver­trag soll­te zugleich für die Arbeit­ge­ber­ver­ei­ni­gung, ver­tre­ten durch die Arbeit­ge­be­rin, geschlos­sen wer­den. Die Arbeit­ge­ber­ver­ei­ni­gung ist bereits nicht als – wei­te­re – Ver­trags­par­tei auf­ge­führt. Auch ist anhand der Unter­schrif­ten­zei­le für den ein­zel­nen Tarif­ge­bun­de­nen nicht mit der hin­rei­chen­den Deut­lich­keit erkenn­bar, die Arbeit­ge­be­rin wol­le als Mit­glied der Arbeit­ge­ber­ver­ei­ni­gung nicht nur für sich, son­dern zugleich im Namen der Arbeit­ge­ber­ver­ei­ni­gung han­deln.

Die arbeits­ver­trag­li­che Bezug­nah­me des Tarif­ver­tra­ges ent­fällt selbst dann nicht, wenn man davon aus­ge­hen woll­te, der Haus­ta­rif­ver­trag könn­ten die ver­bands­ta­rif­li­chen Rege­lun­gen, an die die Arbeit­ge­be­rin gebun­den ist, infol­ge einer Tarif­kon­kur­renz nach dem Spe­zia­li­täts­prin­zip ver­drän­gen 4, und dies wir­ke sich zugleich auf die Anwend­bar­keit der arbeits­ver­trag­lich in Bezug genom­me­nen Tarif­be­stim­mun­gen aus. Denn es bestand man­gels Über­schnei­dung der tarif­li­chen Rege­lungs­be­rei­che bereits kei­ne Tarif­kon­kur­renz zwi­schen den von der Arbeit­ge­be­rin selbst ver­ein­bar­ten Tarif­be­stim­mun­gen und den im von der Arbeit­ge­ber­ver­ei­ni­gung geschlos­se­nen Tarif­ver­trag, die einer Auf­lö­sung bedurft hät­te.

Bun­des­ar­beits­ge­richt, Urteil vom 19. Novem­ber 2014 – 4 AZR 761/​12

  1. BAG 24.02.2010 – 4 AZR 708/​08, Rn.20[]
  2. st. Rspr., s. nur BAG 22.02.2012 – 4 AZR 24/​10, Rn. 28 f. mwN[]
  3. BAG 18.11.2009 – 4 AZR 491/​08, Rn. 16 mwN, BAGE 132, 268[]
  4. vgl. dazu etwa BAG 23.01.2008 – 4 AZR 312/​01, Rn. 31, BAGE 125, 314; 4.04.2001 – 4 AZR 237/​00, zu II 1 d der Grün­de, BAGE 97, 263[]